Rotweininsel Carnuntum

„Der Wein ist kernig und schön straff“

Von Peter Badenhop
 - 18:53
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Herr Markowitsch, warum kennt kein Mensch Carnuntum?

Das ist ein bisschen übertrieben. Aber Sie haben schon recht, viele Leute kennen eher Göttlesbrunn als Carnuntum. Das hängt in erster Linie damit zusammen, dass Göttlesbrunn eine alte, in Österreich bekannte Weinbaugemeinde, Carnuntum aber erst seit 1992 ein eigenes Weinanbaugebiet ist. Hinzu kommt, dass Carnuntum so etwas wie eine Rotwein-Insel im vom Weißwein dominierten Niederösterreich darstellt. Und schließlich umfasst das ganze Gebiet nur 900 Hektar. Ja, und dass mitunter einzelne Betriebe bei den Konsumenten bekannter sind als die Region, hängt sicher auch mit der Entstehungsgeschichte des Gebiets zusammen.

Die war eine direkte Folge des Weinskandals in Österreich?

Ja schon, aber es hat nach der Aufdeckung des Skandals 1985 noch ein paar Jahre gedauert, bis sich die Winzer hier zusammengeschlossen haben, um Carnuntum als eigenständiges Gebiet bekannt zu machen.

Was hatte das mit dem Weinskandal zu tun? Da ging es doch darum, dass einige Produzenten ihre Weine mit Glycol-Alkohol versetzt hatten.

Der Weinskandal war gewissermaßen der Reset-Knopf für die gesamte österreichische Weinwirtschaft. Er hat mit einem Schlag zu einem großen Umdenken geführt und den Fokus auf die Qualität der Weine gelenkt. Zudem haben wir in Carnuntum zur gleichen Zeit einen starken Strukturwandel erlebt, weg von landwirtschaftlichen Mischbetrieben, hin zu spezialisierten Winzern.

Welche Rolle hat der Beitritt Österreichs zur EU 1995 gespielt?

Eine wichtige, würde ich sagen. Entgegen der Negativprognosen wurde der österreichische Markt nach der Öffnung der Grenzen nämlich nicht von ausländischen Weinen überschwemmt. Es ist ganz anders gekommen: Der Marktanteil der österreichischen Weine in der hiesigen Gastronomie ist von 30 Prozent auf heute gut 90 Prozent gestiegen. Das hat damit zu tun, dass sich nach dem Weinskandal die Qualität enorm gehoben hat und dass die Regionalität für die Verbraucher und insbesondere auch im Tourismus immer wichtiger wurde.

Und dann hat es Anfang der Neunziger ja noch den sogenannten Rotwein-Boom in Österreich gegeben.

Ja, das hat für uns in Carnuntum schon auch eine Rolle gespielt. Überall im Land haben die Winzer damals damit begonnen, die Erträge zu reduzieren und genau zu schauen, welche Rebsorten wo am besten wachsen. Bis dahin wurde überall in Österreich im Grunde das gepflanzt, was nachgefragt wurde, und nicht das, was in ein bestimmtes Gebiet auch passt. Das hat sich damals geändert, aber ganz ausgestorben ist das Phänomen noch nicht. Zum Beispiel im Weinviertel: Da gibt es Hunderte Hektar mit Zweigelt, obwohl er da überhaupt nicht hinpasst.

Warum passt er ins Carnuntum?

Weil der Zweigelt es nicht so trocken mag und Böden liebt, die eine gewisse Grundwasserversorgung haben. Das ist bei uns der Fall, wir haben sandige Lehmböden, die das Wasser gut speichern können. Der Zweigelt ist ein bisserl wie der Merlot. Wenn es ihm zu trocken und zu heiß ist, dann wird er zu voll und irgendwie fade. Aber wenn er genug Feuchtigkeit hat, dann bewahrt er sich seine Kernigkeit und bleibt schön straff.

Das klingt nach einer anspruchsvollen Rebsorte. Den Ruf hat der Zweigelt aber eigentlich nicht.

