Produktdesigner Jonathan Adler

Der Stimmungsmacher

Von Jennifer Wiebking
 - 13:01

Es gibt diese typischen Jonathan-Adler-Sätze: „Farbe ist ein echtes Antidepressivum. Ihre Pillen können Sie dann aus dem Fenster werfen.“ Oder: „Wenn eine Frau in ihrer Tasche nach dem lippy greift“, also nach dem Lippenstift, „dann wird sie das zumindest ein bisschen glücklicher machen.“ Oder: „Wenn ich an Clinique denke, dann im nächsten Moment an Urlaub.“ Er meint die amerikanische Kosmetik-Marke, für die er jetzt eine Sonderkollektion entworfen hat. Oder, um im Jonathan-Adler-Jargon zu bleiben: „Cheek Pop“, also Rouge für die Wangen, „Pop Lip“ für die Lippen, „Lid Pop“ für die Augenlider.

Bei diesem Mann läuft wirklich nichts gewöhnlich. Selbst über die Telefonleitung von New York aus klingt er überdreht, nicht im unerträglichen Sinne, sondern auf bewundernswert optimistische Art - so wie die Design-Produkte, die er unter eigenem Namen entwirft, sonnig-bunter nicht sein könnten. „Bei mir muss es immer neu und phantastisch zugleich sein und auf keinen Fall allzu ernst.“

Eskapismus hat sich dieser New Yorker Produktdesigner zur Lebenshaltung gemacht, er ist eigentlich immer bei der Arbeit - und zugleich im Urlaub. In Manhattan und auf Capri, einem seiner Lieblingsorte, im selben Moment. Jonathan Adler ist einer der Power-New-Yorker, die gerade deshalb so großen Spaß an ihrem Leben haben - sein Ehemann Simon Doonan, Kreativdirektor des Luxuskaufhauses Barneys, ist ein weiterer. Dem Arbeitgeber seines Partners verdankt Adler eines schönen Zufalls wegen sogar seinen Durchbruch. Als der 1966 in Bridgeton im Bundesstaat New Jersey geborene junge Adler - als Sohn eines Anwalts und einer Künstlerin - den Einkäufern 1993 seine erste Kollektion mit Keramik-Waren zeigte, orderten sie auf der Stelle.

Bunte Produkte für den Moment

Das war in jenem Jahr, als Adler gerade sein nach ihm benanntes Unternehmen gegründet hatte, nachdem er zuvor drei Jahre lang bei einer Talentagentur als Assistent tätig gewesen war. Schon während seines Studiums der Kunstgeschichte an der Eliteuniversität Brown faszinierte Adler der praktische Teil mehr als die Theorie. Er verbrachte entsprechend viel Zeit an der nahegelegenen Rhode Island School of Design - in der Töpfer-Werkstatt. Mit Simon Doonan, mittlerweile bei Barneys vom Schaufensterdekorateur zum Kreativdirektor des Kaufhauses aufgestiegen, war dann 2008 Hochzeit. In San Francisco - wo sonst, wenn nicht in der Stadt der Schwulen?

Adlers eigene Marke hat seitdem nicht an Bedeutung verloren. Er unterhält jetzt mehr als 25 Läden auf der Welt und ist damit einer der wenigen Designer aus Amerika, die auch in Europa einen gewissen Ruf genießen. Seine Produkte sind vielleicht nicht so zeitlos, dass sie fürs Leben bei einem bleiben - aber dafür sind sie für den Moment gedacht. „Ich glaube, die Tatsache, dass man meine Entwürfe nicht so schnell vergisst, gibt mir die Daseinsberechtigung als Designer.“ Was heißt Daseinsberechtigung? Adler spricht sogar von der raison d'être.

Man sieht es schon mit einem Blick auf seine Vasen, die aussehen wie Fische, seine Idee eines Schreibtischs in Himmelblau mit Messingfüßen, seine Keksdosen mit der Aufschrift „Prozac“. Gibt es auch in Orange - Farbe als Antidepressivum. „2017 ist doch ein besonders hartes Jahr“, sagt der Designer in Anspielung auf das politische Klima in den Vereinigten Staaten. Es könnte aber auch unabhängig davon sein Geheimnis sein, seine raison d'être. „Es gibt auf dieser Welt so viel Zeug, dass es wichtig ist, im Gedächtnis zu bleiben, egal ob mit einem Sofa oder einem Lippenstift.“

Klingt irritierend? „Ich finde es belebend“

Beim Thema Schönheit dürfte das auch der Grund sein, warum Traditionsmarken eine Renaissance erleben. Wer allmählich den Überblick verliert, vertraut eher auf das eine Parfum, das schon die Großmutter verwendet hat, die Nachtcreme, auf die auch die Mutter seit Jahrzehnten schwört. Nur das Regal, auf dem so ein Tiegel dann steht, verändert sich in seiner Welt ständig. Oder die Farbe der Wände. „Mein armer Ehemann! Ich schleppe jeden Tag etwas Neues an. Ich entwerfe viel und muss es auch in meiner eigenen Umgebung ausprobieren.“

Jüngst hat Adler die alte Sitzecke in seinem New Yorker Apartment gegen drei neue Sofas ausgetauscht. „Und Smaragdgrün für die Wände gefällt mir gerade sehr gut.“ Das alte Zeug lagert er extern zwischen. „Wir haben viel Stauraum in einem Lager in der Bronx.“

Dass er sich in seiner eigenen Wohnung nie allein fühlt, hat aber noch einen anderen Grund. „Ich bin wie besessen von Augen. Wo auch immer ich hinschaue, sollen mich Augen angucken“, erzählt Adler. „Wer bei uns ins Wohnzimmer läuft, sieht sofort zwei Augen an den Wänden, die zurückstarren. Und ein Künstler hat gerade Augen ins Innere unseres Kamins gemalt. Ich entwerfe auch Kissen mit Augen. So habe ich das Gefühl, es sei immer noch jemand zu Hause.“ Klingt irritierend? „Ich finde es belebend.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDesigner