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Korea liegt im Trend

Eine Welle namens Hallyu

Von Quynh Tran
 - 16:35
Schnell und gut: Die Köpfe des Knok Stores mit Design „made in Korea“. Bild: Hanna Sturm, F.A.S.

Die Begeisterung für südkoreanische Kultur hat jetzt sogar einen eigenen Namen: Hallyu. Die „Koreanische Welle“ der Popularität wurde erstmals 2012 offiziell vom damaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama und von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon benannt. Es ging los mit K-Dramen und K-Pop in Asien, aber mittlerweile ist die Welle auch in den Vereinigten Staaten und in Europa angekommen.

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Man hört sie nicht nur, zum Beispiel in Form des Songs „Gangnam Style“ des Rappers Psy; das Video ist mit über zwei Milliarden Aufrufen das bisher beliebteste in der Geschichte von Youtube. Man kann Hallyu auch schmecken und sich damit schminken, denn koreanisches Essen und koreanische Kosmetik sind populär. Und nicht zuletzt wäre da der Mukbang-Trend, bei dem es darum geht, als Youtuber Unmengen von Essen in sich hineinzustopfen und sich dabei zu filmen.

Der Trend begann mit Karl Lagerfeld

So gesehen, ist es fast schon verwunderlich, dass die Mode im Westen erst neuerdings den Korea-Trend für sich entdeckt hat. Der Erste war – wie so oft – Karl Lagerfeld, der 2014 seine Chanel-Cruise-Show in Seoul zeigte. Seitdem zirkulieren immer mehr Streetstyle-Bilder aus Seoul in internationalen Modezeitschriften. Gerade hat die amerikanische Luxus-Kaufhauskette Nordstrom mit einem „KFashion Pop-In“ darauf reagiert. Gezeigt und zum Verkauf angeboten wurden die Entwürfe von acht koreanischen Designern.

Für den Trend hat die koreanische Handelsorganisation Kotra mittlerweile einen eigenen „Hallyu-Index“ eingeführt, der die Kraft der Koreanischen Welle international misst. In Asien und Südamerika liegen die meisten Länder demnach in der sogenannten „Mainstream Stage“ mit einer großen Marktreichweite und mittlerem bis starkem Wachstum. Die meisten westlichen Länder liegen hingegen in der mittleren „Diffusion Stage“ mit starkem Wachstum in den Vereinigten Staaten, Kanada und den meisten EU-Ländern.

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Koreanisch Essen und Kaufen in Berlin

In Deutschland ist das Wachstum noch recht moderat, doch das könnte sich bald ändern. Denn Berlin ist zu einem der beliebtesten Auswanderungsziele koreanischer Kreativer geworden. Und das macht sich langsam bemerkbar: In den Szene-Gegenden um Mitte und Kreuzberg gibt es immer mehr koreanische Restaurants und Cafés wie „Gogogi“, „Kimchi Princess“ oder „Rabbit Café“, und auch die ersten Geschäfte von koreanischen Auswanderern wie der Concept-Store K-Studio oder der Brillenladen Yun haben gerade eröffnet.

„Deutschland und insbesondere Berlin sind in Korea wahnsinnig beliebt. Es gibt Koreaner, die Berlin-Fieber bekommen, echtes Fieber, und dann deutsche Produkte haben wollen“, erzählt Sangbeom Woo. Als er vor sechs Jahren zum ersten Mal nach Berlin kam, wollte der Kommunikationsdesigner aus Busan eigentlich nur Urlaub machen, aber dann entschloss er sich, zu bleiben und Design an der Universität der Künste zu studieren.

Weil er so viele koreanische Künstler dort kennenlernte, gründete er die Agentur Idea Berlin, um koreanische Künstler und Kulturschaffende zu vernetzen. 2014 hat er mit Ausstellungen und Streetfood-Festivals begonnen, als es noch kaum koreanische Restaurants in der Stadt gab. In letzter Zeit wird er immer öfter von koreanischen Labels gefragt, die in den deutschen Markt wollen – „der Lifestyle passt einfach gut zusammen, weil es experimentell ist und stark von den Subkulturen geprägt“, sagt er.

Korea in Europa bekannt machen

Auch Haelin Kim war nur in Berlin, um Freunde zu besuchen, Musiker von The Whitest Boy Alive und Kings of Convenience, die hier lebten und die sie aus der Fixed-Gear-Fahrradszene kannte. Zu jener Zeitpunkt arbeitete sie in Korea im Auto-Design und überlegte ohnehin, ins Ausland zu ziehen. „Und dann habe ich diese Weite hier gesehen. Ich war wirklich beeindruckt, so viel Platz wie auf dem Tempelhofer Feld, und das mitten in der Stadt. Außerdem ist die Geschichte der Teilung Berlins und der anschließenden Entwicklung sehr bereichernd – schließlich ist auch Korea geteilt worden“, erzählt Kim.

