Tillandsien

Mehr als Luft und Liebe

Von Anne-Christin Sievers
 - 06:17
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Sie sind grün oder grau, haben die bizarrsten Formen – und sie brauchen nur Luft zum Leben, zumindest sieht es auf den ersten Blick danach aus: Tillandsien liegen im Trend. Kein Do-it-Yourself-Blog, kein Einrichtungsmagazin, das die angeblich so anspruchslosen Gewächse nicht wirkungsvoll in der Designerwohnung drapiert.

Das war schon einmal so: „In den achtziger Jahren waren Tillandsien für kurze Zeit als Zimmerpflanzen sehr in Mode. Man hat sie auf Stein geklebt und günstig bei Aldi oder im Baumarkt verkauft“, erinnert sich der 53 Jahre alte Gärtnermeister Timm Stolten. „Auf dem Begleitzettel stand nur: ,Kurz alle paar Wochen besprühen.‘ Man hat den Leuten suggeriert, dass sie von ganz alleine wachsen. So einfach ist es leider nicht.“ Die Pflanzen gingen den meisten ein, der Trend ebbte schnell wieder ab. Damit die faszinierenden Tillandsien dieses Mal nicht das gleiche Schicksal ereilt, gebietet die Pflanzenliebe, mehr über sie zu lernen, bevor man sie hübsch im Wohnraum dekoriert.

Die Tillandsie ist eine Gattung in der Familie der Bromelien, auch Ananasgewächse genannt, und umfasst mehr als 500 Arten. Die Gattung erstreckt sich vom Süden der Vereinigten Staaten bis zur Südspitze Südamerikas, von Florida über Guatemala bis nach Chile. Manche Arten wachsen in heißen Sandwüsten, andere in feucht-tropischen Regenwäldern, manche in bis zu 4000 Metern Höhe. Es gibt grüne und graue Tillandsienarten: Die grünen sind in ihrem natürlichen Lebensraum ein feuchtes Klima mit gleichbleibenden Temperaturen gewohnt und leben meistens auf dem Boden im Schatten oder in den unteren Etagen der Regenwälder; die grauen stammen aus regenarmen Gebieten. Sie mögen es hell, obwohl ihre Blätter bei direkter Sonneneinstrahlung auch verbrennen können, und sind stark schwankenden Tages- und Nachttemperaturen ausgesetzt.

Manche Tillandsienarten wachsen in der Erde, ein großer Teil gehört jedoch zu den Epiphyten, den Aufsitzerpflanzen. Der Wind verbreitet ihre Samen wie beim Löwenzahn. Diese bleiben an einer Baumrinde oder einem Felsen hängen und bilden darauf Wurzeln, mit denen sie sich festhalten.

Auf die Wasserhärte kommt es an

„Das Besondere an vielen Tillandsien ist aber, dass sie ganz ohne Substrat auskommen, weil sie Nährstoffe und Feuchtigkeit über die Blätter aus der Luft aufnehmen können“, erklärt Stolten, der 25 Jahre lang die Bromeliensammlung im Botanischen Garten Heidelberg betreut hat. Deshalb werden sie auch Luftnelken genannt. Betrachtet man ihre Blätter unter der Lupe, so entdeckt man viele kleine Saugschüppchen, die Trichome, die aussehen wie ein silberner Flaum oder zerfetztes Butterbrotpapier. Die Schuppen vergrößern die Oberfläche des Blattes, an ihnen kondensiert Wasser, das sie in die Pflanze saugen. Ist die Tillandsie trocken, so sind die Schuppen mit Luft gefüllt; die Oberfläche erscheint grauweiß. Werden die Blätter benetzt, verfärben sie sich grün. Grüne Arten haben ihre Saugschuppen vor allem im Inneren der Blatttrichter, bei den grauen Arten überdecken sie das gesamte Blattwerk. Daher sehen sie, außer direkt nach dem Einsprühen, immer weiß-gräulich aus.

