Für Bewegungsfaule

11 Gründe gegen das Radeln

Von Monika Herbst und Lucia Schmidt
 - 09:44

Lässt man bei Sportmedizinern den Begriff „Fahrradfahren“ fallen, stößt man meist auf große Begeisterung. Das Treten in die Pedale gilt als eine der gesündesten und effektivsten Sportarten. Radeln stärkt nicht nur das Herz-Kreislauf-System und die Muskulatur, sondern auch Immunsystem und Wohlbefinden. Die Drahtesel sind also geradezu ein Wundermittel in Sachen Fitness. Und glaubt man der Statistik, haben die meisten Deutschen das nötige Zubehör für mehr Sportlichkeit und Wohlergehen sogar im Keller oder Schuppen stehen: 72 Millionen Fahrräder soll es in Deutschland geben.

Damit diese ihre Wirkung voll entfalten können, muss man sich allerdings auch regelmäßig auf sie schwingen – am besten das Zweirad wie selbstverständlich in den Alltag integrieren. So wünschen es sich zumindest die Mediziner. Klingt verlockend und effizient, wäre da nur nicht die schwere Einkaufstasche, die man transportieren muss, das schmerzende Knie, das hohe Alter oder das verschwitzte Hemd im Büro. Wir haben von Fahrradmessen und Sportärzten Argumente mitgebracht, die jede Ausrede, lieber doch ins Auto zu steigen, leider zunichtemachen.

1. Ich bin zu unsportlich und kräftig fürs Fahrradfahren.

Sie haben keine Traummaße und über den Winter das eine oder andere Kilo zugelegt? Dann ist Fahrradfahren genau das Richtige für Sie. Anders als beim Laufen oder Joggen muss der Mensch auf dem Fahrrad sein eigenes Gewicht nicht selbst tragen, außerdem kann er sein Tempo gut selbst bestimmen. „Fahrradfahren ist ein sehr guter Einsteigersport“, sagt Professor Herbert Löllgen von der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention. Um sich nicht zu überfordern, rät der Sportmediziner, sollte man mit einem Fahrrad beginnen, das 20 bis 27 Gänge hat, und einen Helm sowie passende Fahrradkleidung tragen, um sich vor einem schmerzenden Hintern oder einer Erkältung zu schützen.

Neue Fahrradsaison
Fahrradfahren als Lifestyle
© dpa, Deutsche Welle

2. Mit dem Fahrrad komme ich verschwitzt im Büro an.

Stellen Sie sich vor, Sie werden die ganze Fahrt über von einem Freund angeschoben. Sie können ihm jederzeit zurufen, dass er mehr oder weniger stark schieben soll. Seine einzige Bedingung ist: Sie müssen selbst mit in die Pedale treten. Nach diesem Prinzip funktioniert ein E-Bike oder, genauer gesagt, ein Pedelec. In diese Kategorie fallen 95 Prozent der verkauften E-Bikes. Sie fahren bis maximal 25 Stundenkilometer und gelten rechtlich als Fahrräder. Wie, so alt sind Sie noch nicht, dass Sie E-Bike fahren? Keine Sorge, es gibt längst eine Fülle stylischer Modelle für junge und sportliche Fahrer, quer durch alle Radgattungen. Die Akzeptanz nimmt zu: Fast jedes achte Fahrrad, das 2014 erkauft wurde, war ein E-Bike. Übrigens: Die Uni Lüneburg hat herausgefunden, dass Pedelecs in mittelgroßen Städten bei einer Entfernung von bis zu 4,6 Kilometern Luftlinie das schnellste Verkehrsmittel sind - schneller als das Auto oder Bahn und Bus.

3. Ich muss vor der Arbeit meine Kinder in den Kindergarten bringen.

Wer Kleinkinder hat, braucht ein Auto? Nein, braucht er nicht. Er braucht ein Transportrad oder Cargobike. 90 Prozent der Eltern treiben nie oder seltener als einmal pro Woche Sport. Wird Zeit, dass sich das ändert. Morgens das Kind zum Kindergarten bringen, am Wochenende die Einkäufe nach Hause transportieren - ein Transportrad sorgt ganz nebenbei für Fitness. Je nach Modell können mindestens zwei, zum Teil auch bis zu vier Kinder problemlos damit durch die Gegend kutschiert werden. Wem dafür die Kondition fehlt, der kann auch ein Transportrad mit Elektroantrieb als Unterstützung nehmen. Transporträder haben gegenüber Fahrrädern mit Anhänger den Vorteil, dass man die Kinder während der Fahrt im Blick hat und sich mit ihnen unterhalten kann. Nachteil: Diese Räder sind aufgrund ihrer Größe schwer und unhandlich. In den Keller tragen geht in der Regel nicht. Wer keine ebenerdige Garage hat, sollte ein Modell wählen, das man unkompliziert in zwei Teile zerlegen kann.

