Geschmackssache-Kolumne

Der Riesling von der Saar ist kein Geheimtipp mehr

Von Jakob Strobel y Serra
 - 21:02

Natürlich war die Soziale Marktwirtschaft ein Segen für die junge Bundesrepublik. Doch sie hatte auch Schattenseiten, und ihre vermutlich finsterste Verirrung war das vergiftete Wirtschaftswundergeschenk der Sozialen Spätlese. Und das kam so: Nachdem Ludwig Erhard den Wohlstand unters Volk gebracht hatte, wollte nun auch die breite Masse der Weintrinker die teuren Spätlesen trinken, die bis dahin den besseren Ständen vorbehalten waren – ohne sie sich wirklich leisten zu können. Also pflanzten die Winzer massenhaft Fruchtbombentrauben wie Müller-Thurgau, Kerner oder Bacchus, kelterten daraus klebrige Pseudospätlesen und provozierten schließlich, als einige Schurken unter ihnen den Hals nicht voll genug bekommen konnten und ihre Gewächse mit Frostschutzmittel nachsüßten, den epochalen Glykolwein-Skandal.

Auch die Saar ertrank bald in Sozialspätlesen, obwohl das weinbautechnischer Aberwitz war. Denn in diesem engen Flusstal gibt es ausschließlich Steillagen auf kostbaren Schieferböden meist mit schönster Südexponierung, also ideale Bedingungen für den Qualitätsweinbau auf höchstem Niveau – was Ludwig Erhard übrigens vollkommen gleichgültig war, weil er am liebsten Whisky trank.

Mühsame Arbeit lässt viele Winzer aufgeben

Peter Lauer aus der Winzerhochburg Ayl ließ dieses Verbrechen wider die Weinkultur keine Ruhe. Er riss die Sozialtrauben heraus, pflanzte stattdessen Riesling, baute seine Weine überwiegend trocken aus, wurde so zu einem Qualitätspionier an der Saar und konnte ein wohl bestelltes Feld an seinen Sohn Florian übergeben, der sich indes um ein Haar ins Unglück gestürzt hätte: Da der Bub sein ganzes Leben mit Wein verbracht hatte, beschloss er, nach dem Abitur nicht Winzer zu werden, sondern Agrarökonomie zu studieren, um danach bei der EU anzuheuern. Die universitäre Beschäftigung mit Agrarlobbyismus und Industrielandwirtschaft trieb ihn dann glücklicherweise zurück ins elterliche Gut, das er seit 2013 alleine führt – demselben Jahr, in dem die Lauers in den Verband der Deutschen Prädikatsweingüter (VdP) aufgenommen wurden, als endgültige Nobilitierung ihrer Abkehr vom agrarökonomischen Weinbau.

Die Geschichte der Familie Lauer ist symptomatisch für die Saar, diesen Januskopf von Weinregion. Seit 2000 Jahren werden hier Spitzenqualitäten angebaut, und bis heute liegt die Hälfte der VdP-Weingüter der Mosel an deren winzigem Appendix Saar, obwohl das Flüsschen nur achthundert Hektar Anbaufläche besitzt, zehnmal weniger als die Mosel selbst. Trotzdem geben viele Winzer auf, weil ihnen die Arbeit in den steilen Weinbergen zu mühsam ist und sie im nahen Luxemburg ihr Leben viel leichter verdienen können.

Voraussetzungen begünstigen den Weinbau an der Saar

„Wir brauchen für jeden Hektar 700 Arbeitsstunden pro Jahr, während es in Rheinhessen nur 250 sind“, sagt Florian Lauer, der auf seinen zehn Hektar heute ausschließlich Riesling anbaut. Er muss mit Raupen arbeiten, die dreimal so teuer sind wie Traktoren und sich an Seilwinden die Weinberge hinaufziehen, will demnächst mit Drohnen für die Schädlingsbekämpfung experimentieren und erfährt bei all der Schufterei doppelte Genugtuung: Zum einen gibt ihm jeder einzelne Tropfen seiner Weine recht, zum anderen haben die Granden unter den Moselwinzern inzwischen das Potential der Saar erkannt und kaufen sich massiv ein. Markus Molitor hat sich kürzlich dreißig Hektar gesichert, Van Volxem sogar fünfzig, selbst der Fernsehfragensteller Günter Jauch ist mittlerweile im Nebenberuf Saarwinzer.

Die heilige Dreifaltigkeit des Flusses seien Klima, Boden und Rebsorte, sagt Florian Lauer: „Der Eskimo steht mit den Füßen im Wasser, uns aber spielt der Klimawandel in die Hände.“ Er sorgt dafür, dass an der Saar zwischen Blüte und Lese 130 Tage liegen, dreißig mehr als am Kaiserstuhl oder in Burgund, und oft erst Anfang November geerntet wird. Der Boden aus blaugrauem Devonschiefer wirkt als Wärmespeicher, die Kessellagen sorgen für zusätzliche Hitze, während kalte Nordwinde im Flusstal und die vergleichsweise hohe Lage der Weingärten auf dreihundert Metern für eine große Temperaturamplitude sorgen – wenn einer Rieslingtraube die gute Märchenfee erschiene, dann wünschte sie sich nichts anderes als das Saartal.

Riesling braucht keine Dekoration

Da sie schon da war, ist es kein Wunder, dass Florian Lauers Rieslinge ausnahmslos an Schönheitswettbewerben teilnehmen könnten, so schlank und elegant, so grazil und wohlproportioniert sind sie. Kein Gewächs hat mehr als 12,5 Prozent Alkohol, oft begnügen sie sich mit 9,5 Prozent und wirken trotzdem nicht wie vinifizierte Hungerhaken. Der Schiefer gibt ihnen eine markante, aber nicht aufdringliche Würze und Salzigkeit mit auf den Lebensweg, die Kälte ein gesundes Säureskelett und die sichere Hand des Winzers, der vollständig auf Reinzuchthefen verzichtet, einen ausgeglichenen Charakter ohne Neigung zu kapriziösen Eskapaden.

Und so würzt die Große Lage Faß12 aus siebzig Jahre alten Rebstöcken ihre Mineralität dezent mit Zitrusfruchtzesten und Lavasalz, während die Große Lage Faß9 nach Mango und Maracuja duftet, ohne wie ein Obstsalat zu schmecken. Das Große Gewächs Faß18 ist hingegen ein reines Kind des Schiefers, gibt alle Frucht zugunsten der Würze auf und scheint nicht aus dem Fasskeller, sondern direkt aus dem Räucherofen zu kommen.

Jeder dieser Weine ist ein Luxusgeschöpf, das aber auf Prunk und Pomp, auf Girlanden und Manierismen verzichtet, weil die reine Seele des Rieslings keine Dekoration braucht – schon gar nicht, wenn sie wie die handgerüttelte Réserve 1988 fast dreißig Jahre lang als Winzersekt im Degorgierkeller auf ihre Stunde gewartet hat, um dann wie ein flüssiger Geist der Wunderflasche zu entsteigen, nach einem ganzen Kräutergarten voller Dill und Minze duftend, so frisch wie der Morgentau und doch so tiefgründig wie eine Geschichte aus Zehntausendundeiner Nacht – ein Antisozialspätlesenwinzersekt, der sogar Ludwig Erhard zum strenggläubigen Konvertiten gemacht hätte.

Weingut Peter Lauer,

Trierer Straße 49,

54441 Ayl,

Telefon: 06581/3031,

www.lauer-ayl.de.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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