Nach Teheran? Mit dem Rad!


Verliebt, verreist, verlobt – und noch mehr Abenteuer auf 7800 Kilometern. Eine Reise in zwei Tagebüchern von Christoph Borgans und Katharina Müller-Güldemeister
22.06.2017

1. Mai, Frankfurt: Für jeden gibt es 30 Kilo Gepäck und 17 Kilo Stahlrad

Katharina
Morgens putze ich die Fenster, nachmittags stellen unsere Zwischenmieter ihre Rollkoffer in den Flur, und ich räume unsere Sachen in die Packtaschen: Regenjacke, Müsli, Antibiotika, Spirituskocher, Karten von Frankfurt nach Teheran. 30 Kilo für jeden, plus 17 Kilo Stahlrad. Die Räder haben wir vor zwei Wochen gekauft, beladen haben wir sie noch nie. Auf den ersten Metern fahre ich so ungelenk, dass ich fast ein parkendes Auto streife. Aber es fährt sich auch eher wie ein Motorrad, ohne Motor.
Christoph
Am Abend brechen wir auf. Katharina fährt komische Schlenker. War sie nicht mal Fahrradkurierin? Bald verlieren wir unsere winkenden Zwischenmieter aus den Augen. Als wir keine zehn Kilometer Luftlinie entfernt in einem Park unser Zelt aufbauen, räumen sie vielleicht gerade unseren Kühlschrank ein und beziehen unser Bett. Für uns gibt es Spaghetti al Pesto unterm Sternhimmel, die nahe A5 rauscht romantisch, dazu Gin Tonic aus Restbeständen, ohne Eis. Unser Zuhause ist nun die Landstraße.

Pack-Werk: Beim Start in Frankfurt überraschen die schwer beladenen Räder mit eigenwilligem Fahrverhalten.

3. Mai, Hessen: Zum Baden hat man einen Fluss


Christoph
Wir zelten am Mainufer. Am Morgen setzt sich Katharina im Schlafsack auf und fährt sich durch die Haare: „Ähm, wie machen wir das eigentlich mit Duschen?“ Die Frage bleibt unbeantwortet im Zelt stehen. Wofür haben wir denn einen Fluss? Ich mache Kaffee, um sie abzulenken.
Katharina
Drei Tage schon unterwegs? Höchste Zeit zum Haarewaschen! Aber wo? Während sich Christoph mit Flusswasser rasiert, bleibe ich noch liegen. Christoph lockt mich mit frisch gebrühtem Kaffee. So lecker, wie es klingt, ist es aber nicht. Das liegt nicht nur am Kaffeesatz. Ich vermisse Espressokocher und Milchschäumer. Immerhin kommt mir das Wetter bei der Frisur zu Hilfe: Nasse Haare sehen besser aus als fettige.

7. Mai, Schwaben: Wie lange wollt ihr denn unterwegs sein?

Katharina
Am Berg überholt mich ein älterer Herr. Das kann doch nicht wahr sein! Ah, Elektromotor. Wohin wir fahren? „Nach Iran.“ - „Ich bewundere Sie“, sagt er. Oft hatten wir mit unserem Plan Verwunderung hervorgerufen. Christoph weniger als ich. Er ist in einer Ente nach Südafrika gefahren und hat Islamwissenschaft studiert. Ich aber hatte bisher wenig mit Muslimen zu tun. Werde ich mich als Frau in Iran wohlfühlen? Durch die Idee, mit dem Rad hinzufahren, wurde es mehr auch zu meiner Reise. Schon zum Kindergarten bin ich mit dem Rad gefahren, mit 13 Jahren schaffte ich 400 Kilometer in drei Tagen. Später Fahrradkurierin, Jedermannrennen. Das Rad ist mein Verkehrsmittel. Für den Weg nach Iran scheint es uns beiden ideal. Weil wir sehen wollen, wie diese fremde Welt Stück für Stück aus unserer entsteht.
Christoph
Der Wandel beginnt schneller als gedacht: Aus Wiesen und Wäldern werden Raps- und Kornfelder, statt Frankfurter Grüner Soße gibt es in Schwaben salzige Gebäckstangen namens „Seelen“ zu kaufen. Am Nachmittag fahren wir einen langgezogenen Hügel hinauf, oben ruhen Altherren-Radler in zu engen Trikots, starren auf unser Gepäck und feixen: „Wie lange wollt ihr denn unterwegs sein? Vier Wochen?“ Katharina reagiert schnell: „Vier Monate.“ Wir freuen uns über die nachhallende Stille.

Sattel-Fest: Für Katharina, ehemals Fahrradkurierin, ist das Rad das perfekte Verkehrsmittel – auch auf lange Sicht.
Auf der Strecke: Zwischen Bad Urach an der Schwäbischen Alb und Ulm sind die ersten 500 Kilometer geschafft.

18. Mai, bei Augsburg: Die Tür der Wanderhütte steht einfach offen

Katharina
Wir übernachten in einer Wanderhütte am Waldrand. Die Tür war offen, drinnen warteten Bollerofen und Holzscheite, was für ein Geschenk! Nachts wache ich auf - schlucken tut weh. Eine Mandelentzündung? Aber doch nicht jetzt! München liegt in Reichweite, dahinter Wien. Morgens unterdrücke ich die böse Ahnung mit Halstabletten. Die ersten Kilometer bergab gehen gut. Bei der leichtesten Steigung aber fahre ich so langsam, dass ich das Rad kaum in Balance halten kann. Es hat keinen Sinn.
Christoph
Zwei Uhr nachts, Katharina weckt mich: Halsschmerzen. Kann nichts daran ändern. In München könnten wir uns in der Wohnung eines Freundes ausruhen, der verreist ist. Doch nach acht Kilometern müssen wir in eine Pension. Das Fieberthermometer zeigt: Nichts geht mehr.

23. Mai, München: zum viralen Infekt kommt ein bakterieller

Katharina
Der Hals fühlt sich an wie mit Stahlwolle geschrubbt. Dass ich nach München den Bus genommen und mich dort ausgeruht habe, hat nicht gereicht. Zum viralen Infekt jetzt ein bakterieller. Der Arzt verschreibt acht Tage Pause. Wenn es nicht bald losgeht, schaffen wir es nicht mehr vor der Sommerhitze durch die Türkei. Christoph wird ungeduldig.
Christoph
Ein paar Tage Pause - denkste! Wir ziehen zu meinem Onkel bei München, ins Kinderzimmer meiner Kusine. Denn unsere Wohnung ist ja untervermietet. Wir hatten Entschleunigung gesucht. Aber so viel Entschleunigung?

11. Juni, Niederbayern: Was antwortet man eigentlich auf – „Grias eich“?

Katharina
Seit gestern wieder auf dem Rad. Der Raps, an dessen Duft wir uns im Mai so erfreut hatten, ist verblüht. Nun freuen wir uns über Kornblumen und Mohn. Statt „Hallo“ ruft man uns „Griaß eich“ zu. Was antwortet man darauf? Als uns ein einzelner Radfahrer entgegenkommt, bleibt keine Zeit zu überlegen. Ich rufe: „Griaß eich!“
Christoph
In Niederbayern sehen wir die Spuren des Starkregens: unterspülte Straßen, weggerissene Brücken, verschlammte Häuser. Bei manchen stand das Wasser innerhalb einer halben Stunde im zweiten Stock. Wie oft haben wir unser Zelt direkt am Ufer aufgeschlagen! Ohne Katharinas Krankheit wären wir genau zum Regen hier durchgekommen.

17. Juni, Österreich: und in der Dämmerung tanzen die Glühwürmchen

Christoph
Plötzlich sind die Ortsschilder weiß – wir haben die Grenze zu Österreich passiert. Graureiher ziehen über den Himmel, ein Biber gleitet ins Wasser, in der Dämmerung tanzen Glühwürmchen. Was meine Kollegen von früher wohl jetzt machen?
Katharina
Vom Regen am Morgen ist der Donauradweg wie leergewaschen. Unverhoffte Einsamkeit auf dem beliebtesten Fernradweg Europas. Christoph zündet sich beim Fahren eine Pfeife an. Wenn Zufriedenheit ein Geruch wäre, würde sie wie Pfeifenrauch riechen.

