Schöner neuer Garten

Ein echter Augenschmaus

Von Ina Sperl
 - 10:33
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Die Hecke am Feldrand ist voller Leben: Vögel stibitzen Beeren, Insekten umschwirren die Wilden Möhren, die am Saum blühen. Heuschrecken springen auf. Im sicheren Bau unter der Erde leben Mäuse und andere Nager, denn hier gibt es Futter genug.

Der große Schlehdorn hat bereits Früchte angesetzt, noch tragen sie erst einen Hauch von Blau. Auch die Früchte des Weißdorns verfärben sich erst allmählich. Doch an den langen Ranken der Brombeeren, die sich durch dieses Stückchen Wildnis ziehen, sitzen reife Früchte. An einem Baum hängen kleine Äpfel, und auch eine Birne hat sich angesiedelt, vielleicht sogar ohne menschliches Zutun.

Solche Wildobsthecken sind nicht mehr allzu häufig zu finden. Hier wächst alles neben- und durcheinander, die Pflanzen suchen sich ihren Platz. Für Tiere sind sie Zufluchtsort, Lebensraum und Futterstelle.

So vertraut wie die Brombeere, so unbekannt wie die Pawpaw

Die Hecke sieht „natürlich“ aus, obwohl sie sich mitten in einer Kulturlandschaft bestellter Felder befindet. Sie grenzt die Äcker voneinander ab, bricht den Wind. Sie nimmt Raum ein, kann mehrere Meter breit sein, vor allem Gehölze wie der Schleh- und der Weißdorn werden groß.

In einen Reihenhausgarten lässt sich so eine Hecke nicht pferchen. Glücklicherweise gibt es für solche Grundstücke andere Lösungen. Wildobstgehölze können auch als Einzelsträucher, als Spalier, manche sogar im Topf in den Garten geholt werden.

Hagebutten und Holunderbeeren, Mehlbeeren und Schlehen werden seit Jahrhunderten genutzt. Mispeln gehörten einst in jeden Garten, bis sie in Vergessenheit gerieten. Japanische Weinbeeren sind eher neu in unseren Breiten und kaum bekannt, ähnlich ist es mit den Ölweiden. Wildobst kann so vertraut sein wie die Brombeere, aber auch so unbekannt wie die Pawpaw.

Das Spektrum ist breit

Das Spektrum ist breit, reicht vom Allerweltsgehölz bis zu aus unserer Sicht exotisch anmutenden Pflanzen. Strenggenommen handelt es sich bei Wildobst um Pflanzen, die sich ohne menschliches Zutun entwickelt haben: Sämlinge von wilden Äpfeln zum Beispiel. Reine Wildformen sind mitunter jedoch nicht mehr eindeutig zu identifizieren, denn oft kreuzen sich auch Kultursorten in die Pflanzen ein.

Auslesen sind oft weniger bitter oder sauer, ergiebiger oder einfacher zu ernten. Der Begriff Wildobst umfasst daher sowohl reine Wildformen als auch Sorten, die züchterisch wenig bearbeitet sind. Sie alle sind interessant für den Garten - sei es, weil sie gut schmecken, einen ökologischen Nutzen haben oder besonders robust und pflegeleicht sind. Viele der Gehölze brauchen nur wenig Aufmerksamkeit, wenn sie sich einmal etabliert haben.

Manchmal möchte durch eine etwas wildere Anmutung im Garten die Sehnsucht nach der Natur befriedigt werden. Manchmal soll auch das Wohlergehen der Tiere im Mittelpunkt stehen. Vögel brauchen nicht nur Futter, sondern auch einen Platz zum Nisten. Vom ökologischen Gedanken einmal abgesehen, bietet Wildobst auch einen ästhetischen Genuss.

Pflanzenanordnung nach Blühperiode

Die zarten Blüten der Felsenbirne, das leuchtende Rot oder Lachsrosa der Scheinquitten, die weißen Wolken der Wildäpfel im Mai sind Fixpunkte im Frühjahr. Im Herbst entsteht ein ganz anderes Bild: Die Beeren leuchten zwischen dem gelb werdenden Laub und sind eine natürliche Dekoration, ehe sie von den Tieren - oder den Menschen - verzehrt werden.

Wenn genügend Platz für eine größere Auswahl vorhanden ist, können die Pflanzen so zusammengestellt werden, dass eine möglichst lange Blüh- und Fruchtperiode entsteht: Kirschpflaumen und Scheinquitten gehören zu den Ersten, die im Jahr blühen.

