Schokolade aus Afrika

Mit Hibiskus und Kokosnuss

Von Daniela Schröder
 - 20:17
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„Bissap“, sagt Kimberly Addison und bricht ein Stück von einer dünnen, rötlichen Tafel Schokolade ab. Im Mund schmeckt sie kaum süß, intensiv nach Kakao und plötzlich auch nach einer fruchtigen Säure. Bissap sei ein traditionelles afrikanisches Getränk aus Hibiskusblättern, erklärt Kimberly. Sie steht in der Küche des Hauses ihrer Eltern in East Legon, einer gehobenen Wohngegend von Ghanas Hauptstadt Accra, und röstet zusammen mit ihrer Schwester Priscilla Kakaobohnen im Ofen. 57Chocolate heißt die Marke der beiden Addison-Schwestern. Ihr Startup ist eine kleine Revolution in einem Land, das den Weltmarkt mit Kakaobohnen versorgt.

Ghana ist – nach der Elfenbeinküste – der zweitgrößte Rohkakao-Produzent der Welt, die beiden Länder liefern gut 70 Prozent des weltweiten Bedarfs, aus Ghana stammt ein Viertel. Beim ghanaischen Bruttoinlandsprodukt macht Kakao jedoch weniger als zwei Prozent aus. Das Schokoladensortiment in ghanaischen Supermärkten ist zwar üppig, alle großen internationalen Marken liegen in den Regalen, viele sind auch mit Kakao aus Ghana hergestellt. ,Made in Ghana‘ hingegen steht fast nie auf den Verpackungen – nur das staatliche Kakaounternehmen und eine kleine Schokoladenfirma bei Accra produzieren lokale Industrieware.

Weniger als vier Prozent der weltweit verkauften Schokolade konsumieren die Menschen in Afrika. Doch ihr Konsumverhalten auf dem Kontinent verändert sich gerade: In vielen Ländern wächst eine Mittelschicht heran, die Geld hat, Genuss schätzt und für die edle Schokolade eine erschwingliche Form des Luxus darstellt. Diesen Markt wollen die Schwestern erschließen.

Die Geschäftsidee war ein Zufall

Ein gutes Dutzend Geschmackssorten haben sie im Programm, dunkle Schokolade, Milchschokolade, weiße und mit Kaffee, mal pur, mal mit Meersalz, mit frischer Kokosnuss oder Mandelsplittern. Markenzeichen von 57Chocolate jedoch ist Bissap, die Sorte mit Hibiskusgeschmack. „Bissap war unser Lieblingsgetränk als Kinder, unsere Mutter hat es viele Jahre und mit viel Aufwand selbstgemacht“, erzählt Kimberly. Heute lieben die Schwestern grünen Tee, also gibt es seit kurzem eine weiße Schokolade mit Matcha-Tee. „Schokolademachen ermöglicht sehr viel Kreativität“, sagt Priscilla. „Und als Start-up, das kleine Mengen herstellt, ist es für uns einfach, mit neuen Sorten zu experimentieren.“

Aus Europa stammt die Geschäftsidee der Schwestern, und sie war ein Zufall. Ihr Vater hat in vielen Ländern der Welt gearbeitet, die Familie lebte lange in Genf, Kimberly und Priscilla arbeiteten nach dem Studium in Managementjobs. „Gute Arbeit, aber jeden Tag acht Stunden am Computer, das machte mich irgendwann unruhig“, sagt Kimberly. „Macht euch selbständig“, riet der Vater, „gründet ein Unternehmen.“ Das klinge verlockend, meinten die Töchter, aber in welcher Branche? Als die Eltern beschlossen, als Pensionäre zurück in ihr Heimatland Ghana zu gehen, beschlossen Kimberly und Priscilla: Wir gehen mit. Kurz vor der Abreise aus der Schweiz unternahmen sie, was sie im Land schon immer hatten unternehmen wollen, darunter eine Fabrikbesichtigung beim renommierten Schokoladenhersteller Maison Cailler.

„Als wir uns die Produktion anschauten“, erzählt Priscilla, „stellte sich heraus, dass der Großteil ihres Kakaos aus Ghana stammt. Wir fanden es absurd: Die Schweizer sind auf der ganzen Welt für ihre Schokoladen berühmt – dabei ernten sie keine einzige Kakaobohne.“ Wenn ein Land, das nicht einmal die Hauptzutat besitzt, dennoch edle Schokoladen herstellen kann, überlegten die Schwestern, dann kann die Kakaonation Ghana das erst recht. Und mit Luxusschokolade made in Ghana, so der zweite Gedanke, füllen wir im Land selbst als auch in ganz Afrika eine Marktlücke.