23. Juni, Wien: so wie hier muss der Orient riechen

Katharina
Zum ersten Mal verstehe ich, was alle an Wien finden. Bei früheren Besuchen wirkte die Stadt auf mich übermächtig, vor der Prunkkulisse schrumpfte ich zusammen. Nun sehe ich vor allem schöne Menschen in schönen Kleidern durch die Parks flanieren und in Cafés plaudern. Wien, das nächste Mal ziehe ich mein schönstes Kleid für dich an!
Christoph
Spätestens wenn man über den Naschmarkt streift und all die Gewürze riecht, begreift man, dass es Richtung Orient hier entlang geht: So riechen Sarajevo und Istanbul!

Nicht durchdrehen: Reparaturen sind Radreise-Routine. Dieses Mal ist das Licht fällig.

25. Juni, Slowakei: Wenn man wütend in die Pedale tritt, verfliegt der Ärger

Christoph
Wir haben in Wien bei einer guten Freundin gewohnt, und ich will ihre Wohnung unbedingt ordentlich hinterlassen. Das dauert. Als wir um 16.30 Uhr starten, fährt Katharina wie verrückt. Über die Internet-Plattform „Warmshowers“ - Couchsurfing für Radreisende - hat sie uns eine kostenlose Übernachtung in Bratislava organisiert und will nicht zu spät ankommen. 75 Kilometer bis 21 Uhr bei Hitze und Gegenwind. Nur einmal halten wir kurz, um im Stehen einen Biskuit zu essen.
Katharina
Anderthalb Stunden zu spät los. Christoph war eingefallen, dass er noch abwaschen, saugen und einkaufen wollte. Finde ich ja alles gut, aber wir sind in Bratislava mit Roberto verabredet. „Bitte nicht später als 21 Uhr kommen, damit wir noch etwas Zeit haben“, hatte er geschrieben. Wütend trete ich in die Pedale. Aber als wir ankommen, hat sich mein Ärger weggefahren. Im Pub will ich Bier kaufen. Ich frage an der Theke, ob sie auch Euro nehmen. „Wir haben hier auch Euro.“ Peinlich.

27. Juni, Ungarn: Jetzt müssen wir alle Preise durch 315 teilen

Christoph
In Ungarn ist es mit dem Euro vorbei, jetzt müssen wir alle Preise durch 315 teilen. Und die Worte sind auch mit ein paar Grundkenntnissen in europäischen Sprachen nicht mehr zu dechiffrieren. Wir fahren nach „Stadt mit N, langes Wort“ oder „Beginnt mit R und in der Mitte ein a“. Gyór können wir gerade noch so aussprechen (wenn auch falsch, wir sagen „Gie-öhr“, es heißt aber „Güöe“). Was ein hübsches Städtchen, dieses Gie-öhr!
Katharina
Ungarn ist das vierte Land und schon das zweite neue für mich. Ich bin in Hamburg aufgewachsen, und noch lange nach der Wende kamen die Ostblock-Staaten auf der touristischen Landkarte meiner Eltern und Freunde nicht vor. Wir sehen Feldarbeiterinnen, deren Rücken krumm geworden sind. Wir sehen üppige Gemüsegärten vor sanierungshungrigen Häusern. Und ich ertappe mich dabei, das romantisch zu finden.

Blick für die Natur: In einem ungarischen Dorf halten zwei Störche in ihrem Nest Ausschau.
Aqua-Biking: In Ungarn fehlt es zuweilen an Radwegen - und bei den Alternativen ist hohe Steuerkunst gefragt.

13. Juli, Kroatien: Hier gibt es noch Grenzen, die wie Grenzen aussehen

Christoph
Gestern zur ersten Grenze, die wie eine Grenze aussieht, mit Rasierklingendraht. Von Kroatien können wir nicht genug bekommen – die Störche, die Bauernhöfe aus Backstein, mit Rosen und freilaufenden Hühnern. Fast schade, dass wir es heute schon wieder verlassen. Denn weil wir es vor der Hitze nicht mehr durch die Türkei schaffen, haben wir beschlossen, den Sommer in Bosnien zu verbringen. Doch dann streiten wir. Katharina fährt schweigend vor mir her. Sie steuert einen Geldautomaten an. Weiß sie, dass der Kurs hier etwa 1 zu 7 ist, statt 1 zu 300 wie in Ungarn?
Katharina
In Kroatien geht es noch schöner weiter, als es in Ungarn aufgehört hat. Es kommt mir vor, als wären wir in ein Bilderbuch geraten. Dann aber streiten wir uns. Der Grund ist lächerlich, aber mich ärgert Christophs Kompromisslosigkeit. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob wir Teheran gemeinsam erreichen werden. Als ein Geldautomat auftaucht, hebe ich aus Versehen eine Null zu viel ab: 1500 Kuna – also 200 Euro statt 20. Heute schon das Land zu verlassen wäre Unfug. Wir werden also noch etwas weiter nach Osten fahren. Zumindest können wir beide darüber lachen.

14. Juli, Kroatische Provinz: Wollt ihr nun doch etwas essen?

Katharina
Nachmittags zieht ein Gewitter auf und setzt uns in der Bushaltestelle eines Dorfs gefangen. Ich frage in einem Lädchen nach einer Pension. Gibt es nicht. Ob auch ein Zimmer okay wäre? Klar. Ein Mann namens Ivo führt uns zu seinem Haus. Er spricht weder Englisch noch Deutsch. Ein Nachbar übersetzt: „Ihr könnt hier bleiben. Habt ihr noch Fragen?“ – „Was kostet es?“ – „Nichts.“ Wir sind verwirrt. Wir dachten, Ivo würde Zimmer vermieten, als Zubrot zur Landwirtschaft. Erst mit der Zeit begreifen wir: Er hat uns eingeladen. Bloß weil wir von so weit weg kommen.

Christoph
Nach und nach erfahren wir mehr voneinander. Mit Pantomime, mit Zettel und Stift, mit kroatischen Brocken und deutschen wie „Arbeit“ oder „Urlaub“. Wenn die Kommunikation stockt, streicheln Ivo und wir abwechselnd den verschmusten Hofhund. Missverständnisse gehören dazu. Wir verstehen „Wollt ihr nun doch etwas essen?“ und versuchen zu sagen „Nein, macht euch keine Mühe“. Aber die Frage war, ob wir zum Essen gehen, das schon fertig auf dem Tisch steht. Als wir es kapieren, ist die Paprikasuppe mit Fleischklößen schon etwas kalt. Viele selbstgebrannte Schnäpse später gehen wir zu Bett. Unser Zimmer ist nicht etwa ein Gästezimmer. Es ist das Schlafzimmer von Ivo und seiner Frau Marija, das sie für uns geräumt haben. Was für ein Abend! Meine größte Sorge vor der Reise war, dass wir für die Einheimischen nur radelnde Geldbeutel sind. Morgen schlafen wir vermutlich in einer Pension. Wie langweilig.

8. August, Osijek und Kopacki: Aus drei Tagen werden drei Wochen

Katharina
Je näher wir Osijek im östlichsten Zipfel Kroatiens kamen, desto mehr wollte Christoph diese Stadt wiedersehen. Vor elf Jahren war er schon mal dort, trotz der Kriegsschäden soll es dort schön sein. Aus drei Tagen Osijek wurden drei Wochen. Zum einen, weil wir immer mehr Leute kennenlernten, die wir gerne noch ein zweites oder fünftes Mal treffen wollten. Zum anderen, weil wir das Sumpfgebiet Kopacki Rit per Kanu erkunden wollten. Dort, wo die Drau in die Donau mündet, hocken Kormoran-Kolonien in den Silberweiden, über die Wiesen fliegen die seltenen Schwarzstörche in Scharen, und über ihnen kreisen Seeadler. Das einzig verfügbare Kanu gehört einem Campingplatz, also verbringen wir dort eine Nacht.
Christoph
Wir treffen einige Fern-Radfahrer. Richard etwa, aus Stuttgart, um die 60 Jahre alt und Transporter-Fahrer, der mal wieder in seinem Leben die Zelte abbricht, um aufzubrechen. Er will nach Nepal. Oder einen Briten, der für eine „Charity-Sache“ nach Istanbul rast. Oder einen jungen Österreicher, der zwei Wochen lang nach Belgrad fährt. Alle finden es toll, dass wir mit dem Kanu in den Sumpf wollen. Aber Zeit, uns zu begleiten, hat niemand. Der Österreicher überlegt am längsten, aber dann sagt er: „Nein, das bringt meinen Plan durcheinander.“

Paddel statt Pedale: Der geänderte Reiseplan verschafft Luft und Zeit – auch für einen Ausflug in ein anderes Element.
Gleit-Zeit: Christoph steuert das geliehene Kanu auf einem Altarm der Drau beim Sumpfgebiet Kopacki Rit in Nordostkroatien.

