Ökoweinbau

Der Kampf um das Kupfer

Von Oliver Bock, Eltville
 - 20:43
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Es ist Geduld gefragt. Im Spätsommer, etwa drei Wochen vor Beginn der Hauptlese des Rieslings, Deutschlands wichtigster Rebsorte, legen die Winzer die Hände in den Schoß. Eine weitere Bekämpfung von Schädlingen und Pflanzenkrankheiten mit tiefenwirksamen Pflanzenschutzmitteln verbietet sich wegen der vorgeschriebenen Wartezeit vor der Lese.

Noch wäre jedes Urteil über den Weinjahrgang 2016 eine verfrühte Spekulation. „Es ist noch alles drin“, sagen Spitzenwinzer wie der Kiedricher Wilhelm Weil. Der Witterungsverlauf in den wenigen Wochen vor und während der Lese ist entscheidend für Ertrag und Güte.

Während überwiegend konventionell wirtschaftende Winzer wie Weil der Lese gelassen entgegenblicken, fürchten Ökowinzer um ihre wirtschaftliche Existenz. Denn der verregnete Frühsommer hat den größten Feind der Reben, den Falschen Mehltau (Plasmopara viticola), in einem bislang unbekannten Ausmaß zur Bedrohung werden lassen.

Pflanzenschutzverordnung änderte alles

Bis vor drei Jahren hatten die Ökowinzer, die knapp acht Prozent der deutschen Rebfläche von 102.000 Hektar bewirtschaften, ein wirksames Instrument zum Schutz der Reben gegen den gefürchteten Pilz zur Hand: Kaliumphosphonat. Es löst auf den Blättern der Rebpflanze Resistenzmechanismen aus, die ihre Widerstandskraft erhöhen.

Doch 2013 änderte die Europäische Union ihre Pflanzenschutzverordnung, und das bislang als Pflanzenstärkungsmittel etikettierte Kaliumphosphonat wurde als Pflanzenschutzmittel eingestuft. Damit war es für Ökowinzer tabu – obwohl es seit Mitte der achtziger Jahre als besonders geeignet galt, den Einsatz von Kupferpräparaten wirksam zu ergänzen und so deren Verwendung zu minimieren.

Auch der ökologische Weinbau kann auf Pflanzenschutz nicht verzichten. Zwar gibt es gegen Schadinsekten rein biologische Bekämpfungsstrategien wie beispielsweise das Aufhängen von Pheromon-Ampullen gegen die Massenvermehrung des Traubenwicklers. Pilze wie Mehltau erfordern allerdings andere Mittel.

Kupferpräparate als Mittel gegen Mehltau

Die Erfahrungen der Winzer reichen dabei bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Der Falsche Mehltau war um das Jahr 1880 aus Nordamerika nach Europa eingeschleppt worden – vermutlich im Zuge der Bekämpfung der Reblaus durch den Import resistenter amerikanischer Unterlagsreben. Die europäischen Reben erwiesen sich zum Leidwesen der Winzer als außerordentlich anfällig gegen den neuen Feind des Ertragsweinbaus.

Die Winzer wehrten sich zunächst mit der sogenannten Bordelaiser Brühe, einer Suspension von gebranntem Kalk in wässriger Kupfersulfatlösung, die sich seit 1885 als erstes wirksames Fungizid bewährte.

Seitdem gelten Kupferpräparate als Mittel der Wahl gegen den Mehltau. Doch Kupfer ist ein Schwermetall – und sein Einsatz deshalb ein wunder Punkt in jeder Diskussion über ökologischen Weinbau.

Ohne Kupfer aber geht es nicht. Von den Unmengen, die bis zum Zweiten Weltkrieg und teilweise auch noch danach im Weinbau eingesetzt wurden, sind die Winzer immerhin längst abgekommen.

Kupfereinsatz stetig minimieren

Es gibt in der Politik und in der Bioweinbranche einen Konsens, den Kupfereinsatz stetig zu minimieren und intensiv nach Alternativen zu forschen. Kaliumphosphonat erwies sich da als ideales Kombinationsmittel.