Das erste Bromeliengewächs fand Ende des 15. Jahrhunderts seinen Weg nach Europa: Kolumbus brachte von seiner zweiten Amerika-Reise eine Ananas nach Spanien mit. Die Gattung Tillandsia selbst hat 1753 der schwedische Naturforscher Carl von Linné aufgestellt. Er benannte sie nach seinem Freund Elias Tillandz, einem finnischen Botaniker. Einer Legende nach wurde dieser auf einer Reise von Turku nach Stockholm so seekrank, dass er den Rückweg lieber zu Fuß auf sich nahm. Linné soll den Gattungsnamen gewählt haben, weil er dachte, dass Tillandsien genau wie sein Freund kein Wasser vertragen.

Vielleicht war das Wasser aber einfach zu hart. Denn das mögen die Luftnelken gar nicht. „Auf die Qualität und Härte des Wassers zu achten ist am wichtigsten“, sagt Stolten. Denn ist zu viel Kalk im Sprühwasser, so bleibt er auf den Blättern zurück und verstopft dort die Saugschuppen. Die Pflanze kann keine Feuchtigkeit mehr aufnehmen und geht ein. „Am besten verwendet man zum Besprühen weiches Regenwasser“, rät der Experte. Hat man keines zur Hand, empfiehlt Stolten, Leitungswasser mit destilliertem Wasser zu strecken. „Ausschließlich destilliertes Wasser sollte man nicht verwenden, denn so entzieht man den Pflanzen über die Exosmose sogar noch Nährstoffe.“ Alle paar Wochen kann man außerdem einige Tropfen Flüssigdünger für Orchideen und Tillandsien in die Sprühflasche geben.

An ihren natürlichen Standorten saugen sich Tillandsien nachts und morgens mit Tau voll, tagsüber trocknen sie. Wie häufig man sie zu Hause im Wohnzimmer mit Wasser besprühen sollte, wie viel Licht sie brauchen und an welchem Standort sie am besten gedeihen, hängt von vielen Faktoren ab. Vor allem aber davon, um welche Art es sich genau handelt und woher sie stammt. „Wenn man eine Tillandsie kauft, sollte man den kompletten lateinischen Namen herausfinden und die Pflegehinweise für die jeweilige Art beherzigen“, rät Stolten. „Außerdem sollte man nur Pflanzen kombinieren, die aus der gleichen Klimazone stammen.“

Luftnelken sitzen nicht gern im Glaskasten

Damit gerade graue Luftnelken sich auch im Wohnzimmer wohl fühlen, brauchen sie viel Licht: „Das Hauptproblem in Innenräumen ist, dass die Sonne ausschließlich durchs Fenster in den Raum fällt. So wird die Tillandsie nur von einer Seite beschienen“, sagt Stolten. Deshalb sollte man die Pflanzen im Sommer, etwa von Mai bis September, am besten nach draußen hängen. Dort bekommen sie von allen Seiten Licht, Luft und auch mal einen Regenschauer ab. Von Mitte September an holt man sie wieder herein.

Im Winter bauen die Pflanzen wegen des Lichtmangels oft ab. Außerdem setzen viele Pflanzenbesitzer den Tillandsien in der kalten Jahreszeit damit zu, dass sie es mit dem Wasser etwas zu gut meinen – die Gewächse faulen und gehen ein. „Wenn man die Pflanzen aufmerksam beobachtet, bekommt man mit der Zeit ein Gefühl dafür, wie oft man sie einsprühen muss. Das kann im Hochsommer täglich sein und im Winter nur alle paar Wochen. Verlieren grünlaubige Arten ihren Blattglanz, ist das ein guter Indikator dafür, dass sie Wasser brauchen.“ Trockenheit halten Luftnelken besser aus als übermäßige Nässe. Ist die Luftfeuchte im Raum aber immer sehr gering, verdursten sie.