2014 kündigten die Schwestern ihre Jobs, zogen mit den Eltern nach Accra, kauften Waagen und Formen und richteten sich im neuen Haus eine kleine Werkstatt ein. „Dann hieß es: einfach machen, einfach ausprobieren, immer und immer wieder“, beschreibt Kimberly die Startphase. „Unsere ersten Versuche ließen wir von Familie und Freunden testen, vieles war total ungenießbar. Priscilla und ich begriffen schnell, dass Schokolademachen ein Handwerk ist, das man lernen muss.“

Viele Bauern kennen das Endprodukt nicht

Die Schwestern belegten Kurse bei Schokoladeherstellern in Belgien, England und in der Schweiz, lasen Fachbücher und recherchierten im Internet. In Ghana besuchten sie Kakaoplantagen, interviewten die Farmer, halfen bei der Ernte. „Wir wollten den Rohstoff verstehen“, sagt Kimberly. Was sie auf dem Land aber auch erfuhren: Selbst der wichtigste Mensch in der Produktionskette kennt nicht automatisch das Endprodukt. „Viele der Bauern wussten weder, was aus ihren Kakaobohnen entsteht“, sagt Priscilla, „noch hatten sie jemals in ihrem Leben Schokolade gegessen.“

Zwei Jahre später kamen die ersten Tafeln 57Chocolate auf den Markt, mit 66 Prozent Kakaogehalt, eine Großbestellung für eine Hochzeit. Heute ist eine dunkle Milchschokolade mit 55 Prozent Kakao die beliebteste Sorte, danach die dunkle Schokolade mit 73 Prozent. Insgesamt gut 500 Tafeln pro Monat produzieren die Addisons, vor Weihnachten und dem Valentinstag sind es mehr, Schokolade ist ein Saisongeschäft. Vor kurzem haben die Addisons professionellere Arbeitsgeräte angeschafft, nach wie vor packen aber auch die Eltern mit an.

Ab und an laden die Schwestern zur Warenprobe, lassen sich beim Schokolademachen zuschauen, befragen die Kunden und verkaufen. Der Großteil läuft jedoch online, zwei Mitarbeiter kümmern sich mittlerweile um Bestellungen und Versand, das Marketing läuft über die sozialen Netzwerke. Zu Umsatz, Gewinn und Investitionssumme sagen die beiden nichts, neben ihrem Ersparten sei aber auch Geld von Familie und Freunden in das Startup geflossen. Außerdem gewannen sie einen ghanaischen Förderpreis für junge Unternehmer.

Künstliche Aromen sind tabu

Die Schwestern produzieren ihre Ware in Handarbeit, vom Sortieren und Rösten der Kakaobohnen bis hin zum Verpacken und Verschicken der Schokolade. Die Bohnen stammen von Bio-Farmen im Osten Ghanas, künstliche Geschmacks- und Farbstoffe sind tabu, Zucker setzen die Addisons sparsam ein. Die Schokoladen schmecken nach ihrer Hauptzutat – Kakao. „Unsere Marke beweist, dass hochwertige Schokolade kein Monopol europäischer Hersteller ist“, sagt Kimberly.

Ist 57Chocolate also eine afrikanische Vorzeige-Startup-Geschichte? „Wäre schön“, sagt Priscilla. „Aber Firmengründer in Ghana zu sein, das bedeutet, Hindernisse zu überwinden und Probleme aus dem Weg zu räumen. Jeden Tag.“ 2016, als die Schwestern mit der Schokoladenherstellung begannen, fiel im Land über Wochen immer wieder der Strom aus. Das unzuverlässige Netz beschädigte die wichtigste Maschine, die Addisons verpassten Lieferfristen, machten weniger Umsatz und investierten schließlich in einen Stromgenerator. Auch die Bürokratie war eine Herausforderung. Wie in vielen afrikanischen Staaten durchzieht auch in Ghana die Korruption alle Schichten der Gesellschaft. Wer ein neues Unternehmen anmelden will, braucht im Normalfall ein Extrabudget. „Integrität ist für uns jedoch entscheidend“, sagt Kimberly. „Daher hat es ewig gedauert, bis wir alle nötigen Genehmigungen und Papiere hatten.“