Anders als die EU, die seit 2006 den Winzern generell sechs Kilogramm Kupfer je Hektar und Jahr gestattet, setzte Deutschland aus Sorge um das Bodenleben und mit Einverständnis der Ökoverbände die nationale Grenze auf drei Kilogramm herab.

„Mit Kaliumphosphonat als Ergänzung eigentlich kein Problem“, sagt der Geschäftsführer des größten Ökowinzerverbandes Ecovin, Ralph Dejas. Doch seit 2013 steht nur noch die im nationalen Alleingang limitierte Kupfermenge zur Bekämpfung zur Verfügung. In trockenen Jahren wie 2015 reichte das aus.

Totalausfall der Ernte 2016 absehbar

Doch das Jahr 2016 zeigte der Branche unter den gegebenen Bedingungen die Grenzen des ökologischen Weinbaus auf. Hessens Umweltstaatssekretärin Tappeser wurden im Sommer Weinbergparzellen in Eltville vorgeführt, in denen der Totalausfall der Ernte absehbar war. In Rheinland-Pfalz setzte die Landesregierung den Ökostatus ihres Staatsweinguts Bad Kreuznach aufs Spiel, indem sie ihm unter dem Deckmantel eines wissenschaftlichen Großversuchs die weitere Anwendung von Kaliumphosphonat genehmigte.

Andere Weingüter im mit Abstand größten Weinbau-Bundesland Rheinland-Pfalz, in dem fast drei Viertel der deutschen Öko-Rebfläche liegen beteiligten sich an dem Versuch nur zögerlich. Das Risiko, dass die EU gezahlte Fördergelder von den Ökowinzern zurückfordert, wollten die meisten nicht eingehen.

In allen deutschen Anbaugebieten haben die Ökowinzer die Landesregierungen hinter sich im Bestreben, Kaliumphosphonat schnell wieder auf eine Positivliste für den Ökoweinbau zu setzen. Deutschland hat schon vor drei Jahren einen Antrag an die EU gestellt. Doch trotz eines positiven Votums des europäischen Verbands der Ökowinzer gibt es dafür keine Mehrheit.

Prekäre Lage wird von der Kommission nicht ernst genommen

Allen Hinweisen auf die prekäre Situation der Ökowinzer zum Trotz zieht sich die Kommission bislang auf das negative Urteil einer internationalen Expertengruppe zurück. Die Fachleute hatten in ihrer Analyse an Kaliumphosphonat zwar wenig auszusetzen, und sie halten ebenso die Minimierung des Kupfereinsatzes für geboten.

Dennoch sei Kaliumphosphonat nicht vereinbar mit den Prinzipien des ökologischen Landbaus, hieß es abschließend – obwohl die Experten zugeben, dass ökologischer Weinbau unter diesen Voraussetzungen in Deutschland eine besondere Herausforderung sei.

Neben diesem Bericht steht einer Wiederzulassung auch das ablehnende Votum der südeuropäischen Erzeugerländer und ihrer Ökoweinverbände entgegen. Ecovin in Deutschland erklärt sich die Verweigerung damit, dass die Mehltaugefahr in Südeuropa weit geringer ist und dass die Winzer mit der dort erlaubten doppelt so hohen Kupfermenge gut auskommen.

Im Zuge einer Notfallzulassung waren den deutschen Winzern in dieser Saison zwar vier Kilogramm Reinkupfer zur Ausbringung zugestanden worden. Doch Ecovin fordert vor dem Szenario, dass Kaliumphosphonat tabu bleibt, eine Gleichbehandlung aller europäischen Winzer und die Anhebung auf sechs Kilogramm.

Europäische Union sieht keinen Grund ihre Meinung zu ändern

Für die Mainzer Umweltministerin Ulrike Höfken (Die Grünen) ist Kaliumphosphonat „aus Umweltsicht unbedenklich und geeignet für den Ökoweinbau“. Doch die EU sieht bislang keinen Grund, von ihrer Haltung abzurücken. Ein nur von Deutschland und Luxemburg unterstützter Antrag der Tschechischen Republik auf Wiederzulassung scheiterte.

