#Bodypositivity

Jeder ist schön – für irgendjemanden

Von Tanja Unterweger
 - 14:23

Mehr als 200 Menschen in einem Saal der Frankfurter Jahrhunderthalle. Es ist ein warmer Abend, die Hitze staut sich in den Rängen, die Haut schimmert feucht. Auf der Bühne steht eine Frau Mitte dreißig. „Schaltet mal die Scheiß-Filter auf Instagram aus“, ruft sie, „damit alle wissen, wie wir in Wirklichkeit aussehen! Dass man übrigens glänzt, wenn man schwitzt.“

Sie selbst erscheint schlagartig in einem anderen Licht als dem der unvorteilhaften Bühnenbeleuchtung, wenn man ihre Geschichte kennt. Nicole Jäger, heute 35 Jahre alt, wog noch vor wenigen Jahren mehr als 340 Kilogramm. Das Haus verließ sie nicht mehr, sie konnte sich kaum noch bewegen. Bestellte sie Pizzen, und der Bote klingelte an der Tür, öffnete sie und rief in die leere Küche, man möge schon einmal das Besteck bereitlegen. Der Bote sollte nicht wissen, dass all das Essen für sie alleine bestimmt war. Heute wiegt sie nur noch die Hälfte, knapp 160 Kilogramm.

Ein Wort genügt, um das Publikum zum Lachen zu bringen. Das hier sind keine Zuhörer, es sind Fans. Die Stand-Up-Comedy-Tour entwickelte sich aus Lesungen ihrer Bücher. Als sie ihren Bestseller „Die Fettlöserin“ veröffentlichte und damit durch Deutschland reiste, las sie immer weniger vor, erzählte immer mehr Witze und nahm immer weiter ab. In ihrem zweiten Ratgeber, „Nicht direkt perfekt“, geht es nicht mehr nur darum, wie man Kilos verliert. Es geht um das Frau-Sein, das Mensch-Sein und um die Beziehung zum eigenen Körper – Themen der Body-Positivity-Bewegung.

Besonders auf der Bilder-Plattform Instagram ist die Bewegung für ein positives Selbstbild kaum zu übersehen. Menschen unterschiedlicher Körperformen posten hier Fotos ihrer Figur, Cellulitis oder Pickelchen – und schreiben darunter #bodypositivity oder #bodyacceptance, damit keiner auf die Idee kommt, sie hielten das für normal. Vor allem junge Frauen feiern sich dafür, sich trotz allem in Ordnung zu finden. Blogger und Instagramer nutzen den Hype um die Hashtags auch zur Vermarktung von Produkten. Dass man Body-Positivity dazu nutzt, um Marketing zu betreiben, Kosmetikartikel und Bücher zu verkaufen, findet Jäger legitim. Es wäre verwunderlich, meint sie, wenn kein Marketing damit betrieben würde. „Es ist Geld damit zu machen, also macht man damit Geld. Das kann man, glaube ich, niemandem vorwerfen.“

Mit 340 Kilogramm liebt man sich selbst nicht mehr

Oft posten auch Frauen mit normalem Gewicht Bilder mit #bodyacceptance. „Das zeigt, dass Frauen, die in den Augen anderer noch so schön und schlank sind, sagen: Ich fühle mich nicht wohl“, sagt Nicole Jäger. Von Frauen mit Makeln wie unreiner Haut oder übergewichtigen Frauen ganz zu schweigen. Insofern handele es sich um eine merkwürdige Diskussion. Die Debatte rund um Body Positivity und mehr Selbstbewusstsein sei wichtig und werde noch nicht laut genug geführt. „Aber wir sagen immer: Diese Frau ist extrem schlank oder übergewichtig, aber trotzdem schön. Das müssen wir doch gar nicht erst sagen, oder?“ Man sei doch an einem Punkt, an dem sich Frauen abseits des Idealbildes schön fühlen und dies laut aussprechen dürften. „Wir sehen Schönheit aber immer in Relation zum Ideal: Sie sieht nicht aus wie das Cosmopolitan-Covergirl, ist aber trotzdem schön.“ Jede Frau sei für irgendjemanden schön.

