Spätburgunder aus Rech

Der Sinn des Weintrinkerlebens

Von Jakob Strobel Y Serra
 - 17:02
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Jedes Weintrinkerleben endet beim Spätburgunder. Das ist ein Naturgeschmacksgesetz. Irgendwann kennt es keinen anderen Sinn mehr als die Königin der roten Reben, die aber auch eine Prinzessin auf der Erbse ist, divenhaft, kapriziös und sofort sehr übellaunig, wenn ihr das Wetter einmal nicht passt. Alexander Stoddens Weintrinkerleben kam recht früh ans Ziel, bei Lichte besehen schon im späten Kindergartenalter. Da schickte man den Buben nach der Lese immer in den Keller, um die Temperatur in den Gärtanks zu überprüfen.

Auch sonst kreisten Stoddens Kindheit, Jugend und späteres Dasein so konsequent um den Spätburgunder, dass er heute gezwungen ist, von sich selbst zu behaupten: „Ich bin ein Fachidiot, ich habe nichts anderes gelernt und kann nichts anderes als Spätburgunder.“ Wenn man allerdings eine Flasche seines Großen Gewächses vom Neuenahrer Sonnenberg getrunken hat, mag man Herrn Stodden noch nicht einmal zur Hälfte recht geben – das mit dem Idioten ist natürlich Quatsch und dass er sich nur für einen Mann vom Fach hält, eine haarsträubende Untertreibung.

Ob Alexander Stodden den besten deutschen Spätburgunder keltert, wie immer wieder gesagt wird, soll jeder Rotweintrinker mit sich selbst ausmachen. Außer Frage steht indes, dass kaum jemand mit solcher Leidenschaft und Rigorosität ans Werk geht wie dieser Winzer aus Rech an der Ahr. „Spätburgunder kann man nicht nebenbei machen, dazu ist er viel zu kompliziert. Es geht nur ganz oder gar nicht“, sagt Stodden, der neun Zehntel seiner Weinberge mit seiner Leib-und-Seelen-Rebe bepflanzt hat.

Den Rest teilen sich Frühburgunder und Riesling, den der Winzer lieber heute als morgen loswerden würde – eine Todsünde im heiligen deutschen Rieslingland. Doch mit derlei Ketzereien kennt sich die Familie aus, die schon Weinberge bewirtschaftete, als noch die frühen Habsburgerkaiser über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation herrschten. Bis ins Jahr 1578 lässt sich ihre Spur in Rech zurückverfolgen, doch die Blüte des Hauses Stodden begann erst mit Alexanders Ururgroßvater Alois. Er verließ unter scharfem Protest die lokale Winzergenossenschaft, weil er deren lausiges Qualitätsbewusstsein nicht mehr ertrug, füllte seine eigenen Flaschenweine ab und gab sein Ethos als Spätburgunder-Enthusiast vollständig an die Nachfahren weiter.

„In Rech versündigt man sich gegen den Herrgott“

Man tut wohl niemanden unrecht, wenn man die wundersame Wandlung der Ahr vom Suffparadies rheinischer Kegelklubs zum exklusivsten deutschen Weinbaugebiet maßgeblich der Familie Stodden in die Schuhe schiebt. Bis in die neunziger Jahre reisten die fidelen Kegelbrüder jedes Wochenende mit dem Partyzug in das schmale Flusstal, tranken bis zur Endstation in Altenahr Dosenbier und stiegen dann auf die süße Rotweinplörre aus Fuderfässern um, die damals Standard war. Alexander Stoddens Vater Gerd hatte da schon die grüne Lese in seinen Weinbergen eingeführt, schnitt also vollreife, kerngesunde Trauben im Hochsommer vom Stock, um die ganze Kraft des Bodens in wenigen Früchten zu konzentrieren. „In Rech versündigt man sich gegen den Herrgott“, hieß es daraufhin in den Karnevalssitzungen, und das war nicht als Scherz gemeint, weil Karneval auch an der Ahr eine todernste Angelegenheit ist.

