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Wildblumen

Was früher als Unkraut galt

Von Ina Sperl
 - 11:37
Der Sonnenhut besitzt jede Menge Leuchtkraft. Bild: ddp Images, F.A.S.

Ungefüllte Blüten, feine Ähren von Gräsern und Dolden, die Insekten anziehen – möglichst naturnah sollen Gärten heute aussehen. Fast so, als wären sie ein Stück des Wegrands oder Waldes, wo sich alles von selbst angesiedelt hat. Dennoch sind die Pflanzen, die ins Beet kommen, meist Hybriden, zumindest jedoch Auslesen der wilden Blumen und Kräuter. Oft sind sie größer, bunter, länger blühend als ihre wilden Vorfahren. Dabei sind diese nicht weniger schön. Man muss nur etwas genauer hinschauen.

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Im Wald oder am Wegesrand werden sie geschätzt, doch im Garten ist das so eine Sache. Wachsen wilde Kräuter im Beet, fällt das Urteil meist ungnädig aus: Unkraut! Schnell ist herausgerissen, was auf der anderen Seite des Zauns wegen seines natürlichen Charakters gelobt wird. Denn hier finden sich oft das zartere Blau, die feineren Blüten, die größere Vergänglichkeit, die auch kostbar macht. Manche der Ungezähmten breiten sich natürlich unbändig aus, da ist Vorsicht geboten. Andere wiederum können aber durchaus im Beet stehen bleiben, da sie harmlos sind. Ein bisschen Pflanzenkenntnis ist also vonnöten, wenn man sich mit den wilden Schönheiten einlässt.

Einzigartig

Die Wegwarte (Cichorium intybus), die derzeit noch vielerorts blüht, wächst zwar etwas sparrig, doch hat sie ein einzigartiges Blau. In manchen neu eingesäten Blumenwiesen findet man sie ebenso wie am Wegesrand. Kaum zu glauben, dass aus ihr der Chicoree gezüchtet wurde und aus ihren Wurzeln Kaffee hergestellt werden kann.

Eine ähnlich bezaubernde Farbe hat der Natternkopf (Echium vulgare), der sich gerne auf Freiflächen ansiedelt. Die Pflanze wirkt oft etwas struppig, doch das tiefe Blau ihrer Blüte, das ins Violett verläuft, macht alles wett.

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Kleine violette Blüten mit dunklen Spitzen hat der Erdrauch (Fumaria officinalis) zu bieten. Seit Mai sprießt er und kann im Frühling im Gemüsebeet durchaus zunächst mit Möhrengrün verwechselt werden. Doch dann bekommt diese zarte Pflanze ihre ungewöhnlichen Blüten. Da sie nicht sehr ausbreitungsfreudig ist, darf sie ruhig einen Platz im Beet bekommen.

Auch Spitzwegerich (Plantago lanceolata) lässt sich gut in Schach halten. Dieses so unscheinbare Kraut hat auf seinen langen Stängeln Blüten mit einem Kranz weißer Staubfäden und trägt, ähnlich wie Gräser, entscheidend zum natürlichen Charakter eines Beetes bei. Mancherorts wird es von Gärtnern bewusst in Pflanzungen integriert, etwa in Wisley, dem Garten der Britischen Gartengesellschaft, der Royal Horticultural Society.

Wie kleine Ballons wirken die Blüten des Aufgeblasenen oder Gewöhnlichen Leimkrauts (Silene vulgaris). Sie sitzen von Mai bis September grazil an feinen Stängeln und kommen an trockenen, eher mageren Standorten vor dem Blattgrün anderer Pflanzen besonders gut zur Geltung.

Kratzbürstig

Kugeldisteln (Echinops sphaerocephalus) und Elfenbeindisteln (Eryngium giganteum) haben es bereits geschafft: Gerne werden sie, ihrer interessanten Formen wegen, in Staudenbeete gepflanzt. Die Kugeldistel schon seit einigen Jahrhunderten – bei der blaugrauen Form, die sich in unseren Breiten in der Natur findet, handelt es sich sogar um aus den Gärten verwilderte Pflanzen, denn eigentlich stammt sie aus dem Süden. Auch Wilde Karden (Dipsacus fullonum) sind in den Gärten auf dem Vormarsch.

Die Natur hat freilich noch viele andere schöne Disteln zu bieten, denen ein Platz gebühren könnte. Die Ackerdistel (Cirsium arvense) ist zierlich und blüht in hellvioletten Puscheln, die süß duften. Doch Vorsicht: Einmal im Beet, wird man sie nicht wieder los. Die Kratzdistel (Cirsium vulgare), in Schottland sogar Nationalblume, ist etwas voluminöser, lässt sich durch sorgfältiges Ausstechen aber eindämmen.

Interessant für den Garten wegen ihres auffallend gezeichneten Laubes ist die Mariendistel (Silybum marianum). Sie stammt ursprünglich aus dem mediterranen Raum, wird wegen ihrer medizinischen Wirkstoffe aber inzwischen auch hierzulande angebaut. Am imposantesten ist jedoch die silbrige Eselsdistel (Onopordum acanthium), die am warmen, trockenen Ort bis zu drei Meter hoch und sehr raumgreifend werden kann – eine Präsenz im Beet, die man schon mögen muss.

