Luxus-Bar „Club 55“

Ist am Strand eine Steckdose?

Von Annika Joeres
 - 18:01

Patrice de Colmont trägt ein legeres blau-weiß gestreiftes Hemd; seine Haut darunter ist so braun wie die eines Menschen, der am Mittelmeer lebt und noch dazu täglich draußen ist. De Colmont besitzt eine der edelsten Bars im südfranzösischen Ramatuelle, einem Nachbarort von Saint-Tropez, den „Club 55“; seine Gäste zahlen bei ihm für ein Eis 14 Euro und ankern ihre Yachten vor seinen Strandliegen. Doch den Überfluss, dessen Tempel er hier betreibt, nennt de Colmont selbst „lächerlich“; wie er überhaupt davon redet, dass unsere Welt mehr Maßhalten und naturnahes Wirtschaften braucht statt grenzenlosen Konsums und Wachstums. Von dieser Botschaft würde er gerne auch seine Gäste überzeugen. Es muss ihnen ja nicht gleich zu sehr weh tun.

Dabei muss man wissen, dass die Leute, die in seinem Club feiern, nicht nur reich sind, selbst wenn Normalsterbliche damit schon zufrieden wären. Im „Club 55“ ließ Gunter Sachs es einst Rosen für Brigitte Bardot regnen, Bruce Willis und Clint Eastwood, Catherine Deneuve und Angelina Jolie lunchen hier, und jahrein jahraus kommen Prinzen, Firmenbosse, reiche Russen und Popstars und nehmen unter den Pinien und den weißen Sonnensegeln Platz. Jeder wird von de Colmont mit Handschlag begrüßt, mit Vornamen und höflichem „Sie“, die meisten Gäste kommen schon seit Jahren, und der Franzose kennt sie alle in Badehose und mit schwerer Zunge vom Champagnertrinken in der Mittagshitze.

Dass nun ausgerechnet Clubbesitzer de Colmont den Naturburschen in sich entdeckt hat, liegt an einem in Algerien geborenen Landwirt und Umweltaktivisten, der zu seinem Vorbild und Freund geworden ist. Pierre Rabhi, 76, predigt, wenn die Menschen überall auf der Welt wieder ihre Lebensmittel selbst heranziehen würden, wären sie glücklicher und gesünder, und wenn die Konzerne Gemüse, Obst und Getreide wieder ohne Chemie, aber mit der Weisheit ihrer Vorfahren anbauten, wäre die Erde lebenswerter.

Radikale Bescheidenheit

Mit solchen Ideen hat Rabhi es von seinem kargen Hof in den Cevennen in die philosophischen Fernsehsendungen Frankreichs gebracht und zwanzig Bücher geschrieben; er berät die UN, wie man die Ausdehnung von Wüsten verhindern kann, und in Frankreich gründen sich Vereine namens „Colibri“, die nach Rabhis Modell wirtschaften wollen. Die Schauspielerin Marion Cotillard sagt in Interviews, sie sei „völlig verrückt nach Rabhi“.

Dessen radikale Bescheidenheit hat auch de Colmont verzaubert, der schon seine Kindheit in der Bar seiner Eltern mit Gambas verputzenden Gästen verbrachte. Also ficht er für Rabhi und dessen Vorstellung einer ökologischen Landwirtschaft, und das auf seine eigene Weise. Auf dem Tresen im „Club 55“ liegen Prospekte, in denen ein Eigner für seine Yachten in Dubai wirbt, eine Boutique preist maßgeschneiderte Sonnenbrillen an - und dazwischen finden sich schwarz-weiße Flyer für einen Auftritt Rabhis am folgenden Tag; de Colmont hat ihn eingeladen, eine Rede auf seinem Strand zu halten. Fünfhundert Menschen haben sich angemeldet.

Agitiert haben im „Club 55“ schon allerhand Prominente. Zum Beispiel Bono, Sänger der Band U2, der mit seiner Organisation „One“ den Hunger in Afrika bekämpfen will. Die Band hat im Sommer ihren Stammplatz direkt neben der Cocktailbar, Bono hat die großzügige Sitzecke längst zur „irischen Botschaft“ umgetauft. Im vergangenen Sommer trommelten er und seine Bandkollegen eines Abends auf leeren Champagnerflaschen und sangen a capella; die Iren fühlen sich hier offenbar wie zu Hause. „Bono ist ein netter Kerl“, sagt de Colmont.

„Wie Rabhi zu denken“

„Aber er irrt sich.“ Genmais oder ein paar Säcke Reis könnten die Hungernden nicht retten, sondern alleine ein eigenverantwortlicher, ökologischer Anbau von Lebensmitteln. Hat denn der Weltstar Lust, sich in seinem Strandurlaub belehren zu lassen? De Colmont zückt sein Notizbuch und zeigt auf einen französischen Namen mit Handynummer: „Das ist die Kampagnenleiterin von Bono. Er hat für uns ein Treffen arrangiert, auf dem ich ihr unsere Philosophie zeigen kann.“

Unsere Philosophie. „Ich versuche, wie Rabhi zu denken“, sagt de Colmont. So, als gelinge es ihm nicht immer. Immerhin hat er vor ein paar Jahren Ackerland in den Hügeln von Saint-Tropez erworben und baut seitdem Gemüse und Wein für seine Gäste an. Der Bauernhof mit den blauen Fensterläden, den Weinhügeln und den Sonnenblumen zwischen den Tomatenpflanzen ist ein duftender und sehr stiller Ort.

