In farbigem Licht baden

von CAMILLA PEÚS, Fotos ANDREAS PEIN

26.12.2017 · In London leiteten Nicolas Sterling und Elke Sterling-Presser architektonische Großprojekte – in Berlin die Sanierung ihres Hauses. Nun leben sie in einem leuchtenden Wohn-Kunstwerk.

D ie Luft in Zehlendorf ist knackiger als in Berlin-Mitte. Statt zersplitterter Bierfaschen sieht man Eichhörnchen auf den Fußwegen. Fahnenmasten überragen Botschaftsvillen, hohe Tannen Einfamilienhäuser, Jägerzäune die ordentlichen Vorgärten. Wer hier mit dem Auto aus der Garageneinfahrt fährt, landet in wenigen Minuten am Schlachten- oder am Nikolaussee. Hinter einer Pforte aus den achtziger Jahren, von der die Farbe abplatzt, führt ein Weg aus quadratischen Waschbetonplatten mit Buntkies-Oberfläche zu einem unscheinbaren Doppelhaus mit spitzem Schieferdach. Stimmt die Hausnummer? Ist das die Adresse? Man wäre fast umgekehrt, hätte nicht die Tür an der Rückseite des Hauses weit offen gestanden.

Cut! Denn jetzt eröffnet sich wie im Theater nach blitzschnellem Bühnenumbau eine Szenerie, die mit der gestrig-gediegenen Umgebung nichts mehr gemein hat: der Eintritt aus dem tristen Herbsttag hinein in ein Flamingo-Rosa erleuchtetes Entree. Eine Lampe mit rotem Kranz übergießt die weißen Wände mit dem lieblichen Ton. Drei tellerrunde schwarze Garderobenhaken stechen aus dem rosa Schimmer hervor. Durch eine schießschartengroße Nische in der Wand schaut der Wasserhahn der Küchenspüle hervor. „Das ist unser Fenster, um schnell nachschauen zu können, wer zur Tür hereinkommt“, sagt Elke Sterling- Presser und steckt demonstrativ ihren Kopf von der Küche aus in den rosa Raum.

Gleich nebenan, vor dem Essplatz, überrascht dann der nächste Farbflash: eine Treppe in Neonorange lässt das rosafarbene Vorzimmer verblassen. Hinter dem Farbkonzept stecken die Eigentümer des Hauses, die Architektin aus Heidelberg und ihr Mann Nicolas Sterling, ebenfalls Architekt und Ingenieur, aus Fontainebleau bei Paris. „Die Treppe ist das Energiezentrum des Hauses, das starke Rückgrat, ein abstraktes Objekt, das sich von den weißen Hintergründen klar abhebt“, sagt Nicolas Sterling. Vor zwei Jahren zogen die beiden Vierzigjährigen mit ihrem fünfjährigen Sohn von London nach Berlin. Kennengelernt hatten sie sich bei der Arbeit für Zaha Hadid. Elke Sterling-Presser leitete bei der Architektin Großprojekte wie den Bau des Transport Museums in Glasgow, ihr Mann als führender Statiker, Ingenieur und Geometriespezialist bei den renommierten britischen Firmen AKT II und der Arup-Gruppe unter anderem die Konstruktion von Hadids „Grand Theatre“ in Rabat, der Hauptstadt Marokkos. www.spans-associates.com

Das Rückgrat des Hauses: Die Treppe soll wie ein abstraktes Objekt wirken.
Moderne Kunst: Die Garderobenhaken stechen aus dem rosafarbenen Schimmer hervor.

Irgendwann jedoch schauten sie auf ihre Europakarte im Londoner Wohnzimmer. Sollten sie im teuren London bleiben, der Sohn dort zur Schule gehen? Oder anderswo einen Neuanfang wagen? Das ebenso hektische Paris kam nicht in Frage, das beschauliche Heidelberg ebenso wenig. Schließlich fiel die Wahl auf Berlin, obwohl beide noch nie dort gelebt hatten. Nach mehreren Touren durch die Stadtviertel überzeugte sie in Zehlendorf die Nähe zu den Seen und zum Grunewald. Die Gegend erinnerte sie an ihren Londoner Wohnort in der Nähe ihres Lieblingsparks Hampstead Heath. Nach langer Suche erwarben sie dort eine Doppelhaushälfte von 1978 mit 370-Quadratmeter-Grundstück und Süd-Garten.

