Kolumne Geschmackssache

Tuttifrutti gibt’s im Fernsehen, nicht im Fass

Von Jakob Strobel y Serra
 - 11:44

Lisa Bunn ist nicht Donald Trump, Gott bewahre, Himmel hilf! Was sollte auch eine rheinhessische Jungwinzerin mit dem alternden Hauptdarsteller der Reality-Horror-Show „Ich bin dann mal Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, und zwar in echt“ gemein haben? Das eine oder andere verbindet den Oberherumkommandierenden und die Weinbäuerin aber doch. Beide haben Vorfahren, die aus rheinland-pfälzischen Winzerdörfern stammen. Und beide neigen dazu, ihrem Besitz den eigenen Namen zu geben. Während Donald Trump nicht nur New York, sondern sogar unschuldige uruguayische Strandbäder mit der präpotenten Prunksucht seiner Trump Towers tyrannisiert, hat Lisa Bunn das Familienweingut ihrer Vorfahren vor mittlerweile vier Jahren – offensichtlich mit einem Selbstbewusstsein, das Alexanders des Großen würdig wäre – nach sich selbst umbenannt.

Jetzt stehen wir etwas beklommen an der Uferstraße von Nierstein und fühlen uns ein bisschen wie an der fünften Avenue New Yorks, Ecke sechsundfünfzigste Straße. Denn wir sehen überall den Schriftzug „Lisa Bunn“: auf wehenden Fahnen, monumentalen Schildern, blitzblanken Fassaden. Und das Erste, das wir beim Betreten des Weinguts erblicken, ist ein mächtiges Gemälde, das Lisa Bunn lächelnd bei der Weinernte zeigt. Sollte diese Winzerin doch mehr gemein haben mit dem weltallergrößten Egozentronarzissten? Sollten beide vielleicht unisono in ihrer Freizeit den Dichterfürsten Goethe rezitieren, der – auch nicht ganz frei von Vanitas – kühn befand: „Was ist der Mensch für eine elende Kreatur, wenn er alle Eitelkeit abgelegt hat“?

Weinkönigin in jungen Jahren

Aber nein: Lisa Bunn hat absolut nichts von Donald Trump. Das wird uns schon in der ersten Sekunde klar, in der uns die Winzerin die Tür öffnet – hochschwanger wie Frances McDormand als Polizistin in der Tragikomödie „Fargo“ und genauso uneitel, unkompliziert, unprätentiös wie Officer Marge Gunderson im Film der Coen-Brüder. Für die Umbenennung hat sie ohnehin eine plausible Erklärung parat: Margarethenhof hieß das Weingut vier Generationen lang, benannt nach Lisa Bunns Urgroßmutter Margarethe, die früh starb, woraufhin der untröstliche Uropa ihr zwar kein zweites Taj Mahal errichtete, aber immerhin seinem Weingut den Name der ewig Geliebten gab. Nun heißen aber mindestens ein Dutzend deutscher Weingüter Margarethenhof. „Manchmal waren wir auf Weinmessen mit drei, vier anderen Margarethenhöfen“, sagt Lisa Bunn, also habe sie sich auf Rat ihres Mannes und mit einigem eigenen Widerstreben zur Umbenennung entschlossen.

In jungen Jahren war Lisa Bunn Rheinhessens Weinkönigin, was Donald Trump, der vor seiner Staatsmannkarriere neben vielem anderen auch Schönheitsköniginnen salbte, bestimmt gefallen würde. Dann aber fasste sie den weisen Entschluss, sich dem Wein auf seriösere Weise zu nähern. Sie studierte an der Kaderschmiede Geisenheim internationale Weinwirtschaft, hospitierte in einigen der besten deutschen Weingütern, ging dann nach Australien und Neuseeland, trank dort zwar keinen guten Riesling, weil ihrer Meinung nach niemand besseren Riesling keltert als die Deutschen, lernte dafür aber die südpazifische Gelassenheit schätzen. „Um sechs Uhr abends war Schluss mit der Arbeit, selbst in der Hochphase der Ernte, und mittags gab es immer Barbecue“, sagt Lisa Bunn noch immer so erstaunt, als könne sie derlei Gelassenheit bis heute nicht recht fassen.

Zeitpunkt der Weinlese durch Geschmack bestimmt

Zu Hause in Nierstein ist es von Anfang an weniger gemütlich zugegangen. Dazu musste zu viel auf den Kopf gestellt werden. Nachdem sie 2011 das Familiengut mit vierundzwanzig Jahren übernommen hatte, reduzierte sie radikal die Zahl der Rebsorten, konzentrierte sich auf Rieslinge und Burgunder, warf das halbtrockene Gesöff aus dem Sortiment und wandte all das an, was sie zwischen Geisenheim und dem Fünften Kontinent gelernt hatte. Sie schwört auf Spontanvergärung ohne künstliche Hefen, weil so die Natürlichkeit und Individualität der Weine nicht verfälscht wird – „Kunsthefe macht Tuttifrutti“, befindet sie kategorisch.

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Sie sprüht nach der Ernte Trockeneis auf kapriziöse Trauben wie die Scheurebe, um die ungewünschte Oxidation zu unterbinden. Den Zeitpunkt der Lese bestimmt sie entgegen der Lehrmeinung nicht nach dem Mostgewicht, sondern allein nach dem Geschmack der Frucht. Und wenn ihre Professoren in Geisenheim wüssten, dass sie ihre Rieslinge vierundzwanzig Stunden lang auf der Maische stehen lässt und nicht sechs, wie es heiliger akademischer Brauch ist, würden sie Lisa Bunn wohl nachträglich das Diplom entziehen.

Weinberge mit royaler Kundschaft

Auch wenn die Jungwinzerin Bunn ihren Basisweinen lustige Namen wie „fleißiges Lieschen“ oder „Gewürzschlawiner“ gibt, ist sie doch alles andere als ein Spaßweinbäuerin, die sich auf Gefälligkeitsgewächse kapriziert. Das verbietet sich allein schon deswegen, weil sie das Glück hat, eine Handvoll Parzellen am Roten Hang zu besitzen, der Königslage Rheinhessens, die nicht nur die Weine für die Krönung Queen Elisabeths II. lieferte, sondern auch für deren sechzigjähriges Kronjubiläum. Allen voran ihre Rieslinge und Burgunder von dieser Steillage am Rhein mit seinem roten Tonsandstein sind charakterstarke Nonkonformisten mit prägnanter Säure und minimalem Restzucker, die sich auf ein langes Leben freuen und erst nach zwei, drei Jahren ihre wahre Größe entfalten.

Beim Riesling vom Oelberg ist der Name Programm, denn dieser Wein voller verführerischer Pfirsichnoten umgarnt den Gaumen mit einer derart öligen Intensität, als bestehe er aus nichts anderem als geschmolzenem Aroma. Sein Bruder von der Nachbarlage Hipping hingegen ist so fein geschliffen, so aristokratisch vornehm wie ein englischer Landadeliger in Treibjagdmontur, während der Riesling vom Orbel, einer reinen Südlage, mit Extrovertiertheit und ungestümem Temperament wie ein hochwillkommener Bastard in diesem brüderlichen Triumvirat wirkt – charakterlich also eher ein Donald Trump unter Lisa Bunns Weinen vom Roten Hang. Doch von dieser Wesensverwandtschaft wird der Krawallbruder im Weißen Haus als strenger Abstinenzler nie etwas erfahren.

Weingut Lisa Bunn, Mainzer Straße 86, 55283 Nierstein, Telefon: 06133/59290, www.lisa-bunn.de.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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