„Harmonie trotz Haxe“

Wenn eine Veganerin einen Fleischesser liebt

Von Stefanie Singer
 - 17:42

Sonntagabend im Burger-Lokal. Ein Paar an einem Tisch – sie sportlich, groß, blonde Locken, Shirt und kurze Shorts, er schlank, ebenfalls groß, Hemd, schicke Hose, Segelschuhe – beide verstehen sich gut, nur nicht bei der Bestellung: „Einmal Rindfleischburger mit Speck!“ – „Einmal Weizenbratling mit Avocadocreme, bitte!“ Kein einmaliger Ausrutscher, sondern ihr Alltag. Jasmin ist seit Beginn des Jahres Veganerin, Benedikt isst nach wie vor Fleisch. Das ist nicht immer leicht. Wie Antagonisten fühlen sich die beiden Wahl-Nürnberger trotzdem nicht.

Das war nicht immer so. „Als die Entscheidung fiel, haben wir lange diskutiert“, berichtet Benedikt, „ich war mir nicht sicher, wie das Zusammenleben weiterhin klappen sollte.“ Die neunjährige Beziehung stand plötzlich auf sehr wackeligen Beinen. Benedikt zweifelte, auch heute ist er manchmal noch etwas zögerlich, wenn sich das Gespräch um Jasmins vegane Lebensweise dreht. Jasmin aber steht zu ihrer Entscheidung. Ihr liegt, neben ökologischen Aspekten, das Tierwohl sehr am Herzen. Das Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer war nach längeren Überlegungen für die 25-Jährige der letzte Auslöser, vegan zu werden.

„Friedhof für Tiere“

Die Umstellung ist groß. Blickt man heute in den Kühlschrank des Paares, findet man dort vor allem frisches Gemüse und Produkte mit dem gelb-grünen Vegan-Logo. Nur die Milch für Benedikts Kaffee ist nicht vegan – und die Sauce vom vergangenen Grillabend. Probleme mit Fleisch in ihrem Kühlschrank hat Jasmin aber nicht, auch zu Grillabenden geht sie weiterhin, vegane Alternativen gibt es genügend. Und wenn sie zu Feiern eingeladen wird, an denen es nur nichtveganes Essen gibt, isst sie einfach schon zu Hause. „Mir macht das nichts aus“, behauptet sie.

Benedikt dagegen ist zurückhaltender. Man merkt im Gespräch immer wieder, dass er nicht mit allen Umstellungen so gut klarkommt. „Die gemeinsamen Abende, an denen man ohne Nachdenken zusammen isst, fehlen mir schon“, gibt der 29-Jährige zu. Dabei haben sie mittlerweile einige Restaurants in Nürnberg gefunden, in denen nichtvegane und vegane Gerichte auf der Karte stehen – und nicht nur als Beilagen. Auch ein fränkisches Lokal in der Nähe ihrer Wohnung bietet deftige Küche und eine große Auswahl an veganen Gerichten. Das macht es ihnen leichter, gemeinsam essen zu gehen und nicht erst darüber zu diskutieren, wohin sie gehen sollen.

Nicht alle Menschen sind indes so tolerant wie Benedikt und Jasmin. „Veganer meiden Sex mit Fleischessern“, hat die stellvertretende Leiterin des Zentrums für Studien über Menschen und Tiere an der neuseeländischen Canterbury-Universität, Annie Potts, herausgefunden. Veganer lebten nach dem Motto „Man ist, was man isst“ und würden Fleischesser als „Friedhof für Tiere“ ansehen. Potts entdeckte das Phänomen des „veganen Sex“ während einer Studie, für die sie 157 Vegetarier und Menschen, die nach ethischen Gesichtspunkten einkaufen, interviewte. Eine Veganerin erzählte Potts, sie fände Nichtveganer zwar attraktiv, wolle ihnen aber nicht körperlich nahe kommen und „nicht intim mit jemandem werden, dessen Körper buchstäblich aus den Körpern anderer besteht, die für seine Nahrung sterben mussten“.

Gar nicht so einfach
So wird vegetarische Wurst gemacht
© picture-alliance/dpa/M. Wüstenhagen, Deutsche Welle

Mehr Veganer in der Großstadt als auf dem Land

Jasmin und Benedikt teilen diese Ansichten nicht und wünschen sich sogar gemeinsame Kinder. Doch steht das Thema dann plötzlich im Raum, werden sie kurz ruhig und werfen sich fragende Blicke zu, als würden sie zweifeln, ob sie dazu etwas sagen sollen. Die Kinderfrage trifft einen wunden Punkt, das ist offensichtlich. „Mir geht es um die Gesundheit der Kinder. Wenn die Ärzte meinen, es ist zu gefährlich, dann bin ich nicht für eine vegane Erziehung“, so die Meinung von Benedikt. Jasmin schließt noch nicht aus, ihre Kinder später rein pflanzlich zu ernähren. „Wir müssen sehen, was die Ärzte sagen“, versucht sie Benedikts Aussage zu entkräften. „Mir würde es schwerfallen, wenn sich meine Kinder später zum Fleischessen entschließen würden. Aber ich werde ihnen nicht vorschreiben, meine vegane Ernährung zu übernehmen.“Ihre Stirn liegt nun in Falten. Die gemeinsame Zukunft haben sich die beiden vor einem Jahr noch unkomplizierter vorgestellt.