Mit 340 Kilogramm allerdings liebt man sich selbst nicht mehr, sagt Nicole Jäger. Mehr noch: Es käme gar nicht so weit, wenn man mehr von sich hielte. Wenn das Selbstbewusstsein fehle, bestehe ein Defizit, dann herrsche die Unfähigkeit, sein Leben in den Griff zu bekommen. Dick sein sei negativ besetzt, sagt Nicole Jäger. Man assoziiere es mit Faulheit und mangelndem Durchhaltevermögen. Schlanken Menschen hingegen würden sogleich mentale Stärke und Konsequenz zugeschrieben. „Wir sind visuell geprägte Menschen. Man muss sich dem auch nicht entziehen.“ Sie selbst stecke Personen, die einen Raum betreten, gleich in eine Schublade. Das sei menschlich. Man müsse sie jedoch wieder herausholen, wenn man daran interessiert sei, sie kennenzulernen.

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Dazu ruft sie auch die Frauen in der Jahrhunderthalle auf. Niemand solle in der Pause der Comedy-Show schief angesehen werden, keiner solle sich schlecht fühlen. Fan-Shirts gibt es in jeder nur erdenklichen Größe, bis hinauf zu 12 XL. Nicole Jäger selbst hat 5XL. In ein paar Jahren möchte sie weitere 50 Kilogramm abgenommen haben und auf der Waage möglichst eine zweistellige Zahl sehen.

„Jeder von uns hat exakt ein Recht auf ein Leben. Und wie ich das verkorksen möchte, ist meine ganz eigene Angelegenheit.“ Wenn jemand etwas an seinem Gewicht ändern wolle, sei das super. Wolle man es aber belassen, wie es ist, müsse das auch okay sein. Selbst Frauen, die in ihren Augen schön sind, berichten ihr aber, dass sie auf der Straße schiefe Blicke und verletzende Kommentare ernten. „Eine Meinung haben und jemanden beleidigen sind immer noch zwei Paar Schuhe.“

Wie hat sie rund 170 Kilogramm verloren?

Eines Morgens, sie war 25 Jahre alt, lag Nicole Jäger in ihrem Bett, die Sonne schien ihr ins Gesicht, und sie dachte, sie müsse sterben. Ein vermeintlicher Herzinfarkt entpuppte sich als Panikattacke, verursacht durch Atembeschwerden aufgrund einer Störung der Schilddrüse. Der Schock saß tief. In diesem Moment, als sie die Wohnung wegen ihrer mehr als 300 Kilogramm kaum noch verließ, begann der neue Weg. Ihren Magen wollte sie sich nicht verkleinern lassen – sie wollte zu den zwei Prozent der Bevölkerung gehören, die es ohne medizinischen Eingriff schaffen abzunehmen. Operationen, meint sie, bekämpfen das Symptom, nicht die Ursache, und würden trotz weitreichender Folgen zu leichtfertig empfohlen. Von Diäten hält sie auch nichts. Sie selbst sei auch infolge von Diäten übergewichtig.

Aber wie hat sie nun rund 170 Kilogramm verloren? Mit Geduld und kleinen Schritten. Kleinere Portionen, mehr Bewegung, nur noch essen, wenn man hungrig ist. „Ich habe damals begriffen, dass Abnehmen vieles mit mir anstellt, aber mich nicht glücklich macht“, sagt Jäger, die auch schon als Abnehm-Coach gearbeitet hat.

Sie verlor Gewicht und wurde gesünder. Doch es veränderte sich erst etwas, als sie damit anfing, sich als Frau wahrzunehmen. „Zu sagen: Ich habe jetzt so lange Spaß mit irgendwelchen Männern, bis ich verstanden habe, dass nicht alle Männer dicke Frauen scheiße finden. Und ich höre einmal zu, was Menschen zu sagen haben, die der Meinung sind, ich sei attraktiv.“ Auch ein wichtiger Schritt: sich die Haare abzurasieren, die wegen des durch das Übergewicht durcheinandergeratenen Hormonhaushalts ausgefallen waren, und eine Perücke zu tragen. Besser, als vor dem Spiegel zu stehen und zu denken: „Ich bin nicht nur dick, ich habe auch noch Scheiß-Haare.“ Auf der Bühne trägt sie die langen, blonden Kunsthaare ihrer Perücke zu zwei Fischgrätenzöpfen geflochten.

In ihrer Show kümmert sich Nicole Jäger auch um Alltagsthemen. So spricht sie über einen Besuch bei einem befreundeten Paar in einer Reihenhaussiedlung, über den Hund, einen „sexuell aggressiven Fussel“, und das Wandtattoo – das Arschgeweih der Reihenhausbesitzer. Das kommt gut an. Manchmal wechselt sie von der Komikerin zur Moral-Instanz. Das Publikum liebt sie dafür, dass sie ist, wie sie ist.

Quelle: F.A.Z.
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