Trinken in Gesellschaft

Seit wann ist Alkohol eigentlich ein Muss?

Von Barbara Russ
 - 14:43

Gerade einmal 13 Jahre ist es her, dass Alcopops höher besteuert wurden, um dem Komasaufen unter Jugendlichen den Reiz zu nehmen. Seitdem ist nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung der Konsum riskanter Mengen an Alkohol kontinuierlich gesunken. Bei jungen Männern ist sogar das regelmäßige maßvolle Trinken seit 2011 rückläufig.

Die Trendwende geht mit einem allgemeinen Mentalitätswandel einher. Fit ist das neue Betrunken. Das Umdenken ist auch den sozialen Medien geschuldet. Sportlich und aktiv eignet sich besser für ein Selfie als verkatert und müde. Und trotzdem: Nie wurde so sehr mit einem leicht vernebelten Zustand kokettiert. Man sieht es an Alko-Memes auf Instagram. Der Hashtag #Wineoclock hat es bei dem Bilderdienst zum Beispiel auf mehr als 830.000 Einträge gebracht und #Winewednesday auf nicht weniger als 620.000. Wie passt das mit dem eigentlich oder angeblich bewussten Lebensstil zusammen?

Das Mantra der Verzweifelten

Die amerikanische Autorin Kristi Coulter schrieb im Sommer 2016 darüber, dass Frauen regelmäßig zur Flasche greifen, um sich eine Welt schönzutrinken, in der immer noch die Männer das Sagen haben. Das Mantra der Verzweifelten: „Lord, give me coffee to change the things I can ... and wine to accept the things I cannot.“ Die Ansprüche an Frauen seien so überzogen, dass man eigentlich gar keine Frau mehr sein könne – es sei denn in angeheitertem Zustand.

Die Schauspielerin Eva Longoria, bekannt aus der Fernsehserie „Desperate Housewives“, hat aus diesem Bedürfnis ein Nebengeschäft gemacht: Ihre Modekollektion mit dem Titel Work to Wine richtet sich an Frauen, die nahtlos für den Übergang vom Büro zum After-Work-Drink gekleidet sein wollen. Dazu gibt es T-Shirts mit der Aufschrift „Wine A Little, Love A Lot“, und „Tonight's Forecast: 99% Chance of Wine“.

Bei dem Berliner E-Commerce Juniqe ist das Poster mit der Aufschrift „Das bekommen wir Gin“ und der Skizze einer Ginflasche seit Bestehen des Onlineshops unter den Bestsellern, sagt Lea Lange, die Gründerin des Unternehmens. Ihre Kernzielgruppe: mehrheitlich Frauen zwischen 25 und 39 Jahren. „Einfach, weil Frauen eher die Wohnung einrichten“, sagt Lange. Im Rheinland komme der Print übrigens besonders gut an – ausnahmsweise sind sich Köln und Düsseldorf einmal über etwas einig: Gin muss da ran, wo Kaffee nicht mehr weiterhilft.

Schwere Leben in einer „Burnoutgesellschaft"

Der Berliner Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han attestiert den Mitgliedern der „Müdigkeitsgesellschaft“ und der „Burnoutgesellschaft“, so die Titel zweier Bücher, ein Doppelleben, in dem das Leistungssubjekt zugleich gefesselter Prometheus und an dessen Leber fressender Adler ist. Ein müder Prometheus steht dort als Urfigur für die Müdigkeitsgesellschaft, die an Selbstausbeutung krankt. Wo einst die disziplinierende Macht von außen kam, muss sich heute der Einzelne immerfort selbst kontrollieren und optimieren. „Der Exzess der Leistungssteigerung“, schreibt er, „führt zum Infarkt der Seele.“

Kann der Burnout nur durch den Blackout abgewendet werden? Der Rausch ist jedenfalls ein Ventil, das gesellschaftlich akzeptiert ist. Die Selbstdisziplin zumindest vorübergehend aufgeben, kollektiv für eine Nacht die Kontrolle verlieren: Der Suff verschafft dem Überlasteten kathartische Momente. Danach bietet der Kater eine hervorragende Ausrede, ausnahmsweise der Leistungsgesellschaft den Rücken zu kehren. Sofern dieser nicht auf einen Wochentag fällt. Wenn nämlich das Verhalten die Arbeitsleistung beeinträchtigt, ja, dann wird es schnell kritisch.

Ein Verzicht macht einsam

Wie schwer es sein kann, bei geselligen Anlässen auf Alkohol zu verzichten, das beschreibt Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem Buch „Nüchtern am Weltnichtrauchertag“, in dem er darlegt, welchen Affront gegen gesellschaftliche Gepflogenheiten es darstellt, an einem solchen Abend nicht mitzutrinken. Während ein Nichttrinker mitleidige Blicke und aufdringliche Nachfragen erdulden muss, wird eine Frau mit dem T-Shirt-Slogan „I'm Afraid if I Give up Wine, I have to Replace it with Murder“ wohl eher mit einem verständnisvollen Lächeln bedacht. Alkohol zu trinken eint – der Verzicht hingegen macht einsam.

T-Shirts mit Slogans wie „I make pour decisions“ oder „Margarita made me do it“ sind natürlich eine Art, den Zwiespalt zwischen einem selbstdisziplinierten Lebensstil und dem gelegentlichen Exzess zu überwinden, ohne sich dabei eine echte Blöße zu geben. Die selbstironischen Sprüche nehmen jegliche Kritik vorweg. So berufen sich die Poster, Memes und Shirts mit einem Augenzwinkern auf eine eingeschworene, aber doch etwas schizophrene Leidens- und Leistungsgemeinschaft, deren Bindemittel der Alkohol ist.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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