Rheingau

Bei der Weinernte gibt es jetzt kein Halten mehr

Von Oliver Bock
 - 19:05

Endlich trocken, endlich sonnig. Der beginnende Altweibersommer zeichnet den Winzern ein Lächeln ins Gesicht. Nach den Schäden durch Spätfröste im Frühjahr und durch Hagelschlag im Juli trübten die ergiebigen Niederschläge des Sommers die schon gedämpften Erwartungen nicht weniger Winzer weiter ein. „Im August viel Regen ist dem Wein kein Segen“, lautet eine Bauernregel, und die Erklärung dafür ist einfach: Das viele Wasser lässt die Beeren schnell dick werden, doch in kompakten Trauben ist dafür kein Platz. In der Folge drücken sich die Beeren gegenseitig ab, platzen auf und öffnen Pilzen und Fäulnis ein Eingangstor.

„Der Gesundheitszustand der Trauben ist zum Teil sehr besorgniserregend“, meldete das Eltviller Weinbaubamt schon zu Beginn der vergangenen Woche. Da hatten viele Winzer gerade begonnen, frühe und mittelfrühe Sorten wie Frühburgunder, Müller-Thurgau und Weißburgunder zu ernten. Im Rheingau sind das allerdings nur Nischenprodukte. Entscheidend ist die Lese bei Riesling und Spätburgunder, die dank Hoch „Queena“ endgültig auf Hochtouren laufen wird. Der Ableger des Azorenhochs hat sich über weite Teile Europas gelegt und sorgt dort nun für eine deutliche Wetterberuhigung. Auch für eine Beruhigung der Gemüter der Winzer, unter denen zuletzt die Nervosität greifbar war.

Der späte Riesling jetzt schon lesereif

Für das Deutsche Weininstitut in Mainz ist der Weinjahrgang 2017 von einer ungewöhnlich frühen Traubenreife geprägt. Selbst der späte Riesling sei jetzt schon lesereif, heißt es. Die Mengenerwartungen sieht das Institut wegen der Frostschäden unter dem langjährigen Durchschnittsertrag von neun Millionen Hektolitern bundesweit. Der Geschäftsführer der Hessischen Staatsweingüter, Dieter Greiner, hofft noch auf einen „knapp durchschnittlichen Ertrag“. Deutschlands größtes Weingut wird am Wochenende schon rund die Hälfte von rund 250 Hektar Rebfläche abgeerntet haben.

Drei Vollerntemaschinen laufen jetzt auf Hochtouren, rund 100 Erntehelfer sind im Einsatz. „Wir nutzen unsere volle Schlagkraft“, sagt Greiner. An der Hessischen Bergstraße sind die Staatsweingüter mit der Weinernte sogar schon weitgehend fertig. Greiner schätzt sich glücklich, dass die Staatsweingüter in diesem Jahr zusätzlich eine mechanische Vorsortieranlage in Betrieb haben. Denn das A und O für die Winzer ist angesichts der sich ausbreitenden Fäulnis, möglichst nur gesunde Beeren in der Presse abzuladen, um der Gefahr von Qualitätseinbußen oder gar Fehltönen im Wein vorzubeugen.

Auf eine sorgsame Selektion setzt auch das Kiedricher Vorzeigeweingut Robert Weil. Auch hier hat die Lese schon begonnen, wenn auch zunächst in einigen wenigen Problemweinbergen. Erst am Montag beginnt bei Weil die Hauptlese, dann aber mit hoher Schlagkraft. Wilhelm Weil sieht jetzt eine ausreichende Reife der Beeren erreicht. Er schließt aber nicht aus, dass er mit der Ernte in den renommierten Einzellagen des Kiedricher Berges noch einige Zeit warten wird.

Folgen der Hagelschäden

Greiner nennt den Jahrgang schon jetzt „verrückt“ und „extrem“: „Wir müssen so intensiv vorgehen wie nie zuvor“, der Aufwand sei hoch. Eine Herausforderung ist vor allem der höchst unterschiedliche Zustand der Weinberge: Von idealen Bedingungen wie im Rüdesheimer Berg mit kerngesunden Trauben, hohen Mostgewichten und idealen Säuren bis zum „bitteren Anblick“ im Hattenheimer Engelmannsberg. Vor allem im Dreieck zwischen Hattenheim, Hallgarten und Oestrich-Winkel sind die Folgen der Hagelschäden und der nachfolgenden Starkregen jetzt in ihrer ganzen Tragweite erkennbar. Immerhin blieb der Rheingau von einer Katastrophe wie im rheinhessischen Gundersheim verschont, wo Hagel vor vier Wochen auf 300 Hektar Totalschaden verursachte und der Weinbauminister den Weg für eine frühe Notlese frei machte.

Auch Weil spricht von einem herausfordernden Jahrgang und einem „neidischen Herbst“, weil die Natur die Winzer höchst unterschiedlich behandelt habe. Insgesamt erwartet Weil, dass im Rheingau zehn bis 15 Prozent weniger Trauben als üblich geerntet werden, die Qualität könne aber durchaus noch sehr gut werden.

Ausbreitung des Botrytispilzes droht

Wegen des unterschiedlichen Entwicklungsstandes einzelner Weinberge wird der Leseplan der Staatsweingüter fast täglich geändert, um auf aktuelle Entwicklungen in den Weinbergen zu reagieren. So dürfen die Trauben in Rüdesheim jetzt noch einige Tage weiter reifen, wohingegen in Rauenthal wegen des Aufplatzens dünner Beerenhäute die Ausbreitung des Botrytispilzes droht und dort die Lese deshalb jetzt forciert wird. „Es gibt jetzt keine Halten mehr“, sagt Greiner zum angeschlagenen Lesetempo.

Bei der Qualität muss das nicht mit Abstrichen verbunden sein. Die Reifemessungen des Weinbauamtes sind in dieser Hinsicht zumindest vielversprechend. Im Geisenheimer Kläuserweg beispielsweise wurden schon zu Wochenbeginn 91 Grad Oechsle gemessen, zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr waren es erst 65 Oechsle. Längst nicht in jedem Weinberg ist der Unterschied so krass, aber die Mostgewichte sind flächendeckend recht hoch, das bestätigen auch Greiner und Weil. Hoch sind wegen des frühen Lesezeitpunkts zwar auch noch die Säurewerte, doch stehen den Weingütern im Keller geeignete Methoden wie die sogenannte Doppelsalzentsäuerung zur Verfügung, um später trinkfähige und vor allem harmonische Weine auf den Markt bringen zu können.

Das Weinbauamt sieht in seinem jüngsten Wetterfax trotz der Fäulnis aber noch „keinen Grund zu Panik oder Hektik“. Sinnvoll sei es, zunächst nur die „Problemweinberge“ zu ernten und gesunden Trauben noch Zeit zur Ausreifung zu lassen. Das ist auch der Plan im Hattenheimer Weingut Balthasar Ress, dem größten Ökoweingut in Hessen, wo Betriebsleiter Dirk Würtz gestern vom Beginn der Rieslingernte berichtete. Auch Würtz rechnet mit einem mengenmäßig kleinen Jahrgang. Im Hinblick auf die Qualität sei die Lesestrategie schwierig, aber entscheidend: „Aber einfach kann jeder.“

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis.
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