Kolumne Geschmackssache

Gestern ein Bauer, heute ein Held

Von Jakob Strobel y Serra
 - 19:32

Es ist Zeit für eine kleine Zeitreise, denn es gilt, Großes zu feiern. Wir gehen ein Vierteljahrhundert zurück in die Nordpfalz des Jahres 1992. Die Gegend um Grünstadt, spröder, rauer, derber als die bilderbuchpittoreske Mittelhaardt, wird von wackeren Weinbauern bewohnt, die am liebsten Müller-Thurgau, Morio-Muskat und andere Massenweintrauben mit Monstererträgen aus der Alchimistenküche der Rebenneuzüchtungen pflanzen. Daraus keltern sie liebliche Fruchtbomben, die sie fuderweise an Großkellereien verkaufen, obwohl sie beste Weinböden bewirtschaften. Doch dieser Frevel wider den guten Geschmack ist den meisten Deutschen egal, weil sie den heimischen Wein ohnehin wahlweise für zu süß, zu sauer oder zu seicht halten und sich stattdessen lieber Pinot Grigio, Beaujolais Primeur oder Chablis Supermarché hinter die Binde kippen. Der einzige Qualitätsleuchtturm weit und breit ist der Johannishof der famosen Brüder Knipser in Laumersheim, und nur ein paar Meter weiter sollte in jenem schicksalhaften Jahr 1992 ein zwanzigjähriger Abiturient die Entscheidung seines Lebens treffen: Er verzichtet auf ein Studium, auf das Reisen, auf die Freiheit der Flausen und übernimmt stattdessen das Weingut seines Vater, dem das Herz schwer zu schaffen macht.

Fünfundzwanzig Jahre später sitzt Philipp Kuhn in jenem Weingut, das seinen, seines Vaters und seines Großvaters Namen trägt, und erzählt seine Geschichte mit der Gelassenheit eines Menschen, der längst nicht mehr daran zweifeln muss und wohl auch nie daran zweifelte, die richtige Entscheidung getroffen zu haben – eine Geschichte, in der sich archetypisch die wundersame Wandlung der deutschen Weinkultur widerspiegelt. Sieben Hektar übergab der Vater damals seinem Sohn, dem der Berufsberater in der Schule so vehement wie vergeblich den Winzerberuf ausreden wollte, und schon zwei Jahre später den gesamten Betrieb, wogegen nun der Notar so eindringlich wie erfolglos intervenierte, weil der Senior dem Junior volles Vertrauen schenkte. Der junge Philipp riss die Doppelnamenreben heraus, pflanzte Riesling und Spätburgunder, experimentierte mit französischen Klassikern, reduzierte die Erträge, erweiterte die Rebfläche, schaffte die Fassware ab, baute seine Weine nur noch trocken aus und fand unter den jungen Winzern Nachahmer im Dutzend.

Bald wurde die gehobene Gastronomie auf ihn aufmerksam, mit der Zeit kamen die Kennzeichen der Autos auf dem Hof aus ganz Deutschland und nicht mehr nur aus der Region, 2008 war schließlich die Zeit reif für den Ritterschlag: für die Aufnahme in den Verband der Deutschen Prädikatsweingüter. Heute zählt Philipp Kuhn zu den berühmtesten Winzern Deutschlands, bewirtschaftet 36 Hektar in den besten Laumersheimer Lagen, hat einen Ehrenplatz auf den Weinkarten vieler deutscher Spitzenrestaurants und gewinnt Preise im Akkord: Weingut des Jahres bei Gault Millau und Eichelmann, zweimaliger Rieslingchampion und neunmaliger Gewinner des deutschen Rotweinpreises, Auszeichnungen für die besten Großen Gewächse in den Kategorien Riesling und Pinot Noir, Goldmedaille bei den Decanter World Wine Awards in London, Staatsehrenpreise in wandfüllender Zahl.

