Nachhaltig einkaufen

Zu gut für die Tonne

Von Andrea Böhnke
 - 11:58
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Die Milch riecht sauer? Weg damit! Der Apfel fault an einer Stelle? Weg damit! Die Kartoffeln keimen? Weg damit! Die Brötchen sind trocken? Die Himbeeren matschig? Die Nudeln von letzter Woche? Im Schnitt landet jedes achte Lebensmittel, das wir kaufen, im Müll.

Das belegt eine Studie von 2012, die das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Auftrag gegeben hat. Zusammen mit Industrie, Handel und Gastronomie entsorgen die Verbraucher jedes Jahr etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittel. Pro Bundesbürger sind das 81,6 Kilogramm. Etwa zwei Drittel der Lebensmittelabfälle wären vermeidbar. Genau da setzen verschiedene Startup-Unternehmen mit ihren Angeboten an, indem sie die Lebensmittel weiterverkaufen. Drei davon will ich testen: die „Retterboxen“ von Etepetete und SirPlus sowie die App „Too good to go“. Die Boxen kosten zwischen 20 und 30 Euro, die App nichts. Mein Ziel: herausfinden, wie alltagstauglich die Angebote sind. Kann ich sparen – und sogar mein Verhalten ändern? Schließlich schnappt der Deckel meines Mülleimers recht schnell auf. „Wenn du dir unsicher bist, tu es lieber weg“, rät mir auch meine Mutter oft.

Wie mit dem SUV zum Biosupermarkt zu fahren

SirPlus aus Berlin macht das Gegenteil: Das Startup verkauft Lebensmittel, die abgelaufen sind. Die „Retterbox“ soll Grundnahrungsmittel, Snacks und Getränke enthalten, die noch genießbar sind – und mindestens 30 Prozent günstiger als im Laden. Die Kiste wird nach Hause geliefert.

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Januar 2018: ErnährungsberichtDas kommt bei den Deutschen auf den Teller

Es klingelt! Ich eile zur Tür und nehme das Paket entgegen. Ziemlich schwer. Kaum ist der Bote weg, reiße ich die Pappe auf und stöbere in dem Karton: Mangosaft, Popcorn, Tee. Keine der Marken kenne ich. Und aus den Produkten lässt sich spontan kein Mittagessen für zwei zaubern. Zwischen Proteinbällchen und Kokosmilch entdecke ich ein Glas Karottencremesuppe. Ich lese das Etikett: Die Suppe ist noch Monate haltbar! Trotzdem bin ich erleichtert, dass der Deckel ploppt, als ich ihn aufdrehe. Ich halte meine Nase über das Glas. Riecht süßlich und herb.

Die Suppe ist schnell aufgewärmt. „Was ist das?“, fragt mein Freund und beugt sich über seinen Teller. Er schnüffelt wie ein Hund, der eine Fährte wittert. Ein Löffel wandert in den Mund. Stille. Wieder ein Löffel. Wieder Stille. Dann endlich: Rauch über der Sixtinischen Kapelle! Er sei anderes von mir gewohnt, sagt der Mann und schiebt den Teller weg. Ich erzähle, dass Karottensaft als Kind mein Lieblingsgetränk war. Er sagt, er habe orangenen Brei schon als Baby gehasst. Ich lese die Zutaten vor: „Alles aus kontrolliert ökologischem Anbau“. Er droht mit Würgen. Wegen unüberbrückbarer geschmacklicher Differenzen wird die Suppe meines Freundes schließlich entsorgt. Ich esse meinen Teller leer. Gerettetes Essen wegzuschmeißen ist wie mit dem SUV zum Biosupermarkt zu fahren. Aber über Geschmack lässt sich nun mal nicht streiten.

„Die Veggie-Chips mussten gerettet werden, weil die niemand kauft“

Nächster Versuch. Zwei Freunde haben zu sich eingeladen. Es ist Samstagabend, wir spielen ein Brettspiel. Jetzt was zum Knabbern! Ich biete meine geretteten Veggie-Chips an. Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD): 2. November 2017.

