Drinnen & Draußen
Giftiger Garten

Ganz schön gefährlich

Von Ina Sperl
© dpa, F.A.S.

Giftig! Das ist Warnung, hat aber zugleich auch etwas Geheimnisvolles. Eine Pflanze, die anders ist als andere. Nur anschauen ist ungefährlich. Anfassen oder gar davon essen kann Konsequenzen haben. Im schlimmsten Fall den Tod.

Das Mysteriöse, das Giftpflanzen umgibt, macht sie im Krimi zu perfekten Mitteln für Verbrechen. Agatha Christie war Spezialistin auf dem Gebiet. Sie ließ Eibengift und Fingerhut ihre tödliche Wirkung entfalten, auch Rizinussamen, im Sandwich versteckt. Shakespeares Hexen in Macbeth würzen ihren Zaubertrank mit Schierling, durch den schon Sokrates starb, und Hamlets Vater wird durch „Hebenon“ ermordet, eine Giftpflanze, mit der möglicherweise das Bilsenkraut gemeint ist. Im ungarischen Experimentalfilm „Hukkle“ schließlich gehen Frauen zum Wald, pflücken Maiglöckchen. Fläschchen werden gehandelt. Männer sterben.

Todesfälle nur sehr selten

Im wahren Leben sind Todesfälle durch Pflanzen glücklicherweise äußerst selten. Viele Gewächse gelten als giftig, doch zum Töten taugen die wenigsten von ihnen. Zu große Mengen müssten gegessen werden, um mehr als Unwohlsein hervorzurufen. Eine kleine Gruppe von etwa 15 Pflanzen allerdings hat es in sich, und mit der ist nicht zu spaßen.

Manche der Gewächse wirken geheimnisvoll: Das Bilsenkraut hat hellgelbe Blüten mit dunkelvioletten Adern, die einen eigenartigen Geruch verströmen. Vor allem die Samen sind giftig: sie enthalten unter anderem Alkaloide, die außer Halluzinationen auch zu Koma und Atemlähmung führen können. Da Bilsenkraut eine berauschende Wirkung hat, wurde es im Mittelalter manchmal auch dem Bier zugesetzt - ungeklärt ist, ob der Name Pilsen damit im Zusammenhang steht.

Auch der Aronstab gehört zu den Mysteriösen: Im Frühjahr sprießen seine Blätter aus dem Waldboden, dann erscheint eine Blüte, die aus einem einzelnen Blatt und einem Kolben besteht. Später bilden sich Beeren, die erst grün, dann korallenrot sind. Die Pflanze ist so interessant, dass viele Gärtner sie zur Zierde ins Beet holen. Doch ist Achtsamkeit geboten, denn bei Kontakt reizen die Giftstoffe die Haut, und werden Beeren gegessen, kommt es zu Übelkeit, Durchfall und Krampfanfällen.

Halluzinationen, Herzrasen, Koma

Der Stechapfel hat große weiße oder violette Blüten, die stark duften. Auffällig sind seine Früchte, die an stachelige Kastanien erinnern und schon unheilvoll aussehen. Wenn sie reif sind, springen sie auf und geben die toxischen Samen frei. Halluzinationen, Herzrasen, Koma können eintreten, wenn Pflanzenteile gegessen werden. Ähnlich stachelig, nur ungleich dekorativer sind die Früchte der Rizinuspflanze. Sie kommt vor allem als Zierpflanze vor, doch ist sie mit Vorsicht zu behandeln. Denn hier tragen die Samen ein Gift in sich, das zu Kreislaufversagen und Tod führen kann.

Auffällig ist auch das Pfaffenhütchen: Die Farbkombination der Beeren - dunkles Pink und leuchtendes Orange - ist hierzulande selten. Sie schmecken den Vögeln, aber Menschen sollten davon nicht kosten. Zwar zählt das Pfaffenhütchen nicht zu den giftigsten Pflanzen, doch kann es zu Leber- und Nierenschäden kommen.

Vor allem für Kinder verführerisch

Nicht ganz so einfach zu identifizieren ist der Schierling, denn er sieht anderen weißen Doldenblühern, wie etwa dem harmlosen Kälberkropf, sehr ähnlich. Eindeutiges Kennzeichen ist aber, dass er unangenehm riecht. Die schwarzen Flecken auf seinen Stengeln sind weiterer Hinweis, dass man einen großen Bogen um die Pflanze machen sollte.

Ins Gartenbeet gepflanzt wird dagegen häufig der Blaue Eisenhut. Seine Blüten in allen Tönen von Himmelblau bis zu tiefem Violett erinnern an kleine Helme. Die Pflanze ähnelt dem Rittersporn, ist aber eine der kritischsten: Alle Teile sind toxisch, und wer auf die Idee käme, von der Wurzel zu essen, würde sein Leben riskieren. Die darin enthaltenen Stoffe betäuben und lähmen nach und nach den gesamten Körper. Ebenfalls allgegenwärtig ist die Eibe. Kaum jemand würde wohl die Nadeln essen, doch die leuchtend roten Früchte sind vor allem für Kinder verführerisch. Sie sind sogar essbar, doch die Gefahr lauert im Kern: Er gehört zu den giftigsten Teilen der Pflanze. Unheilvoll kann auch der Goldregen sein. Schön sind seine hellgelben Blütenstände im Frühling anzusehen. Doch bildet er kleine Schoten, die äußerst giftige Samen enthalten. Werden sie gegessen, kann es im schlimmsten Fall zu Atemlähmung oder Kreislaufversagen kommen.