19. August, Bosnien: Nach diesen Tunnelfahrten braucht man Pausen

Christoph
Bosnische Dreifelderwirtschaft: links ein Getreidefeld, rechts steht der Mais in voller Pracht, dazwischen ein halber Meter Hecke, und darin sagt ein angerostetes Schild mit weißem Totenkopf: Hier ist ein Minenfeld. Immer wieder sehen wir diese Schilder. Kilometerlang säumen sie die Straße, nur eine Armlänge entfernt. Alles hier ist verfallen, verwuchert, verrucht.
Katharina
Wenn man nicht jeden Gipfel mitnehmen will, ist Fahrradfahren in Bosnien ein Nervenspiel. Dann geht's auf der schmalen Landstraße durchs Tal mit Autos, Bussen, Lastwagen. Anfangs fand ich den Rückspiegel peinlich, jetzt liebe ich ihn. Ohne den Lenker zu verreißen, kann ich sehen, ob das nächste Auto mir gefährlich wird. Auch die Warnweste habe ich aus der Tasche gekramt. Die kilometerlangen Tunnel sind der Horror. Danach braucht man ein paar Minuten Pause, damit der Puls runtergeht.

1. September, Sarajevo: Diese Stadt wird zu einem Zuhause

Katharina
Hatten wir in den ersten Tagen in Sarajevo überall nach den Spuren der Belagerung von 1992 bis 1995 gesucht, haben sich die Kriegsschäden mittlerweile weggeguckt. Plötzlich wird es fast schwer, an Krieg zu denken. Ein Städtchen, in einem Kessel grüner Berge zum Wandern, mit Linden- und Kastanienalleen zum Spazieren. Eine Stadt, in der die Architektur der Osmanen an die aus österreich-ungarischer Zeit grenzt. Nicht einmal den sozialistischen Bauten aus der Zeit der Olympischen Winterspiele 1984 verübelt man ihren Beitrag zum Stadtpanorama.
Christoph
Sarajevo wird zu einem Zuhause. An einer Sprachschule nehme ich Privatunterricht in Bosnisch. Im türkischen Buch-Café bekomme ich meinen Kaffee schon, ohne ihn zu bestellen. Aber plötzlich ist der Krieg wieder da. Als in unserer Wohnung morgens kein Wasser kommt, sagt unser Vermieter: „Das hatten wir seit dem Krieg nicht mehr.“ Und er beginnt zu erzählen. Wie sie Abwasserrohre schulterten, damit die Serben denken, sie hätten Panzerfäuste. Wie sein Haus besetzt wurde und wie es die Belagerer beim Rückzug nach dem Frieden von Dayton niederbrannten. Angezündet haben soll es ein serbischer Nachbar von einst. Das Haus, in dem wir wohnen, hat unser Vermieter neu gebaut. Der Nachbar ist später wiedergekommen und jetzt ein hohes Tier bei der Polizei. „Aber wir wollen nicht über den Krieg reden“, sagt unser Vermieter. „Genießt eure Zeit.“

4. September, Kravice-Wasserfälle: Christoph hat schlechte Laune

Christoph
Katharina hat einen Italiener kennengelernt, der uns in seinem Auto zu den Kravice-Wasserfällen mitnimmt. Sie sind unglaublich! Das Wasser stürzt 25 Meter in die Tiefe. Der See schimmert türkis bis dunkelblau. Wir springen hinein und duschen unter den Wasserfällen. Auch Katharina ist verliebt in den Ort. Eine gute Stelle, um ihr einen Heiratsantrag zu machen! Ursprünglich dachte ich: Wenn wir in Istanbul noch zusammen sind, frage ich sie. Aber eigentlich bin ich mir jetzt schon sicher. Wenn wir hier bleiben, haben wir morgen früh vielleicht den See für uns. Katharina findet die Idee gut. Dann sagt sie zum Italiener: „Wir bleiben noch eine Nacht. Du auch?“ Und der Italiener ist begeistert. Den ganzen Tag dackelt er uns hinterher. Soviel zum Heiratsantrag.
Katharina
Ich stehe an einem der schönsten Orte, die ich in meinem Leben gesehen habe. Christoph fragt mich, ob wir noch eine Nacht bleiben wollen. Als ich die Frage an unseren Reisekameraden weitergebe, sehe ich aus den Augenwinkeln Christophs Gesichtszüge entgleiten. Zu spät. Jetzt hat Christoph schlechte Laune, und ich bereue meine vorschnelle Art. Natürlich wäre das hier ein perfekter Ort zu zweit gewesen.

Fall für zwei: Die Kravice-Wasserfälle wären ein perfekter Ort für den Heiratsantrag. Doch aus dem Plan wird nichts.

25. September, Sarajevo: Längst ist es Zeit aufzubrechen

Christoph
Immer wieder haben wir den Aufbruch verschoben, obwohl wir ahnen, dass es längst an der Zeit ist. In meinem türkischen Stammcafé sagt einer: „Durch die Osttürkei im Winter? Da sind minus 30 Grad und meterweise Schnee!“ Zu Hause rechnen wir aus: Wenn wir vor dem Winter durchkommen wollen, müssen wir gestern los.
Katharina
Heute rollen wir Richtung Montenegro. Wir übernachten in einem Motel, in dem wir die einzigen Gäste sind. „Die Saison ist vorbei“, sagt der Wirt.

4. Oktober, Albanien: Beim Bier am Morgen plaudern wir mit Händen und Füßen.

Christoph
An einem heißen Vormittag in Albanien sehen wir Tische unter einer Pergola: eine Kneipe. Wir bestellen Bier. Die Männer am Nachbartisch prosten uns zu. Als einer aufbricht, zahlt er für uns. Zwei andere wollen auch unsere Biere bezahlen. Weil das nicht mehr geht, bestellen sie neue. Dann kommt ein alter Mann herüber, verwittertes Gesicht, aber Augen wie Odysseus' Hund. Wir plaudern in selbsterfundener Gebärdensprache. Unser Ziel erschreckt ihn, schon Tirana ist ihm nicht geheuer. Das haben wir oft erlebt: Der Höllenschlund tut sich immer im nächsten Dorf auf. Noch einer will ein Bier ausgeben. Ablehnen wird nicht akzeptiert. Dann lieber einen Schnaps aus der PET-Flasche, dazu Chips, Käse und gebratene Wurst. Danach möchte der alte Mann unsere Freundschaft mit einem weiteren Schnaps besiegeln. Wir können ihn auf Kaffee runterhandeln. Er schreibt uns seine Nummer auf - falls wir mal Probleme haben. Schließlich brechen wir auf: trunken nicht vom Alkohol, sondern von Seligkeit.
Katharina
Oh wie schön ist Großzügigkeit! Eine nette Geste, zum Lohn eines Lächelns. Ich vermisse das in Deutschland. Ich vermisse das an mir. Ich sage mir: Du hast noch nicht genug Geld, um großzügig zu sein. Das ist nicht gelogen, auch zu mir selbst bin ich es oft nicht. Trotzdem weiß ich, dass es daran allein nicht liegt. Es ist eine Enge im Herzen. Und die haben die Albaner nicht. Kann man das trainieren?

