Leib & Seele
Dänischer Lebensstil

Bist du schon hygge?

Von Isabelle Braun
© Colourbox.com, F.A.S.

Dieses komische, kaputte Jahr 2016 habe ich noch immer nicht richtig verdaut. Die Demokratie ist bedroht, und die Welt scheint auch weiterhin, im Jahr 2017, aus den Fugen. Meine Facebook-Timeline quillt vor immer absurderen Trump-News über. Passenderweise ist der Himmel grau und wolkenverhangen, der Wind pfeift eisig von der Ostsee, als ich Anfang des Jahres in Kopenhagen am Flughafen lande. Mir ist nach heißer Schokolade, Sofa und Nichtstun zumute. In den vier anderen Städten, die ich in diesem Monat besucht habe, München, Frankfurt, Berlin, Düsseldorf, ging es mir zwar genauso, aber hier in Kopenhagen habe ich die Hoffnung, dass ich endliche lerne, wie man es sich „hyggelig“ macht, also so richtig kuschelig, wenn es draußen ungemütlich wird.

Laut „World Happiness Report“ der Vereinten Nationen gilt Dänemark nämlich als das glücklichste Land der Welt, zum vierten Mal in Folge. Zum Vergleich: Deutschland rangiert auf Platz 16. Auf dem Weg zum Gepäckband werde ich von einer Dame in Funktionsjacke von Jack Wolfskin angerempelt. Ich bin übermüdet, erkältet und wehleidig. Sie entschuldigt sich nicht, und ich denke: Na, in der großen Freundlichkeit scheint das Glück nicht zu liegen. Nicht unwesentlich für die Zufriedenheit ist sicherlich das dänische Sozialsystem.

Die knapp 5,7 Millionen Einwohner zahlen zwar den höchsten Steuersatz, verfügen im EU-Vergleich aber auch über das sechsthöchste Brutto-Einkommen pro Kopf. Ausbildung, Krankenversicherung und Rente sind weitestgehend gesichert, für Arbeitnehmer gibt es bezahlte Elternzeit und überwiegend rund einen Monat Urlaub pro Jahr. Aber das wahre Glück soll nicht im Wohlfahrtsstaat, sondern in „Hygge“ (sprich: hügge) liegen. Dahinter stecke eine Lebensphilosophie, und die boomt.

© dpa, Deutsche Welle

Das Wort hat seinen Ursprung im Norwegen des 16. Jahrhunderts, wird heute laut Langenscheidt-Wörterbuch mit „Gemütlichkeit“ übersetzt und erinnert in seinem wohligen Klang an das schöne, aber leicht in die Jahre gekommene deutsche Wort „heimelig“. Hygge wurde kürzlich in den offiziellen Kulturkanon des Landes gewählt, gemeinsam mit Werten wie Freiheit, Gleichheit und der dänischen Sprache. Der „New Yorker“ nannte 2016 „The Year of Hygge“.

Der höchste Pro-Kopf-Verbrauch an Kerzen in Europa

Dass man auf die skandinavischen Länder schaut, um sich in Sachen Lebensstil zu orientieren, ist kein neues Phänomen. Nachdem wir alle also ikeaisiert sind, eingerichtet im Skandi-Style mit hellen Möbeln, Industriedesignerlampen sowie Accessoires von Hay, und unsere Kinder Finn und Greta heißen, schauen wir jetzt auch in Sachen Lebensgefühl in den hohen Norden. In Mainz gibt es seit knapp zwei Jahren ein „Hygge Café“, in L.A. schon seit 2009 eine „Hygge Bakery“ mit Zimtschnecken.

Es sind zahlreiche Bücher darüber erschienen, darunter der Amazon-Bestseller „Hygge – ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht“, mit Bastelanleitungen für Weihnachtsherzen. Der Autor Meik Wiking leitet das Kopenhagener Institut für Glücksforschung (ja, das gibt es) und fasst die Idee in zehn Punkten zusammen: Atmosphäre, Gegenwart, Vergnügen, Gleichheit, Dankbarkeit, Harmonie, Bequemlichkeit, Frieden, Zusammensein und Schutz. In Lifestyle-Journalen wird Hygge mal als Haartrend angepriesen (natürliche Farbe, weiche Schnitte), mal als schicke Produktseite präsentiert, auf der Kaschmirsöckchen, Kaminfeuer und Duftkerzen im Wert eines Jahrgangschampagners für das ultimative Hygge-Erlebnis empfohlen werden. Zwar haben die Dänen mit rund sechs Kilo den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Kerzen in Europa, aber so wie eine Schwalbe keinen Sommer macht, sorgt eine Pinterest-taugliche Wohnung noch lange nicht für Seelenheil.

