Zeit für einen Test

Was kann Wein aus dem Discounter?

Von Stuart Pigott
 - 09:55
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Ende letzten Jahres war das Thema Aldi-Weine plötzlich mächtig aktuell. Der Discounter plakatierte: „Einfach, weil man den nicht blind verkosten muss, aber blind kaufen kann.“ Abgebildet war dazu ein junges Paar, im Hintergrund ein Sofa und der geschmückte Weihnachtsbaum. Er, im coolen Designer-Hemd und lachend, hatte ein Glas Rotwein in der Hand, sie, im Kuschel-Pulli, blond, hielt ihm Augen zu. Die Aussage des Plakats zielte zweifelsohne auf die Behauptung, man könne bei Aldi Wein blind einkaufen und immer eine gute Qualität erhalten, nach dem Werbeslogan: „Aldi einfach gut!“

Also war ein Test der aktuellen Aldi-Weinqualität dringend angesagt. Das Ziel war dabei nicht, herauszufinden, welcher deutsche Discounter das beste Weinsortiment zu bieten hat, sondern die Behauptung der Aldi-Werbekampagne zu überprüfen. Stimmt es, dass Aldi „einfach gut“ ist? Oder nicht? Verkostet werden sollten zwölf unterschiedliche Weine von 1,99 Euro die Literflasche bis zu 12,99 Euro für den Aldi-Champagner.

Getarnt zum Test

Um sie zu kaufen, fuhr ich mit der S-Bahn in eine ziemlich neue Aldi-Süd-Filiale in Frankfurt. Schon vorher hatte ich mir Gedanken gemacht: Würde man den Weinkritiker der F.A.S. erkennen, würde ein Einkaufswagen mit zwölf Weinflaschen vielleicht Verdacht erregen? Am Tag des Einkaufs war es kalt, aber sonnig. Eine große Sonnenbrille und eine Wollmütze erschienen mir eine glaubwürdige Tarnung, und so angezogen betrat ich die Aldi-Filiale gegen Mittag.

Die Fotos, die ich als Beweismittel machen ließ, bezeugen es: Ich hatte mich in eine Kreuzung aus Geheimagent und Hollywood-Star auf der Flucht vor Paparazzi verwandelt. Glücklicherweise stellte ich das erst nachträglich fest. Zwischen den Regalen und an der Kasse lief alles glatt. Erster Teil der Mission erfüllt!

Wein wird meist am selben Tag getrunken

Die erste Frage bei solchen Verkostungen ist für mich immer fachlicher Natur und betrifft die Reintönigkeit und Frische des Produkts. Wenn die nicht gewährleistet sind, kann man den Wein einfach vergessen. Es ist ganz erstaunlich, wie es in der modernen Welt des Weins mit seinen enormen technischen Möglichkeiten nach wie vor durch Nachlässigkeit zu Unsauberkeiten kommen kann. Andererseits darf der Fachmann die Sondersituation in Supermarkt bzw. Discounter nicht außer Acht lassen.

Die meisten Kunden kaufen eine Flasche Wein, um sie am selben Abend zu öffnen, statt sie viele Jahre lang in ein dunkles Loch im Boden (den Weinkeller) zu legen. Ohne Zweifel geht es meistens um die sofortige Befriedigung eines Bedürfnisses. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Weine mit Pizza, Wurst und Sauerkraut, rotem Thai-Curry und Ähnlichem getrunken werden. Daher spielt es auch eine wichtige Rolle, ob sie diese Angriffe aushalten können.

Champagner ideal für Partys

Wo anfangen, wenn nicht beim immer wieder gepriesenen Aldi-Champagner, dem Veuve Monsigny Brut (für 12,99 Euro), der bei manchen Blindtests sehr gut abgeschnitten hat. Ergebnis: Es handelt sich in der Tat um einen guten Champagner, der mühelos mit einigen der großen Marken um 30 Euro die Flasche mithalten kann. Die Zitronat- und Beeren-Noten sind ansprechend, der Geschmack recht kräftig und substanzreich bei moderater Säure.

