„Worst of Chefkoch“

Das Auge isst hier besser nicht mit

Von Andrea Böhnke
 - 12:25
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Vorsichtig streiche ich mit dem Löffel über die Vanillecreme auf dem Teller. Oben soll die Masse dick und rund sein, unten einen schmalen Zipfel bilden. Wie ein Tropfen – ein Ying zu dem Yang aus Schokocreme. Ich blicke auf die Uhr. Die ersten Gäste klingeln sicher gleich. Ich wende mich wieder meiner Aufgabe zu. Etwas von der hellen Creme landet auf der dunklen. Mist! Kurz will ich den Pudding in den Müll werfen und das Essen absagen. Wobei – ist doch eigentlich egal.

Die Gerichte für dieses Dinner müssen weder perfekt aussehen noch hübsch angerichtet sein. Im Gegenteil: je hässlicher, desto besser. Meine Gäste ahnen davon allerdings nichts. Ich will testen, wie sie auf das Menü reagieren. Ist ihnen die Ästhetik wichtiger als der Geschmack?

Gegenpol zu Instagram

Die Rezepte, die ich zubereite, stammen vom Tumblr-Blog „Worst of Chefkoch“. Seit dem vergangenen Sommer sammeln Lukas Diestel und Jonathan Löffelbein hier das „Schlimmste aus der kulinarischen Hölle von chefkoch.de“. Das Ganze garnieren sie mit Gedichten und Parodien. Ihr Kommentar zu „Ralfs Ying-Yang- Creme“: „Um Freude empfinden zu können, braucht es die Trauer. Um die Gesundheit schätzen zu können, braucht es die Krankheit. Um zu wissen, was ein gutes Rezept ist, braucht es dumme Rezepte. Oder?“

Die beiden Studenten wollen einen Gegenpol zur Instagram-Welt bilden, in der Essen vor allem fotogen sein muss. Im Restaurant sehe ich immer wieder Menschen, die ihr Essen ablichten. Wie es schmeckt? Zweitrangig. Statt im Mund landet das Gericht zunächst einmal im Netz.

Auch Oma macht mit

Zwei von drei Menschen in Deutschland haben schon einmal ihr Essen fotografiert. Die meisten schicken das Bild anschließend an Freunde, einige posten es öffentlich in sozialen Netzwerken. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Yougov 2016 durchge-führt hat.

Der Hashtag #foodporn taucht auf Instagram in mehr als 150 Millionen Beiträgen auf – das sind mehr als doppelt so viele wie für die Hashtags #car und #cars zusammen. Das Essen scheint das neue Statussymbol zu sein.

Ich sehe Bilder von Milkshakes, aus denen Sahne, Streusel und Pralinen quellen (#freakshake), aber auch Blattsalate aus der Plastikbox. Die Oma einer Freundin hat seit kurzem zwei Knödel als Profilbild auf Whatsapp: Sie liegen auf einem Porzellanteller, der mit Blumen verziert ist.

Die richtige App ist entscheidend

Mit den richtigen Foto-Apps ließen sich auch die Knödel schnell in ein Menü vom Sternekoch verwandeln – zumindest äußerlich. Das Programm „Foodie“ etwa bietet 39 Fotofilter: von „Mmh“ bis „Knusprig“. Einfach auswählen, abdrücken, schon ist das Essen „instagrammable“.

Im Netz gibt es inzwischen auch Ranglisten mit Restaurants, die sich besonders für schöne Fotos eignen. Licht, Möbel, Zutaten – hier soll alles stimmen. Wie sehr meine Freunde durch solche Bilder geprägt sind, will ich mit meinem hässlichen Dinner herausfinden.

Auf dem Speiseplan stehen unter anderem: „Krake im Dip“, „Gefüllte Schildkröte“ und „Gebratene Mon-Chéri-Banane“. Alles Gerichte, die so auf chefkoch.de zu finden sind – und auf „Worst of Chefkoch“.

Nach „Ralfs Ying-Yang-Creme“ bereite ich die Schildkröten vor. Dafür gebe ich Hack, Zwiebeln, Eier und Gewürze in eine Schüssel und verknete alles. Die feuchte Masse quillt zwischen meinen Fingern hervor. Klingt eklig! Ich forme sechs Klopse, für jeden Gast einen.

„Wer kommt auf so ein Rezept?“

Dann kommt der Bacon: Für eine Bulette benötige ich acht Scheiben. Nicht gerade ein Diätessen! „Diese Speckstreifen müssen zu vier waagerechten und vier senkrechten Streifen ,verwebt‘ werden, damit die Optik eines Schildkrötenpanzers entsteht“, steht im Chefkoch-Rezept.

Fehlen nur noch Kopf und Beine. Dafür halbiere ich Nürnberger Würstchen und stecke sie in die Hackfleischkörper. Ich betrachte mein Werk und muss an meine Schildkröte Susi denken, die mich aus dem Haustierhimmel sicher beobachtet. Wer kommt auf so ein Rezept? Und stellt es zudem noch ins Netz?