Nun, wir Winzer haben ihn viel zu lange nur als Teil von Cuvées gesehen. Da haben wir alle miteinander ein bisserl selbst Schuld. Aber inzwischen gehen wir ja einen anderen Weg und versuchen, unter der Bezeichnung „Rubin Carnuntum“ mit sortenreinem Zweigelt die Vorzüge der Rebsorte auszuspielen. Als die „Rubin Carnuntum“-Vereinigung 1992 gegründet wurde, hatte sie 25 Mitglieder, heute produzieren mehr als 40 Weingüter „Rubin“-Weine. Die stehen für die gebietstypische Sorte Zweigelt und sind gewissermaßen die Visitenkarte der Region, so wie der Chianti in der Toskana.

Ist es für eine solche Visitenkarte wichtig, dass es eine Leit-Rebsorte gibt, in der Toskana Sangiovese, in Carnuntum Zweigelt?

Ich glaube schon. Das macht die Botschaft für den Verbraucher einfacher und klarer.

Wie würden Sie den Zweigelt denn charakterisieren?

Die Weine machen im Glas immer sofort einen großen Eindruck: Sie haben eine sehr intensive Farbe, dunkle, kirschige Frucht, viel Saftigkeit und ein eher sanftes Tannin-Kleid. Das sind Weine, die man schon sehr gut antrinken kann, wie wir in Österreich sagen. Lassen Sie uns doch mal einen probieren, ich habe hier meinen Rubin Carnuntum 2015.

Hm, der duftet wirklich intensiv nach Kirsche, hat aber auch sehr würzige, leicht pfeffrige Noten.

Ja, diese Rebsorte lebt von der Frucht. Aber je anspruchsvoller die Weine werden, desto mehr Würze zeigen sie. Der Zweigelt hat viele Gesichter, und bei uns in Carnuntum ist er im Vergleich zu anderen Gebieten in Österreich insgesamt eine Spur kerniger, würziger und lebendiger, nicht ganz so extrem rundlich und saftig.

Diese Mischung aus Frucht und Würze zeigt er auch im Mund.

Der dunkelbeerige, würzige Charakter und die vom Tannin ausgehende Straffheit machen den Wein vor allem zum Essen interessant, weil sie eine gewisse Spannung am Gaumen erzeugen.

Sehr beliebt ist der Zweigelt auch bei Ihren Winzer-Kollegen im Burgenland. Sind deren Weine so wie die Tropfen aus Carnuntum? Oder gibt es einen stilistischen Unterschied?

Aus meiner Sicht gibt es einen deutlichen Unterschied.

Dann lassen Sie uns das doch mal testen. Ich habe einen 2014er Zweigelt von Gernot Heinrich aus Gols am Neusiedlersee mitgebracht. Der ist in Deutschland ziemlich bekannt ...

... und auch ziemlich gut.

Das stimmt. Also, was sagen Sie?

Schon die Nase ist ganz anders. Viel fruchtiger, aber nicht so kirschig. Mich erinnert dieser Duft eher an Dörrobst und Rumtopf. Ja, und am Gaumen ist er viel runder und weicher als unser „Rubin Carnuntum“, fast schon fruchtsüß.

Ich finde ihn deutlich schmeichelnder und zugänglicher.

Ja, der Vergleich zeigt perfekt den stilistischen Unterschied zwischen den beiden Regionen.

Ist dafür der Winzer oder der Charakter des Gebietes verantwortlich?

Das ist immer eine Mischung, aber in diesem Fall ist es aus meiner Sicht vor allem das Gebiet.

Hat der Zweigelt Schwächen?

Es hat ja jeder seine Schwächen. Und die großen Unterschiede in der Stilistik sind für den Zweigelt sicher eher ein Nachteil, wenn man an die Wahrnehmung beim Konsumenten denkt.

Haben Sie schon einmal einen Zweigelt aus Deutschland getrunken?

Nein, das ist mir noch nicht untergekommen.

Ich habe hier einen aus Württemberg, einen 2013er vom Weingut Dautel.

