Kompostierbares Einweggeschirr

Natur zum Essen

Von Peter-Philipp Schmitt
 - 16:56
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An einem Steak haben sich die beiden noch nicht versucht, aber an einer rohen Kartoffel. Und eine Kartoffel, sagt Oscar Kylberg, sei ja wohl der eigentliche Härtetest. Zumindest wenn es um Plastik-besteck geht. Dabei ist schon der Begriff Plastik irreführend: Die neue Besteckserie des schwedischen Designer-Duos Bernadotte & Kylberg besteht zu 100 Prozent aus pflanzlichem Material und ist biologisch abbaubar. Das Material, kurz CPLA genannt, entsteht bei der Fermentierung von Maisstärke. Noch ungewöhnlicher ist der Stoff, aus dem die Teller und Schüsseln der Einweg-Kollektion Amazonica sind: Bagasse. Dabei handelt es sich um Faserreste, die bei der Produktion von Zucker aus Zuckerrohr entstehen. Bagasse zerfällt nach der Kompostierung in nur wenigen Wochen zu Erde. Selbst die Servietten zur Kollektion, auf denen sich grafisch das Geschirr wiederfindet, sind aus kompostierbarem Zellstoff hergestellt.

Carl Philip von Schweden und Oscar Kylberg haben erstmals ein echtes Massenprodukt auf den Markt gebracht. Auftraggeber war das auf Tischgedecke spezialisierte Unternehmen Duni mit Sitz im schwedischen Malmö. Fast eineinhalb Jahre hat die Arbeit an dem Projekt gedauert. Was es werden sollte, stand von Anfang an fest. Auch dass die Einwegartikel umweltfreundlich sein sollten. Die Materialien aber ergaben sich erst mit der Zeit.

Über allem habe ein Slogan gestanden, den sie sich auch in ihrem Stockholmer Studio groß an die Wand hefteten: „Celebrate Food“. Kylberg nennt es das Herzstück der Kollektion: „Wir wollen Mahlzeiten zelebrieren.“

Dabei half ihnen das Material Bagasse, das von weitem wie Porzellan wirkt, doch viel leichter ist und eine ungleichmäßige Oberfläche hat. Wie bei sehr dünnem Porzellan scheint Licht durch die Teller und Schalen. Obwohl es ein Wegwerf-Produkt ist, wirkt es fast so edel wie das feinkeramische Erzeugnis.

Der Elfenbeinton unterstreicht noch die Idee, dass das Hauptaugenmerk auf den Speisen liegen soll. Sie sind dann die Farbtupfer auf dem neutralen Untergrund. Das Weiß des Geschirrs sei durchaus gewollt, sagt Kylberg. Allerdings lasse sich das Abfallprodukt Bagasse sowieso nur schlecht einfärben. Die Herstellung indes ist einfach: Die ausgepressten Zuckerrohrstengel werden pulverisiert, zu einer Paste verarbeitet und in Formen gepresst.

An der Form haben die beiden Schweden besonders lange getüftelt. „Wir haben uns von einer Seerosenart aus dem Amazonasgebiet inspirieren lassen“, erzählt Kylberg. Tatsächlich fügen sich der flache und der tiefe Teller mit der kleinen Schale obenauf zu einer großen Blüte zusammen, die wie eine Seerose auf Wasser schwimmen könnte.

Kylberg lacht, wenn man ihn auf Bezüge zu Carl Philips Familie anspricht. „Reiner Zufall“, sagt er in Vertretung seines Partners, der sich an diesem Tag in Stockholm um seinen im August geborenen zweiten Sohn Gabriel Carl Walther kümmern muss. Die Riesenseerose Victoria amazonica trägt also nur zufällig den Namen von Carl Philips älterer Schwester, der schwedischen Thronfolgerin Victoria. Koinzidenz ist auch, dass Königin Silvia eine brasilianische Mutter hatte und in São Paulo aufwuchs.