Mein Freund greift als Erster zu – sein Retterkonto steht schließlich noch auf null. Er kaut und kaut und kaut und kaut. „Ich dachte, das wäre Süßkartoffel“, sagt er mit spitzem Mund und schnappt sich die Tüte. Irgendwie tut er mir leid: Es ist Karotte.

Die gebackene Rote Beete schmeckt einigermaßen. Trotzdem futtern am Ende alle die Kartoffelchips vom Discounter. „Die Veggie-Chips mussten gerettet werden, weil die niemand kauft“, vermutet ein Freund und schmeißt die Reste in die Tonne.

Tatsächlich stecken in der „Retterbox“ von SirPlus nicht nur abgelaufene Lebensmittel, wie Gründer Raphael Fellmer sagt. „Wir retten auch Produkte, auf denen ein altes Logo klebt oder die neu auf dem Markt sind und nicht gut liefen.“ Was keine Karotte enthielt, hat tatsächlich auch geschmeckt. Das Prinzip: SirPlus kauft Partnern wie der Metro für kleines Geld alles ab, was die Tafeln nicht nehmen. „Wir wollen denen ja nichts wegnehmen“, sagt der 34-Jährige. Auch die Firmen würden profitieren – nicht nur finanziell. „Nachhaltigkeit ist gerade in Mode.“

Ohne ein Labor zu beauftragen

Für seine Kunden will Fellmer das Retten von Lebensmitteln so komfortabel wie möglich machen, sagt er. Die Idee scheint aufzugehen. Nach eigenen Angaben hat SirPlus bereits mehr als eine halbe Million Mahlzeiten vor der Tonne bewahrt und mehr als 1800 „Retterboxen“ verschickt.

99,9 Prozent der Produkte, die SirPlus von seinen Partnern erhält, sollen noch gut sein. Warum sortieren die Händler sie dann aus? „Weil abgelaufene Lebensmittel leider noch ein schlechtes Image haben.“ Wer sie verkaufe, sei zudem dafür verantwortlich, ob sie noch genießbar sind.

Laut Gesetz ist es legal, Lebensmittel nach Ablauf des MHD zu vertreiben. Das Produkt muss allerdings nur bis dahin „seine spezifischen Eigenschaften behalten“. Das heißt, Aussehen, Geruch und Geschmack müssen so sein wie zu dem Zeitpunkt, als es die Fabrik verlassen hat. „Das zu überprüfen und zu gewährleisten, ist für viele Läden zu aufwendig“, sagt Fellmer. SirPlus testet die Produkte, wenn sie ankommen und – falls noch nicht verkauft – noch einmal zwei Wochen später. Kühlwaren überprüft das Unternehmen täglich, meist ohne ein Labor zu beauftragen.

Mit Sahne und Walnüssen garniert

„Wir hatten bisher wenig verpackte Produkte, die nicht mehr gut waren.“ Dazu gehörten ein Saft, der nicht mehr schmeckte, und ein Riegel, der ranzig war. In solchen Fällen wirft auch SirPlus Lebensmittel in den Müll. „Das tut immer weh. Aber wo gehobelt wird, fallen Späne.“

Test zwei: „Too good to go“. Über die App bieten Bäckereien, Restaurants und Supermärkte Speisen an, die sie sonst entsorgen würden – für maximal die Hälfte des Originalpreises. Mit wenigen Klicks kann ich eine Portion bestellen und direkt online bezahlen. Praktisch!

Ich tippe meinen Wohnort in das Suchfeld ein. Eine Liste mit Betrieben in der Nähe erscheint. Ein grüner, gelber oder roter Punkt verrät, ob noch Mahlzeiten verfügbar sind. Die Läden, die mich interessieren, leuchten rot – und das mehrere Tage in Folge. Die anderen würde ich zwar ausprobieren. Aber entweder liegen sie zu weit entfernt, oder das Zeitfenster zum Abholen ist zu spät. Wer isst schon in der Woche um Mitternacht Sushi? Dann ein Lichtblick! Eines meiner Lieblingscafés ist verfügbar.

