Kolumne Geschmackssache

Der Sinn des Lebens und des Hopfens

Von Jakob Strobel y Serra
 - 16:55

Lustig ist das Jägerleben, und mit einem guten Bier wird es bestimmt nicht trauriger. Das dachte sich auch Markgraf Friedrich I. von Kulmbach und bestellte während seiner Ausflüge ins Jagdschloss Hallerndorf die alkoholischen Erfrischungsgetränke immer bei demselben Bauern aus dem Ried, offensichtlich dem begabtesten Brauer weit und breit. So gut schmeckte Fürst Fritz das Bier, dass er seinem Lieferanten ein schönes Wappen auf den Namen Rittmayer und das Braurecht im großen Stil verlieh. Das war 94 Jahre, bevor Friedrichs Fürstenkollege Ludwig von Bayern das Reinheitsgebot erließ, und ungefähr 550 Jahre, bevor man in den Vereinigten Staaten von Amerika auf den Gedanken kam, Bier nach der Methode des alten Riedbauern zu brauen und dieses Gebräu Craft Beer zu nennen.

Georg Rittmayer, Bierbrauer in geschätzt zwanzigster Generation, sitzt in seinem hochmodernen Betrieb am Rande von Hallerndorf, gönnt sich bei hellstem Sonnenschein ein helles Hallerndorfer Landbier und verdreht beim Reizwort Craft Beer nur die Augen. Diese amerikanischen Dilettanten samt ihren deutschen Epigonen täten so, als habe die Handwerkskunst des guten Brauens mit ihnen begonnen, sagt er und nimmt einen tiefen Schluck. Dabei mache seine Familie seit 1422 nichts anderes.

Höchste Brauereidichte der Welt

Er selbst braute mit zwölf Jahren unter Anleitung des Großvaters sein erstes Bier, mit sechzehn schon wagte er sich ans Festbier für die Wallfahrt auf den Hallerndorfer Kreuzberg, mit Mitte zwanzig übernahm er den Familienbetrieb und legte dann erst richtig los. Eine einzige Sorte war damals im Angebot, 80000 Liter wurden produziert, für fränkische Verhältnisse kaum mehr als ein Fingerhut voll. Heute braut Rittmayer fast drei Millionen Liter, hat siebzehn verschiedene Biere im Sortiment, experimentiert mit Holzfassreifung oder Weizen in Doppelbockstärke und gilt längst als einer der besten und unerschrockensten Braukunsthandwerker im oberfränkischen Bierschlaraffenland.

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Noch immer gibt es hier die höchste Brauereidichte der Welt, wenngleich manche Gegenden in Amerika dank des Craft-Beer-Booms den Nordostbayern dicht auf den Fersen sind. Fast jede Dorfwirtschaft zwischen Nürnberg, Kulmbach, Bamberg und Hof hantiert mit Hopfen und Malz. Allein in Hallerndorf kommen auf viertausend Einwohner sieben Brauereien und neun Biergärten.

„Bier muss authentisch sein“

Die Liebe der Menschen zu ihren regionalen Bieren ist derart groß, dass Industriebrauereien wie Warsteiner ihren Außendienst an Aisch und Regnitz vollständig eingestellt haben. Auch die Gefahr, dass Oberfranken seinen Weltmeistertitel verlieren könnte, sieht Rittmayer inzwischen gebannt. Die Goldgräberstimmung in den Vereinigten Staaten flaue ab, jetzt komme es zu Konzentrationswellen und Massensterben. Und überhaupt verberge sich hinter der Hysterie um Craft Beer viel Schwindel: „Stone Brewing oder Samuel Adams produzieren Millionen Hektoliter pro Jahr, wo soll denn da noch Handwerk sein?“, sagt Rittmayer, der sich deswegen aber noch lange nicht mit den Antipoden des industriellen Craft Beers, den Kleinstbrauereien, anfreunden mag.

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Und dann beginnt Rittmayer zu schäumen wie sein Hallerndorfer Hausbrauerbier: Die Szene sei voller Laien und Spinner, die Biere mit den absonderlichsten Geschmäckern brauten, von denen man kein zweites Glas herunterbekäme – eine schändlichere Gotteslästerung ist für jeden aufrechten Franken undenkbar. Am schlimmsten seien die „Gipsy Brewer“, die noch nicht einmal eigene Gärtanks hätten, sondern sich ihre Rezepte von Lohnbrauereien zusammenrühren ließen. „Bier braucht Heimat“, sagt Rittmayer kategorisch, „Bier muss authentisch sein, nicht spleenig. Meine siebzehn Sorten sind in 25 Jahren gewachsen, sie sind die Essenz meines Brauens, nicht das Zufallsprodukt meiner Experimentierlust. Und mehr als Hopfen, Malz, Hefe und Wasser brauche ich auch nicht.“

Vielfältiger und vielschichtiger Geschmack

Das bayerische Reinheitsgebot ist bei Rittmayer in eine mosaische Gesetzestafel gemeißelt, denn für ihn bedeutet es keine Einschränkung, sondern eine Herausforderung. Allein zweihundert verschiedene Hopfensorten gebe es, sagt Rittmayer, dazu unendlich viele Malzmischungen mit Geschmäckern von Biskuit über Schokolade bis Karamell und Hefen aller Art, die seine Biere nach Banane, Apfel, Nelke oder Mango duften ließen. Was wolle er denn mehr?

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#Kraftbier oder #CraftBeer? In Oberfranken braut Georg Rittmayer noch traditionell.

Was Georg Rittmayer aus der heiligen Vierfaltigkeit des Reinheitsgebotes zusammenbraut, ist tatsächlich ungeheuerlich, eine Vielfalt und Vielschichtigkeit, die jedes Industriebier als charakterlose Einheitsplörre demaskiert. Sein „Bitter 42“ hat den Schmelz eines Chardonnay und schmeckt nach frischer Wiese wie ein Sauvignon Blanc. Das „Bitter 58“, gebraut aus den Hopfensorten Cascade und Citra, ist ein Gerstensaft-Angostura, der nach Mango, grünem Apfel und Litschi duftet.

„Kraftbier“ statt Craft Beer

Das „Aischbüffel“ erinnert in Nase und Gaumen an Bitterschokolade mit roten Früchten, während das „Summer 69“ ein Bananenbier reinsten Wassers ist. Für das „Smokey George“ wird Malz über Torf geräuchert, so dass es schmeckt, als käme es aus einem Räucherofen. Und die neun Volumenprozent schwere „Rittmayer Oak Reserve“, die auf Süßholzspänen gelagert wird, damit der Alkohol das süße Aroma aus dem Holz löst, ist ein barockes Füllhorn aus Vanille, Lakritze und Whisky – und kaum mehr als Bier zu identifizieren.

Rittmayer nennt sein Craft Beer mit trotzigem Stolz „Kraftbier“ und hat genug Selbstbewusstsein, um den Gipsy-Hipster-Brewern selbstironisch die Stirn zu bieten. So trägt das „Bitter 42“, laut Etikett „Die endgültige Antwort auf die Frage nach dem wahren Pils“, diesen Namen nicht, weil es 42 Bittereinheiten oder 4,2 Prozent Alkohol hätte, sondern weil der Supercomputer in Douglas Adams’ Science-Fiction-Satire „Per Anhalter durch die Galaxis“ nach Millionen Jahren Rechenzeit auf die Frage nach dem wahren Sinn des Lebens nur eine Antwort kennt: 42.

Brauerei Rittmayer, An der Mark 1, 91352 Hallerndorf, Telefon: 09545/440940, www.rittmayer.de

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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