Neue Vogelhäuser

Piepshow im Wintergarten

Von Anne-Christin Sievers
 - 14:27
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Füttern oder nicht füttern, das ist unter Vogelschützern eine Glaubensfrage - und die Antwort hoch umstritten. Die einen sagen, man greife mit künstlichen Futterquellen unzulässig in den Kreislauf der Natur ein, das mache Vögel faul und träge. Selbst eine ausgewogene Futtermischung könne tierisches Eiweiß nicht ersetzen, das die Flugtiere aus Insekten aufnehmen. Die anderen halten neuerdings dagegen, man müsse sogar ganzjährig füttern, denn Wildvögel fänden wegen landwirtschaftlicher Monokultur und bebauter Flächen immer weniger natürliche Lebensräume und damit Nahrung.

Einigen können sich die Experten zumindest darauf, dass es nicht schadet, Amsel, Rotkehlchen und Blaumeise etwas Futter hinzustellen, dass es ihnen im Winter, wenn es fröstelt, sogar beim Überleben helfen kann. Auch wenn sich der Naturfreund nicht einbilden sollte, auf diesem Weg bedrohte Vogelarten zu retten. Außerdem ist es so schön, vom Fenster aus das bunte Treiben zu beobachten, da fühlt man sich gleich ein wenig naturverbundener und lernt endlich mal, eine Kohl- von einer Blaumeise zu unterscheiden.

Auch aus Sicht des guten Geschmacks spricht nichts mehr dagegen, den Wildvögeln im eigenen Garten ein Zuhause anzubieten. Vorbei die Zeiten, in denen Nistkasten oder Futterstellen für die gefiederten Freunde einer Schwarzwaldhütte oder einem Geräteschuppen glichen - zusammengezimmert aus Birkenholz, Dachpappe und Pressspan. Der Vogelversteher von heute setzt höhere ästhetische Maßstäbe an die Mini-Behausung. Am besten passt sie gleich zu seiner eigenen. Und die Hersteller und Designer kommen diesem Wunsch gern entgegen.

Getreu dem Motto "weniger ist mehr" kommt zum Beispiel das Modell VHT-1 im Bauhausstil daher; laut Hersteller Opossum aus nur einem Stück Aluminiumblech lasergeschnitten. Mit seiner eleganten Silhouette, entworfen von Richard Sinnig, bietet der offene Grundriss auch Platz für größere Vögel. Unter dem breiten Flachdach geschützt liegen die Körnchen, darauf steht eine frostsichere Porzellanschale als Tränke. Ein Ast, der sich durch zwei Löcher hindurchstecken lässt, dient als Landehilfe. Es stellt sich nur die Frage, ob die Vögel ihren Futterplatz nicht mit dem stillen Örtchen verwechseln und ihn verunreinigen.

Wie ein Flugobjekt aus den unendlichen Weiten des Weltraums wirkt dagegen das Vogelfutterhaus PI:P: ein ovales Gebilde, glänzend weiß, mit zwei ebensolchen Öffnungen. Dem deutschen Hersteller Koziol zufolge wurde bei der Entwicklung auf eine ornithologisch korrekte Fütterung geachtet. Ein Silo im Herzen des Raumschiffs spendet nur so viel Futter, wie die hungrigen Schnäbel verdrücken, und verhindert, dass die Besucher auf ihrem Essen herumspazieren. Auch der Sitzrand soll für die Vögel besonders ergonomisch sein. Im Faden an den Baum gehängt, geht es auch als spaceige Christbaumkugel durch.

Transparenz ist Trumpf bei den Futterutensilien der dänischen Designmarke Eva Solo. Der Futterring aus Glas, entworfen haben ihn Claus Jensen und Henrik Holbaek von Tools Design, besticht durch seine schlichte, schöne Form und lässt sich überall dort befestigen, wo Vögel sich gern niederlassen - an Bäumen, Sträuchern oder Dachrinnen. Die Tiere nehmen auf dem innen offenen Ring Platz und picken sich die Körner heraus. Eine Futtersäule gibt es ebenfalls im Programm wie einen geschlossenen Futterring, der sich direkt an der Fensterscheibe befestigen lässt. Das ist schön für alle Zaungäste hinter der Scheibe, die die Vögel aus der Nähe betrachten möchten - hoffentlich schaffen sie es, im Landeanflug frühzeitig genug abzustoppen. Zu Tisch bittet der niederländische Designer Frederik Roijé mit seiner besonders eigenwilligen Futterinstallation "Dish of Desire". Nicht nur ein Haus, sondern ein ganzes System aus aufeinander abgestimmten Elementen soll es darstellen, aus denen, richtig kombiniert, elegante Arrangements aus Tellern und Hauben entstehen. Was mit dem Futter passiert, wenn es mal regnet, schneit oder stürmt, wurde aber offenbar nicht bedacht.