Der riecht schon mal sehr gut. Eher würzig – also wie ein Carnuntum-Zweigelt – und nicht ganz so extrem fruchtig. Elegant, geschliffen, seidig. Ja, das ist ein sehr schöner Wein, der auch noch ziemlich jugendlich wirkt und eine schöne Länge hat.

Sie sind 1990 in den elterlichen Betrieb hier in Göttlesbrunn eingestiegen. Heute gelten Sie als Pionier in Carnuntum. Warum?

Ich habe aus dem Mischbetrieb – wir hatten Schweine, Getreide, Zuckerrüben, und der Wein war Nebensache – Schritt für Schritt ein Weingut gemacht und konsequent auf Qualität gesetzt, sprich die Erträge reduziert, die richtigen Rebsorten für die unterschiedlichen Flächen gesucht und in den Weingärten und im Keller professionell gearbeitet.

Hatten Sie Vorbilder?

In den Neunzigern haben mich die Kalifornier und Australier schon sehr beeindruckt. Und die Franzosen sowieso. Die sind schon gut, ob nun an der Rhône, im Burgund oder im Bordeaux. Die Winzer dort haben eine unglaublich beeindruckende Tradition, und wenn man dann einen 1945er oder einen 1961er trinkt und sieht, wie super der beieinander ist – da zieh ich schon den Hut. Denn es ist natürlich schon ein Zeichen für einen großen Wein, wenn ein Tropfen so gut reifen kann.

Kann Zweigelt auch gut reifen?

Gute Frage. Wir haben ja noch nicht so viele Jahre an Erfahrung. Aber wir haben mit ein paar Kollegen schon einmal unsere „Rubin Carnuntum“-Weine bis zurück zum Jahrgang 1992 gekostet, und das war sehr gut. Aber wir sprechen hier natürlich von Tropfen im mittleren Preissegment um 15 Euro, das kann man mit den französischen Spitzenweinen nicht vergleichen.

Gibt es ein perfektes Trink-Zeitfenster für Zweigelt-Weine?

Vier bis sechs Jahre, würde ich sagen.

Sie haben Ihren Zweigelt vorhin als klassischen Essensbegleiter beschrieben. Wozu passt er denn am besten?

Weil die „Rubin“-Weine so würzig und straff sind, passen sie sehr gut zu kräftigen Pasta-Gerichten und zu Fleisch und Wild. Ideal sind Schmorgerichte, Rindsroulade zum Beispiel, aber auch eine schöne Gans täte passen.

„Rotwein-Insel“ mit römischen Wurzeln

Die österreichische Weinregion Carnuntum ist benannt nach der antiken Hauptstadt der römischen Provinz Pannonien. Ihr Wahrzeichen ist das „Heidentor“, ein römischer Siegesbogen, der im 4. Jahrhundert in der einstigen Kaiserresidenz erbaut wurde. Das Anbaugebiet erstreckt sich östlich von Wien, direkt südlich der Donau, bis zur Grenze zur Slowakei. Der Weinbau in der Gegend geht auf die Römer zurück und ist heute dank des milden pannonischen Klimas auf Rotweine spezialisiert. Ende der achtziger Jahre haben sich 25 Winzer des Gebiets zu der Vereinigung „Rubin Carnuntum“ zusammengeschlossen, um den Zweigelt-Weinen aus der Region ein einheitliches und hochwertiges Profil zu geben. Inzwischen keltern mehr als 40 Carnuntiner Weingüter unter diesem Label saftige, vielschichtige und anspruchsvolle Rotweine aus der identitätsstiftenden Traube, die einst als rustikal verschrien war, inzwischen aber auch international für eine gewisse Aufmerksamkeit sorgt. Neben Gerhard Markowitsch, dem Qualitätspionier des Carnuntum, haben sich in den vergangenen Jahren vor allem die Winzer Philipp Grassl, Johannes Trapl, Robert Payr, Hannes Artner und Franz Netzl mit seiner Tochter Christine einen Namen gemacht. bad.

Quelle: F.A.S.
Peter Badenhop
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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