8. Oktober, Tirana: Sogar die Straßenhunde sind geimpft.

Christoph
Am Morgen schaue ich durch den Schleier des Nieselregens auf die grüne Bergkuppe an der Grenze. Bizarr, wie sich dort die vielen abgerundeten Bunker in den Hang drücken. Errichtet von der Paranoia Enver Hodschas. Albanien, das uns so freundlich aufgenommen hat, war vor nicht mal 30 Jahren noch ein kommunistisches Land, das in völliger Isolation das Leben in der Steinzeit als höchste Stufe der Existenz propagierte. Tirana hat sich prächtig entwickelt. Die Straßen sind gefegt, die Straßenhunde geimpft, kastriert und mit Knopf im Ohr. Es gibt 30 Hostels. Vor ein paar Jahren waren es bloß zwei.
Katharina
Am Vormittag haben sich die Wolken verzogen. Wir kommen nach Mazedonien, in ein Tal voller Apfelplantagen. In den Kronen klettern Erntehelfer. Und wer keine Äpfel erntet, trocknet Paprika oder stapelt Holz. Der Herbst ist überdeutlich.

9. Oktober, Griechenland: Die Hunde verstehen nur die Eisenstange.

Christoph
Frühstück am einsamen Seeufer bei Sonnenaufgang. Dann: Griechenland. Ein neues Alphabet! Wenn man sich an die Formeln aus dem Physikunterricht erinnert, hat man fast alle Zeichen zusammen. Und auch viele Worte sind bekannt. Die Abfahrt von der Autobahn? Éxodos! Am Anfang aber sieht es eher nach Exitus aus. Viel Brache. Plötzlich fünf Straßenköter, die mich aggressiv anbellen. Keine Steine in Reichweite. Ich rufe. Endlich kommt Katharina, mit einer Eisenstange. Die Hunde verstehen.
Katharina
Griechenland ist in der EU. Das heißt: Ich habe wieder Internet auf dem Handy! Und da kommt auch schon eine interessante Mail, für die ich kurz halte: Unsere Untermieter wollen länger in der Wohnung bleiben. „Katharina!“, ruft Christoph ungehalten. Ja, ja, denke ich. Gleich wird ihn die Nachricht auch freuen. „Katharina, komm verdammt nochmal!“ Als ich ihn sehe, verstehe ich. Er ist umringt von wilden Hunden. Ich sammle Steine auf und finde sogar eine Eisenstange, mit der ich ritterlich auf die Hunde zufahre.

13. Oktober, Thessaloniki: Unverhofft wird man belohnt.

Katharina
Thessaloniki ist eine unverhoffte Belohnung für den Regen der vorherigen Tage. Mondän mit Boulevards und Hafenpromenade, Bars, Tavernen, Boutiquen. Doch bevor ich es genießen kann, falle ich ins Delirium - Durchfall und Fieber. Und vor uns 3400 Kilometer, große Berge, drohender Winter. Ich wünschte, die Reise würde in Istanbul enden.
Christoph
Katharina braucht Ruhe, ich mache mich auf in die Stadt. Hatte fast vergessen, wie schön es ist, auch mal alleine zu stromern. Straßen, Gerüchen, Geräuschen nachspüren, sich von der Stadt verschlingen lassen und an einer anderen Ecke wieder ausgespuckt zu werden. Zu zweit stolpert man allenthalben über Kompromisse.

Solo-Trip: Thessaloniki muss Christoph im Alleingang erkunden – Katharina leidet an Durchfall und Fieber.

17. Oktober, Istanbul: Türkische Grenze: Stück für Stück lügen wir uns voran.

Katharina
Seit gestern sind wir zu dritt. Tobi aus Köln will auch mit dem Rad nach Iran. Wir verstehen uns gut. Wir hatten beschlossen, ein gemeinsames Lager aufzuschlagen, und fahren auch heute zusammen. Die ersten 30 Kilometer geht es über Schotterpfade an der Küste entlang. Wunderschön! In der zweiten Tageshälfte wird Radfahren zur Tortur. Dieser Wind! Meine Oberschenkel brennen, ich hechle wie ein Hund.
Christoph
Eine der schönsten Etappen unserer Reise. Sie geht über Stock und Stein, oft in Sichtweite der Steilküste, an knorrigen Olivenbäumen vorbei und gelegentlich an Ziegenherden. Mit Schwung rasen wir die Schotterhänge runter. Später: Wind, Wind, Wind. Wir kriechen mit zehn Kilometern in der Stunde voran. Aber zu dritt können wir abwechselnd im Windschatten fahren. Und immer wenn einer sagt, dass wir unser heutiges Ziel, die Grenze, aufgeben sollten, sagt ein anderer: Ach, das ist doch nicht mehr weit! Der Wind lässt bestimmt bald nach! Stück für Stück lügen wir uns bis nach Ipsala.

Vier Radler: Unterwegs sind auch andere Fernradfahrer dabei wie Tobi (links) und Alice (rechts), hier am Marmarameer in Istanbul.

26. Oktober, Istanbul: Manche Reisefreundschaften halten lange.

Katharina
Istanbul, Shakehands zwischen Asien und Europa. Das fasziniert mich seit Jahren, gleichzeitig war ich mir sicher, dass mich die 15-Millionen-Stadt überfordern würde. Doch es ist entspannter als gedacht, der Wind am Bosporus tut meiner Seele gut. Allerdings sind auch kaum Touristen da, wegen der Anschläge in den vergangenen Monaten. Ich denke oft daran, wenn ich mir einen Weg vom Taksim-Platz über die Einkaufsstraße Îstiklal in die Stadt bahne.
Christoph
Manche Reisefreundschaften halten lange: In Istanbul wohnen wir bei Deniz, die ich vor zwölf Jahren in Kairo kennengelernt habe. Trampen, Wandern, Radreisen ist nicht ihre Welt, sie ist mehr das Sex-in-the-City-Girl, Istanbul Edition. Eigentlich habe ich die Stadt immer nur zusammen mit Deniz erkundet. Wenn ich von Istanbul schwärme, dann meine ich eigentlich meine Zeit mit ihr. Auch Katharina lässt sich von ihrer direkten Art anstecken. Freundschaft hält 40 Jahre, sagen die Türken. Bleiben noch 28.

3. November, Aufbruch aus Istanbul: Diese Masche ist allzu billig.

Christoph
Als wir bei Deniz aufbrechen, will Katharina noch in das Hotel gegenüber. Der Hotelier hatte ihr angeboten, ihr die Zimmer zu zeigen, als sie mal dort im Café saß. Das will sie noch schnell tun. So eine platte Anmache, und sie merkt das nicht? Als sie nach zehn Minuten nicht wiederkommt, lasse ich das gepackte Rad stehen. Eine Rezeptionistin versucht den Typ zu finden, nach einer Minute tritt er mit Katharina aus dem Fahrstuhl. Mit den Gelhaaren sieht er so schleimig aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Er lädt uns ein, bald wiederzukommen. Ja, ja, inschallah.
Katharina
Christoph hatte Recht: Der Hotelier ist schmierig, die Masche billig. Im Fahrstuhl stupst er meine Nase an. Es ist schon das zweite Mal, dass mir ein Angestellter in einem türkischen Hotel zu nahe kommt, aber auch diesmal bin ich zu perplex. Wie absurd, sich noch mit ihm die Zimmer anzusehen! Er nimmt meine Hand, fragt, ob ich einen Freund habe. „Ja!“ Ob er mich trotzdem küssen dürfe. „Nein!“ Als Christoph wütend in der Lobby steht, tue ich, als sei nichts gewesen. Ich will nur weg, es ist mir peinlich, dass ich die Situation falsch eingeschätzt habe. Ich werde es Christoph erzählen. Aber nicht jetzt.

Das sind Gastgeber: Deniz, eine gute Freundin von Christoph, führt die beiden in Istanbul aus.
Mitfahrgelegenheit: Über die Îstiklal, die Haupteinkaufsstraße Istanbuls, geht es ausnahmsweise mit der Tram.