Verglichen dazu ist der neue, vegane Alltag fast schon leicht. Heute fühlt sich Benedikt – im Gegensatz zum Zeitpunkt von Jasmins Entscheidung – kaum noch eingeschränkt. Mittags isst er in der Kantine Fleisch, wenn ihm danach ist. Ständig braucht er es aber nicht. Die Alternativen in den veganen Kochbüchern sprechen ihn an. „Neulich haben wir veganen Döner selbst gemacht, der war richtig lecker“, gibt er zu. Vor einem Jahr hätte er den noch nicht probiert. Wenn es mehr solcher Variationen gäbe – und nicht nur „extravagant gewürztes Gemüse“ – dann würde ihn die vegane Ernährung heute nicht mehr stören.

Natürlich bedeutet die unterschiedliche Ernährungsweise für beide, Kompromisse einzugehen. Gewaschen wird jetzt nur noch mit veganem Waschmittel – „da sind die Handtücher immer so hart“, kommentiert Benedikt. Vegane Wanderschuhe zu finden dauert noch länger als der normale Schuheinkauf, in den Urlaub fahren beide jetzt lieber dahin, wo es auch veganes Essen gibt. Und manche Entscheidungen können sie nun nicht mehr so spontan fällen wie zuvor: „Oft muss ich anrufen und nachfragen, ob das Restaurant auch etwas Veganes auf der Karte hat“, erklärt Jasmin.

In ihrer Heimat, einer mittelfränkischen Kleinstadt, gibt es ebenfalls kaum Lokale, in denen das Paar gemeinsam essen kann, ohne dass Jasmin auf den Beilagensalat ausweichen muss. Statistisch gesehen leben tatsächlich mehr Veganer in der Großstadt als auf dem Land – denn was in der Stadt als normale Alternative gilt, dem wird auf dem Land ein Exoten-Stempel aufgedrückt. So waren auch die Reaktionen auf Jasmins Veganismus in ihrer Heimatstadt eher gemischt. Was man dann überhaupt noch essen könne, war häufig die erste Frage ihrer Freunde und Verwandten. „Die meisten haben es aber nach ausführlichen Erklärungen akzeptiert“, sagt Jasmin. Und so wollen beide später wieder zurück aufs Land. Dann, wenn die Familiengründung ansteht.

Nicht am Veganismus scheitern

Bis dahin steht ihnen noch viel Arbeit bevor. Jasmin erneuert den Inhalt ihres Kleiderschranks, kauft vegane Pflegeprodukte, verändert den Haushalt. „Meine Lederhose werde ich verkaufen. Die anderen Dinge brauche ich natürlich auf, meinen Ledergürtel trage ich zum Beispiel noch so lange, bis er kaputt ist, alles andere wäre auch wenig ökologisch“, erklärt sie. Auch ärztlichen Rat hat sie sich geholt. Seit sie vegan lebt, geht es ihr gesundheitlich viel besser. Das fehlende Vitamin B12 nimmt sie über eine spezielle Zahnpasta und zusätzliche Kautabletten ein. Geht es um ihre Gesundheit, lenkt Jasmin kurz ein: „Muss ich irgendwann mal Medikamente nehmen, die nicht vegan sind, aber gegen Krankheiten helfen, werde ich die natürlich nehmen.“ In Benedikts Gesicht ist Erleichterung zu sehen.

Die letzten Monate waren nicht leicht für das Paar. Gemeinsam mussten beide Kompromisse eingehen, mehr, als bei manch anderen Beziehungsthemen notwendig sind. Aber sie sind vorangekommen. „Solange wir Akzeptanz und Verständnis füreinander haben, kann so eine Konstellation gut funktionieren“, findet Jasmin. Benedikt nickt bestätigend, grinst und fügt hinzu: „Die vegane Hochzeitstorte bestellen wir dann jedenfalls in dem fränkischen Lokal!“ Beide lachen, sehen sich gelöst und erleichtert an. Ihre Beziehung soll am Veganismus nicht scheitern.

Quelle: F.A.S.
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