4. Ich will richtig fit werden, da reicht ein bisschen Stadtradeln nicht.

Doch, auch damit klappt es. Wer täglich 30 bis 40 Minuten ins Büro oder zu Alltagsterminen radelt, tut viel für seine Ausdauer - und braucht keine extra Zeit fürs Training. Entscheidend dabei ist: Man muss aus der Puste kommen. Dafür die Strecke gut wählen, vielleicht ein paar Kilometer mehr fahren, aber dafür auf abgelegeneren Wegen ohne viel Verkehr. Wer in der Firma nicht duschen kann, gestaltet den Hinweg eher gemütlich und packt Deo in die Tasche, gibt dann aber auf der Rückfahrt Gas - und hängt da vielleicht die paar Kilometer dran. Für Menschen, die sich bisher wenig bewegt haben, jetzt aber mit dem Fahrrad ihre Fitness über den Sommer steigern wollen, hat Harald Hake, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie - Schwerpunkt Unfallchirurgie und Sporttraumatologie am Klinikum Frankfurt Höchst, Tipps: Wer lange keinen Sport gemacht hat, sollte vor Beginn des Trainings eine sportmedizinische Untersuchung beim Hausarzt oder Internisten machen. Danach sollte man sich realistische Ziele im Rahmen seiner persönlichen Möglichkeiten setzen. Im Laufe der Wochen erst die Strecke bei gleicher Geschwindigkeit verlängern, dann Hügel ins Programm aufnehmen und erst an dritter Stelle die Geschwindigkeit steigern.

5. Nach dem Radfahren schmerzt mir stundenlang der Po.

Klar, wer jetzt nach der Winterpause das erste Mal mit dem Fahrrad unterwegs ist, wird seinen Po spüren. Ein Dauerzustand darf das aber nicht sein. Wer mindestens einmal pro Woche eine längere Strecke fährt, sollte keine Probleme mehr haben. Entscheidend für einen bequemen Sitz ist der Sattel. Sind beide Sitzknochen auf dem Sattel zu spüren, stimmt die Sattelbreite. Lange Zeit dominierten im Handel breitere Damen- und schmalere Herrensättel. Inzwischen gibt es überwiegend Unisex-Modelle. Gut so. Denn entscheidend ist der Abstand zwischen den Sitzbeinhöckern, also den Knochen am Po, die man beim Sitzen spürt. Dieser Abstand ist bei Frauen zwar oft größer als bei Männern, aber eben nicht immer. Den Abstand zwischen den Sitzknochen kann man bei guten Fahrradhändlern vermessen lassen. Generell gilt: Je aufrechter der Sitz, desto breiter sollte der Sattel sein.

6. Ich muss auf dem Weg zur Arbeit durch Wald und Wiesen fahren, dafür ist mein Rad nicht geeignet.

Was man für ein Fahrrad ausgeben will, ist natürlich jedem selbst überlassen. Aber es gibt Fahrräder, die können alles: schick aussehen, auf Asphalt gut Tempo machen und verkehrssicher sein, sprich, Klingel, Bremsen und Lichter besitzen, gleichzeitig aber Abstecher auf Forstwege mitmachen. Ein urbanes Alltagsbike also, das auch beim Wochenendausflug mit der Familie bella figura macht. Stadtflitzer und Tourenrad in einem. Solche Räder sind in der Regel mit acht Gängen ausgestattet und kommen gern mit hochwertiger Ausstattung daher: gefederte Sattelstützen und dicke Reifen für Komfort auf ruppigem Untergrund, leistungsfähige Scheibenbremsen, schnurrende Riemen statt öliger Ketten sowie Ledersattel und -griffe für ansprechende Optik und Haptik. Für solche hochwertigen und leichten Räder zahlt man allerdings zwischen 1500 und 2000 Euro.

