Kolumne Geschmackssache

Das wahre Märchen vom reinen Wein

Von Jakob Strobel Y Serra
 - 14:42

Die Winzerin Eva Fricke ist sehr blond und sehr blauäugig, und die Erwähnung dieser Äußerlichkeiten hat nichts mit Machismo zu tun, sondern tut ausnahmsweise etwas zur Sache. Denn wäre es anders, wäre Eva Fricke zumindest metaphorisch gar keine Winzerin geworden. „Man muss schon sehr blond und sehr blauäugig sein, um das zu machen, was ich vor sieben Jahren gemacht habe“, sagt Fricke, die damals ihren sicheren Posten als Betriebsleiterin eines Rheingauer Riesenweinguts aufgab, um sich mit mickrigen drei Hektar Rebfläche selbständig zu machen, ohne Investor, ohne Winzerfamilie, ohne Erfahrung mit der Eigenständigkeit im Rücken. „Aus Spaß wurde über Nacht Ernst“, meint Fricke rückblickend, und fast glaubt man, bei diesen Worten einen Schauder über ihr Gesicht huschen zu sehen, das ansonsten nicht den Eindruck macht, häufig seine strenge Façon aus Blondheit und Blauäugigkeit zu verlieren.

Der Spaß hatte 2006 begonnen, als sich Eva Fricke einen winzigen, kaum mehr als tausend Quadratmeter kleinen Weinberg in Lorch zulegte und als ersten Jahrgang putzige sechshundert Flaschen kelterte. Eine davon, noch ohne Etikett und mit einem Kronkorken als Verschluss, schickte sie einer alten Schulfreundin, die für Tim Raue in Berlin und dessen Restaurant im Hotel Adlon die Pressearbeit machte. Der Fricke-Wein wurde in lustiger Runde geköpft und für so gut befunden, dass sich der Einkaufschef des Adlon die gesamte Ernte sicherte. So beginnen Weinbauernmärchen, und unseres ist noch lange nicht zu Ende. Heute bewirtschaftet Eva Fricke elf Hektar rund um Lorch, Kiedrich und Eltville, füllt jedes Jahr 65.000 Flaschen ab, exportiert in zwanzig Länder, steht in Spitzenlokalen rund um den Globus auf der Weinkarte, wird allerorten für ihre reinrassigen Rieslinge gerühmt und sogar vom strengen Mister Parker mit enthusiastischen Neunziger-Punkte-Bewertungen bedacht.

Trauben statt Hopfen

Im Grunde blieb Eva Fricke gar nichts anderes übrig, als Winzerin zu werden, auch wenn ihr Lebensweg anfangs in eine ganz andere Richtung wies. Sie wurde 1977 in Bremen als Tochter und Enkelin von Ärzten geboren, hatte aber mit der Medizin ebenso wie ihre Geschwister nichts am Hut – ihr Bruder ist Gitarrist, ihre Schwester Anna Zeichnerin. Ursprünglich wollte sie Bierbrauerin werden, weil ein Freund ihres Bruders bei Beck’s arbeitete und sie schon zu Schulzeiten zu Hause ihr eigenes Bier braute. Doch dann begriff sie, wie stark die Macht der Industrie in diesem Geschäft ist, und wandte sich mit Hilfe eines stadtbekannten Weinhändlers, ein Patient ihrer Mutter, den Trauben statt dem Hopfen zu. Sie studierte Weinbau in Geisenheim, ging dann nach Australien und Spanien, war bei verschiedenen Gütern im Rheingau angestellt, belegte nebenbei Kurse in Betriebswirtschaft an der EBS Business School in Oestrich-Winkel, schrieb dort als Abschlussarbeit einen Business-Plan für die Gründung eines eigenen Weinguts. Und als ihr letzter Arbeitgeber auf Druck eines Investors beschloss, Produktion und Profit zu maximieren, kam ihr das sehr zupass. Nun hatte sie keine andere Wahl mehr, als ihren eigenen Weg zu gehen, weil sie sehr genaue Vorstellungen davon hat, was für sie und den Wein am besten ist.