Wer die Tillandsien im Raum arrangieren möchte, muss ein paar Dinge beachten, damit es den Pflanzen langfristig gutgeht. So kann man Tillandsien beispielsweise mit Heißkleber auf einer Unterlage befestigen. Dabei sollte man aber laut Stolten Vorsicht walten lassen: „Bei einer normalen Heißklebepistole kann der Kleber bis zu 70 Grad heiß werden. Gibt man diesen heißen Kleber direkt auf die Pflanze, geht sie kaputt.“ Anstatt dessen empfiehlt der Gärtnermeister, den Kleber auf der Unterlage etwas abkühlen zu lassen und die Pflanze erst dann behutsam anzudrücken. Stolten selbst bindet die Tillandsien bevorzugt mit in Streifen geschnittenen Nylonstrümpfen auf den Untergrund – ein Stück Holz, eine Baumrinde oder Kork. Im Gegensatz zur geklebten Variante atmet die Pflanze durch das maschige Material hindurch – so wird sie nicht feucht und fault nicht.

Häufig sieht man in Wohnzeitschriften und auf Do-it-Yourself-Blogs Tillandsien in goldumrandeten Glaskästen sitzen oder in hängenden Glaskugeln mit seitlicher Öffnung drapiert. Das sieht schön aus, der Pflanze tut dieses Arrangement dem Experten zufolge aber nicht gut: „Tillandsien vertragen es nicht, in luftundurchlässigen Gefäßen eingeschlossen zu sein. Die Feuchtigkeit zieht nicht ab, die Gefahr von Pilzerkrankungen steigt. Besser ist es, wenn sie immer von einem sanften Zug umgeben sind und nach dem Bewässern zügig abtrocknen können.“ Luftnelken mit der Spraydose in Gold oder Silber ansprühen, wie man es manchmal sieht, ist nicht zu empfehlen. Denn die Farbpartikel verschließen ihre Poren. „Das sind typische Dekogeschichten: Die Pflanze wird nicht als Dauerkultur betrachtet, sondern dient nur der Floristik wie ein Blumenstrauß, der ein paar Tage gut aussieht und dann weggeschmissen wird. Es tut mir weh, wenn man das nur für den Showeffekt macht.“

Lieber von der Spezialgärtnerei als aus dem Baumarkt

Luftnelken bekommt man zwar im Baumarkt oder Gartencenter. Die Qualität lässt aber manchmal zu wünschen übrig. „Bei aufgebundenen Tillandsien sollte man vor dem Kauf sehr genau hinschauen, ob sie überhaupt noch leben“, rät Stolten. Das sei besonders bei grauen Arten nicht immer leicht zu erkennen, zumal im Handel auch farbig angesprühte Pflanzen zu finden sind. „Ein leichter Kniff mit dem Fingernagel in einen Blattrand hilft. Das Blattinnere sollte grün und vital aussehen.“ Stolten empfiehlt, die Pflanzen besser bei Spezialgärtnereien zu kaufen. Hier könne man sichergehen, dass es sich tatsächlich um die Art handelt, deren Name auf dem Etikett steht, und die Pflegehinweise stimmen.

Eine Tillandsie braucht oft viele Jahre, bis sie blüht. Nach der Blüte stirbt sie langsam ab. Wegschmeißen sollte man sie deshalb aber nicht, denn bevor sie eingeht, bildet sie noch Ableger, sogenannte Kindel. Sie sprießen am Stamm der Mutterpflanze und werden von ihr noch lange Zeit mit Nährstoffen versorgt. Erst wenn die Pflanze ganz tot ist, trennt man die Kindel ab, und die Tillandsien suchen sich einen neuen Ort zum Wachsen.

Die Pflanzen für die oben vorgestellten drei Arrangements hat die Gärtnerei Dötterer der Redaktion zur Verfügung gestellt.

Quelle: F.A.S.
Anne-Christin Sievers
Redakteurin in der Wirtschaft.
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