4. November, Parkplatz im Gebirge: Irgendwann hören die Schüsse auf.

Katharina
Wegen der amerikanischen Sanktionen können wir in Iran kein Geld abheben. Als wir einen Automaten finden, der Euro ausgibt, holt jeder von uns 600 Euro. Kein gutes Gefühl, so viel Geld mit mir rumzutragen. Abends biegen wir von einer Nebenstraße auf einen schlammigen Weg ab, um am Rande eines Feldes unser Zelt aufzubauen. Dann fährt ein Auto auf den Parkplatz nebenan. Türkische Popmusik. „Ich schau mal nach“, sagt Christoph. „Nur ein Mann, der telefoniert. Aber warte mal mit dem Kochen. Das ist zu laut.“ Ein zweites Auto. Dann fallen Schüsse. Tak, tak, tak, tak, tak, tak. Ich kenne dieses Geräusch nur aus Filmen. Ich stelle mir vor, wie auf dem Parkplatz jemand zu Boden sinkt. „Eine Maschinenpistole“, flüstert Christoph. „Das ging durchs Gebüsch über unsere Köpfe, wir müssen weg.“ Geduckt schleichen wir die Wiese hinunter, legen uns flach auf den Boden. Christoph hatte darauf bestanden, dass unsere Ausrüstung unauffällig ist: schwarzes Fahrrad, dunkelgrünes Zelt, dunkle Regenjacke. Auf der Straße hatte ich mir manchmal Neonfarben gewünscht, aber jetzt bin ich froh, dass ich unsichtbar bin. „Vielleicht ein Waffenhändler, der seine Waffen vorführt“, sagt Christoph. Was, wenn er unsere Spuren im Schlamm entdeckt? Plötzlich sehe ich jemanden an unserem Zelt. Ich stelle mir vor, wie es sich anfühlt, wenn mir in den Bauch geschossen wird. Mein Herz schlägt fest, trotzdem bin ich merkwürdig ruhig.
Christoph
Mit der kurzen Salve zerfällt die Nacht in ein Vorher und ein Nachher. Im Nachher verspüren wir keinen Hunger und keine Müdigkeit, nur äußerste Anspannung. Wir huschen zu einer abschüssigen Stelle, so dass selbst flaches Feuer uns nicht erreicht, und warten. Dann tauchen Schatten am Zelt auf. Es sind Hunde, drei Stück. Katharina, die manchmal schreit, wenn sie erschrickt, bleibt ruhig. Was werden die Hunde machen? Es gibt nichts, was wir tun können, außer nichts zu tun. Und dann geschieht ein Wunder: Ein Hund bemerkt uns und schreckt zusammen - doch er trottet lautlos davon. Vom Parkplatz hören wir Stimmen, dazwischen hämmernd der eigene Herzschlag. Ich robbe zurück zum Zeltplatz, hole Wertsachen und einen Schlafsack. Dann schleichen wir den Feldrand entlang. Wieder wird geschossen, aber nicht auf dem Parkplatz. Pistolenschüsse, Gewehrschüsse, wie Schießübungen. Als wir über eine Anhöhe schleichen, glauben wir die Schützen im Rücken zu haben. Doch das Echo hat uns getäuscht. Die Schüsse kommen von einem kleinen Bauernhof voraus. Also auch dieser Ausweg versperrt! Wir ziehen uns in den Wald zurück. Zwischen Dornen und wildgewachsenen Bäumen werden wir im Schafsack warten bis zum Morgengrauen. Wenn nicht vorher jemand unseren hektisch verlassenen Zeltplatz findet und unseren Spuren folgt. Irgendwann hören die Schüsse auf.

5. November, im Gebirge: Tee wärmt die Finger und das Gemüt.

Christoph
Irgendwann dämmert es. Als ich zum Zeltplatz schleiche, finde ich ihn unverändert, der Parkplatz ist verlassen. Schnell packen wir. Als ich die letzte Tasche hole, hallt ein einzelner, lauter Schuss durch das Tal. Zufall? Vermutlich. Doch daran glauben wir erst, als wir weit weg sind. Es regnet in Strömen. Wir sind dreckig, übermüdet und nass. Aber ich weiß: Katharina und ich können aufeinander zählen.
Katharina
Vom Zelten habe ich erstmal genug. Der prasselnde Regen stört mich dafür gerade wenig. Ich bin froh über jeden Kilometer, den wir uns entfernen. Später machen wir Pause in der Teebude einer Moschee, wärmen Finger und Gemüt an einem Glas süßen Tees, während unsere Jacken am Bollerofen trocknen. Ich bin stolz auf uns. Wir waren ein gutes Team!

10. November, Qifteler: Die politischen Ansichten gehen auseinander.

Christoph
In Eskisehir zu Gast bei zwei Studenten: Dogucan und Dogukan. Der erste begeisterter Radfahrer, beide begeisterte Gastgeber. Dogucan begleitet uns über 70 Kilometer bis nach Çifteler. An einer Tankstelle spricht er mit einem Tankwart. Dann sagt er zu uns: „Das ist ein Freund. Bei ihm könnt ihr übernachten.“ Harun ist ein Radfahrer, den Dogucan über eine Facebook-Gruppe kennengelernt hat. Während Dogucan ein schniekes Tourenrad hat, fährt Harun auf einem altersschwachen Drahtesel mit bunter Knüpftasche quietschend seine Runden.
Katharina
Harun ist Ende Dreißig, Junggeselle und wohnt bei seiner Mutter. Wir bekommen das Gästezimmer, setzen uns aber erstmal mit den beiden in den Keller zum Holzofen. Es gibt weder Tisch noch Stuhl. Trotzdem ist es gemütlich. Vielleicht liegt es an dem Tablett mit dem Teeservice. Oder an der Gastfreundschaft. Noch bevor unser Glas leer ist, schenkt uns Haruns Mutter nach. Wenn wir ein Wort nicht verstehen, wiederholt Harun es drei, vier Mal. Dann schauen wir es im Wörterbuch nach. Später kommen Nachbarn vorbei, die in Deutschland gelebt haben. Ein bisschen Deutsch reden, Gebetskette in der einen, Tee in der anderen Hand. Klar gehen die politischen Ansichten der Türkei und Deutschlands auseinander. „Aber Mensch ist Mensch“, sagt der Nachbar.

13. November, Tuz Gölü: Der Salzsee sieht aus wie aus Blumenkohl.

Katharina
Wir fahren durch eine Wüste zum Tuz Gölü, dem Salzsee. Er liegt da wie Blumenkohl in Wasser. Dazu diese Weite, herrlich! Wenn ich Christoph wäre, ich würde mich jetzt fragen, ob ich einen Antrag mache. Ich weiß, dass er das vor hat. In Sarajevo hat er einmal im Internet nach Verlobungsringen gesucht, als ich zur Tür rein kam. Ich habe natürlich abgestritten, etwas gesehen zu haben. Nur: Wann fragt er denn endlich?
Christoph
70 Prozent des in der Türkei konsumierten Salzes kommen aus dem Tuz Gölü, und auch wir füllen unseren Salzstreuer hier. Wir bewundern die irrwitzigen Figuren, die sich aus Pflanzen und Salz gebildet haben, und Katharina kann es nicht lassen zu sagen, dass man hier gut einen Heiratsantrag machen könnte.

Weiß-Raum: Am Tuz Gölü in der Türkei erschaffen Pflanzen und Salz bizarre Skulpturen.
Teatime: Alice begleitet Katharina und Christoph durch die Osttürkei. Überall gibt es schwarzen Tee in Tulpengläsern.