Selbst arbeitet de Colmont hier zwar nicht; dafür möchte er am Tag zu viele Hände in seiner Bar persönlich schütteln. „Der Chef wacht wie ein Hüter des Grals darauf, alles biologisch korrekt anzubauen“, sagt Nicolas. Der junge Landwirt mit Strohhut bestellt das fünf Hektar große Grundstück; er spritzt das Gemüse mit Brennessel-Sud statt mit Gift und verteilt zwischen den Pflanzen Stroh statt Unkrautvernichtern. Der Hof passt zur Tageskarte des „Club 55“: Hier wachsen Minze für den beliebten Mojito-Cocktail, Erdbeeren für Strawberry Daiquiris, die Gäste später zum Apéro am Meer bestellen werden, und Tomaten und Auberginen für die Sommersalate.

„Nur Sand, das ist Natur“

Jeden Morgen kommt de Colmont hierher, erntet zwei große Weidenkörbe voll und atmet tief durch. „Nichts ist für uns Menschen wichtiger, als vernünftig zu essen“, sagt er. Künftig will er die Felder mit Pferden bestellen lassen, damit die schweren Maschinen nicht den Boden zusammenstauchen und die für die Pflanzen so wichtigen Würmer erdrücken. „Manche sagen zu mir: Du bist verrückt, du gehst wieder ein halbes Jahrhundert zurück. Sie haben nicht begriffen, dass uns der sogenannte Fortschritt kaputtmachen wird.“

An diesem Mittag ist im Club ein Herr zu Gast, den die Kellner ehrfürchtig den „König der französischen Kartoffeln“ nennen. Auch er lobt den Wein, den de Colmont anbaut, lässt ihn aber schnell wissen, wie wenig er von dem „biologischen Kram“ hält. Er ist nicht der Erste, der dem Barbesitzer so was sagt, und nicht zum ersten Mal nimmt de Colmont zwei blau-weiße Salz- und Pfefferstreuer vom Nebentisch und baut sie vor dem Kartoffelkönig auf. „Stell dir vor, in jedem Streuer ist das, was du auf deine Felder streust. Unkrautvernichter, chemischer Dünger, Insektengift. Und bei jedem Essen streust du ein paar kleine Kügelchen davon auf deinen Teller. Am Ende des Jahres sind die Streuer leer.“ De Colmont lächelt zufrieden, der Kartoffelkönig nickt leicht widerwillig; aber ohne Eindruck ist die kleine Demonstration bei ihm auch nicht geblieben.

Einfach ist es nicht mit den Gästen. An diesem Mittag geht ein Teller mit Nudeln aus Dinkel zurück, den eine Freundin von Colmont eigenhändig anbaut und dann zu Pasta verarbeitet. „Das tut mir in der Seele weh“, sagt de Colmont. Seine Gäste reisen in Lamborghinis und Ferraris an; oft haben sie mehrere Smartphones in der Hand, wenn sie auf die Terrasse treten. „Ist am Strand eine Steckdose?“, fragt ein Typ mit schottischem Akzent und einem iPad in der Hand. De Colmont lacht. „Nee, da ist nur Sand, das ist Natur.“

Auch ein Revolutionär ist der Gastronom natürlich nicht. Mit seinen Gästen ist er nachsichtig - sicher auch, weil er von ihnen lebt. „Es ist schädlich, mit einem Porsche herumzufahren; aber ich würde es niemals verbieten wollen“, sagt er. Dass seine Gäste für zwei Strandmatten mit Schirm eine Summe hinlegen, von der einige Familien Lebensmittel für die gesamte Woche kaufen, findet er selbst inzwischen absurd. Aber er war selbst mal so wie sie, berichtet er, bis er in einer Zeitschrift über einen Artikel von Rabhi stolperte. Er kaufte im nächsten Laden alle verfügbaren Bücher des Algeriers und meldete sich zu einem landwirtschaftlichen Seminar auf Rabhis Hof an: „Da saß ich nun, als Barbesitzer von Saint-Tropez, zwischen vielen jungen Bauern, die wissen wollten, wie sie auf natürliche Weise ihre Acker bestellen sollen.“ Er genoss sichtlich die neue Welt, die sich ihm eröffnete.

Sehr wohlhabend sei er schon, sagt de Colmont: „Menschen, die nicht alles Geld ausgeben, was sie haben, sind reich.“ Er investiert in seinen Hof, auch in ein paar Projekte von Rabhi, und versucht ansonsten, dem Überfluss zu entkommen. Er telefoniert mit einem zehn Jahre alten Handy mit gesprungenem Display, er besitzt nur ein Auto, einen Allradwagen für die Felder. Und in seinem Haus in den Pinienwäldern von Saint-Tropez gebe es nur ein Waschbecken und eine Dusche; de Colmont kann von seinem Leben an einem der teuersten Flecken der Erde reden, als lebe er in einer Baracke.

Als am Abend dann Pierre Rabhi am Strand auftritt und redet, ein kleiner Mann mit warmer Stimme, sitzen dort, wo im Hochsommer auf den Teakholz-Tischchen Champagnerflaschen in Eiswürfeln schwimmen, Hunderte Menschen auf Holzbänken und hören ihm zu. Bäuerinnen mit Nacken, die von der Feldarbeit ledrig-rot geworden sind, lauschen seinem Vortrag; neben ihnen finden sich Frauen im kleinen Schwarzen und Männer im Anzug. De Colmont sitzt barfuß auf dem Strand und applaudiert. Ab und zu kommen Menschen vorbei, die eigentlich Champagner am Strand trinken wollten und nun auf dem Sand Platz nehmen. Colmont hat seinen Club für den Abend geschlossen.

Quelle: F.A.S.
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