In ihren Blüten finden Bienen und Hummeln Nahrung. Die Blaue Heckenkirsche bringt ab Ende Mai die ersten Früchte, gefolgt von der Felsenbirne. Apfelbeeren werden von den Vögeln im August vertilgt, Hagebutten und Wildäpfel bleiben bis zum Winterende hängen.

Gefundenes Fressen

Je dichter eine Blüte, desto schwieriger ist es für Insekten, hineinzugelangen. So attraktiv gefüllte Rosen oder Storchschnäbel sein mögen: Bienen und Hummeln gehen bei diesem Vergnügen meist leer aus. Auch viele der weitverbreiteten Gartengehölze wie Rhododendron und Forsythien haben den Insekten wenig bis nichts zu bieten.

Die Tiere finden keinen Nektar oder können die Blüten nicht bestäuben, und so gibt es auch keine Früchte. Aus ökologischer Sicht ist das ein Verlust, denn an dieser Stelle hätte eine Pflanze wachsen können, die mehr Nutzen bringt - ohne weniger schön zu sein.

Insekten profitieren von der Blüte der Wildobstgehölze. Brombeeren und Wildrosen, aber auch Schleh- und Weißdorn haben viel Nektar. Kleine Säugetiere fressen junge Triebe, Knospen, Blätter und manchmal Wurzeln der Gehölze, aber auch die Früchte. Haselmaus und Siebenschläfer lieben zum Beispiel Kornelkirschen, bei Steinmardern stehen Hagebutten auf dem Speiseplan.

Garten ökologisch aufwerten

Für viele Vögel gehören die Früchte zu den wichtigsten Nahrungsmitteln: Brombeere und Felsenbirne, Holunder, Kornelkirsche, Traubenkirsche und Weißdorn sind die beliebtesten. Vor allem Amsel, Blaumeise und Grasmücke, aber auch Kleiber, Kernbeißer und Rotkehlchen ernähren sich von Beeren.

Star, Drossel, Grünfink oder der Zeisig mögen auch gern Hagebutten. Wildobstgehölze sind aber nicht nur für die Nahrung, sondern auch als Lebensraum interessant. Strauchbrüter nisten sich gerne in Hecken ein, viele bevorzugen unterschiedliche Reviere. Während Hänflinge, Neuntöter und Buchfinken am liebsten weit oben nisten, fühlt sich die Heckenbraunelle meist auf einem Meter Höhe wohl.

Rotkehlchen und Zaunkönig, Grasmücke und Zilpzalp bleiben lieber in Nähe des Bodens und bauen ihr Nest tief im Inneren der Gehölze. Dorniges wie Schlehdorn bietet besonderen Schutz. Kleine Säugetiere wie die Haselmaus bauen sich gerne ihren Kobel in Büschen in der Nähe von Futterpflanzen wie der Haselnuss.

Wildobst ist eine gute Wahl, wenn es darum geht, den Garten ökologisch aufzuwerten. Auch verändern die laubabwerfenden Sträucher und Bäume das Gartenbild, im Gegensatz zu den sonst viel verwendeten Immergrünen wie Buchs und Kirschlorbeer, die weitgehend gleich bleiben. An Apfelbeeren oder Felsenbirnen lassen sich die Jahreszeiten ablesen: Sie blühen im Frühjahr, sie bekommen Früchte und darüber hinaus noch eine bunte Herbstfärbung, ehe sie dann ihr Laub verlieren. Im nächsten Frühling beginnt der Zyklus von neuem.

Für jeden Garten

Der Garten muss nicht groß sein, um Wildobst integrieren zu können. Wenn kein Platz für eine Hecke oder einen Baum ist, lassen sich kleine Gehölzgruppen oder Solitärsträucher pflanzen, und manches passt sogar in einen Balkonkübel. Bei der Auswahl immer auf die Größe und Umfang sowie den Verbreitungsdrang der Pflanzen achten: Schlehen und Sanddorn wollen sich Raum erobern, Apfelbeeren bescheiden sich mit etwa einem Quadratmeter.

Sträucher sind eher schnell in den Garten geholt. Die Entscheidung, einen Baum zu pflanzen, ist eine ganz andere und will gut abgewogen sein. Hier blickt man in die ferne Zukunft. Bis ein Bäumchen herangewachsen ist, vergehen Jahrzehnte, selbst bis zur ersten Ernte kann es mitunter viele Jahre dauern.

Diese zeitliche Dimension macht den Baum besonders. Er lebt voraussichtlich länger als derjenige, der ihn gepflanzt hat. Wie wird der Garten dann aussehen, wie die Häuser? Wer wird ernten?