18. November, Kappadokien: Willst du mich heiraten?

Christoph
Wir wandern durch die schneebestäubte Ihlara-Schlucht. Der Fluss glitzert, an den Ufern steht noch saftiges Gras. In den Tuffstein haben Christen vor über 1000 Jahren um die 50 Felsenkirchen gehauen, von denen wir einige besichtigen. Es sind keine Hallen, in denen man sich verloren vorkommt, sondern akkurat gemeißelte niedrige Kuppeln, in warmen Farben bemalt. Von der Decke blicken Jesus, der Heilige Georg und die Apostel zu uns herab. Wir klettern auf einen Felsvorsprung, den zweiten Stock einer Höhlenkirche, und schauen ins Tal, das in der Sonne festlich aussieht. Der perfekte Moment! Ich frage Katharina: „Willst du mich heiraten?“ Sie lacht und sagt: „Ja.“
Katharina
Nirgendwo habe ich Natur und Kultur je so miteinander verflochten gesehen. Und wir haben das Ihlara-Tal fast für uns, höchstens einem Dutzend Leuten begegnen wir. Für die Wirtschaft ist der nach Anschlägen und Putschversuch eingebrochene Tourismus natürlich eine Katastrophe. Für uns ist es ein Glück. Verliert doch jeder Ort an Magie, wenn man ihn mit Hunderten Touristen teilt. An diesem sonnigen Herbsttag bleibt der Zauber erhalten. Ich vergesse vollkommen, daran zu denken, wie perfekt der Ort doch wäre, um ... Und Christoph fragt: „Willst du mich heiraten?“

29. November, Ostanatolisches Hochland: Wir hören zwei glorreiche Halunken.

Christoph
Wir haben Alice wiedergetroffen, die von England nach Australien will. Sie war mit uns ein Stück nach Istanbul gefahren und will in Georgien überwintern. Wir wollen Weihnachten in Teheran feiern. Einige hundert Kilometer können wir zusammen fahren. Gestern haben wir neben einem halb zugefrorenen Bach in den Bergen gezeltet. Am Morgen will der Spiritus nicht angehen, weil er zu kalt ist. Also entfache ich ein Feuer aus Holz und Kuhfladen, auf dem wir Porridge und Kaffee kochen. Der Wind kommt aus der falschen Richtung, unsere Stimmung aber dreht sich. Auf den Rädern hören wir aus einem Lautsprecher Chansons („Je vole“). Da wirft sich uns der Wind mit voller Kraft entgegen. Musikwechsel: Italowestern, „Zwei glorreiche Halunken“. Wir treten beschwingter. Als wir auf 2200 Metern den Pass erreichen, fegt der Wind so wild, dass wir die Musik nicht mehr hören. Egal - in der Wildheit des Windes fühlen wir uns lebendig.
Katharina
Alice ist eine wunderbare Reisekameradin! Ihr Humor, ihre unerschütterliche Zuversicht. Außerdem ist sie ein prima Windschattenspender. An Tagen wie diesen ist das die Rettung. Auch wenn dabei die Landschaft aus dem Blick gerät, der nur noch zwischen Straße, Hinterrad und Tacho pendelt. Die Tagesstrecke zerfällt in Nachkommastellen. Wenn dann auch noch die Straße ansteigt, fragen die Muskeln: „Warum tust du uns das an?“ Aber heute ist ein Tag, da können wir über den Wind lachen, auch wenn er noch so stark bläst. Meter um Meter nähern wir uns dem Pass. Als wir ankommen, sagt der Kopf zu den Muskeln: „Darum!“

1. Dezember, Fahrt nach Erzican: Sachte lenken, wohldosiert bremsen.

Christoph
Der erste Schnee. Knöchelhoch liegt er auf der Straße. „Wie lange bleibt der normalerweise liegen?“, fragen wir die Lehrer in unserem Wohnheim. „Bis April.“ Die Hauptstraße ist sicher frei, denken wir, und schlagen die Ratschläge der Lehrer in den Wind. An der Hauptstraße sehen wir: Nichts ist geräumt. Das war's!
Katharina
Als Christoph die zugeschneite Hauptstraße sieht, will er umdrehen. Alice und ich wollen es versuchen. Grummelnd fügt er sich. „Sachte lenken, wohldosiert bremsen“, doziere ich. Langsam arbeiten wir uns voran. Die Reifen haften gut auf dem Neuschnee. Plötzlich rumst es hinter mir. Alice liegt unter ihrem Rad halb auf der Fahrbahn, und ein Lastwagen naht! Ich brülle: „Lorry!“ Da erst bemerkt sie ihn. Ich bin zu weit weg, um zu helfen. Der Fahrer hupt, fährt einen Bogen. Verdammt. Viel. Glück. Als wir weiterfahren, sehe ich die Szene immer wieder vor mir. Ich hätte ihr nicht helfen können.

2. Dezember, Fahrt nach Tercan: Das Hinterrad bricht aus.

Christoph
Wir genießen das fast geräuschlose Dahingleiten im Schnee. Doch Jacke, Hose und Schuhe sind durchweicht. An einer Tankstelle trocknen wir die Socken am Holzofen. Der Tankwart lädt uns zu Tee ein und die Truckerfahrer zum Frühstück. Wir kommen gut voran. Plötzlich ein Knall. Mein Hinterrad bricht aus. Überraschend schnell habe ich es unter Kontrolle und stehe. Der Mantel ist aufgeplatzt, der Schlauch hinüber. Während ich mein Fahrrad im Schneegestöber auf den Sattel drehe, machen Alice und Katharina schon Hampelmänner, um nicht auszukühlen. Schnell das Rad lösen. Ratsch - plötzlich habe ich den Umwerfer in der Hand. Falsche Schraube erwischt! Ich schraube ihn provisorisch fest. Als wir weiterfahren, habe ich nur zwei von 27 Gängen, nicht viel Luft auf dem Reifen, und im Dunkeln merke ich, dass meine Lampe nicht mehr funktioniert. Die Temperatur fällt, der geschmolzene Schnee wird zu Glatteis. Immer wieder schlittert einer. Im Schnee durch die Türkei? Bescheuert!
Katharina
Heute Morgen noch alles toll: Vor den verschneiten Bergketten wirken die einsam stehenden Häuser hoffnungsvoll. Ich winke einem Zug, der durch das Tal rumpelt. Er grüßt zurück mit zwei tiefen Huptönen. Nachmittags platzt Christophs Reifen. „You never arrive before you arrive“, sagt Alice. Christoph dreht das Rad um. „Fuck“, sagt er dann. Er hat den Umwerfer abgeschraubt. Ein besserer Kommentar fällt mir jetzt auch nicht ein.

6. Dezember, Erzurum: Und wir hatten befürchtet, es wäre zu heiss

Katharina
Am Anfang der Reise hatten wir befürchtet, es könnte in der Osttürkei zu heiß sein. Heute, als Alice Richtung Georgien aufbricht, sind minus 15 Grad. Wir bleiben noch, um Weihnachtskarten zu schreiben, Räder zu reparieren, bessere Handschuhe zu kaufen und das Iran-Visum zu beantragen.
Christoph
Zum ersten Mal stehe ich in einem Konsulat, und der Beamte sagt: „Setzen Sie sich doch!“ Auch vor dem Schalter stehen Sessel. Die Beamten machen das Visum noch in ihrer Mittagspause fertig. Wenn es in Iran auch so ist, hat sich alles gelohnt! Wenn man von West nach Ost durch die Türkei fährt, reist man durch einen Trichter islamischer Provinzialität. Je mehr Osten, desto weniger Varianz im gelebten Glauben. Miniröcke in Istanbul, Wein in Kappadokien, in Erzurum: kein Alkohol auf der Karte, viele Frauen ganz in Schwarz, im Restaurant getrennte Sitzbereiche für Männer und Familien.

11. Dezember, Elesirt: Diese 700 Höhenmeter waren nicht vorgesehen.

Katharina
Gestern ein Doppelzimmer für acht Euro über einer Teebude, in der unten Männer am glühenden Bollerofen Karten spielten. Unsere Räder übernachteten in einer Tankstelle, die soll ab acht Uhr auf haben. Hat sie aber nicht. Erst um neun Uhr sind wir auf der Straße. Jetzt müssen wir uns beeilen. Dann taucht ein Pass auf, den die elektronische Routenberechnung nicht angegeben hat. Der Gedanke daran, Weihnachten in einer ollen Pension zu feiern statt in Teheran, deprimiert mich, motiviert aber auch, die 700 zusätzlichen Höhenmeter hinter mich zu bringen. Noch länger als der Anstieg dauert die Abfahrt. Auf Eis zu fahren habe ich im Berliner Winter gelernt. Trotzdem durchschießt es mich wie ein Stromschlag, wenn das Rad ausbricht. Christoph flucht und schiebt, schlägt sich aber wacker. Warum aber fährt er so langsam, als der Berg vorbei ist?
Christoph
Hinter dem Pass sind von zwei Fahrbahnen höchstens anderthalb geräumt - für uns und für Lastwagen aus beiden Richtungen. Am Rand gepresster Schnee und verklumptes Eis. Mehr als einmal schlittere ich seitwärts. Immer wenn ich neuen Mut gefasst habe, rutsche ich so unerwartet und heftig, dass ich zu spüren meine, wie das Adrenalin meine Haarspitzen weiß färbt. Oft wird es so eisig und eng, dass ich warten oder schieben muss. In der Dämmerung radeln wir auf die einzige Stadt zu, die auf den nächsten 40 Kilometern auf den Karten verzeichnet ist. Für mich ist klar, dass wir hier übernachten. Für Katharina nicht. Wie kann sie jetzt weiter wollen?