Doch die Stoddens, deren Gut nach Alexanders Großvater Jean benannt ist, ließen sich nicht beirren. Sie fuhren immer wieder ins Burgund, um alles über den Spätburgunder in dessen Stammland zu lernen, kauften die ersten Barriques, experimentierten mit den Maischestandzeiten, bauten ihre Weine immer trockener aus und wurden so zum Initiator und Katalysator eines beispiellos beglückenden Bewusstseinswandels an der Ahr.

Heute haben diese Methoden im ganzen Tal Schule gemacht und dafür gesorgt, dass der Qualitätsstandard in keinem anderen deutschen Weinbaugebiet so hoch ist wie hier. Fehlerhafte Weine gebe es so gut wie gar nicht mehr, sagt Alexander Stodden, der in Geisenheim Weinbau studiert hat, das Gut seit dem Tod seines Vaters 2013 alleine führt und sich selbst als Instinktwinzer bezeichnet. Aberwitzige 25 Gänge pro Jahr macht er durch seine Weinberge, verzichtet – wie inzwischen alle Ahr-Winzer – vollständig auf Insektizide, lässt nur eine Frucht pro Pflanze zu, erntet nie mehr als fünfundvierzig Hektoliter pro Hektar, selektiert die Trauben am Stock vor, liest sie ausschließlich von Hand und gönnt ihnen zwischen achtzehn und achtundzwanzig Tagen auf der Maische. Dann gibt er fast allen Gewächsen mindestens fünfzehn Monate Zeit, um im Barrique zu reifen, und füllt schließlich Spätburgunder ab, die nicht nur mit Preisen überschüttet und ihm aus den Händen gerissen werden, sondern auch jedem Rotweintrinker die Frage nach dem Sinn des Lebens auf die schönste Weise beantworten.

Danach kommt irgendwann das Nirwana

Es sind Spätburgunder, die vollkommen mit sich im Reinen sind und niemandem mehr etwas beweisen wollen, keine Angeber, keine Aufschneider, die Fruchtbomben detonieren lassen oder den Alkoholhammer schwingen müssen, um sich Eindruck verschaffen. Stattdessen ziehen sie aus ihren Schieferböden eine Mineralität, die wie ein feines Lächeln schmeckt, begnügen sich mit Andeutungen von Sauerkirsche und Vanille, die sie wie ein Parfüm umwehen, und sind dank ihrer maximal dreizehn Alkoholprozent keine Satt-, sondern Muntermacher – ist eine Flasche ausgetrunken, wünscht man sich Nachschub statt Erholung.

Weinanbau
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© dpa, Deutsche Welle

Schon ein vermeintlich einfacher Gutswein wie der Spätburgunder JS von 2015 wäre anderswo ein Grand Cru, während ein Großes Gewächs wie der Sonnenberg aus demselben Jahr ein grandioser Charakterkopf ist, kein Schmeichler, kein Gefälligkeitswein, sondern ein Eigenbrötler, der Pfeffer und Rauch, Wildkräuter und schwarze Johannisbeeren so elegant, so harmonisch, so perfekt in sich vereint, als habe er im Fass seine eigene Formel für den Goldenen Schnitt gefunden. Und spätestens bei den Alten Reben 2016 vom Recher Herrenberg ist man am Ziel seines Weintrinkerlebens angekommen – bei einem Spätburgunder, der wie ein Sadhu im Glas zur tiefsten Wahrheit dieser Traube vorgedrungen ist, befreit von allem Ballast, allem Tand, allen Irrwegen, ein Wein wie eine reine Seele. Danach kommt irgendwann das Nirwana.

Weingut Jean Stodden, Rotweinstraße 7, 53506 Rech, Telefon: 02643/3001, www.stodden.de.

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Quelle: F.A.Z.
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