Schlafzimmer im Blick

Nur schlafen ist nicht mehr genug

Von Birgit Ochs
 - 12:52
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Na, gut geschlafen? Wirft man einen Blick auf das Angebot an Schlafzimmermobiliar, dann dürfte einer angenehmen Nachtruhe eigentlich nichts im Wege stehen. Es gibt Wasserbetten und die zurzeit sehr beliebten Boxspringbetten, Betten mit Holzrahmen oder stoffbezogen, dazu Matratzen für Bauch-, Seiten- und Rückenschläfer aus Natur- oder Hightechfasern, handgenäht, mit und ohne „aktive Schulterkomfortzone“, neuerdings auch Taschenfederkerne aus Kunststoff und, und, und. Die Auswahl in allen Preisklassen scheint schier unerschöpflich, wie und auf was man sich bettet. Dazu kommen Kommoden, Schränke, Sideboards und Nachttischchen für die Ordnung im Schlafzimmer. Leuchten, Sessel, Bettwäsche und Kissen für Atmosphäre und Behaglichkeit. Die Vielfalt all dessen wird auch die Messe imm cologne zeigen, auf der von diesem Montag an Designer und Möbelhersteller sieben Tage lang Neuheiten präsentieren.

Aus Großbritannien beispielsweise ist erstmals Hypnos vertreten mit seinem Angebot an handgefertigten Luxusbetten, das auf all jene zielt, die royale Opulenz lieben. Der nordrhein-westfälische Hersteller Stiegelmeyer dagegen will mit seiner Kompetenz für Krankenhausbetten auch bei jungen Familien punkten. „Suite eMotion“ heißt ein Modell, das vieles kann, was man von einem Pflegebett erwarten würde. Es ist schwenkbar und lässt sich per Fernbedienung in drei Höhen verstellen, sieht jedoch wohnlicher aus und wird vom Hersteller als idealer Aufenthaltsort gepriesen: für ein Frühstück im Bett, einen Spielenachmittag mit dem Nachwuchs oder einen Fernsehabend. Ach ja, schlafen kann man darin übrigens auch.

Mit gewohnter Leichtigkeit gehen die Müllerwerkstätten aus dem Niedersächsischen das Thema an. Bockbett (Design Michael Hilgers) heißt das jüngste Modell. Es trägt seinen Namen, weil Kopf- und Fußteile als Handwerksböcke gefertigt sind, verspricht einen unkomplizierten Aufbau und ist ein Fall für alle, die es unkompliziert und puristisch mögen. Anbieter Tempur Sealy aus Steinhagen hingegen wartet mit einer Art Baukastensystem auf, aus dem sich ein Bett nach eigenem Gusto konfigurieren lässt. Um allein nur mal vier prägnante Beispiele aus der Betten-Vielfalt zu nennen.

„Das Thema Schlafzimmereinrichtung hat ganz klar eine Aufwertung erfahren, für deutsche Verhältnisse fast schon einen Aufschwung“, sagt Ursula Geismann, Sprecherin des Verbands der Deutschen Möbelindustrie (VDM), und diagnostiziert, dass die Bedeutung des Mobiliars und der Umgebung für den Schlaf zunehmend ins Bewusstsein der breiten Bevölkerung rücke. Man könnte auch sagen: Die Anbieter tun alles dafür, dass wir uns endlich auch im Schlafzimmer richtig einrichten.

Raum für Raum haben sich im Laufe der vergangenen Jahre die Ansprüche und Bedürfnisse gewandelt. Grundrisse sind offener und flexibler geworden. Das klassische Wohnzimmer hat an Bedeutung verloren. Die Küche hat sich geöffnet – und ist aus der Nische immer mehr ins Zentrum gerückt. Dort wird sie nicht mehr als Arbeitsplatz, sondern als Aufenthaltsort, Begegnungsstätte, ja, Kreativwerkstatt definiert. Der Flur ist nicht mehr nur Wegefläche, sondern wird, wenn irgend möglich, zum Wohnen genutzt. Und nachdem zuletzt auch das Bad zum Wellness-Tempel(chen) umgedeutet wurde, ist nun das Schlafzimmer dran.