Im Mainzer Landwirtschaftsministerium heißt es nach Gesprächen in Brüssel, EU-Agrarkommissar Phil Hogan bedauere die Situation der Winzer, sehe aber keinen Handlungsbedarf. Daran hat auch eine Resolution der Arbeitsgemeinschaft der europäischen Weinbauregionen nichts geändert.

Bleibt die EU unnachgiebig, wird den deutschen Ökowinzern keine andere Wahl bleiben, als dafür zu kämpfen, dass die erlaubte Kupfermenge in Deutschland auf die in Europa zulässigen Werte erhöht wird. Das durchzusetzen wird aber nicht einfach. Das Umweltbundesamt hat schon 2011 mit einer Studie vor dem Dauereinsatz von Kupfer im Freiland wegen der Umweltrisiken gewarnt.

Sorge um Bodenorganismen

Die Sorge gilt vor allem Regenwürmern und anderen Bodenorganismen, die ab einer Konzentration von 50 Milligramm Kupfer pro Kilogramm Erde geschädigt werden. Die Bundesländer wollen dennoch nicht lockerlassen. Auch Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) fordert eine Erhöhung der zulässigen Menge an Kupfer.

Doch das Bundeslandwirtschaftsministerium signalisiert Ablehnung wegen der „Effekte auf den Naturhaushalt“, die nicht auszuschließen seien. Auch nach Einschätzung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit sei eine höhere Aufwandmenge als vier Kilogramm je Hektar und Jahr aus Umweltgründen nicht vertretbar, heißt es aus Berlin.

Dass die EU den europäischen Winzern dennoch grundsätzlich sechs Kilogramm zugesteht, gehört zu den Merkwürdigkeiten der europäischen Umwelt- und Landwirtschaftspolitik.

Ist die Blockade ein strategischer Zug?

Innerhalb der deutschen Biobranche werden deshalb Vermutungen laut, die Blockade durch die südeuropäischen Erzeugerländer sei auch Teil einer Marktstrategie, die deutschen Ökowinzer als Konkurrenten zu schwächen.

Den biodynamisch wirtschaftenden „Winzer des Jahres“, Peter Jakob Kühn aus Oestrich-Winkel, hat vor allem die Machtlosigkeit im Weinberg deprimiert. Bei jeder Regenlücke wurde der abgewaschene Pflanzenschutz erneuert.

Etwa doppelt so oft wie im Vorjahr war Kühn mit der Spritze unterwegs, um mit Kupfer in kleinen Dosen die Reben gesund zu halten. Dennoch musste er mit ansehen, wie der Mehltau je nach Parzelle zwischen zehn und 100 Prozent der Ernte vernichtete. Kühn wird im Herbst wohl nur die Hälfte eines normalen Ertrags erzielen.

Ökoweinbau wurde teilweise bereits wieder verworfen

Nicht minder schmerzt ihn, dass die Idee des Ökoweinbaus insgesamt einen Rückschlag erfahren hat. Die ersten Ökowinzer wie der Hallgartener Peter Keßler haben den Ökoweinbau schon wieder aufgegeben und gegen die eigene Überzeugung herkömmliche Mittel gespritzt, um einen Teil der Ernte zu retten.

Nach Jahren des Booms und einer starken Zunahme der Ökoweinbaufläche droht nun Stillstand oder Rückschritt. Wie hoch die Ertragsausfälle am Ende sein werden, lässt sich noch nicht abschätzen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium kündigt „eine Prüfung der Milderung der finanziellen Verluste der betroffenen Winzer“ an.

Für die gäbe es mittelfristig noch andere Auswege – den Anbau von „Piwis“ etwa, neu gezüchteten pilzwiderstandsfähigen Sorten. Doch die Ökowinzer wissen, dass die Verbraucher nicht von Riesling und Spätburgunder auf Johanniter und Pinotin umsteigen werden, um den deutschen Ökoweinbau zu retten. Am Ende zählen doch nur Qualität und Geschmack im Glas.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis.
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