Das fragen sich auch Lukas Diestel und Jonathan Löffelbein von „Worst of Chefkoch“: „Kennen Sie das? Sie wollen schneller sterben, haben aber keinen Bock zu rauchen und zu viel Angst vor Extremsport? Kein Problem! Lassen Sie sich einfach die gefüllte Fleischschildkröte mit dem treffenden Untertitel ,Hackfleisch‘ verschreiben.“

140 000 Follower

„Solche Übertreibungen kommen immer gut an“, sagt Jonathan Löffelbein. Wie die Idee der Studenten allgemein: Allein auf Facebook folgen „Worst of Chefkoch“ fast 140 000 Menschen.

2017 wurden Diestel und Löffelbein als Food-Blogger des Jahres ausgezeichnet. Seit Anfang dieses Jahres stehen sie mit einer eigenen Show auf der Bühne. „Die Seite ist auch so erfolgreich, weil viele die Nase voll haben vom Instagram-Essen“, sagt Lukas Diestel.

Wie konnte der #foodporn-Trend überhaupt so groß werden? Für Löffelbein hat das viel mit Selbstinszenierung und Selbstdarstellung zu tun. „Mit tollen Fotos von ihrem Essen wollen die Leute zeigen, wie gut es ihnen geht. Und setzen andere wiederum unter Zugzwang.“

Motiv Selbstinszenierung

Tatsächlich spiele Selbstinszenierung hierbei eine wichtige Rolle, sagt Achim Spiller von der Fakultät für Agrarwissenschaften an der Universität Göttingen. „Für viele ist Essen heute ein Ausdruck der eigenen Identität, und Ästhetik spielt eine wichtige Rolle.“

Der Experte für Lebensmittelmarketing hat das Phänomen erforscht. Das Ergebnis seiner repräsentativen Studie: Etwa jeder Zehnte in Deutschland sieht sich selbst als jemand, der gerne kocht und an kulinarischen Events teilnimmt. Die Forscher nennen das „Foodie“. Viele dieser Gourmets posten auch gerne Fotos vom eigenen Essen.

Meine Freunde, soweit ich weiß, fotografieren ihr Essen eher nicht. Nun sitzen sie alle am Tisch, und ich serviere den ersten Gang, die „Einfache Vorspeisenplatte“. Zutaten: Möhre, Radieschen, Gurke, Käse. Alles kleinschneiden und auf den Teller legen. Fertig!

Spinat statt Hackfleisch

Die Herren am Tisch schmunzeln. Sie kommentieren meinen „Apéritif simple“ aber nicht weiter, knabbern brav ihr Gemüse, und Philipp beteuert: „Rohkost isst man ja eigentlich viel zu selten.“

Nächster Gang. Ich stelle einen Teller mit Blätterteigtaschen auf den Tisch, die wie Krokodile geformt sind. Da ich wegen der Hauptspeise (Panzertiere) um die Blutfettwerte meiner Freunde besorgt war, habe ich sie mit Spinat statt mit Hack gefüllt.

Abgesehen davon, habe ich mich aber ans Rezept gehalten – auch was die Verzierung angeht. Die Krokodile glotzen mit Augen aus Oliven in die Runde. „Die sehen ja skurril aus“, sagt Nina und beugt sich über den Teller. „Die haben ja sogar kleine Beinchen.“ Doch den Gästen schmeckt’s.

„Sind das überhaupt Rezepte?“

Vorspeise drei: „Krake im Dip“. Darauf sind bereits alle gespannt. Sie erwarten vermutlich Calamari. Als ich mit dem Teller um die Ecke komme: Lachen! Ich versuche, cool zu bleiben. Eine rote Paprika sitzt verkehrt herum auf der Chili-Creme. Sechs Paprikabeine ragen an den Seiten heraus.

„Sind das alles Kindergerichte?“, fragt Nina. Ich verneine. Aber irgendetwas stimmt mit diesem Essen nicht, da sind sich alle einig: „Sind das Rezepte, für die man keinen Herd benötigt?“ – „Sind das Rezepte von chefkoch.de, die keine Bewertung haben?“ – „Sind das überhaupt Rezepte?“

Ich lese die Anleitung für die „Einfache Vorspeisenplatte“ vor, die auf chefkoch.de kümmerliche 14 Mal bewertet wurde – im Schnitt mit zwei von fünf Sternen. Schritt eins: „Die Gurke und Radieschen waschen und kreativ kleinschneiden.“ Lachen.

Schildkröten im Ofen

„Mit kreativ Kleinschneiden war vermutlich etwas anderes gemeint, als einfach alles in Scheiben und Stücke zu hacken“, sagt Tatjana. Ich zeige ihr das Originalbild vom Rezept, das wie ein Abbild meines Gerichts aussieht. Wieder lachen alle.

„Worst of Chefkoch“ hat diesem Rezept einen Brief gewidmet. Darin ist von einem geheimen Vorspeisenrezept die Rede. „Schon mein Großvater und dessen Vater haben so ihre Gäste verzückt, und es wird eigentlich ausschließlich familienintern weitergegeben.“

Das Hauptgericht steht an. 45 Minuten waren die Schildkröten im Ofen und kommen nun auf die Teller. Weißes Fett tritt aus und bildet einen See auf dem Porzellan – die Pommes daneben weichen bereits auf. Ich schäme mich etwas. Zu Recht, wenn ich Tatjanas Blick richtig deute.

