Angespülte Fußbälle

Von LEONIE FEUERBACH, Fotos MANDY BARKER

11.06.2018 · Mandy Barker fotografiert Müll. Und macht mit der Ästhetisierung des Abfalls auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam.

M andy Barker fotografiert Müll - und nichts anderes. Plastikmüll, der an den Stränden der Welt angespült wird und die Vermüllung der Meere verdeutlicht: Reste von Luftballons, von Kämmen, Kabeln, Ventilatoren oder Plastikflaschen. In ihren Werken ordnet die britische Fotografin sie so an, dass sie schön erscheinen: nach Farben sortierte Einzelteile, die vor schwarzem Hintergrund wie im Weltall umherzuschweben scheinen. Erst nach einer Weile wird dem Betrachter klar, was er da sieht. "Das ist dann wie ein Stich in den Rücken", sagt Mandy Barker.

Die Serie, die wir hier zeigen, heißt Penalty, also Strafstoß. Es sind Fußbälle, die an Stränden angespült wurden. Dem Aufruf in sozialen Netzwerken, ihr solche Fundstücke zuzusenden, folgten binnen vier Monaten fast 100 Menschen, die ihr 769 Fußbälle von 144 Stränden schickten. Manche Bälle sind zerkratzt, verbrannt, bekritzelt, manche wurden angeknabbert von Fischen und Schildkröten, manche bewohnt von Krabben, Ameisen, Krebsen und Würmern. Viele waren volkommen plattgedrückt und mussten für die Aufnahmen erst wieder in Form gebracht werden.

Diese Fußbälle geben Rätsel auf. Wie gelangten sie ins Meer? Gingen sie beim Spielen am Strand verloren, oder wurden sie dort entsorgt? Hat ein Fußball vom Africa Cup, der an einem brasilianischen Strand gefunden wurde, wirklich den Ozean überquert? Oder wurde er in Brasilien gekauft? Auch das Alter der Bälle lässt sich nur schätzen; der älteste ist vermutlich um die 60 Jahre alt.

Anderes weiß sie. Die Bälle lassen sich 43 Marken zuordnen, wobei Adidas besonders häufig vertreten ist. 96 verschiedene Namen sind aufgedruckt. Sie nehmen Bezug auf elf Weltmeisterschaften, drei Champions-League-Spiele, drei Olympische Spiele und zwölf Fußballklubs oder Nationalmannschaften.

All diese Informationen hat Mandy Barker detailliert zusammengetragen. Mit den Fotos will sie nicht das Fußballspielen am Strand oder internationale Sportwettbewerbe verteufeln. Vielmehr will sie – wie mit all ihren Werken – das Bewusstsein dafür schärfen, wie stark Ozeane und Meere verschmutzt sind.

In jedem Quadratkilometer der Weltmeere, die fast 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken, schwimmen Hunderttausende Teile Plastikmüll. Allein im Jahr 2010 gelangten laut einer Studie etwa acht Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane. Seevögel verenden, weil sie Handyteile fressen, Schildkröten verwechseln Plastiktüten mit Quallen, Fische winzige Plastikteilchen mit Plankton, und Plankton ernährt sich von Mikroplastik, also von Kunststoffteilchen mit einem Durchmesser unter fünf Millimetern.

Im Laufe der Zeit hat Mandy Barker herausgefunden, dass sie auf das Thema eher mit ansprechenden Bildern aufmerksam machen kann. Angefangen hatte sie mit dokumentarischen Fotos. Aber seit sie den Abfall ästhetisiert, wird ihre Arbeit stärker nachgefragt. Menschen teilen sie öfter in sozialen Medien – und geben auf Feedback-Bögen an, sie wollten ihren Plastikverbrauch künftig überdenken.

Die 53 Jahre alte Britin arbeitete lange als Grafikdesignerin, bevor sie mit Mitte 40 beschloss, ihren Traum zu verwirklichen und Fotografin zu werden. Die Idee entstand, als sie immer wieder den angespülten Müll im Naturreservat Spurn an der Nordküste Englands in der Nähe ihrer Geburtsstadt Hull betrachtete. Einmal waren Autoteile darunter, einmal ein Computer. War das in ihrer Kindheit nicht weniger gewesen?

Seither fotografiert sie viele Arten von Umweltverschmutzung. Im Juni erscheint eine neue Fotoserie, die Plastikverschlüsse von Cola-Flaschen zeigt. Wieder wurden sie aus aller Welt eingesandt. In einem Gewächshaus, im Keller und in einer Garage von Freunden stapeln sich angeschwemmte Objekte. Viele warten noch darauf, fotografiert zu werden.

Und es werden immer mehr. Wissenschaftler, mit denen sie in Kontakt steht, bringen ihr immer neue Arten von Müll. Sie selbst verfolgt die Forschung und lässt sie in ihre Arbeit einfließen. So las sie in einem Fachartikel aus dem Jahr 2012, dass im Abwasser von Waschmaschinen bis zu 1900 kleinste Kunststoffteilchen pro Waschgang gefunden wurden. Dieses Mikroplastik kann ebenfalls in den Weltmeeren enden. Über die Nahrungskette gelangt es bis zum Menschen. Wie will man das fotografieren? Mandy Barker wird auch das schaffen. „Und es gibt noch viele Themen, über die die Leute nicht genug wissen.“

„Trinnale der Fotografie“ in Hamburg

Die Fotos von Mandy Barker werden vom 8. Juni bis 17. Juni 2018 im Festivalzentrum auf der Triennale der Photographie in Hamburg gezeigt. Die „Trinnale der Fotografie“ dauert bis September 2018.
Quelle: F.A.Z.-Magazin