Ich denke nicht lange nach. Zwei Klicks, gekauft. Für drei Euro soll ich eine Portion Torte, Panini, Bagel oder Salat erhalten. Ich bin gespannt! Als ich am Café ankomme, stapeln zwei Mitarbeiter gerade die Stühle. Ich blicke auf die Uhr: 17.20 Uhr. Bis 17.30 Uhr sollte ich da sein. Ich bahne mir den Weg zur Theke. Die junge Frau dahinter macht gerade Kassensturz. Von meiner Bestellung weiß sie nichts. Sie blickt zu ihrer Kollegin, die die Schultern hochzieht. „Den Spinatkuchen würden wir eh wegwerfen“, sagt sie. Meine Freude hält sich in Grenzen. Doch was die Mitarbeiterin aus der Vitrine nimmt, ist mit Sahne und Walnüssen garniert. Süßer Kuchen, lecker! Zwei Stücke sind mir aber dann doch zu viel. Den Rest biete ich am nächsten Tag meiner Mutter an. „Sieht ja aus wie Gift“, sagt Mama und greift lieber zum frischen Apfelkuchen.

Mehr als 700.000 Nutzer

„Too good to go“, Teil zwei. Ein anderer Lieblingsladen leuchtet grün! Laut App können hier Currys, Sandwiches und Suppen übrig bleiben. Als ich am Geschäft ankomme, muss ich mich anstellen. Die Leute vor und hinter mir bestellen normal. Ich komme mir komisch vor, als ich dem Verkäufer mein Handy hinhalte. Ich suche mir ein Curry und einen Wrap im Wert von zehn Euro aus – und bezahle nur 4,50 Euro. Mit einer Pappschachtel und Papiertüte in der Hand und einem merkwürdigen Gefühl im Bauch verlasse ich den Laden.

Wie eine Retterin fühle ich mich nicht. „Riecht gut“, sagt mein Freund, als ich nach Hause komme. Wenigstens das! Ich verteile den Reis auf zwei Teller. Die klebrige Masse löst sich nur schwer von der Kelle. Zu früh gefreut? Schweigend essen wir unser Curry. Ich kann spüren, wie sich der Brei die Speiseröhre meines Freundes hinunterkämpft. „Too good to go, too bad to taste“, sagt er. Ich kann es kaum glauben! Denn eigentlich ist er der Essensretter von uns. „Es muss nicht immer frisch sein, aber schmecken muss es schon.“ Ich stimme ihm zu.

Im Netz lese ich Erfahrungsberichte. Viele sind positiv, einige erzählen von Läden, die zuhatten, und von Essen, das ungenießbar war. „Wir stehen in engem Kontakt mit den Kunden und Partnerbetrieben, so dass wir vieles schnell klären können“, sagt Mitarbeiterin Teresa Sophie Rath. Bevor es ein Restaurant in die App schafft, gebe es Gespräche. „Wir haben in ganz Deutschland verteilt Kollegen vor Ort, die sich mit den Betrieben austauschen“, sagt Rath. „Too good to go“ hat nach eigenen Angaben bundesweit 1800 Partnerläden und mehr als 700.000 Nutzer. Angefangen hat alles 2015 in Dänemark. Heute gibt es die App in acht Ländern und sieben Sprachen. Das Unternehmen schreibt allerdings noch keine schwarzen Zahlen. „Wir finanzieren uns durch Investoren. Außerdem geht ein Euro pro verkaufter Mahlzeit an uns“, sagt Rath.

Rezept mitgeliefert

Das Münchener Startup Etepetete kauft Gemüse von Biobauern, für das diese keine Abnehmer finden: zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn. Studien belegen, dass bis zu 50 Prozent der Ernte in Industrieländern in der Tonne landen – auch wegen Schönheitsfehlern.