Um mit ihrem Hauptprodukt Kakaobohnen mehr einzunehmen und so ihre Wirtschaft anzukurbeln, versuchen Ghana und Elfenbeinküste neuerdings, die Veredelung und das Verarbeiten des Rohstoffs im Land zu fördern. In der Elfenbeinküste sind zwei große neue Schokoladenfabriken entstanden, Ghana treibt die Marktliberalisierung voran und plant den bisher staatlich dominierten Sektor komplett für Privatunternehmen zu öffnen.

Stolz auf hochwertige Lebensmittel

Nicht nur 57Chocolate nutzt die Chance. In der Elfenbeinküste gründeten drei ehemalige Banker 2015 den Schokoladenhersteller Instant Chocolat, im ersten Betriebsjahr verkauften sie 3,5 Tonnen Schokoprodukte, im zweiten fast 50 Tonnen pro Monat. In Ghana fertigt Sterneköchin Selassie Atadika unter dem Label Midunu Chocolates Pralinen und Trüffel mit Berbere-Mix aus Äthiopien, Rooibostee aus Südafrika, kenianischem Kaffee und ghanaischem Prekese-Gewürz. „Meine Schokolade erzählt Afrika durch die Geschmäcker Afrikas“, sagt Atadika. Für den ghanaischen Gastroexperten Yorm Ackuaku sind die handgemachten Schokoladenmarken Ausdruck der Wiederentdeckung lokaler Esskulturen: „Die Menschen sind wieder stolz auf hochwertige Lebensmittel aus ihrer Heimat. Schokolade aus Afrika ist eine logische Weiterentwicklung dieses Trends.“

Die Addison-Schwestern drücken den Stolz auf ihre Herkunft auch durch die Optik ihrer Produkte aus. Die Schokoladen werden in Formen mit den traditionellen Symbolen des ghanaischen Asanti-Volkes gegossen. Sie symbolisieren Stärke, Schönheit, Menschlichkeit und Mut und stehen in den Augen der Macherinnen für den Kunst- und Kulturreichtum Afrikas. Um die komplette Wertschöpfung ihrer Produkte in Ghana zu halten, beziehen die Gründerinnen alles, was sie für ihre Schokoladen brauchen, aus Ghana. Auch das Verpackungsmaterial, das etwa in China deutlich günstiger wäre.

Wiederbelebung der „Anpack-Attitude“

Zur patriotischen Unternehmensstrategie passt der Name: 57Chocolate steht für das Jahr, in dem Ghana nach Jahrzehnten unter britischer Kolonialherrschaft seine Unabhängigkeit erklärt hat. „1957 war revolutionär, weil es eine Gründereuphorie auslöste und zig kleine und große Unternehmen entstanden. Das Land löste sich von der Importabhängigkeit und begann sich in großem Stil zu industrialisieren“, sagt Kimberly. „Diese Anpack-Attitude muss in Ghana wiederaufleben.“

So sieht sich 57Chocolate auch als Vorbild mit Potential. Aus Kakaobohnen Luxusschokolade zu machen, sei nur eine Option von vielen. Säfte, Tomatenmark, Marmelade, Salz, Zucker, Hundefutter, sogar Zahnstocher – fast alles, was die Menschen in Ghana tagtäglich kauften, sei importiert. Wenn es gelänge, all diese Produkte im Land herzustellen, wachse die Wirtschaft. Nicht allein Ghana, ganz Afrika brauche dringend mehr Produktion.

Für ihr eigenes Unternehmen haben die Addison-Schwestern viele Pläne. Die Anträge für ein erstes Ladengeschäft in Accra sind eingereicht, Priscilla checkt Optionen für den internationalen Versand, Kimberly schaut sich nach einem Gebäude für eine größere Schokoladenmanufaktur um, in der sie sowohl mehr produzieren als auch Touren und Workshops anbieten können. „Irgendwann eröffnen wir ein Haus der Schokolade in Accra, eine Erlebniswelt rund um die ghanaische Kakaobohne“, sagt Kimberly. Sie lacht. „Dann können die berühmten Chocolatiers aus Europa gerne vorbeikommen und sich von uns inspirieren lassen.“

Quelle: F.A.S.
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