Fruit Carving

Mehr als Käseigel und Tomatenpilze

Von Marie Eickhoff
 - 11:46

Wie sanft er den Apfel in seiner Hand dreht. Ein Schnitt in die Schale. Noch einer und noch einer, dann nimmt er das erste Stück heraus. Unter der dunkelroten Schale scheint das helle Fruchtfleisch. Nahaufnahme auf die geöffnete Schnittstelle. ItalyPaul schneidet wieder in die Schale und dreht die Frucht langsam weiter, so dass die ausgeschnittene Blüte um den Apfelstiel sichtbar wird. ItalyPaul betreibt einen Youtube-Kanal, der Anfängern Fruit Carving beibringt. Also das Schnitzen, um aus Obst ein Kunstwerk zu machen.

Eine Ananas als Eule und eine Banane als Dackel – das klingt skurril und sieht besonders aus. Ursprünglich wurden mit den Kunstwerken aus Obst und Gemüse die Tische der thailändischen Königsfamilie dekoriert. Weitere Ursprünge liegen in China und Japan. Mittlerweile ist aus der Tradition eine moderne Kunst geworden, die in Thailand beispielsweise besonders während des Neujahrfestes zu erleben ist oder das ganze Jahr über auf Youtube. Dort erklären Menschen aus aller Welt in kostenlosen Tutorials, wie sie ihr Essen in eine Dekoration verwandeln. Wer das Schnitzen zum Beispiel in Deutschland lernen möchte, kann auf einen seltenen Kurs hoffen oder zu Hause Videos angucken.

Mit Handschuhen und einem großen Messer schält die Frau vom Youtube-Kanal Fruity Freshy Juicy eine Wassermelone so, dass die grüne Schale verschwindet und darunter die erste Schicht weißes Fruchtfleisch erscheint. Sie wechselt das Messer und schneidet mit einer Art Skalpell einen Kreis in das weiche Fleisch. Versetzt und unterschiedlich tief schneidet sie weitere Ringe darum und nimmt einzelne Stücke Melone heraus. Unter der weißen Schicht ist die Frucht rot. Optisch mischen sich die Farben an den Stellen, wo die Schnitte tief genug sind. Die Frau schneidet weiter, arbeitet sich immer weiter nach außen, und allmählich fächert sich in der Melone eine Rose auf.

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Das Video dauert zehn Minuten. Zwischendurch ein bisschen Zeitraffermodus, das Tempo ein bisschen angezogen, aber hauptsächlich ist in dem Clip in Echtzeit zu verfolgen, wie sich die Melone in eine Rose verwandelt. Kein Schnickschnack, niemand der redet. Von der Künstlerin sind nur die Hände mit den rosa lackierten Fingernägeln zu sehen. Der Hintergrund ist unterlegt mit Gitarrenmusik, Vogelgezwitscher und leisem Grillenzirpen. Das erzeugt Terrassenstimmung selbst am Laptop.

„Mit Essen spielt man nicht“, hieß es früher immer am Esstisch. Aber Fruit Carving ist kein Spiel, es ist Kunst. Oder wie manche sagen: Meditation. Es ist entspannend, jemandem beim Obstschnitzen zuzugucken. Bei der filigranen Arbeit geht es nur um die Frucht. Der Schnitzer rückt völlig in den Hintergrund. Deshalb sind bei den Fruit-Carving-Videos fast nie die Macher zu sehen. Und wer zu-guckt, kann nicht mehr wegsehen, weil es so spannend ist, die Verwandlung zu beobachten. Es mag pathetisch klingen, aber Fruit Carving hat etwas mit Achtsamkeit zu tun. Die Künstler machen sichtbar, dass sie Essen wertschätzen. Die Stars ihrer Kunst sind die Früchte.

Die Frucht als Kunstobjekt

Im Instagram- und Pinterest-Zeitalter nehmen sich die Menschen viel Zeit, um ihr Essen zu präsentieren. Aber Farbfilter und Gänseblümchen neben dem Teller wirken fast schlicht gegenüber einer Frucht, die selbst das Kunstobjekt ist.

Und diese Dekorform hat auch einen psychologischen Aspekt. Deshalb wird Fruit Carving häufig verwendet, um Kindern Obst und Gemüse schmackhaft zu machen. Als Schildkröte getarnt, wird etwa eine Kiwi von Kindern viel lieber gegessen. Dafür muss man die Kiwi schälen, teilen und die Hälften so schnitzen, dass sie aussehen wie ein Panzer. Vier Achtel einer Weintraube bilden die Beine und eine restliche Weintraubenhälfte den Kopf der Obstschildkröte. Dass Kinder die Kiwi jetzt lieber essen, hat psychologische Gründe: Sie denken jetzt an eine Schildkröte und nicht mehr an etwas Gesundes.

