Fastfood in Nordkorea

Hamburger, die nicht so heißen dürfen

Von Till Fähnders, Singapur
 - 09:57

Während sich Singapur fieberhaft auf den Gipfel von Präsident Donald Trump und Machthaber Kim Jong-un vorbereitet, gehen die Dinge im „Waffletown“ ihren normalen Gang. Niemand würde erwarten, dass das Restaurant seine ganz eigene Verbindung zu Nordkorea hat. In ihrer Mittagspause stehen die Kunden Schlange, um sich frittiertes Hühnchen, Hamburger und die süßen amerikanischen Waffeln zu bestellen, die dem Geschäft seinen Namen geben. Doch an einem der hinteren Tische sitzt ein schmaler Singapurer, der das abgeschottete Land so gut kennt wie kaum jemand sonst in dem südostasiatischen Stadtstaat. Patrick Soh, 63 Jahre alt, hat vor bald zehn Jahren das erste ausländische Fast-Food-Restaurant in Pjöngjang eröffnet.

Soh ist in diesen Tagen ein gefragter Mann. Mehr als 3000 Journalisten werden über den Gipfel in der kommenden Woche berichten. Viele suchen nun nach den kleinen Geschichten am Rande, mit der sie ihre Berichterstattung über die große „Trump-Kim-Show“ anreichern können. Seitdem amerikanische Medien herausfanden, dass Nordkorea sich angeblich einen McDonald’s wünscht, ist auch Expertise auf diesem Gebiet gefragt. „Ich reise mehr nach Nordkorea als irgendwo anders hin, jedes Jahr drei bis vier Mal“, sagt Patrick Soh. „Nur vergangenes Jahr nicht, weil die Sanktionen so streng waren.“ Dafür seien seine nordkoreanischen Freunde im vergangenen Jahr in Singapur gewesen, auf der Suche nach Investoren.

Patrick Soh hat das Restaurant in Singapur vor mehr als 30 Jahren eröffnet. An die Nordkorea-Verbindung geriet er mehr oder weniger durch Zufall. Zwei singapurische Investoren hatten jemanden gesucht, der Erfahrung im Geschäft mit Schnellrestaurants hat. Der Auftrag lautete, den ersten Burger-Laden unter ausländischer Beteiligung in Pjöngjang aufzubauen. Der Singapurer begann, das Konzept seines Waffle-Town-Franchises an nordkoreanische Verhältnisse anzupassen. Dabei verzichtete er auf den amerikanischen Namen und das Logo und auch alle fremdsprachlichen Bezeichnungen.

Vor zehn Jahren besuchte er zum ersten Mal Pjöngjang. Dann kam eine nordkoreanische Delegation nach Singapur, testete das Essen und erstattete dem damaligen Machthaber Kim Jong-il Bericht.

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Die Folge war ein Gemeinschaftsunternehmen mit einem mächtigen nordkoreanischen Staatskonzern. Schon ein Jahr später eröffnete das erste Restaurant unter dem Namen Samthaesong, „Drei Sterne“. „Die Nordkoreaner lieben ausländisches Essen, besonders amerikanisches wie Cola, Burger, Pommes“, sagt Soh. Die Speisekarte unterscheidet sich deshalb kaum von seinem Lokal in Singapur: frittiertes Hühnchen, Hamburger und Waffeln. Selbst Coca-Cola habe er anfänglich ausgeschenkt, sagt der Singapurer, aber nur versteckt unter dem Ladentisch. Das Getränk hatte er für viel Geld in einem Supermarkt in Pjöngjang erstanden. Mittlerweile hat er es aber durch eine billigere Cola aus Singapur ersetzt. Außer dem Getränk und einigen Gewürzen werden alle Lebensmittel in einer Zentralküche in Pjöngjang hergestellt.

Kim Jong-il soll eine Vorliebe für Burger gehabt haben

Die Kunden seien vor allem junge Leute und Angehörige der nordkoreanischen Mittelschicht in der Hauptstadt, sagt Soh. Nur sie können sich die Burger ab umgerechnet 1,90 Dollar und Hühnchen ab drei Dollar leisten. Er sei erstaunt, was für Geldbündel manche aus den Taschen ziehen, wenn sie an die Kasse gingen. Es kann mit Dollar, Euro und chinesischen Yuan bezahlt werden.