Das nonkonforme Gemüse kommt in einem Karton per Post. Ich öffne ihn sofort. Avocado, Kürbis und Zucchini sehen auf den ersten Blick aus wie im Supermarkt. Doch da! Den Champignons fehlen die Stiele, die Möhre ist riesig, und die Haut der Zitrone hat scheinbar Cellulite. Die Inhaltsliste im Internet offenbart noch mehr: Die Kartoffeln haben Schorfstellen und die Schalen von Avocado und Pastinake Fehler. Der schwarze Rettich soll nicht ganz schwarz sein, Sellerie und Butternut zu klein. Wäre mir nicht aufgefallen! Allein der Mangold ist makellos.

Zwischen Gemüse und Früchten entdeckte ich ein Rezept. Praktisch! Ofenkürbis mit Quinoa und schwarzem Rettich. Zutaten: zwei Knollen schwarzer Rettich, ein Butternut, 150 Gramm Quinoa. Stopp! In der Kiste ist doch nur Gemüse. Ich durchforste den Küchenschrank: Nudeln, Reis – dann muss eben der Couscous herhalten. Extra Quinoa kaufen will ich nicht. Zurück zur Liste: Saft einer Zitrone, je zwei Esslöffel Kürbiskerne und getrocknete Cranberrys. Uff! Die Kerne habe ich nicht, das weiß ich. Es muss ohne gehen.

„Die Kunden erwarten eine gewisse Vielfalt“

Bei den Beeren habe ich Glück. Im Schrank finde ich eine Tüte mit Studentenfutter – und Cranberrys. Die restlichen Zutaten, Olivenöl, Thymian, Salz und Pfeffer, gehören zum Standard. Alles kleinschneiden und ab in den Ofen. Es riecht gut – und schmeckt auch!

Nach dem Essen ist die „Retterbox“ noch prall gefüllt. Mit Sellerie, Pastinake und Mangold weiß ich allerdings nichts anzufangen. Den Rest kann ich im Alltag gut gebrauchen – für Bratkartoffeln, Guacamole und Ratatouille.

Auf der Facebook-Seite von Etepetete lese ich, dass einige unzufrieden sind mit der Auswahl oder Menge des Gemüses. „Die Kunden erwarten eine gewisse Vielfalt“, sagt Georg Lindermair, einer der drei Gründer. Im Winter kauft das Unternehmen daher im Ausland hinzu.

Auch für die Kunden kein Schnäppchen

„Dort gibt es viele Betriebe, die ausschließlich für den deutschen Markt produzieren.“ Entsprechend hoch seien auch hier die Anforderungen an die Erzeugnisse – und den Ausschuss. „Gerade bei Südfrüchten wie Zitronen kommt es öfter mal zu Verletzungen der Schale.“

Was die Standards nicht erfüllt, verkaufen die Landwirte zum Teil an die Industrie. „Aber die Preise sind oft ernüchternd“, sagt Lindermair. „Wir zahlen mehr.“ Das gehört zum Konzept. Auch für die Kunden ist die Etepetete-Box kein Schnäppchen. „Das würde die Ware grundlos degradieren.“

In Zukunft will das Startup noch stärker mit den Erzeugern zusammenarbeiten und etwa den Anbau mit planen. „Das ist die große Vision“, sagt Lindermair. Die Zeichen stehen seiner Meinung nach günstig: „Das Thema Ernährung und Nachhaltigkeit wird immer wichtiger.“

Eigenverantwortung beim Einkaufen

Darin sind sich die drei Anbieter einig. Sie sehen sich nicht als Konkurrenten, kooperieren sogar teilweise. „Wir haben dasselbe Ziel und bieten unterschiedliche Lösungsansätze“, sagt Teresa Sophie Rath. Wo und wie man Lebensmittel rette, sei unwichtig. „Hauptsache, es geschieht.“

Ich habe mir vorgenommen, künftig weniger einzukaufen und das MHD öfter zu ignorieren. Hin und wieder werde ich vielleicht auch eine der Boxen bestellen oder die App nutzen. Aber im Alltag kann ich meinen Müll- und Geldbeutel am besten durch mein eigenes Verhalten schonen.

Quelle: F.A.S.
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