Doch auch Erwachsene suchen ihr Essen anhand seines Aussehens aus. Das haben Wissenschaftler des Forschungsbereichs „Adaptive Rationalität“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin untersucht. Sie haben das Verhalten von Mensabesuchern beobachtet. Auch andere Studien ergaben, dass zum Beispiel die Farbe des Essens wichtig ist. Das Auge isst eben mit. Denn schon bevor der erste Bissen eines Gerichts im Mund ist, bildet sich das Gehirn eine Meinung darüber – und die setzt sich aus Erinnerungen und Emotionen zusammen. Wenn Kinder sich daran erinnern, dass die Kiwi nicht so süß war wie ein Schokoriegel, wollen sie sie nicht essen. Wenn die Kiwi aber anders aussieht und sie vielleicht an einen Besuch im Zoo erinnert, löst das positive Emotionen aus, so dass sie die Frucht lieber essen.

Das funktioniert auch bei Erwachsenen. Nicht umsonst werden die Buffets auf Kreuzfahrtschiffen mit professionellen Fruit Carving Skills aufgepimpt. Nur so kann das Obst dort auffallen, wo es den ganzen Tag durchgehend wundervolles Essen gibt. Schwäne und Paradiesvögel aus Früchten begeistern die Kreuzfahrer eben nicht, weil sie so viele Vitamine enthalten, sondern weil sie gut aussehen. Ein Apfel, der aussieht wie eine Krone, wird gegessen, ohne dass jemand darüber nachdenkt, ob er eventuell mehlig schmeckt. Er sieht aus, als würde er schmecken. So leicht ist das Gehirn auszutricksen.

Stück für Stück schnitzt es heraus

ItalyPaul schneidet ein Stück Möhre ab. Er dreht es, fährt mit dem Messer daran entlang. Wie Sägespäne kräuseln sich die dünnen Karottenstreifen unter seinen Fingern und fallen ab. Es bleibt eine orangefarbene Form, oben schmal, unten bauchig. Das soll eine Tulpe werden. Damit es aussieht, als würde sie sich öffnen, ritzt der Youtuber ovale Blütenblätter in die Seiten. Fertig ist der Blütenkopf. Dazu noch ein Stiel und Blätter aus einem Stück Gurke. Zack, liegt ein Strauß Frühling auf dem Teller.

So, wie das Schnitzen mit Obst funktioniert, klappt es auch mit Gemüse. Und das sogenannte Vegetable Carving kann mehr als Käseigel und Tomatenpilze. Künstler wie Valeriano Fatica aus Italien experimentieren mit noch anderen Materialien, zum Beispiel mit Trüffeln. Fatica macht zudem nicht die klassischen romantischen Formen: Blüten, Herzen, Schnörkel oder lustige Tiere. Er ist bekannt für seine modernen Skulpturen, zum Beispiel eine „Game of Thrones“-Figur aus einer Wassermelone oder die Filmfigur Joker aus einem Kürbis.

Wer Fruit Carver werden möchte, kann mit verschiedenen Messern und Techniken arbeiten. Wichtig ist es jedoch, präzise zu arbeiten und geduldig zu sein. Es ist nicht besonders schwierig, aus einer Ananas einen Schmetterling zu zaubern. Doch es wird nur ein schöner Schmetterling, wenn sich der Künstler konzentriert. In Thailand lernen die Schüler schon in der Grundschule die Basics fürs Fruit Carving. Sie können die traditionelle Kunst als Schulfach wählen, vielleicht vergleichbar mit dem Textilunterricht in Deutschland.

Das scharfe Messer sticht in das Fleisch der Mango. Stück für Stück schnitzt es heraus. Am Ende sieht die Mango aus wie ein Papagei, und unter der fertigen Figur liegt ein Haufen aus glänzenden Mangospänen. Macht nichts. Sogar wer sich beim Üben verschnitzt, braucht sich nicht zu ärgern. Beim Obstschnitzen bleiben keine Reste, denn fast alles, was aus einer Frucht geschnitten wird, und sogar das Kunstwerk selbst sind essbar. Eine Frucht kann geschnitzt werden, aber sie ist eben doch kein Holz.

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Quelle: F.A.S.
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