Warum der damalige Machthaber Kim Jong-il überhaupt seinen Segen für das Fast-Food-Restaurant gab – dafür hat der Singapurer bis heute keine richtige Erklärung. Amerika ist in Nordkorea Staatsfeind Nummer Eins. Und amerikanischer als Hamburger mit Pommes und Cola geht es ja wohl nicht. „Man durfte nicht von Hamburgern sprechen“, sagt Soh.

Gleichwohl soll der damalige Machthaber Kim Jong-il eine Vorliebe für Burger gehabt haben. In Nordkorea besagt die Legende, der „Geliebte Führer“ habe „Gogigyeopbbang“, das „Fleisch zwischen zwei Broten“, in seiner unergründlichen Genialität einst sogar selbst erfunden. Der Sohn und neue Machthaber Kim Jong-un, der in der Schweiz zur Schule ging, dürfte mit den kulinarischen Errungenschaften des Westens ebenso vertraut sein. Er hat angeblich auch schon bei Samthaesong gegessen. Ob es ihm geschmeckt hat, ist allerdings nicht überliefert. Der junge Machthaber hat nun angeblich die wirtschaftliche Entwicklung zur Priorität erhoben. Dazu soll angeblich auch der Wunsch gehören, ausländischen Unternehmungen wie dem Trump-Tower und McDonald’s den Zugang zu ermöglichen, wie Unterhändler aus Pjöngjang ihren südkoreanischen Gesprächspartnern anvertrauten. Doch Patrick Soh hat keine Angst davor, dass bald auch in Nordkorea die zwei goldenen Bögen leuchten werden. Bis es so weit ist, dass sich die großen Ketten dort niederlassen, müsse noch sehr viel passieren, sagt der Singapurer.

Moralische Bedenken hatte er nie

„Zuerst müssen die politischen Fragen gelöst sein, sonst geht nichts“, sagt Soh. Samthaesong betreibt inzwischen fünf große Restaurants und etwa 20 Take-Away-Imbisse in Nordkorea, mit insgesamt rund 200 Angestellten. „Mehr geht eigentlich auch nicht“, sagt Soh.

Der Singapurer ist heute nur noch als Berater für das Unternehmen tätig, unter den Sanktionen erlaubt auch Singapur keine Joint Venture mit Nordkorea mehr. In Pjöngjang werde er aber immer noch behandelt „wie ein König“, sagt Soh. Er werde in den edelsten VIP-Hotels untergebracht und bekomme das beste Essen vorgesetzt. Mit der Zeit seien einige Nordkoreaner Freunde geworden. Die meisten seien fröhlich, höflich und bescheiden. Und sie singen gern Lieder. „Man sieht ihnen den Druck nicht an“, sagt Soh. Manchmal werde er zu einem Grill-Picknick eingeladen. Die Nordkoreaner seien auch sehr wissbegierig.

Moralische Bedenken, mit Nordkorea Geschäfte zu machen, habe er nie gehegt, sagt Soh. Doch steht er dem Regime damit nicht zu naiv gegenüber? Arbeitslager, Folter, die Verfolgung ganzer Familien? Er kenne zwar Berichte von Nordkoreanern, die vor dem Regime geflohen sind. Aber: „Mit den eigenen Augen habe ich das nie gesehen.“ Es ist aber auch möglich, dass er lieber die Augen verschließt. In der Hinsicht ist er zur Zeit wohl nicht der einzige. Auch bei dem großen Gipfeltreffen in Singapur werden Menschenrechte vermutlich kaum eine Rolle spielen.

Patrick Soh schaut dennoch mit großer Hoffnung auf das Treffen. Nordkorea sei ein Land mit großem Potential, sagt er. Schon jetzt sei das Regime auf der Suche nach Investoren, die Geld in Immobilien, Einkaufszentren und IT-Unternehmen stecken. Vor allem Pjöngjang habe sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. „Früher gab es fast keine Autos auf der Straße, und wenn, dann waren es gebrauchte Toyotas. Heute haben sie ihre eigenen Autos. Manchmal gibt es sogar Stau.“ Soh ist überzeugt, dass Kim Jong-un es mit den Wirtschaftsreformen ernst meint. Das Land habe sich schon geändert. Heute könne man in Pjöngjang schließlich auch ohne Problem einen Burger bestellen.

Quelle: F.A.Z.
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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