An Inszenierungen mit Licht und Farbe war damals allerdings noch nicht zu denken. Erstmal mussten sie das verwohnte Haus von seinen Altlasten befreien. Sie gaben sich optimistisch zwei Monate für die Renovierung. Spätestens kurz vor Weihnachten 2016 sollte alles fertig sein. Denn was war schon die Sanierung einer 220-Quadratmeter-Wohnfläche gegen die Umsetzung eines komplizierten Museums oder gar des Präsidentenpalastes in Algerien aus der Feder Zaha Hadids? Ein Kinderspiel! Dachten sie.

Gemeinsam mit einer kurzfristig organisierten Baufirma legten sie los. Sie schälten vergilbte Tapeten von den Wänden und braune Auslegeware von den Böden, entfernten Blumenmotiv-Kacheln aus den Bädern und grüne Fliesen aus der Küche. Tagelang kratzten sie dicke Lackschichten vom Treppengeländer und Plastik Stäbchenparkett vom Wohnzimmerboden. Um so viel Tageslicht wie möglich in die Räume fluten zu lassen, entfernten sie eine Kunststoff-Faltwand im Schlafzimmer und die Wand zwischen Küche und offenem Essplatz. Auch die Elektrizität und sämtliche Rohre sollten erneuert werden. „Während des Umbaus habe ich zugleich ein Team von 20 Ingenieuren in London geleitet und den Bau des Zaha-Hadid-Theaters in Rabat überwacht“, sagt Nicolas Sterling, „ein ganz schöner Spagat.“ Die Arbeiten verzögerten sich. Es wurde ungemütlich: Die Heizung blieb eiskalt, und durch ein falsch eingebautes neues Fenster im Schrägdach über dem Bad rauschten Regen und Wind – ausgerechnet am Silvesterabend. „Trotz vertraglicher Verpflichtungen quittierte der Chef der Baufirma vom einen auf den anderen Tag seinen Dienst, hielt uns die Schlüssel entgegen und ging“, erinnert sich die Architektin. „Das war ein dunkler Moment, in dem wir alles in Frage gestellt haben.“

E rst im April dieses Jahres, nachdem ein neuer Bauunternehmer gefunden war, konnte die Familie einziehen. Dann kam Farbe ins Spiel. Den Anstoß dazu gab eine blaue Neonröhre, die Nicolas Sterling beim Einrichten provisorisch unter das weiße Bett (Fashion for Home) im großen Schlafzimmer auf der ersten Etage legte. „Der Effekt war so schön, dass wir die Idee weitergesponnen haben“, sagt er. „Das Neonlicht habe ich Elke als Erinnerung an unsere Besuche in einem Underground-Club unter den Arkaden der London Bridge Station geschenkt. Die Bögen waren blau hinterleuchtet und erinnerten uns an Dan Flavins Werk ,Blue Intensity‘.

Einblicke in James Turrells Lichtkunst FAZ.NET

Hinzu kam die Begeisterung über James Turrells Inszenierung „The Light Inside“, bei der diffus ineinander übergehende Farben in einen weißen Kubus projiziert werden. „Also entschieden wir, das Haus von allem Überflüssigen zu befreien und in einem Meer aus farbigem Licht zu baden.“ Mittlerweile treffen im Schlafzimmer vier Lichtstimmungen aufeinander: zu dem beruhigenden Blauviolett unter dem Bett mischt sich ein grasgrüner Schimmer, der unter Le Corbusiers LC2-Sofa hervorflutet. Vom Flur aus wabert ein Orangeton von der beleuchteten Neon-Treppe aus und durch eine Öffnung zum Kinderzimmer unterm Dachgiebel warmes Gelb. Früher war diese Aussparung mit Stahlpfosten und schmutzigen Plexiglasscheiben verbaut. Die Architekten jedoch suchten nach einer Minimal-Lösung, um die Räume optisch zu verbinden, statt sie zu trennen. Also fütterten sie ihre Rechnermit den architektonischen Koordinaten und konstruierten in 3D ein Netz aus Kordeln und Nylon, das an Laserstrahlen-Hindernisse aus James-Bond-Filmen erinnert. „Das Netz ist so gut wie unsichtbar und hält auch, wenn sich tobende Jungs dagegen werfen“, sagt der Hausherr.