Bernadotte, geboren 1979, und Kylberg, geboren 1972, haben Grafikdesign an der Forsbergs Skola in Stockholm studiert - allerdings nicht zur selben Zeit. Auf den ersten Blick sind die beiden ein eher ungleiches Paar. Dennoch haben sie einiges gemeinsam. Sie tragen große Namen, und beiden liegt das Kreative im Blut. Carl Philip entstammt dem schwedischen Königshaus Bernadotte. Sein Großonkel war der bekannte schwedische Designer Sigvard Bernadotte (1907 bis 2002), der mit Acton Bjørn zusammenarbeitete. Von Bernadotte & Bjørn stammt unter anderem die Rührschüssel Margrethe. Benannt ist der Entwurf nach Sigvard Bernadottes Nichte, der heutigen Königin von Dänemark, die zugleich Carl Philips Patentante ist. Oscar Kylberg wiederum ist der Nachfahre einer weitverzweigten Künstlerfamilie, deren bekanntestes Mitglied Kylbergs Urgroßvater war, der Maler Carl Oscar Kylberg (1878 bis 1952).

Das Studio Bernadotte & Kylberg gründeten die beiden, die sich über gemeinsame Freunde vor bald 15 Jahren kennenlernten, im Jahr 2012. Ihre erste gemeinsame Arbeit war Svenska Djur (Schwedische Tiere) für die Gustavsbergs Porslinsfabrik. Danach bekamen sie den Auftrag, Daunenjacken für die Firma A-One zu entwerfen. Für eine ihrer letzten Arbeiten, die Schalen- und Vasen-Kollektion Stockholm Aquatic für den dänischen Hersteller Stelton, bekam das Duo den Designpreis Red Dot mit der Auszeichnung „hochwertiges Design“. Bei den Behältnissen, die aus Aluminium und Emaille bestehen, verschwimmen blaue Muster wie Tusche auf zu feuchtem Papier. Auch dabei haben sich die beiden von der Natur inspirieren lassen - von den Schären, den kleinen Inseln ihrer Heimat.

Noch etwas verbindet Bernadotte & Kylberg: „Wir sind beide junge Väter“, sagt Oscar Kylberg. Das hält ihn und auch Carl Philip aber nicht davon ab, fast jeden Tag ins Studio zu gehen und gemeinsam zu arbeiten. Dort sitzen sie sich an einem Tisch gegenüber und zeichnen auf einem großen Bogen Papier an ihren Entwürfen. „Wir zeichnen alles erst einmal von Hand“, sagt Kylberg. Dann werde verglichen, verbessert, verworfen. „Wir diskutieren und experimentieren viel.“ Auch erste Prototypen entstehen in ihrem Studio. Schließlich beginnt die Feinarbeit: Die Amazonica-Teller bekamen durch eine Vertiefung in der Mitte zusätzlich Stabilität. In die Delle wiederum fügt sich nun der zweite, tiefere Teller ein. Der tiefe Teller und die kleine Schüssel, die auch ein Becher sein kann, sind umgedreht Abdeckungen, unter denen das Essen vor Fliegen geschützt ist.

Und wie lassen sich Teller und Schalen in Zehner-Packs stapeln, ohne dass sie zu fest zusammenhängen? „Das war besonders tricky“, sagt Kylberg. „Da mussten wir am Ende noch an der Oberfläche feilen.“ Bei den Messern wiederum konnten sie noch Material einsparen, indem sie die Messer sich verjüngen ließen.

Widerstandsfähig, man denke an den Kartoffeltest, blieben sie dennoch. Das Besteck ist sogar haltbar genug, um mindestens zehn Mal wieder verwendet zu werden. Man kann es einfach in die Spülmaschine stecken. Einen Spülgang würde das Geschirr nicht überleben, dafür machen ihm Suppen und auch warme Speisen wenig aus. Nur wenn es zu heiß wird, bei stark erhitztem Öl etwa, gibt das Material nach. Doch das sei bei Plastikgeschirr nicht anders, sagt Kylberg. Im Gegenteil: Da liegt der Schmelzpunkt meist bedeutend niedriger.

Auf der Verpackung der Massenware mit dem Namen Amazonica wird künftig auch ein Foto von ihnen beiden zu sehen sein. Duni wirbt also mit ihm und vor allem seinem als Prinz bekannten Partner. Zunächst sei ihm das unangenehm gewesen, sagt Kylberg. Doch inzwischen finde er die Idee gut: „Das verleiht unserer Kollektion eine persönliche Note.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philipp (pps.)
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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