Weine aus Amerika

Gruß aus der neuen Welt

Von Stuart Pigott
 - 10:57

Dass Amerika der sechstgrößte Weinerzeuger der Welt ist, hat sich unter deutschen Weinfreunden längst herumgesprochen. Wer aber hätte gedacht, dass die Vereinigten Staaten inzwischen auch Weinkonsumland Nummer eins sind? Diese neue Welt des Weins hat 2013 in puncto Verbrauch selbst Frankreich hinter sich gelassen. Diese immense Entwicklung Amerikas ist noch wenig bemerkt worden.

Trotzdem werden amerikanische Weine immer noch von vielen deutschen Konsumenten belächelt. Nach wie vor hält man sie für ein süßlich breites Gesöff, erzeugt mit einem Übermaß an Technik. Hinter diesem Bild lauert oft ein gewisser Antiamerikanismus, nicht selten in Verbindung mit der Vorstellung, die Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten bestehe ausnahmslos aus geschmacklosen Kulturbanausen. Aber es gibt daneben einen anderen Trend: So mancher in der deutschen Weinszene blickt neidvoll auf den Erfolg einzelner amerikanischer Winzer. Seit Mitte der neunziger Jahre gilt Screaming Eagle, ein Kult-Wein aus Napa Valley, Kalifornien, als einer der teuersten Weine der Welt. Beim Preisvergleichsportal Wine-Searcher.com ist er durchschnittlich mit sagenhaften 2877 Dollar pro Flasche vermerkt.

Worüber so gut wie gar nicht diskutiert wird, ist die radikale Weise, wie manche Winzer in den Vereinigten Staaten gegenwärtig den amerikanischen Wein komplett neu erfinden. Seit einigen Jahren wendet man sich dabei ganz bewusst von üppigen Weinen mit wenig Säure und übermäßigen Alkoholwerten ab. Jetzt sind Frische in Duft und Geschmack sowie moderater Alkohol angesagt.

Unmöglich angesichts des heißen Klimas? Das behaupten einige Experten, und doch klappt es – auch zum Entsetzen einiger älterer Mitglieder der amerikanischen Weinbranche. An ihrer Spitze steht Kritiker-Legende Robert Parker. Kenner wie er halten die neuen Weine für Unsinn und beschreiben sie ausnahmslos als dünn und unreif. Die jungen Revoluzzer spornt das nur an, und ihre Haltung lässt sich durchaus mit einem Spruch aus Clint Eastwoods Film „Dirty Harry“ beschreiben: „Go ahead, make my day!“

Qualitativ hochwertige Riesling-Weine aus Amerika

Diese neue Winzerbewegung ist besonders stark in Kalifornien, wo der alte fettleibige Weinstil am heftigsten übertrieben wurde. Ganz vorne steht dabei Rajat Parr, Gastronom in San Francisco, der unter dem Etikett Domaine de la Côte in Lompoc, Santa Barbara County, auch beachtliche Weine im neuen Stil erzeugt. Zusammen mit Jasmine Hirsch, der jungen Chefin von Hirsch Vineyards an der Küste von Sonoma County, hat er die Vereinigung „In Pursuit of Balance“ (IPOB) gegründet: auf der Suche nach einer stimmigen Balance. In Jon Bonné hat IPOB einen begabten Ideologen gefunden; dessen Buch „The New Californian Wine“ aus dem Jahr 2013 ist zu ihrem Manifest geworden.

Zugegeben, IPOB umweht einerseits ein Hauch von Sektentum. Andererseits schmecken manche dieser Weine, wie die Pinot-Noir-Rotweine von Jamie Kutch, einem New Yorker, der von der Wall Street nach Sonoma County geflohen ist, nicht nur anders, sondern wirklich genial. Leider sind seine schlanken, duftigen Rotweine noch nicht in Deutschland erhältlich, aber zumindest über den englischen Online-Weinhändler www.robersonwine.com zu erwerben. Andere der neuen amerikanischen Weine haben es aber bereits zu uns geschafft.

Hier nun folgt eine möglichst vielfältige Auswahl. Dazu noch eine Anmerkung: Viele Leser mögen sich wundern, warum sich darunter nur drei Rieslingweine finden, und vielleicht auch, ob sich diese Weine neben dem deutschen Riesling überhaupt behaupten können. Dazu nur so viel: Seit der Jahrhundertwende ist die Rieslingfläche der Vereinigten Staaten stark gewachsen. Mengenmäßig liegt Amerika jetzt auf Platz zwei hinter Deutschland, aber vor Australien und Frankreich, ehemals Platz zwei und drei. Und auch die Qualität hat einen Sprung nach oben vollführt.

Zehn Weine, die sie sich genauer ansehen sollten

2011er „San Andreas“ Pinot Noir von Hirsch Vineyards, Sonoma Coast/Kalifornien.

Die alte Logik des kalifornischen Weins wird hier auf den Kopf gestellt. Jasmine Hirsch und Ross Cobb ist ein betont herber, kerniger Rotwein von mäßigem Körper mit Sauerkirsch- und Rauchnoten gelungen. Er passt überhaupt nicht in die alte Kalifornien-Schublade; dafür ist er zu subtil. Der 2012er ist unwesentlich kräftiger und reifer, aber ziemlich ähnlich vom Typus; knallharter Stoff.

54 Euro von www.weinhalle.de, Tel.: 0911/525153.

2013er „Heritage Red“ von Bedrock Wine Co., Sonoma Valley/Kalifornien.

Kein Wein bedient das süßlich üppige Klischee des kalifornischen Rotweins mehr als die Cuvées auf Basis der Zinfandel-Traube. Dieser Wein aus 120 Jahre alten Reben hat auf der einen Seite die exotische Würze des Zinfandels in Reinform zu bieten, wirkt dabei aber wesentlich frischer – und er verabschiedet sich im Mund mit einer wahrhaft revolutionären Eleganz. Auch die günstigeren Weine des Hauses überzeugen.