In Berlin fing sie zunächst beim Design-Start-up Monoqi als Einkäuferin an und führte koreanische Produktdesigner ein, deren Entwürfe sich gut verkauften. „Nach vier Jahren dachte ich, es sei Zeit für etwas Neues, und habe mit meinen Partnern Inti und Ruben unsere Verkaufsagentur Bobwhite gegründet, um koreanisches Mode- und Produktdesign in Europa bekannter zu machen“, sagt sie. Ihre Agentur vertreibt mittlerweile an Geschäfte in ganz Europa, darunter trendige Sportswear-Pioniere wie den Voo Store oder Superconscious. Aus der guten Resonanz ist schließlich im vergangenen Jahr der eigene Online-Shop Knok Store entstanden, der im November mit einem Pop-up im Halleschen Haus eingeweiht wurde.

„Made in Korea“ kommt nach Deutschland

„Wir haben noch gar keine Öffentlichkeitsarbeit gemacht, aber der Store ist schon sehr gut angelaufen“, sagt Haelin Kim. „Wir haben viele Bestellungen aus den Vereinigten Staaten und Deutschland, den Benelux-Ländern und Großbritannien. Japanisches Design ist hier in Europa sehr bekannt, aber koreanisches Design eben noch nicht.“ Dabei sei es qualitativ hochwertig: „In den Siebzigern haben die großen Sportmarken die besten Turnschuhe und Bekleidung in Südkorea herstellen lassen.

Die großen Firmen sind seitdem weitergezogen, aber die Infrastruktur ist immer noch da und wird heute von lokalen Designern genutzt. Die können zügig und gut produzieren und, weil sie in kleinen Mengen herstellen, jeden Monat etwas Neues bieten.“ Darum geht es schließlich dort: Korea ist schnell, die Menschen sind ständig auf der Suche nach dem Neuen, das anders aussieht, mutig und eklektisch. Das will Haelin Kim mit dem Knok Store und Marken „made in Korea“ auch nach Deutschland bringen.

Von Korea nach Berlin - aus Pragmatismus

Bei Jiyoon Yun war es ebenfalls eine pragmatische Entscheidung, ihr Geschäft in Berlin aufzubauen. Ihr Vater CJ Yun hat vor über dreißig Jahren in Südkorea angefangen, Brillenrahmen für Modehäuser wie Gucci und Kenzo zu produzieren, bevor er dann ins Geschäft für Brillengläser wechselte.

Yun ist ein Familienbetrieb, aber für Jiyoon Yun, die zuvor Designerin des koreanischen Modeunternehmens Handsome war, ist es auch eine Möglichkeit, ihren eigenen Weg zu gehen. „Wir wollten Yun zu einer internationalen Optikermarke aufbauen und haben uns für unser erstes Geschäft für Berlin entschieden, weil es viel Raum zum Experimentieren gibt, weil es günstig ist und gleichzeitig sehr international“, sagt sie.

Koreanische Effizienz und Service-Mentalität

Zwar sind die Designs universell, aber die Effizienz und die Service-Mentalität kommen aus Korea. In nur 20 Minuten bekommt man hier für einen relativ niedrigen Preis von 99 Euro eine Optikerbrille mit Gläsern aus der familieneigenen Manufaktur in Südkorea, die auch gleich angepasst wird. Aber nicht nur die Qualität und Effizienz hat sie mitgebracht: „Es gibt einen Unterschied zwischen westlichem und asiatischem Minimalismus. Der westliche Minimalismus konzentriert sich auf die Technik und das Objekt. Im asiatischen Minimalismus geht es nicht um die Objekte, sondern es geht um die Leere. Traditionell ist es die Leere, die Raum für die Vorstellungskraft gibt“, erzählt sie.

Das ist es auch, was momentan so viele junge Koreaner nach Berlin zieht: „In Korea wird das Leben von den wenigen Großkonzernen bestimmt, die den Takt vorgeben. Da herrscht wahnsinnig viel Druck. Das ist hier ganz anders. Die jungen Leute wollen weg, weil sie mehr Freiheit suchen. Hier gibt es diese Freiheit und gleichzeitig viele kulturelle Gemeinsamkeiten. Beide Länder sind durch Kriege gegangen, und die pragmatische Lebenseinstellung ist ähnlich.“

Entsteht abseits der Trend-Welle etwas Neues?

Bei der Ausstellung der Designerin und Illustratorin Sojin Park im Concept-Store Studio183 in Berlin-Mitte sieht man aktuell diese jungen Koreaner, viele davon Studenten oder Künstler. Sojin Park kam 2011 nach Berlin, um Mode-Design an der Universität Esmod zu studieren, und gründete im Anschluss ihr eigenes Label AssembledHalf.

„Ich kann hier in meinem eigenen Tempo Sachen machen, die ich so in Korea nicht machen könnte, weil dieses Tempo viel schneller ist und der finanzielle Druck höher“, erzählt sie. Zwar gebe es hier noch keinen Markt, sie verkauft erst in ein paar Läden, aber dafür könne sie experimentieren. Ihre Unikate näht und illustriert sie noch selbst in ihrem Studio – ein Luxus, den es in ihrer Heimat nicht gebe.

Die jungen koreanischen Kreativen, die gerade nach Berlin kommen, bringen vieles mit: ihre Effizienz, ihr Essen, ihren Stil. Aber vor allem bringen sie eine Sehnsucht nach Freiheit mit, die hier, abseits der Koreanischen Welle, vielleicht etwas ganz Neues, Eigenes entstehen lässt.

Quelle: F.A.S.
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