Natürlichkeit ist Eva Frickes Credo, Nachhaltigkeit ihr Katechismus und eine Balance in allen Dingen des Lebens und Seins der Sinn allen Strebens. „Ganzheitlich und holistisch, so soll mein Weingut sein“, sagt Fricke, die nicht aus Zufall auch ausgebildete Yoga-Lehrerin ist. Sie verwendet weder Herbizide noch Insektizide, geht äußerst sparsam mit Kupfer und Schwefel im Wingert um, lässt zwischen den Rebstöcken Kamille, Rauke, Schafgarbe und wilde Erdbeeren wachsen, stabilisiert ihre Weine nur minimal, verzichtet auf alle Schönungsmittel, vertraut ausschließlich Bio-Reinzuchthefen, ist als ökologisches Gut zertifiziert, gehört der Vegan Society an – all das mit dem Ziel, maximal naturbelassene Weine zu keltern. Sie kommen auch nicht ins Fass, sondern nur in den Edelstahltank, und wenn sie eine leichte Eiweißfärbung oder etwas Weinstein haben, ist das Eva Fricke egal. Und sie ist fest davon überzeugt, dass ihr ökologischer Enthusiasmus nicht nur Umwelt und Gewissen, sondern – viel wichtiger noch – auch der Qualität der Weine zugutekommt: Je länger und radikaler sie ökologisch wirtschafte, umso besser schmecke ihr Wein und umso höher seien die Bewertungen in den gängigen Führern, sagt die Öko-Winzerin.

Eva Frickes Rieslinge, die meist auf Schiefer- und Quarzitböden wachsen, seltener auf Lehm, Löß, Ton oder Sand, sind im Geschmacksbild getreue Abbilder von Charakter und Physiognomie ihrer Schöpferin: schlanke, klare, geradlinige Gewächse ohne Schnörkel und Girlanden, immer ausgestattet mit einer dominanten Mineralität und intensiven Salzigkeit, die Zucker und Säure in der Balance hält und den ohnehin zurückhaltenden Alkohol gar nicht erst zur Fettleibigkeit neigen lässt. Manchmal geht diese Strenge auf Kosten der Komplexität, so wie beim Ortswein Kiedricher Riesling von 2016, der nach Zitrusfrüchten duftet und schön dicht ohne jede Andeutung von Opulenz, aber auch nicht besonders vielschichtig ist, ein Wein ohne Wenn und Aber, der seinen Trinkern ein recht kurzes Vergnügen in Mund und Nase bereitet. Ein ganz anderes Kaliber ist der Lagenwein Elements, der mit reifen, gelben Steinfrüchten prunkt und trotzdem nicht barock oder manieristisch wirkt, sondern so drahtig und schlank schmeckt, als sei er von einem Giacometti in die Flasche gesteckt worden.

Noch wuchtiger ist der Lorcher Seligmacher von 2016 mit seinen Noten von Aprikose und Maracuja, der einem Großen Gewächs verdächtig nahe kommt, ein Meisterstück von Eva Fricke aus ihren besten Lagen, ein Wein von kompromissloser Klarheit und Unverfälschtheit, der trotz seiner Intensität vollkommen auf Speck und Cremigkeit verzichtet, ein norddeutscher Wein, möchte man fast sagen – und das genaue Gegenteil der Lorcher Schlossberg Spätlese mit ihren 7,5 Prozent Alkohol, die wie ein sattsüßer, schwülschwerer Paradiesgarten voller Mangos, Ananas und Papayas im Glas schwappt. Da lassen wir uns doch lieber auf norddeutsche Art selig machen.

Weingut Eva Fricke

Elisabethenstraße 6, 65343 Eltville, Telefon: 0 61 23/70 36 58, www.evafricke.com.

Quelle: F.A.Z.
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