49 Euro von www.weinhalle.de, Tel.: 0911/525153.

2010er Chardonnay „K & U Sonderedition“ von Au Bon Climat, Santa Barbara County/Kalifornien.

Lange wurde Jim Clendenen, der Altmeister des eleganten Chardonnay, von den meisten amerikanischen Kritikern geächtet, weil er die Weinmoden einfach ignorierte. Jetzt hat er in der Vereinigung der IPOB-Revoluzzer endlich eine Heimat gefunden. Ein ziemlich perfektes Beispiel dafür, wie beim Chardonnay mehr Traubengeschmack, feiner Schmelz und Würze zur Geltung kommen. Jetzt ist der Wein perfekt gereift und daher ein genialer Essensbegleiter!

24 Euro von www.weinhalle.de, Tel.: 0911/525153.

2011er „Metallico“ Chardonnay von Morgan, Monterey County/Kalifornien.

Eine der neuen Methoden der kalifornischen Winzer besteht darin, die Reifezeit im Eichenfass mit der Lagerung in Edelstahl zu ersetzen, um die fruchtigen Aromen zum Ausdruck zu bringen. Manche dieser Weine sind sehr schlank und recht säurebetont. Hier verbinden sich reife Birne und Zitronat mit dezentem Schmelz und mehr als genug Frische. Ergebnis: ein auf hohem Niveau zugänglicher Wein.

21,50 Euro von Margot Schmitt, www.californiawines.de, Tel.: 089/1493129.

2012er Pinot Gris „Estate“ von Eyrie Vineyard, Willamette Valley/Oregon.

Vor 50 Jahren hat Eyrie Vineyard die allerersten Reben dieser Traubensorte in den Vereinigten Staaten gepflanzt. Jason Lett, Sohn von Betriebsgründer David Lett, lehnt die übliche körperreiche und leicht süßliche Art des Oregon Pinot Gris ab und pflegt stattdessen eine kompromisslos trockene Stilistik, mit einer für diese Traube ungewöhnlich lebhaften Frische und feinen Mandarinen-Noten. Ein sehr eigenständiger Wein, der auch nicht das Geringste mit Allerwelts-Pinot-Grigio zu tun hat.

18,50 Euro von Margot Schmitt, www.californiawines.de, Tel.: 089/1493129.

2011er „Three Vineyards“ Riesling von Chehalem, Willamette Valley/Oregon.

Das kühle Klima im Staat Oregon gefällt der Rieslingtraube. Und bei diesem Wein staunt man, wie viel Säurefrische ein amerikanisches Gewächs aus dieser deutschen Urtraube bieten kann. Zum Glück ist der Wein nicht ganz trocken, und der Hauch an unvergorenem Traubenzucker hilft dabei, die Säure zu bändigen. Ein richtiger Wachmacher!

17,90 Euro von Margot Schmitt, www.californiawines.de, Tel.: 089/1493129.

2014er „Kung Fu Girl“ Riesling von Charles Smith, Columbia Valley/Washington State.

Einer der erfolgreichsten neuen Rieslingweine Amerikas, die nach der letzten Jahrhundertwende entstanden sind. Duftet nach weißem Pfirsich und besticht mit lebhaftem Spiel zwischen Säurefrische und saftiger Frucht: Die junge Dame ist eher schlagfertig als subtil. Ein Wein aus einer einzigen Spitzenlage, ein kühler Evergreen.

15,98 Euro von www.vinexus.de, Tel.: 01805/707008888.

2013er Dry Riesling von Red Newt Cellars, New York State.

Kelby Russell ist der Shooting Star unter den jungen Winzern der Finger Lakes in Upstate New York. Ein gewagter Wein mit ausgeprägten Grapefruit- und Rauchnoten sowie rassiger Säure und viel Kräuterfrische. Enorm spannend und mit vielen Jahren Reifepotential.

19,50 Euro von www.vinexus.de, Tel.: 01805/707008888.

2010er „Le Cigare Volant“ von Bonny Doon Vineyard, Santa Cruz/Kalifornien.

Randall Grahm ist der Altmeister des alternativen amerikanischen Weins. Der erste Jahrgang dieses bahnbrechenden Gewächses aus blauen Traubensorten der französischen Rhône war 1984. Doch in den vergangenen Jahren hat sich der Wein mit dem Retro-UFO-Etikett neu erfunden. Er schmeckt herber und kühler als je zuvor, mit viel Kräuterfrische und einer erdigen Note, zugleich sehr originell und auch ein bisschen französisch.

39,90 Euro von www.westcoastwine.de, Tel.: 05334/9589990.

2012er „A Proper Claret“ von Bonny Doon, Kalifornien.

Der neue Rotwein von Randall Grahm steckt voller Ironie, aber auch er schmeckt sehr überzeugend. Nachdem er die Cabernet-Sauvignon-Traube lange abgelehnt hat, wendet sich der Revoluzzer von „Planet Cruz“ – wie die immer ein wenig schräg daherkommenden Einwohner ihre Uni-Stadt an der Küste nennen – doch noch dieser Traube zu. Das Ergebnis ist ein zwar voller Rotwein, der aber überraschend zart wirkt und in der Tat an altmodische Bordeauxweine erinnert. Vor allem die bei kalifornischem Cabernet Sauvignon häufig mächtigen Gerbstoffe wurden hier erfolgreich in Schach gehalten. Ebenso wie der Alkohol.

19,90 Euro von www.westcoastwine.de, Tel.: 05334/9589990.

Quelle: F.A.S.
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