„Der Raum wird wohnlicher, das ist ein klarer Trend“, bestätigt auch Innenarchitektin Ute Günther. Der Planerin aus dem Großraum München zufolge wandelt sich das Schlafzimmer zum Ruheraum für alle Tageszeiten, der Platz bietet zum Lesen, Meditieren, Yoga machen – und den man auch mal herzeigen kann.

Ecken und Kanten ausleuchten

Wie er sich dafür angemessen in Szene setzen lässt? Zum Beispiel, indem man das Bett als Möbel inszeniert – mittels Tagesdecke und Wurfkissen etwa. Auch ausgewählte Möbelstücke wie eine Kommode oder ein Schminktisch machen sich gut. Zudem spielt das Licht eine entscheidende Rolle. Planerin Günther empfiehlt da lieber mehr als zu wenig. Oft gibt es lediglich eine Decken- und eine Nachttischleuchte. „Doch auch in kleinere Räume kann man mit dem richtigen Licht Atmosphäre bringen, indem man Zimmerecken und Kanten ausleuchtet.“ Ein Beispiel aus der Praxis: In einem Zimmer mit Dachschrägen etwa kann ein richtig in der Sockelleiste positioniertes Band aus LED-Leuchten optisch den Raum heben. Entscheidend zum Wohlfühlen trägt ein angenehm warmer Boden bei, und das nicht nur morgens beim Aufstehen. Wer keine Fußbodenheizung besitzt, sollte daher einen warmen Untergrund wie etwa Holz wählen. „Vor allem aber ist Teppichboden dank der neuen Fasern und besseren Staubsauger wieder im Trend“, hat die Innenraumgestalterin beobachtet.

So weit, so gut. Noch allerdings ist es mit der gepriesenen und beworbenen schönen neuen Schlafzimmerwelt nicht weit her. Fragt man Planer und Inneneinrichter, welchen Aufwand Bauherren und Kunden bei der Gestaltung im Vergleich zu anderen Räumen treiben, dann lautet die Antwort in der Regel: wenig. Das deckt sich auch mit der Erfahrung von Ute Günther: „Die Aufmerksamkeit, die man dem Schlafzimmer zuteil werden lässt, ist sehr gering“, formuliert sie. Nur unter vermögenderen Bauherren sei das anders.

Insofern verwundert die Wikipedia-Charakterisierung: Das Schlafzimmer spiegele als intimer Raum den Stilgeschmack und die Individualität der Bewohner wider. Intim stimmt, individuell ist in vielen Schlafzimmern allerdings nur wenig. Die traurige Standardlösung sieht vielmehr so aus: Da in diesem Land Einbauschränke und Ankleidenischen keine Tradition haben, drängen sich in Wohnungen älteren Baujahrs auf wenig Raum Bett und Riesenschrank , dazu noch Koffer, Staubsauger, die Ansteckplatten für den Ausziehtisch und dergleichen mehr. Im Organismus ihrer Wohnung empfinden ziemlich viele Menschen das Schlafzimmer daher als Problemzone. Doch mangels fehlender Quadratmeter lässt sich daran nur wenig ändern, auch wenn sie wollen.

Von Architekten und Einrichtern hört man immer wieder, am Schlafzimmer werde seitens der Bauherren gespart. Das führt zur Frage, wie viel sich die Deutschen ihre Schlafzimmerausstattung im Schnitt kosten lassen? „Seriös lässt sich das nicht beziffern, das gibt die Statistik nicht her“, erläutert VDM-Sprecherin Geismann. Was Marktbeobachter bestätigen: Das Matratzengeschäft dürfte 2017 rückläufig gewesen sein, während der Markt für Boxspringbetten weiter wächst. „Diese Welle ist noch nicht vorbei“, erwartet Ursula Geismann. Auch wenn es um die Durchschnittsgröße hiesiger Schlafräume geht, bewegt man sich im Ungefähren.