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© Johannes Krenzer, Johannes Krenzer

7. Meine Beine sind ausreichend trainiert, meine Fitness hat an anderer Stelle Defizite.

Fahrradfahren ist vor allem für das Herz-Kreislauf-System ein großer Gewinn. Auf lange Sicht regelmäßig gemacht, kann Radfahren vor Herzinfarkt, Bluthochdruck und Gefäßerkrankungen schützen. Außerdem ist die Bewegung an der frischen Luft gut fürs Wohlbefinden, die Laune und das Immunsystem. Wer schon starke Beine hat, kann also mit dem Bike trotzdem noch einiges für sich tun.

8. Der viele Autoverkehr in der Stadt schreckt mich ab.

Es ist richtig, viele der wirklich schweren Unfälle für Fahrradfahrer passieren, weil ein Auto den Radler übersehen oder angefahren hat. Deshalb ist auch auf kurzen Strecken mit geringem Tempo in der Stadt das Tragen eines Helms lebenswichtig. Damit die Strecke zum Einkaufen, zu Freunden oder zum Friseur schön und nicht stressig wird, sollte man sich vorher zum Beispiel im Internet über alternative Routen durch Parks, Felder oder entlang des Flusses informieren. Oftmals gibt es zum selben Ziel verschiedene Strecken, die man als Autofahrer gar nicht im Blick hat. Mediziner raten übrigens, wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, sollte nach Möglichkeit immer ein Handy dabei haben, damit man im Fall eines Sturzes jemanden zur Hilfe rufen kann. Außerdem schadet ein kleiner „Notfallkoffer“ mit Desinfektionsspray, Pflaster oder Verband nie.

9. Ich kann gar nicht Rad fahren.

Diese Ausrede gilt nun wirklich nicht. In zahlreichen Städten gibt es Fahrradkurse für Erwachsene. Sie werden von Radsportclubs, Sportvereinen und Radfahrverbänden angeboten. Wer es lernen will, findet dort sicher Unterstützung.

10. Mein Knie schmerzt.

Prinzipiell ist das - vor allem nach Absprache mit einem Arzt - kein Hinderungsgrund. Orthopäde Hake weiß, dass Patienten mit Arthrose Radfahren oft als angenehm empfinden. Die Gelenke in Hüfte, Knie und Fuß werden bei wenig Belastung während des Tretens gut durchblutet. Dadurch wird das Gelenk schmerzfreier und geschmeidiger. Wer außerdem in kleinen Gängen tritt - also schneller, aber dafür leichter -, schont das Knie. Wichtig aber sei, so Hake, sich beim Sport immer schmerzfrei zu bewegen.

Der einzigen Gruppe Patienten, der Professor Löllgen rät, neben dem Fahrradfahren in jedem Fall noch ausgiebig spazieren zu gehen, sind Frauen, die unter Osteoporose, also unter porösen Knochen, leiden. Da Knochen für ihre Funktion eine gewisse Körperbelastung brauchen.

11. Nach dem Fahrradfahren schmerzen die Handgelenke, der Nacken und der Rücken – das nimmt mir die Lust am Training.

Solche Wehwehchen liegen häufig an einer falschen Sitzposition, urteilen die Mediziner. Eine gesunde Sitzposition auf dem Fahrrad hängt natürlich vom Fahrradtyp ab, allgemein aber gilt: Der Sattel hat dann die richtige Höhe, wenn die Ferse mit fast durchgestrecktem Bein gerade noch plan auf dem Pedal aufsteht. Je geneigter der Oberkörper ist, umso anstrengender wird die Haltung für Arme, Hals und Wirbelsäule, da die oberen Extremitäten mehr Gewicht tragen müssen. Nach Möglichkeit sollte der Lenker verschiedene Griffpositionen zulassen und Fahrradhandschuhe getragen werden. Außerdem, raten Hake und Löllgen, sollten Fahrradfahrer, besonders die, die sehr sportlich unterwegs sind, nach dem Absteigen Dehnungsübungen machen. Ebenso ist einmal die Woche ein Ausgleichssport wie Gymnastik oder Walken von Vorteil. Von Liegefahrrädern für den Rücken raten Mediziner für Anfänger übrigens ab, da die niedrige Position im Straßenverkehr für Nichttrainierte gefährlich sein kann.

Quelle: F.A.S.
Lucia Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lucia Schmidt
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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