13. Dezember, Iranische Grenze: Wir tragen Bargeld für zwei Monate am Körper.

Nimm zwei: Immer wieder halten in Iran Autofahrer, um Hilfe oder Geschenke anzubieten. Hier gibt es Walnüsse in Bostanabad.
Wassermelonen zur Wintersonnenwende: Am 20. Dezember feiern die Iraner Yalda, die längste Nacht des Jahres.

Christoph
Nach unendlich viel Neuschnee am Morgen sind mittags die Straßen gut befahrbar, später sogar trocken. Glücklich jagen wir am Ararat entlang. Während man bei einem schwimmenden Eisberg nur die Spitze sieht, sehen wir vom Ararat nur den Fuß. Den Rest verhüllen Wolken. Dann die Grenze: Wir wollten eigentlich erst morgen einreisen, um jeden Tag des Visums auszunutzen. Aber auf türkischer Seite gibt es nur ein kleines Dorf ohne Hotel. Wir könnten zelten, aber wir tragen Bargeld für zwei Monate am Körper. Und dass das so ist, kann sich hier jeder ausrechnen. Also: Iran!
Katharina
Auf den letzten Kilometern vor der iranischen Grenze liegen Hunderte leere Schnaps-, Bier- und Weinflaschen im Straßengraben. Mir aber bleibt mein letztes Bier verwehrt. Alkohol kann man in der Türkei nur im „Tekel“ kaufen. Schon in Erzurum gab es nur eine Handvoll dieser dubiosen Kioske, in denen man sich fühlt, als hätte man nach einer Pistole mit Schalldämpfer verlangt, nicht nach fünfprozentigem Alkohol. An der Grenze lege ich ein Kopftuch an, wie es das iranische Gesetz vorschreibt. Dauernd verrutscht es.

15. Dezember, Koschksaray: Es dauert nicht lange, bis wir eingeladen werden.

Christoph
Von so vielen hatten wir es gehört: Iran übertrifft alles an Hilfsbereitschaft, was ihr kennt. Wie zum Beweis hält schon am ersten Morgen ein Autofahrer, um uns zum Übernachten einzuladen. Immer wieder fragt einer, ob wir Hilfe brauchen. Heute ist der Schnee zurück - und wir müssen zehn Kilometer zur Hauptstraße schieben. Das dauert. Vor allem, weil jeder Autofahrer hält, um zu sagen, das sei nicht der richtige Weg. Wissen wir. Ist 'ne Abkürzung. Wir zeigen die Karte. Er versteht nach einer Weile. Dann weiter bis zum nächsten Hilfswütigen.
Katharina
Abends in Koschksaray gibt es keine Pension, aber es dauert nicht lange, bis wir eingeladen werden. Unsere Gastgeberin ist Ende dreißig und Lehrerin in Tabriz. Fürs Wochenende ist sie mit zwei Kolleginnen und zwei Schülerinnen in ihre Heimatstadt gekommen. Sie trägt einen legeren Schal im Haar, ihre Kollegin nimmt im Haus ihr Kopftuch ab, ihre Haare sind kurz und blondiert. Nach der ersten Aufregung und einer köstlichen Gemüsesuppe beginnt die Fragerunde: Dürfen Frauen in Deutschland mehrere Männer haben? Kommt man ins Gefängnis, wenn man seinen Ehepartner betrügt? Kann man als Ausländer ein Haus kaufen? Sie sind neugierig auf alles. Und wir lernen, wie man einen Perserteppich knüpft, und dass man Granatäpfel wie Capri-Sonne-Päckchen aussaugen kann, wenn man sie vorher knetet.

17. Dezember, Bostanabad: Die Polizei stoppt uns auf der Autobahn.

Katharina
Vor Iran hatte ich mir vor allem Gedanken gemacht übers Kopftuchtragen und den Umgang mit Männern. Das Kopftuch und ich sind noch keine Freunde, aber auf der Straße trage ich sowieso Sturmhaube und Mütze gegen die Kälte, wie Christoph. Was die Männer angeht: In den ersten Tagen hatte ich das Gefühl, dass mich trotz aller Gastfreundschaft die meisten Männer etwas grimmig ansehen. Vielleicht, weil sie nicht gut finden, dass ich Rad fahre (der religiöse Führer lehnt es schließlich ab); vielleicht, weil es sich nicht schickt, fremde Frauen anzulächeln. Mittlerweile habe ich aber viele Männer getroffen, die sich ganz selbstverständlich nicht nur mit Christoph, sondern auch mit mir unterhalten. Manche geben mir sogar die Hand. Und hinter Wohnungstüren ist sowieso alles nicht so kompliziert.
Christoph
Wir wechseln auf die Autobahn, weil die einen breiten Seitenstreifen hat. Katharina murrt. Das sei bestimmt nicht erlaubt. Nicht, dass wir im Gefängnis landen! „Das läuft hier nicht so“, sage ich und ignoriere die Verbotsschilder. Aber als mich ein Polizist rauswinkt, wird mir doch mulmig. „Woher kommen Sie? Wie ist Ihr Name?“ Und dann: „Möchten Sie einen Tee?“ Als Katharina ankommt, strahle ich sie mit einer dampfenden Tasse in der Hand an. Weitere Einladungen folgen: Mitten im Schneegestöber halten Autos, ganze Familien steigen aus, die Kinder beobachten frierend die vereisten Ausländer, die von den Eltern mit Schokoriegeln vollgestopft werden. Abends in Bostanabad müssen wir Geld tauschen. Die Wechselstuben haben schon zu. Ich frage auf Persisch herum. Schließlich führt mich ein Schneider zu einem Krämer, der in seinem Telefonbuch eine Nummer findet von einem, der den Kurs weiß, und der dann kommt, um bei Tee und Gebäck zwischen Einlegesohlen und Schuhwachs das Geld zu tauschen.

