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Blumenhandel boomt

Mit Stil und Blüte

Von Katrin Blum
 - 09:41
Stillleben aus Blumenarrangements: Der junge Florist Björn Kroner-Salié kombiniert in seinen floralen Werken Kunst, Design und Lifestyle. Bild: Katrin Blum, F.A.S.

Blumen besitzen Anziehungskraft. Wie groß diese ist, kann man auch an Veranstaltungen wie dem diesjährigen „mint&berry Flower Market“ in Berlin ablesen. Wer den besuchte, brauchte Geduld. Viel Geduld. Denn nicht nur am Eingang bildeten sich lange Schlangen, auch drinnen war es zeitweise so voll, dass die Besucher kaum stehen bleiben und in Ruhe die Schönheit der ausgestellten Blumen genießen konnten.

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An verschiedenen Ständen verkauften lokale Floristen ihre Sträuße oder einzelne Blumen, es gab passende Accessoires, Mode, Do-it-yourself-Workshops, Essen und Musik. Die Veranstaltung war so gut besucht, dass selbst die Beteiligten ins Staunen kommen: „Unser Stand war nach zwei Stunden ausverkauft“, sagt Annett Kuhlmann vom Berliner Blumen- und Interiorladen Marsano im Rückblick. Zwar konnte sie noch für Nachschub sorgen, aber mit diesem Erfolg hatte sie vorher nicht gerechnet.

Trotzdem merken Annett Kuhlmann und ihre Partner Katrin Jahn und Andreas Namysl, dass sich in der Blumenbranche gerade einiges verändert. Veranstaltungen wie der Flower Market, bei denen Blumen im Mittelpunkt stehen oder Floristen in Workshops zeigen, wie man Blumenkränze oder Sträuße bindet, sind vor allem bei Großstädtern beliebt wie nie. Man sieht Blumen in der Kunst oder Mode, im Design- oder Wohnbereich – eigentlich sieht man Blumen momentan fast überall.

„Wir bemerken auch eine größere Wertschätzung für Blumen“

„Und so wie Köche vor einigen Jahren gefeiert worden sind und prominent wurden, sind es jetzt Floristen“, sagt Annett Kuhlmann. „Wir merken auch eine größere Wertschätzung für Blumen.“ Ihre eigene Arbeit, erzählt die Floristin, habe sich dadurch nicht verändert – abgesehen davon, dass sie und ihre Kollegen mehr Aufträge bekommen als früher.

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„Aber sie hat vielleicht einen größeren Stellenwert bekommen.“ Das geht inzwischen so weit, dass sich bei Marsano Menschen bewerben, die studiert haben und in sehr guten Jobs arbeiten, jetzt aber etwas ganz anderes machen wollen. „Wir haben sehr, sehr viele Bewerbungen von Quereinsteigern.“ Und das in einer Branche, in der eigentlich händeringend nach Auszubildenden gesucht wird.

Es ist paradox: Auf der einen Seite müssen viele Blumenläden schließen, weil es keine Kunden oder Nachfolger mehr gibt. Auf der anderen Seite, scheint es, waren Blumendeko und hübsche Sträuße noch nie so angesagt wie jetzt. „Dieser Wandel vollzieht sich seit einigen Jahren“, beobachtet der Florist Björn Kroner-Salié. „Das Kaufverhalten der Kunden und unsere Blumenkultur haben sich komplett verändert. Deshalb trennt sich da gerade die Spreu vom Weizen.“

Es kommt darauf an, was ein Florist aus den Blumen macht

Die Gründe? Es geht darum, wie ein Florist mit den Blumen umgeht, und vor allem, was er daraus macht. Wer seit Jahren nur 08/15-Sträuße anbietet, die man inzwischen in jedem Supermarkt, an der Tankstelle oder im Baumarkt für weniger als zehn Euro kaufen kann, muss früher oder später schließen. Wer aber eigene Wege in der Floristik geht, wer es schafft, seinen Kunden mit den Blumen ein Lebensgefühl zu vermitteln, ihre Sehnsucht nach Natur zu stillen und etwas Außergewöhnliches zu kreieren, der wird von Kunden förmlich überrannt.

So wie Ruby Barber. Die gebürtige Australierin hat ihre Liebe und Leidenschaft für Blumen zum Beruf gemacht und das Label Mary Lennox gegründet. Es hat seinen Sitz in Berlin und ist spezialisiert auf florale Konzepte, die Kunst, Design und Lifestyle mit einbeziehen. Das können kleine Sträuße sein oder große Veranstaltungen. Am Ende entstehen immer vorübergehende Kunstwerke, die oftmals an barocke Stillleben erinnern.

Dabei ist es ihr wichtig, immer unterwegs zu sein und an verschiedenen Ort zu arbeiten: „Es würde nicht funktionieren, wenn wir jeden Tag an einen einzigen Platz gebunden wären. Wir fahren viel herum, um neue, interessante Lieferanten kennenzulernen, und tauchen so oft wie möglich auch in unterschiedliche Landschaften ein.“ Ihre Arbeit mit Blumen und Pflanzen bezeichnet sie als eine Hommage an die Natur.