Ist dies aber der beste Champagner überhaupt, wie manche Fans (nicht Aldi) behaupten? Nein, es gibt weitaus elegantere Champagner, die deutlich vielschichtiger schmecken, doch die kosten auch deutlich mehr. Die Konkurrenz kommt gewissermaßen aus demselben Regal, denn der Marquis de Beaucel Crémant Brut von der Loire, bei Aldi für 5,99 Euro erhältlich, überzeugte ebenfalls. Mit seinem frischen Duft nach reifen Äpfeln und einer stimmigen Balance zwischen erfrischender Säure, saftiger Frucht und einer gewissen Cremigkeit ist dies ein guter Aperitif, und seine leichte Art macht ihn ideal für Partys.

Wein wird im Geschmack frischer

Ganz anders schmeckt der 2015er Müller-Thurgau trocken von Peter Mertens aus der Pfalz, die Literflasche für 1,99 Euro. Es handelt sich um einen ausgesprochen säurearmen Weißwein, was aber im Wesen dieser Traube liegt. Geschmack: klar und korrekt mit Müller-Thurgau-typischer Muskatnote. Wie alle Flaschen dieser Aktion wurde er verschlossen, kühlgestellt und nach 48 Stunden nochmals verkostet. Was für eine gehörige Überraschung sorgte: Der Müller-Thurgau schmeckte nach zwei Tagen Luftkontakt tatsächlich frischer als unmittelbar nach dem Öffnen!

Ebenfalls moderat in der Säure, aber viel lebendiger im Geschmack zeigt sich der 2015er Weißer Burgunder trocken „Edition Fritz Keller“ aus Baden für 5,99 Euro. Er duftet nach grünen Bohnen und frischen Nüssen, bietet Substanz und ist ziemlich trocken, also ein ziemlich vielfältiger Essensbegleiter mit guter Preis-Leistung.

Nachgeschmack erinnert an Kleister

Sauvignon Blanc ist seit Jahren eine Modetraube für Weißweine im deutschen Markt, und Südafrika ist ein besonders günstiger Anbieter dafür. Der 2016er African Rock Selection für 2,29 Euro im Aldi-Regal war daher keine Überraschung. Im Kontext der Sorte sind seine Aromen nach Gras und Stachelbeeren relativ dezent und die Säure nicht zu dominant (Sauvignon Blanc kann beißen!). Der Nachgeschmack erinnert mich ein wenig an den Kleister altmodischer Briefmarken, aber diese kleine Schwäche – vermutlich von den Trauben, nicht durch irgendwelche Zusatzstoffe – sagt sicher auch etwas über mein fortgeschrittenes Alter aus.

Der 2016er Riesling trocken „R. Prüm“ von der Mosel für 3,99 Euro hat hingegen eine Gummibärchennote, schmeckt extrem frisch und etwas kantig. Hier liegt das Problem in der Natur von Discountern: Wenn ein Produkt gut eingeführt ist, darf es nicht zu Versorgungslücken kommen. Die Abfüllung dieser Charge des Weins wurde extrem früh durchgezogen, vermutlich weil der 2015er bereits ausverkauft war. Mit ziemlicher Sicherheit folgen im Laufe der nächsten Monate weitere Abfüllungen, die unter Umständen deutlich harmonischer wirken können. Außerdem darf man beim Vergleich mit dem Südafrikaner, ebenfalls bereits ein 2016er, nicht vergessen, dass die Weinlese auf der südlichen Halbkugel rund ein halbes Jahr früher stattfindet.

Rustikaler Rotwein

Wer einen relativ leichten Rotwein sucht, macht mit dem 2015er Spätburgunder „Edition Fritz Keller“ aus Baden für 5,99 Euro keinen Fehler. Der Duft nach reifen Kirschen mit einem Hauch von Rauch (das Eichenfass lässt dezent grüßen) ist ziemlich ansprechend, und der Wein bietet eine sehr angenehme Harmonie von Frucht und sanft-herben Gerbstoffen. Zwei Tage nach dem Öffnen war dieser Wein auch noch in sehr guter Form.