Der „Radweg“ von Frankfurt am Main nach Teheran Karte: F.A.Z. / google map

20. Dezember, im Gebirge: Wir feiern die längste Nacht des Jahres.

Katharina
Wo bleibt Christoph? Ein Auto hält an, und der Fahrer gibt mir einen Zettel: „Bitte zurückkommen, habe einen Platten. Kuss.“ Der Schlauch ist schnell gewechselt, aber beim Einbauen bricht die Achse. Kann man nichts machen, Christoph muss trampen. Ich genieße es, mal wieder alleine zu fahren, in dem Tempo, in dem ich will. In Zandschan lässt mich ein Junge das Internet auf seinem Handy benutzen, und ich erfahre, dass Christoph bei einer Familie auf mich wartet. Am Abend wird Yalda gefeiert, die längste Nacht des Jahres. Bei den Eltern der Mutter tragen die Frauen Tschador, ich rücke ständig mein Kopftuch zurecht, damit man keine Haare sieht. Alle freuen sich, man sitzt entspannt auf dem Boden, den Arm auf ein Kissen gestützt. Die Kinder rennen durch die Mitte, später wird dort ein Tischtuch ausgerollt für die Speisen. Bei der Familie des Vaters steht ein Kursi in der Mitte, ein beheizbares Gestell, über das eine riesige Decke gelegt wird. Die ganze Großfamilie sitzt rings herum und steckt bis zur Hüfte unter der Decke. Die jüngeren Frauen tragen hier ihre Kopftücher wie ein Modeaccessoire, dazu enge Jeans und Blusen. Während wir Wassermelone und Wackelpudding essen, werde ich zu ihrem Lieblingsthema befragt: Männer und Frauen. „Wenn du in Iran Single bist, dann bist du wirklich Single“, sagt eine. Naja, so ganz stimmt das nicht, sagt sie dann. Sie selbst habe drei Jahre lang eine heimliche Beziehung mit ihrem heutigen Mann gehabt.
Christoph
Die Autobahn führt durchs Gebirge abseits von Dörfern und Städten. Mal schlafen wir in einer Erste-Hilfe-Station, mal in einer Raststätte. Dazwischen: nichts. Katharina ist vorgefahren, da bemerke ich: Die Luft ist aus dem Reifen. Später beim Trampen nimmt mich ein Vermessungstrupp auf einem Pick-up mit nach Zandschan und sucht mit mir einen Fahrradladen. Als alles repariert ist, gibt es Streit mit dem Ladenbesitzer. Und zwar darum, wer mir die Reparatur schenken darf. Der Besitzer bleibt hartnäckig: Weder von den Vermessern noch von mir will er Geld! „Du bist ein Gast hier!“ Ich muss an meine Freundin Deniz aus Istanbul denken. In München, wo sie geboren und aufgewachsen ist, hatte ein Mitschüler zu ihr gesagt: „Deniz, du bist nur ein Gast in diesem Land!“ Wie unterschiedlich Gäste doch behandelt werden. Dann lädt mich der Chef des Vermessungstrupps ein, bei ihm zu Hause zu übernachten. Seine Frau ist Englischlehrerin und schreibt in ihrer Freizeit religiöse Bücher für Kinder. Ich plaudere lange mit ihr und ihrer Tochter. Sie gibt mir nicht die Hand, hat aber keinerlei Scheu im Umgang. So eine Familie hätten wir über Couchsurfing oder Warmshowers nie kennengelernt. Bloß mit einem Fahrrad, das ich schon so oft verflucht habe.

22. Dezember, Qazvin: Wieder einen Platten, und wir finden kein Loch.

Christoph
Wieder einen Platten. Wir finden kein Loch. Es bleibt nichts anderes übrig, als immer wieder aufzupumpen. Erst alle 20 Kilometer, am Abend alle fünf. An einer Baustelle am Eingang von Qazvin zwängt sich ein Rennradfahrer an mir vorbei. 50 Meter weiter wartet er, aus Neugier. „I'm a cyclist“, sagt er. Aha, schau an. Er fragt, ob er helfen kann. Nein. Ich will in ein Hotel, den verdammten Reifen flicken und morgen früh weiter. Der Zeitplan ist so vielleicht zu halten. Der Cyclist ist hartnäckig. Als ich wieder aufpumpe, kommt er mit Katharina ins Gespräch. Sie verkündet: „Er bringt uns zu einem Hotel.“ Das Hotel, das nach zwei Minuten auftaucht, ist seiner Meinung nach „nicht gut“. Also weiter. Als ich zum zweiten Mal neu aufpumpen muss, platzt mir der Kragen. „Wo ist das verdammte Hotel?“ Er bleibt ruhig. „Ein Kilometer.“ Nach vier Kilometern rolle ich mit plattem Reifen auf den Hof des Hotels, das viel zu teuer aussieht, weit weg von unserer Route liegt - und ausgebucht ist. Katharina spürt, dass ich explodieren könnte, der tumbe Radheld spürt nichts. Bald wimmelt sie ihn ab. Dann finden wir eine günstige, nette Herberge direkt an unserem Weg. Da hätten wir vor drei Stunden schon sein können.
Katharina
Kurz vor Qazvin gesellt sich ein Rennradfahrer zu Christoph. Der erste, den ich überhaupt sehe in Iran. Während Christoph seinen Reifen aufpumpt, frage ich ihn aus. Er fährt im iranischen Nationalteam. Leben kann er davon nicht. Sein Geld verdient er als Sportjournalist. „Kann ich euch helfen?“, fragt er. „Kennst du ein günstiges Hotel?“ Christoph rollt mit den Augen. Keine Ahnung, warum die Frage falsch war. Bald kommen wir an einem Hotel vorbei. „Das ist nicht gut“, sagt der Radler. Christoph mosert. Nach so einem Hotel hatten wir gesucht. Aber ich bitte Christoph weiterzufahren. Ich will nicht unhöflich sein, außerdem möchte ich mich noch weiter mit dem Radfahrer unterhalten. Seine Frau fährt auch Rennrad. Es sei nicht leicht für Frauen in Iran, Rad zu fahren. Es ist nicht verboten, aber manche Männer fänden das nicht gut, sagt er. „Hatte Deine Frau schon mal Probleme?“, frage ich. Ja, aber Genaues wisse er nicht. Das müsse ich seine Frau fragen, sie könne auch besser Englisch. Wie gerne würde ich das. Nur kommt er nicht auf die Idee, uns einzuladen. Und morgen müssen wir weiter.

23. Dezember, Karadsch: Die Gastfreundschaft ist die schönste Sehenswürdigkeit.

Christoph
Morgens: ein platter Reifen und eine Pumpe, die sich nicht mehr retten lässt. Weil Freitag ist, haben fast alle Läden zu. Kein Schlauch in meiner Größe und nur eine wackelige China-Pumpe, die entsetzlich quietscht. Ich tausche das Ventil - liegt hier vielleicht das Problem? Doch nach 20 Kilometern ist der Reifen platt. Ich muss wieder trampen. Weil wir vergessen haben, Geld zu tauschen, frage ich abends im Hotel per Telefon bei der Managerin nach, ob wir auch am Morgen zahlen können. Die Reaktion: Wir müssen überhaupt nicht zahlen. Ich protestiere. Aber sie gibt den Angestellten die Anweisung: bestes Zimmer, kein Geld. Ich bin gespannt, was uns noch an kulturellen Reichtümern in Iran begegnet, aber ich glaube, die Gastfreundschaft ist die schönste Sehenswürdigkeit.
Katharina
Ich rausche allein dahin. Auf einem Schild steht: Teheran 100 Kilometer. Die Autobahn wird voller. Ich nehme eine Abkürzung über die Parallelstraße und schwimme bald im Strom unendlich vieler Autos mit. Viele Menschen winken mir zu, halten den Daumen hoch, rufen „Welcome to Iran!“, manche stecken mir durchs Fenster Orangen und Kekse zu. Ob sie merken, dass ich auf der Zielgerade bin? Schade, dass Christoph nicht dabei ist.

Geschafft: Katharina und Christoph haben Teheran erreicht. Das Zielfoto entsteht am Azadi-Turm im Westen der Stadt.

24. Dezember, Teheran: Ich steh' an deiner Krippe.

Katharina
Tatsächlich: Teheran. Am Azadi-Turm, einem der wenigen bekannten Wahrzeichen der Stadt, machen wir Erinnerungsfotos. Aber wo bleibt der Applaus von gestern? Weil sonst niemand da ist, erzählen wir dem Parkwächter, dass wir am Ziel sind. Er kann es kaum glauben und freut sich riesig. Zum Weihnachtsgottesdienst müssen wir noch quer durch die Stadt. Es wird knapp, aber wir schaffen es. In der Kirche strahlt der Herrnhuter Stern, es riecht nach frischem Kaffee. Als wir das Lied „Ich steh' an deiner Krippe hier“ singen, steigt Wärme in mir auf. Ein paar Tränen rollen meine Wangen hinunter.
Christoph
Gruß vom Murmeltier: ein platter Reifen! Es sind nur noch 50 Kilometer. Wenn es nötig ist, trage ich dieses verdammte Höllen-Rad! Aber es läuft alles glatt. Überraschend unspektakulär passieren wir die ersten Häuser von Teheran. Nach knapp 7800 Kilometern und acht Monaten, nach Pistolenfeuer und Schnee, nach sechs Stunden Stadtautobahn, Smog und Stau und mit nur drei Minuten Verspätung klopfen wir an das Hoftor der evangelischen Kirche. Der iranische Küster öffnet lächelnd. „Aus Deutschland?“ Wir nicken. Aus dem Backstein-Glas-Bau hören wir den Chor singen. Wir schleichen uns rein. Und sind da. Und sind glücklich. In Teheran. An Weihnachten. Ein Wunder.

21.06.2017
Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin