Psychologe im Wohn-Interview

„Wenn Wohnraum knapp wird, führt das zu einer Entwicklungsblockade“

Von Birgit Ochs
 - 14:02

Herr Grünewald, wie wir wohnen, ist ein großes Thema. Egal, ob Wohnungssuche, Hausbau, Einrichtung oder die Fragen, wie wir uns im öffentlichen Raum fühlen – eigentlich dreht sich alles um eins: Wo findet der Mensch seinen Platz? Täuscht der Eindruck, oder gewinnt diese Frage in jüngster Zeit an Bedeutung?

Wir registrieren in der Tat eine gesteigerte Sehnsucht danach, den eigenen Platz zu finden.

Woran liegt das?

In einer Welt, die sich in rasantem Wandel befindet, fällt es schwer, sich zu verorten. Wir erleben eine Entideologisierung, es ist bisweilen nicht leicht zu erkennen, wofür die Parteien stehen. Und auch auf persönlicher Ebene lösen sich die angestammten Platzanweisungen immer mehr auf.

Was meinen Sie mit „Platzanweisung“?

Durch den zugewiesenen Platz erfahre ich, wer ich bin: Was ist meine Position und Identität im Gemenge des Lebens? Schön lässt sich das am Beispiel der Mütter zeigen. Früher stand deren Platzanweisung fest, heute wollen oder müssen sie fünf bis sechs solche Platzanweisungen ausfüllen – als Familienmanagerin, Berufstätige, Freundin, Liebespartner oder Selbstverwirklicher und so weiter. Das führt schnell zu Überforderung.

An anderer Stelle haben Sie angesprochen, dass die Menschen unentwegt damit beschäftigt seien, konkrete Plätze zu finden: den Kitaplatz, den Parkplatz und Platz zum Wohnen. Hat sich das verschärft?

In den wachsenden Städten mit angespannten Wohnungsmärkten bestimmt. Der eigene Platz ist aber extrem wichtig. Er unterscheidet mich von anderen. Mit der Platzfrage ist Wertschätzung verbunden, Sicherheit, ein stabiles Umfeld. Ohne ihn fühlen wir uns heimatlos. Wenn es der Politik nicht gelingt, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ist das auch für die Psyche der Stadtbewohner ein riesiges Problem. Wohnraum gehört zur Grundversorgung. Fehlt er, führt das zu Verunsicherung und trifft auch die Mittelschicht.

Die hat aber meist doch ein schönes Dach über dem Kopf.

Sicher. Aber wenn Wohnraum knapp und teuer wird, führt das zu einer Entwicklungsblockade. Man wird entweder auf einen unangemessenen Platz festgelegt oder muss seine finanzielle Freiheit opfern und sein ganzes Geld aufwenden. Das ist ein existentielles Thema.

In jüngster Zeit werden Parkdecks und kleine Brachen zu Gemeinschaftsgärten, Guerrilla-Gardening boomt, und Erdgeschossbewohner okkupieren im Sommer den Gehweg mit ihren privaten Pflanzenkübeln und Tischchen. Offenbar gibt es das Bedürfnis, sich Platz im öffentlichen Raum anzueignen.

Wir kompensieren seit jeher das Problem, uns nicht verorten zu können, die Entfremdungserlebnisse. Kennen Sie Arthur Millers Drama „Tod eines Handlungsreisenden“? Das ist ein schönes Beispiel für permanente Entfremdung. Der Handlungsreisende ist dauernd unterwegs. In den seltenen Zeiten zu Hause zimmert er seine Veranda. Als er stirbt, heißt es, in dieser Veranda stecke mehr von ihm als in all seinen Handelsabschlüssen. Jeder kennt die Situation, von Termin zu Termin zu hetzen und sich dann am Ende des Tages zu fragen: Was habe ich heute eigentlich geschafft? Aber wir haben den Anspruch, Spuren zu hinterlassen. Und Gärtnern, die eigene Scholle zu beackern oder den Raum, der uns umgibt, zu gestalten bietet genau diese Möglichkeit. Das erklärt übrigens auch die Begeisterung für Publikationen wie „Landlust“. Die Leute, die das lesen, sind ja nicht alles Landbewohner.

Es heißt, Menschen, die in Wohneigentum leben, seien zufriedener als Mieter. Liegt das auch an den Gestaltungsmöglichkeiten?

Ganz sicher. Wer ein eigenes Haus oder eine Wohnung besitzt, hat einen Platz sicher, dem er sich zugehörig fühlt. Einerseits ist er gebunden, finanziell und was die Verantwortung angeht. Andererseits ist er freier als der Mieter. Er kann Wände versetzen, anbauen, umbauen, seinen Besitz gestalten. Das ermöglicht Selbstvergewisserung und schafft Zufriedenheit.

Der Mensch will sich also verorten, sucht aber gleichzeitig Freiheit und Entwicklung?

Ja, als Erwachsene befinden wir uns in diesem ständigen seelischen Spagat. Biographisch starten wir alle in der muckelig-warmen Plazenta. Von dort brechen wir über Kindheit und Jugend hinweg auf und erweitern langsam unseren Radius, suchen einen neuen eigenen Platz. An Weihnachten sind viele wieder in ihre Familien zurückgekehrt – und damit auch auf angestammte Plätze am Esstisch. Man setzt sein harmonisches Gesicht auf, spielt seine Rolle. Die Wenigsten halten das lange aus. Je rigider die Platzanweisung, desto eher wollen wir ausbrechen.

Und die Kehrseite heißt, dass wir in der Fremde das Vertraute suchen?

Ja, meist schon nach zwei Wochen Urlaub sehnen wir uns nach Bekanntem und Verbindlichem, denn wir spüren, dass wir dort keinen Platz haben.

Im städtischen Wohnungsbau gibt es den Trend, mit den neuen „Wohnhöfen“ das Dorf in die Stadt zu bringen. Auch eine Art, sich seines Platzes zu vergewissern, oder?

Das Dorf verbindet, es ist nicht anonym, im Dorf hat jeder seinen Platz. Die Stadt dagegen wächst, ändert sich und bietet eine rastlose Multioptionalität. Ähnlich wie die neuen Wohnhöfe ermöglichen auch die am Stadtrand gewachsenen Reihenhaussiedlungen, das Wohnumfeld überschaubar zu gestalten. Anders können Städte wohl für ihre Langzeitbewohner nicht funktionieren. Auch in Millionenstädten wie Köln herrscht immer dieses Spannungsverhältnis zwischen Metropole und Dorf, zwischen Großmannssucht und Kaffeebud-Atmosphäre.

Erklärt die Suche nach dem Vertrauten zum Teil auch, warum so viele Stadttouristen ein Apartment buchen und sich der Illusion hingeben, Teil einer Nachbarschaft zu werden?

Bestimmt. Allerdings hat das auch etwas mit dem durch das Internet beförderten Wandel vom Besitz- zum Verfügbarkeitsideal zu tun. Bis vor kurzem war es zum Beispiel erstrebenswert, ein Auto zu besitzen. Das Auto als fahrende Plazenta. Aber Besitz bedeutet Verantwortung, ist Aufwand. Den scheuen wir, wollen über die Dinge nur noch verfügen. Selbst die Urlaubsnachbarschaft soll heute einfach buchbar und verfügbar sein. Aber grundsätzlich suchen wir anderswo etwas, was wir von zu Hause kennen. Das erklärt auch den Erfolg von Systemgastronomie oder -hotellerie wie Vapiano, Starbucks oder Motel One. Sie schaffen Vertrauen durch standardisierte Erwartungssicherheit.

Durch den Wiedererkennungseffekt?

Genau. Angebote dieser Art arbeiten mit der Illusion des vertrauten Ortes. Die Stadt ist fremd. Aber im Hotel kenne ich mich aus, denn kennt man eins, kennt man alle.

Wird es zukünftig schwerer, den eigenen Platz zu finden?

In einer globalisierten Welt bestimmt. Wenn man schon mit dreizehn, vierzehn Jahren für ein Jahr ins Ausland geschickt wird und lernt, dass man alle paar Jahre den Job und den Ort wechseln soll, kann das zu ziemlichen Schwierigkeiten führen, seinen Platz zu finden.

Gerade unter jungen Menschen wird Verbindlichkeit aber doch hochgeschätzt.

In der Generation Biedermeier taucht wieder die Sehnsucht nach der Schrankwand auf. Die hatte sich ja mit den Achtundsechzigern erledigt, was in den siebziger Jahren übrigens Ikeas Siegeszug ermöglichte.

Ist die 68er-Generation jetzt auch noch für den Aufstieg des schwedischen Möbeltitans verantwortlich?

Diese Generation ist mit der massiven Eichenschrankwand aufgewachsen – dem Sinnbild für eine Frühversargung.

Frühversargung?

Ja, man umgibt sich schon zu Lebzeiten mit dem Material, das einen dann ins Jenseits bringt. Eine ziemlich extreme Platzzuweisung. Die hat Ikea mit seinem Angebot der kleinen, flexiblen und vor allem unperfekten Möbel zerlegt. Mit Ivar und Co ist man eben nicht mehr für alle Zeiten fertig eingerichtet. Mit Ikea kauft man die Option zu Aufbruch und Neuanfang.

Die Schweden machen mittlerweile aber auch ganz solides Mobiliar.

Ja, aber Ikea kommuniziert nicht, dass die Ware für die Ewigkeit gebaut ist. Auch Senioren schätzen bei Ikea den Aufbruchs-Spirit. Tische und Stühle für die Ewigkeit würden ihnen das Triumphgefühl beim Kauf nehmen – die Gewissheit nämlich, dass man dieses Möbel locker überlebt.

Quelle: F.A.S.
Birgit Ochs
Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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