Die Vögel kümmert es natürlich herzlich wenig, ob ihr Futtertrog aussieht wie eine Bauhausvilla, ein Porzellanservice oder ein Raumschiff. Den designverliebten Gastgeber dafür umso mehr.

Dennoch ist es nicht egal, wie das Vogelhaus gestaltet ist. Über allem Sinn für Optik und Formschönheit sollte selbst der Stilbewussteste nicht vergessen, wessen Wohl ein solches Häuschen dient: dem der Vögel. Und die haben bestimmte Bedürfnisse, die der zeitgenössischen Vogelhaus-Architektur manchmal zuwiderlaufen.

Viele Regeln für gute Futterstelle

Bei der Futterstelle geht es schon los: Sie sollte breit überdacht sein, damit die Körner gut vor Nässe geschützt sind. Auch Randleisten sind hilfreich, damit das Futter nicht herausfällt. Außerdem sollte sie so im Häuschen untergebracht sein, dass die Vögel sie nicht mit ihren Exkrementen verschmutzen. Futtersäulen schaffen gleich für beide Probleme Abhilfe: In den röhrenförmigen Gebilden aus Plexiglas bleibt das Futter trocken, die Vögel landen auf Stangen darunter, picken das Futter aus kleinen Öffnungen - der Vogelkot landet auf dem Rasen. Außerdem fällt hier weniger herunter und lockt keine ungebetenen Gäste wie Ratten oder Tauben an.

Eine gute Futterstelle hat zudem eine große Grundfläche und lässt sich leicht reinigen; wenn das Dach auf hohen Säulen steht, können selbst größere Vögel wie Spechte das Angebot nutzen. Das erlaubt es den Besuchern auch, die Umgebung im Blick zu behalten und eine hungrige Katze frühzeitig zu entdecken. Apropos Katze, selbst wenn der Futterständer direkt neben dem Busch bezaubernd aussieht, hier könnte sich der größte Feind von Meise, Amsel und Drossel auf die Lauer legen. Also Abstand halten. Ist die Futterstelle in ausreichender Höhe angebracht, das heißt auf mindestens 1,60 Metern, sind die gefiederten Besucher vor Katzen sicher. Die Station sollte außerdem möglichst weit von der nächsten Fensterscheibe entfernt liegen, denn fliegen Vögel aufgeschreckt dagegen, können sie sich schwer verletzen.

Entscheidend ist außerdem das Material: Scharfe Metallecken und -kanten manch eines modernen Baus machen es Vögeln schwerer, ohne Verletzungsgefahr bequem zu landen, und wirken wenig einladend, um sich bei Minusgraden anzuschmiegen. Wird Glas verwendet, sollte es bruchfest sein. Am besten bietet das Haus zusätzlich eine Tränke, die aus frostsicherem Material besteht und deren Wasser täglich gewechselt wird.

Wer sich übrigens einmal zum Füttern durchgerungen hat, sollte dabei bleiben und nicht etwa das kleine Bauwerk einfach wieder vom Baum hängen, weil man sich an ihm satt gesehen hat. Haben sich Vögel an eine Futterstelle gewöhnt, kann es sie in große Not bringen, wenn bei Frost der Nachschub plötzlich versiegt. Und wird das alte Design-Vogelhaus zu langweilig, kann man ruhig ein paar neue dazustellen: Bietet man Vögeln mehrere Futterstellen an, kommen sie besonders gern wieder - und pfeifen ihre Melodien durch den verschneiten Wintergarten.

Quelle: F.A.S.
Anne-Christin Sievers
Redakteurin in der Wirtschaft.
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