Im Extremfall Herz-Kreislauf-Versagen

Ganz harmlos sieht die Herbstzeitlose aus: Die rosafarbenen Blüten öffnen sich im September und sind unverwechselbar, doch das Laub, das im Mai sprießt, erinnert an Bärlauch. Wer hier unachtsam bei der Ernte ist, riskiert im Extremfall ein Herz-Kreislauf-Versagen.

Blauer Eisenhut hat es in sich: Vergiftung führt zur Übelkeit, Herzrhythmusstörungen und Krämpfen – in schweren Fällen Lähmungen bis hin zum Tod.
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So etwas kommt gar nicht so selten vor. Bei Giftnotrufzentralen wie der des Universitätsklinikums Bonn rufen Menschen nach dem Verzehr von selbstgesammeltem vermeintlichen „Bärlauch“ an. Oder auch, weil Kinder unbekannte Beeren in den Mund gesteckt haben. Carola Seidel, stellvertretende Leiterin der Giftzentrale, kennt die verschiedensten Fälle, in denen es zu engem Kontakt mit den Pflanzen gekommen ist. Ein Grund sei die Unkenntnis. „Botanisches Wissen, das in der Schule vermittelt wird, geht heute gegen null“, sagt sie. Dazu kommt Furcht. „Die Natur ist schwer zu greifen. Es gibt eine große Unwissenheit um Giftigkeit und Ungiftigkeit, das macht Angst. Dabei ist es heute einfach, sich zu informieren. Und wer die Pflanzen kennt, kann Gefahren besser abschätzen. „Eine Familie mit kleinen Kindern wird sich nichts Giftiges in den Garten holen. Aber warum sollte jemand, der 50 ist, ohne Kinder im Umfeld, keine Engelstrompeten oder Seidelbast im Schrebergarten haben?“

Die Angst ist weit verbreitet. Eltern reagieren panisch auf Eiben in der Nachbarschaft des Kindergartens, auch Efeu wird kritisch beäugt. Anstatt alles Bedrohliche verbannen zu wollen, was ohnehin kaum machbar ist, sollte man es besser kennenlernen. Mit giftigen Gemüsen leben Menschen seit langem in harmonischem Einklang, denn sie sind bekannt. Grüne Bohnen dürfen nur gekocht gegessen werden, sonst verursachen sie Bauchschmerzen und Krampfanfälle. Tomaten und Kartoffeln enthalten Solanin in den grünen Pflanzenteilen. Das weiß beinahe jedes Kind. Darüber hinaus sollte gelten: nichts ungefragt pflücken und essen.

Wichtigsten Giftpflanzen erkennen

Für mehr Wissen setzt sich daher auch Burkhard Bohne, Gärtner und Technischer Leiter des Arzneipflanzengartens der TU Braunschweig ein. „Wenn Sie die wichtigsten Giftpflanzen kennen, kann eigentlich nichts passieren.“ Drei Gruppen unterscheidet er. Bei den giftigsten reichen schon sehr kleine Mengen aus, um krank zu machen. Dazu gehören außer Stechapfel, Bilsenkraut, Herbstzeitlose, Seidelbast, Blauem Eisenhut und Schierling auch die Tollkirsche, der Aronstab, der Goldregen und die Eibe. Maiglöckchen, Oleander, Pfaffenhütchen fallen in die zweite Gruppe. Wenn sie verzehrt werden, kann das ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Die allermeisten der klassifizierten Pflanzen sind laut Bohne allerdings schwach giftig, kaum jemand wird von ihnen so viel zu sich nehmen, dass mehr als Bauchschmerzen hervorgerufen werden: Pfingstrosen, Rittersporn und Liguster sind darunter. Appetitlich sind sie sowieso nicht: „Die meisten schmecken äußerst bescheiden.“ Die einzig wirklich trügerischen seien die schwarzen Beeren der Tollkirsche. Sie sehen nicht nur einladend aus, sondern sind fatalerweise auch süß. Schon wenige können zu Herzrasen und Tod führen.

Dabei hat diese Pflanze, wie so viele andere auch, durchaus gute Seiten. Das enthaltene Atropin wird in der Medizin eingesetzt. Denn Stoffe, die giftig sind, können oft auch heilen. „Die Dosis macht das Gift“, weiß Bohne. Ein Viertel aller Arzneipflanzen sind toxisch, und der Grat zwischen Heilung und Vergiftung ist oft schmal. Eisenhut wurde jahrhundertelang als Fiebermittel verwendet, Fingerhut war lange die einzige Medizin fürs Herz. Pflanzen als Medizin sind heikel, da ihre Wirkstoffe je nach Jahreszeit und Standort variieren können. Denn wenn schon winzige Dosen ausreichen, um jemanden gesund zu machen, kann ein Zuviel schnell ungewollte Folgen haben.

Respekt ist also geboten, und ein bisschen Pflanzenkenntnis. Schwierig wird es allerdings, wenn sich unbekannte Kräuter in den Garten mogeln. Die Hundspetersilie zum Beispiel. Sie ist mit der essbaren Petersilie verwandt, ähnelt der glattblättrigen Variante. Da sie ähnliche Standortbedingungen mögen, kann sich die Hundspetersilie auch mal ins Kräuterbeet verirren, warnt Bohne. Wird sie jedoch gegessen, kann es zur Atemlähmung kommen. Die Verwechslungsgefahr liegt aber ähnlich wie bei Bärlauch und frisch austreibenden Maiglöckchen: So wie das Maiglöckchen keine Knoblauchnote hat, fehlt der Hundspetersilie das typische würzige Aroma. Wer beim Pflücken also alle Sinne bemüht und die Riechprobe macht, ist auf der sicheren Seite.

Quelle: F.A.S.
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