Im Topf brauchen Pflanzen viel Platz

Einige Wildobstpflanzen kommen auch im Topf zurecht, brauchen allerdings viel Platz für die Wurzeln. Damit ein Wildapfel gedeihen kann, sind mindestens 50 Liter Erde nötig - und ein sehr großer Pflanzkübel. In ähnlich großen Gefäßen wachsen Berberitze, Felsenbirne und Filzkirsche auch auf dem Balkon.

Mit etwas weniger, einem 30-Liter-Topf, kommen Japanische Weinbeeren, Him- oder Johannisbeeren aus. Bei wenig Platz eignen sich Heidelbeeren oder Walderdbeeren. Alle Pflanzen im Topf sind stark auf menschliche Hilfe angewiesen.

Sie brauchen stets genügend Wasser, zunächst aber einmal gute Erde - torffreie am besten. Ideal ist zum Beispiel Dachsubstrat, das für die intensive Begrünung von Dächern, etwa mit Stauden und Gehölzen, entwickelt wurde. Es hält sowohl Wasser als auch Nährstoffe gut. Pflanzen in Töpfen sollten jedes Frühjahr gedüngt werden: Pro Liter Erde etwa fünf bis zehn Gramm organischen Dünger zugeben.

Wildobst auch in den kleinen Garten integrieren

Selbst wenn kein Platz für eine ausladende Vogelschutzhecke ist: Wildobst lässt sich auch in einen kleineren Garten integrieren. Viele Gehölze haben sowohl Insekten und Vögeln als auch Menschen etwas zu bieten. Sie sehen bei der Blüte im Frühjahr, mit dem Fruchtbehang im Sommer und vielleicht mit einer Herbstfärbung auch noch schön aus. Dazu gehören zum Beispiel die Felsenbirne und die Apfelbeere.

Die Apfelbeere lässt sich etwas kleiner halten als die Felsenbirne, sie wird zwei bis drei Meter hoch, während die Felsenbirne je nach Sorte auch um das Dreifache in die Höhe wachsen kann. An beiden naschen gerne Vögel - die Tiere kommen den Menschen meist zuvor.

Wildäpfel und Berberitzen passen ebenfalls in den nicht allzu großen Garten. Die zierlichen Wildapfelbäume sind nicht nur im Frühjahr zur Blütezeit eine Zierde, sondern auch im Herbst, wenn sich die Zweige unter der Last der gelben und roten Äpfelchen biegen. Meist werden die Äpfel von Vögeln verschmäht, bis diese nichts anderes mehr im Garten finden: Daher haben die Menschen lange etwas davon.

Gestaltungsspielraum

Berberitzen sind dornig und können schnell zu einem Dickicht heranwachsen, was nistenden Vögeln Schutz bietet. Im Garten muss es allerdings im Auge behalten werden, wenn auch noch anderes dort wachsen soll. Ähnlich ist es bei Wildrosen: Besonders wehrhaft ist die Zaun-Rose (Rosa rubiginosa), besonders robust die Kartoffel-Rose (Rosa rugosa), dekorativ die Hundsrose (Rosa canina).

Sie eignen sich zum Beispiel für Wildrosenhecken, die notfalls auch einen Schnitt gut vertragen. Alle bekommen Hagebutten, die im Herbst vitaminreiche Nahrung für Vögel und kleine Säugetiere bieten.

Bei mehr Platz gibt es meist mehr Gestaltungsspielraum - hier lassen sich raumgreifendere Gehölze pflanzen, zum Beispiel Weißdorn. Dazu gehören auch der schnell wachsende Holunder und die Mehlbeere, die viele Jahre braucht, um sich zu einem zehn Meter hohen Baum zu entwickeln. Auch die Traubenkirsche und die Vogel-Kirsche wachsen hoch, ihre Früchte sind zwar essbar, werden doch meist lieber den Tieren überlassen, weil sie bitter schmecken.

Schlehdorn und Sanddorn sehen schön aus, treiben aber Ausläufer. Vielleicht ist der Garten jedoch so groß, dass sie sich dort entwickeln dürfen. Schlehdorn blüht im Frühjahr üppig und bekommt blau bereifte Beeren, die erst nach starkem Frost essbar werden.

Damit Sanddorn fruchtet, müssen mindestens eine männliche und eine weibliche Pflanze gesetzt werden. Selbst wenn man das Sanddornaroma gern mag: Die gelb- bis orangefarbenen Früchte sind schwer zu ernten, sodass mancher sie dann doch gern den Vögeln überlässt.

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Auszug aus dem Kapitel: Wildobst für den Naturgarten. Das Buch „Wildobst. Schlehe, Hagebutte und Co. für meinen Garten“ von Ina Sperl erscheint am 15. September im Verlag Eugen Ulmer, 168 S., 24,90 Euro

Quelle: F.A.S.
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