Doldig

Dunkler Wiesenkerbel (Anthriscus sylvestris ‚Ravenswing‘) und Großblütige Strahlendolden (Orlaya grandiflora) dürfen heute in keinem Garten mehr fehlen. Ersterer ist eine dunkle Form des gewöhnlichen Wiesenkerbels, Zweiteres eine Blume, die in Deutschland als vom Aussterben bedroht gilt. Wie gut, dass es Saatgut zu kaufen gibt. Doch auch andere Dolden können in den Garten geholt werden. Engelwurz (Angelica archangelica) ist eine der imposantesten Pflanzen, die am richtigen – feuchten – Standort bis zu drei Meter hoch wird. Für schattige Grundstücke eignet sich der etwas niedrigere Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris). Fast genauso groß, aber deutlich zierlicher ist der Quirlige Haarstrang (Peucedanum verticillare). Heimisch ist er in Österreich, als Staude aber auch für den eigenen Garten erhältlich.

Einen komischen Namen, unangenehmen Geruch, dafür aber unschlagbar schöne Blüten im Mai und Juni hat der Behaarte Kälberkropf (Chaerophyllum hirsutum), der ebenfalls feuchten Boden mag. Es gibt auch eine rosafarbene Auslese. Mit zartem Laub im Frühjahr beginnt die Kaschmirdolde (Selinum wallichianum), blüht dann bis in den September hinein. Vorsicht, sie sät sich gerne selbst aus. Auch eines der ungeliebtesten Unkräuter, der Giersch (Aegopodium podagraria), blüht in grünlich-weißen Dolden. Und er hat durchaus Vorteile zu bieten: Gibt es eine halbschattige Ecke im Garten, ist er der optimale Bodendecker mit zartem Grün im Frühjahr, das sogar essbar ist. Nur ins Staudenbeet sollte er nicht wandern.

Wilde Verwandtschaft

Der wohl bekannteste Storchschnabel, Geranium ‚Rozanne‘ ®, blüht leuchtend blau und extrem lange, bis in den November hinein. Ein wenig zurückhaltender ist sein wilder Verwandter, der Wiesenstorchschnabel (Geranium pratense): Seine Blüten zeigen sich von Juni bis August, dafür scheint sein etwas helleres Blau jedoch direkt vom Himmel geholt. Sind die Kultursorten schon robust, so wächst dieser wirklich fast überall und kann auch aus Samen gezogen werden.

Sonnenhüte in allen Formen und Farben sind derzeit die Modepflanzen schlechthin. Die beliebtesten Garten-Rudbeckien sehen samtig aus, haben reiche, große Blüten in Gelb- und Rosttönen. In der Natur zu finden ist der zierlichere, leuchtend gelbe Schlitzblättrige Sonnenhut (Rudbeckia laciniata), dessen Blüten ein gelbgrünes Zentrum haben. Er stammt, wie alle Sonnenhüte, aus Nordamerika, ist aber bei uns längst verwildert und eingebürgert und wächst auf feuchten Böden und in lichten Wäldern. In den Garten gehört er nur unter Aufsicht, denn er verbreitet sich schnell.

Auch bei den Echinaceen sind die Wildformen deutlich zierlicher als das, was Züchter hervorgebracht haben: Der Blasse Sonnenhut (Echinacea pallida), ebenfalls in Nordamerika heimisch, zeichnet sich durch hell rosafarbene, herabhängende Blütenblätter aus. Auf den ersten Blick ist er unscheinbar, doch in Kombination mit Gräsern sorgt er für ein edles, charaktervolles Bild. Der Purpur-Sonnenhut (Echinacea purpurea) ist etwas kräftiger in Form und Farbe, doch immer noch dezent im Vergleich zu manchen poppig-bunten Hybriden.

Der Rittersporn, im Bauerngarten beliebt wegen seiner prachtvollen Blütenstände, hat wilde Familienangehörige in den verschiedensten Regionen. Die meisten Hybriden gehen auf den unter anderem in den Alpen zu findenden Hohen Rittersporn (Delphinium elatum) zurück. Einst überall verbreitet, inzwischen jedoch als bedrohte Art eingestuft ist der Ackerrittersporn (Consolida regalis). Er hat tiefviolette Blüten, die lockerer stehen als bei den Zuchtformen, dafür viel graziöser und verspielter wirken.

Ebenfalls auf offenen Flächen wie Feldern wächst die Acker-Witwenblume (Knautia arvensis). Diese einheimische Form hat helllila Blüten im Vergleich zur purpurroten Mazedonischen Witwenblume (Knautia macedonia), die derzeit ebenfalls zu den Modepflanzen gehört. Auf feuchten, moorigen Böden wächst der ähnlich aussehende Teufelsabbiss (Succisa pratensis). Bevor sich die Knospen öffnen, gleicht die Blüte einer blauen Beere. Je länger sie geöffnet ist, umso heller wird sie.

Nass mag es auch die Sumpf-Iris (Iris pseudocarus), die im Mai und Juni dottergelb blüht. Trockener steht die blaue Wieseniris (Iris sibirica). Zwar sind sie im Vergleich zu den pompösen Bart-Iris-Hybriden kleiner und weniger dramatisch, sie kommen ohne Farbverläufe oder Rüschen aus. Doch sprechen ihre klaren Blütenformen, wie bei den meisten Wildpflanzen, für sich.

Quelle: F.A.S.
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