In einem Baublog von Fertighaus Schwörer werden 12 bis 15 Quadratmeter als Richtschnur genannt – im Neubau inklusive Kleiderschrank. Innenarchitektin Günther geht von durchschnittlich 16 Quadratmetern aus und findet das mit Schrank schon zu klein. Denn „dann bleibt nur noch ein Gang rund ums Bett, da hat man doch schon keine Lust mehr, reinzugehen“. Grundsätzlich gelten Spiegel als gute Möglichkeit, Räume größer wirken zu lassen. Aus Erfahrung der Planerin sind große spiegelnde Flächen aber im Schlafzimmer nicht unbedingt erwünscht. „Die Frage ist ja, was sich spiegelt – das vollgestopfte Zimmer? Das würde die Unruhe nur verstärken.“

Dass es ausgerechnet um die Aufenthaltsqualität jenes Raums, in dem der Durchschnittsschläfer immerhin 7,5 Stunden verbringt, eher schlecht bestellt ist, sieht auch der Psychologe und Schlafforscher Jürgen Zulley: „Dabei ist die nächtliche Ruhe ein Riesenthema, immerhin leiden 10 bis 15 Prozent unter handfesten Schlafstörungen.“ Weit mehr noch sind mit ihrem Schlaf unzufrieden.

Eine Frage der Perspektive

Nun gibt es viele Ursachen für schlechten Schlaf, und die suboptimale Wandfarbe ist wohl eher das kleinere Problem. „Dennoch kann die richtige Schlafzimmergestaltung einiges dazu beitragen, dass wir besser zur Ruhe kommen“, sagt der Psychologe. Das fängt schon bei der Auswahl des Zimmers an: Als ideal gilt ein nicht zu kleiner Raum mit Ausrichtung nach Osten, der Morgensonne wegen. Gut abdunkeln lassen muss er sich aber auch. „Wie dunkel man es braucht, das ist individuell verschieden, aber Licht macht nun mal wach, daher kein Verzicht auf Verdunklung aus gestalterischen Zwängen“, sagt er.

Es liegt auf der Hand, dass ein vollgestelltes Zimmer für eine ruhige Atmosphäre kontraproduktiv ist. „Vermeiden Sie alles klaustrophobische“, mahnt Ute Günther. Bei der Raumgestaltung sollte man ohnehin unbedingt auf die Perspektive achten. Wer im Bett liegt, blickt von unten nach oben. „Schaut man so auf einen schwarzen Kleiderschrank, kann das bedrückend wirken“, sagt Zulley und rät daher zu eher helleren Tönen.

Zudem gehört alles aus diesem Raum verbannt, was an Arbeit erinnert: Schreibtisch und Computer, aber auch das Bügelbrett und der Staubsauger haben demnach dort nichts verloren. Ebenso erteilt der Schlafexperte dem Smartphone Zimmerverbot: „Sonst wird es schwer mit dem Abschalten.“ Auch der Flachbildschirm, der mittlerweile schon fast zur Standardausstattung zählt, hat dort nach Ansicht der Fachleute nichts verloren.

Man müsse sich unbedingt vor dem Schlafengehen Zeit nehmen, zur Ruhe zu kommen, fordert Psychologe Zulley. Denn Reizzufuhr und Zeitdruck bestimmten längst auch unsere Freizeit. „Ins Bett hetzen, die Augen zupetzen und einschlafen – das funktioniert nämlich meist nicht.“ Da nützen dann auch die schönste Gestaltung, das gemütlichste Bett und die handgenähte Komfortmatratze nichts.

Quelle: F.A.S.
Birgit Ochs
Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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