Standing Ovations bei Weinproben

Bei Weinproben, sagt Philipp Kuhn mit der erdverwurzelten, höhenflugresistenten Selbstironie des Urpfälzers, werde er manchmal mit Standing Ovations gefeiert, wobei ihm die Damen hemmungslos um den Hals fielen und deren Gatten ihn als Dank für den schönsten Abend ihres Lebens umarmten. „Vor fünfundzwanzig Jahren war ich noch der Bauer, der sich auf dem Traktor den Hintern platthockt“, sagt Kuhn und lächelt still, weil das immer noch sein Lieblingsplatz ist.

Weinbau ist für ihn eine Lotterie mit dem Wetter als guter, böser Fee und ihm selbst als Schicksalsüberlister. Er mache jedes Jahr andere Weine und wolle weder Uniformität im Keller noch Wiedererkennbarkeit in der Flasche, sonst könnte er ja gleich Rüben anbauen, sagt Kuhn. Und im Übrigen verlasse er sich ganz auf die Lebensweisheit seines Vaters, dass noch jeder Jahrgang ausgetrunken worden sei. Die einzige Konstante seiner Stilistik sind die Laumersheimer Kalkböden, die allen Weinen eine filigrane Mineralität und salzige Griffigkeit verleihen. Echte Pfälzer Geschöpfe voller Wucht und Kraft, Opulenz und Lebenslust, Sattheit und Sämigkeit, „Weine mit Schmalz und Leberwurst“, wie der Winzer selbst sagt, bleiben seine Gewächse aber immer.

Das Leben wird zu einem Freudenfest

Schon bei den Ortsweinen wird das Leben zu einem Freudenfest, bei dem Asketen nichts verloren haben. Und bei den Großen Gewächsen könnte man fast glauben, Rubens habe sie in die Flasche gemalt, so lebensprall sind die Rieslinge vom Steinbuckel, Kirschgarten oder Saumagen, so voluminös, aber nicht adipös, so barock, aber nicht bombastisch – und manchmal auch ganz anders wie der Riesling Schwarzer Herrgott aus dem Zellertal, dem nördlichsten Pfälzer Zipfel, der seine Frucht mit der kühlen Eleganz einer selbstbewussten Säure zähmt.

Solche stilistischen Freiheiten hat man bei Philipp Kuhn immer wieder im Glas, weil er sich jeder zeitgeistigen Gefälligkeit verweigert und nur das macht, was ihm gefällt. Das Große Gewächs Pinot Blanc vom Kirschgarten blickt westwärts nach Meursault, spielt mit der typischen burgundischen Rauchigkeit und wird darüber zu einer wahren Freudentränenweinsensation – von wegen Schmalz und Leberwurst, das ist reinste Foie Gras mit einem Schmelz zum Dahinschmelzen, so intensiv, so verdichtet, als hätte man einen Weißburgunder-Jus im Glas! Der Pinot Noir aus dem Kirschgarten wiederum verleugnet weder seine Tanine, noch verzichtet er aus Gründen der Bekömmlichkeit auf eine lebensfrohe Säure und berauscht sich stattdessen bacchantisch an seiner Aromenpracht aus Kirsche, Holunder und Schattenmorelle, aus Eisen, Leder und rohem Fleisch. „Wir sind kein Babypopo-Betrieb mit glatten Weinen“, sagt der Winzer, um dann mit der Selbstkritik des unermüdlichen Weinweltverbesserers von seinem Sekt zu schwärmen, einem Blanc de Noir vom Pinot Noir, der nach vielen Fehlversuchen endlich die champagnereske Gestalt annimmt, die er sich wünscht – die Reise durch die Zeit des Philipp Kuhn ist zum Glück noch lange nicht zu Ende.

Weingut Philipp Kuhn

Großkarlbacher Straße 20, 67229 Laumersheim, Telefon: 06238/656, www.weingut-philipp-kuhn.de.

Quelle: F.A.Z.
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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