Von den zwei Gewächsen aus dem berühmten Médoc/Bordeaux entpuppte sich der Cru Bourgeois 2013 Château Mazails für 4,99 Euro als ein klassischer Rotwein aus Bordeaux mit roten Johannisbeer- und grünen Paprika-Noten, aber ziemlich herb und etwas rustikal im Geschmack. Mit gebratenem Fleisch und/oder Gemüse (das Wundermittel sind langsam in Butter gebratene Selleriescheiben) schmecken solche Rotweine deutlich besser als für sich allein getrunken.

Auch Rothschild beliefert Aldi

Das Gleiche gilt für den deutlich kräftigeren und fleischigeren 2014er Médoc von Baron Philippe de Rothschild für 8,99 Euro mit seinem Duft nach schwarzen Johannisbeeren und Kaffee (vom Holz). Ein kleiner, aber wichtiger Hinweis: 2014 war ein deutlich besserer Jahrgang in Bordeaux als 2013. Ein wenig geschmackliche Verwandtschaft mit dem über fünfzig Mal so teuren Château Mouton-Rothschild (Premier Grand Cru Classé!) lässt sich erkennen, aber im Vergleich fällt das geschmackliche Finale dieser günstigen Version schwach und säuerlich aus. Bei diesem Preis soll das aber nicht überraschen.

Sehr auffällig ist es, dass Häuser wie Rothschild und die toskanische Weindynastie Frescobaldi Aldi überhaupt beliefern. Das stellt eine entscheidende Veränderung dar. Von Frescobaldi stammt der 2015er „1300“, ein toskanischer Rotwein, der für 4,99 Euro im Regal steht. Trotz der typischen Säure der Sangiovese-Traube hat dieser recht schlanke Wein eine weitaus bessere Harmonie als beide Bordeaux-Gewächse. Der Kirschduft ist angenehm, trotz einer Note, die etwas an Brot erinnert.

Reifer Rotwein für kleines Geld

Am anderen Ende des Rotweinspektrums steht der weitaus schwerere 2015er Shiraz „Heritage Release“ von Wolf Blass – eine bekannte Marke in Australien – für 4,99 Euro. Hier ist der Geschmack stark von einer an Zwetschgenkuchen erinnernden Note geprägt. Mit üppigem Körper und weichen Gerbstoffen wirkt er leicht süßlich und ein wenig alkoholisch (14% steht auf dem Etikett). Es folgt ein recht herber Nachgeschmack mit einer grünen Pfeffernote. Entweder liebt man diese Art von burschikosem Übersee-Rotweintypus – oder eben nicht.

Auf dem Etikett des Rioja DOC „Viña del Asador“ prangt kein wohlklingender, alteingeführter Name, aber dafür kostet er nur 2,19 Euro. Für kleines Geld bekommt man hier einen Rotwein, der nach reifen (aber nicht überreifen) Trauben schmeckt, zwar einfach gestrickt ist, aber ziemlich rund schmeckt und die Kehle locker runterfließt. Für solch einen Rotweintyp gibt es eine bedeutende Nachfrage, so dass sich dieses Produkt durchaus als Schnäppchen bezeichnen lässt. Das Durchhaltevermögen nach dem Öffnen ließ allerdings zu wünschen übrig, also unbedingt sofort austrinken.

Discounter haben sich stark verbessert

Und nun das Fazit: Gilt tatsächlich „Aldi einfach gut“? Nüchtern betrachtet, zeigt der Discounter beim Wein eine deutliche Qualitätssteigerung, die Zuverlässigkeit ist größer. Doch dieser Effekt trifft auch auf die Aldi-Konkurrenz zu. Die deutschen Discounter haben beim Qualitätsmanagement viel gelernt und setzen dies mehr oder minder erfolgreich um.

Der Moment der Verkostung spielte ihnen aber auch in die Hände, weil die deutschen Weine vorwiegend aus dem guten Jahrgang 2015 stammten. Hätten wir diesen Test ein Jahr früher durchgeführt, wären deutsche Weine aus dem Jahrgang 2014 in der Mehrheit gewesen, der weitaus schwieriger war (feuchter Herbst mit Trauben-Fäulnis, dazu die Plage der japanischen Kirschessigfliege). Die Aldi-Werbung trifft zu einem guten Teil zu, verleitet aber Hardcore-Fans zu blindem Vertrauen; dieses ist nicht immer angebracht.

Quelle: F.A.S.
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