„Sorry, das sieht etwas traurig aus“, sage ich und stelle Nina einen Teller hin, auf dem nur ein paar Pommes liegen. Eine vegetarische Alternative für das Gericht war mir nicht eingefallen. „Macht nichts, eures sieht ehrlich gesagt trauriger aus“, sagt Nina. Recht hat sie!

Philipp dagegen ist begeistert. „Ist doch schön, dass das nicht einfach nur ein Hackklops ist. Da hat sich doch jemand richtig was einfallen lassen.“ Ihm schmeckt’s. Wie übrigens auch den anderen Herren an diesem Abend – und der anderthalbjährigen Emilia.

Die Ying-Yang-Creme

Wir sind uns einig: Früher haben wir öfter so etwas gegessen. Wie das Essen aussah und wie es angerichtet war, spielte kaum eine Rolle. „Da kam einfach ein Pott mit Pommes in die Mitte und fertig“, sagt Philipp. Nina erzählt von einem Fleischwurstring aus dem Ofen und gefüllten Eiern.

Anders als die Köpfe hinter „Worst of Chefkoch“ kann auch der Nachtisch meine Freunde nicht schocken: Nicht „Ralfs Ying-Yang-Creme“, der Vanille- und Schokopudding („Wenn das diese grenzenlose Phantasie ist, von der immer alle reden, dann gute Nacht, Kreativität“).

Nicht die „Gebratene Mon-Chéri-Banane“, die in der Pfanne bleibt, bis sie schwarz ist („Wie viel Mühe muss man sich machen, um etwas zu erschaffen, dass nach so wenig gemachter Mühe aussieht?“).

Und auch nicht das „Dessert à la Pommes mit Spiegelei“, hinter dem sich Apfelschnitze und ein Klecks Naturjoghurt mit Pfirsich verbergen („Wie sonst soll man seine Kinder auf die endlosen Enttäuschungen des Lebens vorbereiten?“).

Entscheidend für Lebenszufriedenheit

„Vor 20 Jahren haben viele noch gedacht, dass Essen ein klassisches Beispiel für häuslichen Konsum ist“, sagt Professor Achim Spiller von der Universität Göttingen. „Nach außen demonstrierte man das höchstens mal mit einem Champagner, zu dem man einlud.“ Was und wie wir etwas essen, entscheide heute mit darüber, wie zufrieden wir mit unserem Leben sind. „Auf der einen Seite wird Essen als Bedrohung und Risiko wahrgenommen: Der soziale Druck, gesund und schlank zu bleiben, ist gestiegen.“Auf der anderen Seite könne Essen aber auch für Glücksmomente sorgen – vor allem in der Gruppe. „Essen hat heute einen sozialen Eventcharakter. Während man früher alles für seine Gäste vorbereitet hat, kocht man heute eher gemeinsam“, sagt Spiller.

Sind keine Gäste da, müssen die sozialen Medien herhalten. Und da sorgt der #avocadotoast (mehr als 700 000 Instagram-Beiträge) einfach für mehr Likes als der #jamtoast (etwa 1500 Beiträge).

Die Folge: Wir geben uns mehr Mühe bei der Zubereitung, ändern eventuell sogar unsere Ernährungsweise. Tainá Guedes findet das nicht schlimm. Sie ist Künstlerin und Köchin, vereint Schönheit und Geschmack. Doch sie begegnet dem #foodporn mit einer anderen Ästhetik.

Mehr als nur ein „Hackklops“

Vor drei Jahren hat sie in Berlin die „Food Art Week“ ins Leben gerufen. Das Essen- und Kunstfestival findet in diesem Jahr zum vierten Mal statt – in Paris, São Paulo und Mexiko-Stadt. Auch in ihrer Galerie in Prenzlauer Berg dreht sich vieles um Essen und Kunst.

„Ich liebe gutes und schönes Essen“, sagt Guedes. „Aber wenn ein Teil weggeworfen wird, zum Beispiel, um ein Dreieck aus einer Gurke zu schneiden, dann bin ich raus.“ Nur cool aussehen ist für die Tochter einer Japanerin und eines Brasilianers nichts, zumindest bei Lebensmitteln. Für ihre Galerie hatte Guedes schon einmal Kontakt mit einem bekannten Food-Art-Künstler aus Großbritannien. „Er malt mit Essen und wollte zwei Models mit Schokolade beschmieren“, sagt Guedes. „Ich habe ihm abgesagt, weil nachher einfach alles weggeworfen wird.“

Was viele Tag für Tag auf Instagram posten, findet Guedes zwar toll. „Aber ich kann nicht entscheiden, was ich sehen will.“

Die Bilder meines hässlichen Dinners poste ich lieber nicht auf Instagram. Dabei liegt Schönheit ja bekanntermaßen im Auge des Betrachters. Oder wie es Philipp sagen würde: „Ist doch schön, dass das nicht einfach nur ein Hackklops ist.“

Quelle: F.A.S.
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