Badezimmer mit Aussicht: Der Farbton wechselt per Fernsteuerung – der Blick aus der Wanne in Himmel und Fichte bleibt.

Einen magischen Touch verliehen sie auch dem schiefergrau gefliesten Master-Bad. Per Fernsteuerung wechseln im Sockel hinter der freistehenden Badewanne und in der Ablagefläche der Regendusche eingelassene Mini-LED-Lichtleisten die Farben. „Jetzt können wir in türkisgrünem oder rosarotem Licht baden und dabei durch das vergrößerte Dachfenster in den Himmel und den Wipfel der Fichte schauen, hinter der die Sonne untergeht.“

„Ausschwärmendes Licht“ nennen die Bewohner ihre Inszenierung, die in der Dämmerung, wenn noch etwas Tageslicht mitmischt, am besten zur Geltung kommt. Die Treppe, die sich genau in der Hälfte des Hauses emporschraubt, führt dabei als verbindendes Element das Farbspektrum an. „Ihr leuchtendes Orange symbolisiert Freude, Kreativität und Geselligkeit und soll den Energiefluss erhöhen“, so Nicolas Sterling, der sich auch auf den Einfluss komplexer Geometrien und Farben auf den menschlichen Organismus spezialisiert hat. Dennoch nennt er sie heimlich „never again“, weil die Maler ganze vier Tage brauchten, um den grellen Autolack gleichmäßig aufzutragen.

Die Treppe erstreckt sich bis hinunter ins geräumige Souterrain. Hier liegt, versteckt vom Alltag, der Think Tank des Paares, der Nukleus ihres kürzlich gegründeten Büros „SPANS associates“. Auf Schreibtischen liegen Skizzen für das Wohnen von Morgen, Studien für komplexe Städtebau-Strukturen und filigrane Vasen, ausgespuckt vom 3D-Drucker. Mittendrin Zeichnungen für eine futuristische Fußgängerbrücke namens „Brommy New Footbridge“, die bei der East Side Gallery die Spree überspannen soll. „Es ist Zeit für künstlerische und technische Architektur aus einer Hand“, sagt Nicolas Sterling, der bereits mit Senkrechtstarter BIG Bjarke Ingels Group zusammenarbeitete und 2011 Anish Kapoors Skulptur „Tall Tree and the Eye“ vor der Royal Academy in London möglich machte.

Leuchten ein: Die Szenerie in diesem Haus hat mit der gediegenen Gegend nicht viel gemein.

Elke Sterling-Presser meint, dass es auf vielen deutschen Universitäten „zu wenig kreativ und zu technisch“ zugeht: „In den neun Jahren bei Zaha konnte ich in allen Bereichen arbeiten, war nicht festgelegt auf eine Nische.“ Sie war federführend am Bau der Serpentine Sackler Gallery im Hyde Park beteiligt, realisierte Luxus-Residenzen in San Diego und Brüssel sowie die Shop-Architektur aller Neil-Barrett-Boutiquen. „In Berlin, wo es außer von David Chipperfield keine Büros von Star-Architekten gibt, ist es die richtige Zeit und der richtige Ort, unsere ganze Energie in unsere Neugründung zu stecken.“

Die erste Bau-Erfahrung mit ihrem eigenen Haus sei jedenfalls „unbezahlbar“: „Die Diskussionen und Sprachkomödien mit den polnischen Handwerkern unter Einsatz exzessiver Körpersprache, die zahllosen Besuche im Baumarkt und nicht zuletzt die Frustration – das war es wert“, sagt Nicolas Sterling und lacht. „Mit unserem kleinen Projekt in Zehlendorf hatten wir genauso viel Stress wie mit dem Mega-Bau des Theaters in Marokko.“

Quelle: F.A.Z.-Magazin