Auch Instagram hilft dabei, bekannter zu werden

Ruby Barber lebt erst seit vier Jahren in Berlin, gehört inzwischen aber zweifelsohne zu den bekanntesten Floristen der Stadt. Was dabei geholfen hat? Nicht nur ihre eigene Art, Blumen zu arrangieren und ihre Intuition, mit Menschen umzugehen, sondern auch Instagram. Dort hat sie 38000 Follower. Das ist zwar wenig im Vergleich zu anderen Floraldesignern wie Amy Merrick aus New York mit 158000 Followern, Sarah Winward aus Salt Lake City mit 166000 oder Kiana Underwood aus San Francisco (181000 Follower).

Trotzdem: Instagram, Pinterest und andere Internetseiten sind für viele Menschen nicht nur eine riesige Quelle der Inspiration, sondern dienen gleichzeitig als Schaufenster für Unternehmen, die dadurch ihre Geschäfte ankurbeln. Auch bei Ruby Barber war das so. Wer sich inspirieren lassen will, geht auf ihre Internetseite, wer von ihr lernen will, besucht einen ihrer Workshops, wer selbst kein Händchen für Dekoration hat, beauftragt sie für ein Werkstück. Eines befeuert das andere. Nichts davon funktioniert ausschließlich.

Die Australierin bezeichnet sich übrigens auch nicht als Floristin, sondern als Beraterin und Stylistin. Sie sagt: „Ich glaube, die innovativsten Werke kommen von Autodidakten, die mit ihrem kreativen Instinkt arbeiten. Neues wird nicht von denjenigen geschaffen, die durch vorgefertigte Meinungen darüber, wie Dinge zu sein haben, in ihrem Denken eingeschränkt werden.“

In Mode sind Sträuße, die wie frisch gepflückt aussehen

Björn Kroner-Salié, im Gegensatz zu Ruby Barber ausgebildeter Floristmeister, sieht das anders. Er selbst glaubt daran, dass eine Ausbildung wichtig ist und dass man die Farb- und Gestaltungslehre kennen und verinnerlichen sollte, bevor man anfängt, damit zu spielen und sie vielleicht bewusst zu brechen. Da geht es um Farbverteilung, Höhen, Tiefen, Schwerpunkte und Proportionen, die man kennen sollte.

Trotzdem gibt er jeder Blume in seinen meist lockeren und filigranen Sträußen den nötigen Freiraum, ihre Schönheit zu entfalten. Was er derzeitig feststellt: „Viele Sträuße sehen aus wie frisch von der Wiese gepflückt. Gestalterisch sind sie der Horror. Da ist keine Grundlage vorhanden. Das ist aber gerade Mode, vor allem in größeren Städten.“

So unterschiedlich ihre Ansätze auch scheinen, eines verbindet Ruby Barber, Björn Kroner-Salié, das Team von Marsano und viele andere Menschen, die erfolgreich mit Blumen arbeiten: die Wertschätzung, die sie jeder Blume entgegenbringen. Es ist die Leidenschaft, die sie in ihre Werkstücke legen. Es ist ihr Gespür für den Zeitgeist und die Erkenntnis, dass viele Großstädter sich zuerst die Natur in ihre Wohnungen und in ihr Leben holen und sie dann mit der ganzen Welt teilen wollen: „Die Leute wollen sich im Moment immer und überall mit Blumen fotografieren“, sagt Annett Kuhlmann von Marsano. „Warum das so ist, weiß ich auch nicht.“

Sehnsucht nach Entschleunigung und einer Auszeit von der digitalen Welt

Und so entsteht ein zweites Paradoxon: Die neuen Blumenfreunde wollen Sträuße wie frisch von der Wiese gepflückt, wollen wieder mit den Händen im Dreck wühlen, haben Sehnsucht nach Natur, wollen kochen, gärtnern, stricken, töpfern, nähen, mit den Händen richtig arbeiten, nicht nur auf einer Tastatur tippen. Sie wollen Entschleunigung und eine Auszeit von der digitalisierten Welt. Doch dann wiederum lassen sie die Flora kaum auf sich wirken oder halten wirklich mal inne. Sofort wird das, was man sich gerade an Natur ins Leben geholt hat, wieder verbreitet – und zwar digital.

Katrin Jahn von Marsano ist gespannt, wie dieser Trend weitergeht. Sie ist skeptisch. Die Quereinsteiger, die sich bei ihnen im Laden bewerben, geben zumindest häufig nach einiger Zeit wieder auf. Sie merken schnell, dass der Beruf des Floristen doch nicht so romantisch ist wie eine Blumenwiese: Man muss um 4Uhr aufstehen, um zum Großmarkt zu fahren, man muss richtig anpacken können, denn Blumenkübel können mitunter sehr schwer sein – und am Ende wird man auch noch schlecht bezahlt. Da ist es einfacher, wieder nur zur nächsten Blumenveranstaltung zu gehen, vereinzelt Workshops zu besuchen, auf Instagram nach den neuesten Trends zu schauen und sich mit Blumen zu fotografieren. Zwischen der floralen Sehnsucht und der Leidenschaft des Profi-Floristen liegt eben immer noch ein großer Unterschied.

Quelle: F.A.S.
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