Ich verfüge bereits über das inoffizielle Hygge-Starter-Kit, denn ich habe ein Lammfell (gemütlich!) auf meinem knarzenden Parkettboden (home sweet home), nach Rosen duftende Kerzen, indirekte Lichtquellen (so atmosphärisch), esse regelmäßig warmes Porridge zum Frühstück (gesunder Körper, gesunder Geist) und kriege einen ausgezeichneten Cappuccino (Genuss) hin. Ich lebe in München, der Weltstadt mit Herz, der sonnenreichen Metropole, umgeben von viel Grün, den Alpen, und bekannt für die bayerische Schunkeligkeit ist sie auch. Ich würde mein persönliches Lebensglück auf einer Skala von 1 bis 10 „nur“ bei einer guten 9 einschätzen. Da geht doch vielleicht noch mehr Glück, mehr Hygge!

Tee, Wollsocken, Kerzen (am besten mit Duft): Da kann’s schon ganz schön hygge werden.
© epd, F.A.S.

„Wir haben einfach Zeit für Hygge“

Anlass für meinen Besuch ist die Kopenhagener Modewoche. Fashion Week, das kling nach Glamour, Prominenten, viel Champagner und einem vollgepackten Terminkalender mit „Hot Events“, also superwichtigen, superexklusiven Veranstaltungen, bei denen ohne Gästeliste gar nichts geht. Auf dem Weg zur ersten Show zweifle ich an meinem Verstand. Habe ich die Woche verwechselt? Oder mich zumindest im Veranstaltungsort geirrt? Keine Einlassschlange, kein aufgeregtes Visitenkartenwedeln und erst recht keine Dramen in der ersten Reihe, die sich normalerweise bei einer Fashion-Show mit der Zuverlässigkeit eines Kirchturmglockenschlags ereignen. Zum Beispiel, wenn sich jemand für wichtiger hält, als er ist, und in die zweite Reihe, also social Siberia, gesetzt wird.

Bei der Schau von Ganni, einem der momentan angesagtesten dänischen Labels, ist zwar viel los, und ich erspähe zahlreiche Streetstyle-Stars, aber trotzdem kann man einfach in die Location hereinspazieren. Wieso sind die denn alle so schrecklich entspannt? Das frage ich Ditte Reffstrup kurz vor der Show. Sie ist Kreativ-Chefin bei Ganni und steht zwei Monate vor der Geburt ihres dritten Kindes. Wie geht dieses Hygge? „Das sieht man schon bei uns im Backstage-Bereich“, sagt sie. „Es gibt eine heiße Suppe, alle haben einen Snack und essen zusammen. Man soll sich wie zu Hause fühlen und genießen.“ Nicolaj Reffstrup, ihr Ehemann und Chef des Modelabels, ergänzt: „Hier ist es das halbe Jahr über sehr grau und kalt, also ist es vermutlich natürlich, dem etwas entgegenzusetzen. Das macht man zum Beispiel, indem man Freunde zu sich einlädt und gemeinsam kocht, sich verbunden fühlt.“

Den Kern der Sache hat Charles Darwin schon vor ein paar Jahrhunderten umrissen: „Der Mensch ist ein soziales Wesen.“ Das klingt erst einmal einleuchtend, ich lade auch sehr gerne Freunde ein, ob zum Kochen oder zur Flasche Wein. Nur hat man doch so selten Zeit für Müßiggang, sogar als kinderlose Millennial-Freiberuflerin. Wie klappt das mit einem Modeunternehmen und drei Kindern? „Die dänische Gesellschaft ist sehr ausbalanciert. Es gibt keine große Schere zwischen Arm und Reich, und wir haben eine phantastische work-life-balance“, sagt der vielbeschäftige, aber völlig gelassene Reffstrup.

Eigentlich gehört zu dem neumodischen Begriff work-life-balance immer die Forderung nach mehr life und weniger work, weil alle kurz vor dem Burn-out stehen, entgegne ich. „Man arbeitet hier meist von acht Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags“, sagt Reffstrup. „Nicht wie in London oder New York, 80 Stunden die Woche, um dann abends in ein Restaurant zu rennen und alles zu instagrammen, und am nächsten Morgen geht es von vorne los. Wir sind relativ weit weg von diesem ganzen Hamsterrad. Ich denke, das ist ein Teil des Geheimnisses: Wir haben einfach Zeit für Hygge.“

Erinnerung an die Ideale des Biedermeier

Ins Atelier fahren die beiden täglich mit dem Rad, zwanzig Minuten dauert das. Die meisten Mitarbeiter sind Freunde. Statt riesige Netzwerke aufzubauen, wie sich das für den modernen Leistungsträger ja bitte schön gehört, konzentriert man sich also eher auf eine Handvoll enger Freunde. Und darum wirken sogar die Events zur Modewoche eher wie ein unaufgeregtes Familientreffen.

Flucht ins Private, Zurückgezogenheit und Idyll, das erinnert an die Ideale des Biedermeier. Neudeutsch nennt man das „Cocooning“. Egal, wen ich in diesen Tagen frage, meistens wird Hygge so umschrieben: gemütlich beisammensitzen, leckeres Essen, Scrabble spielen statt Facebook zu durchstöbern. Die ultimative Hygge-Erfahrung sei ein Ferienhäuschen am Meer, mit reetgedecktem Dach, verwittertem Holzsteg zum Wasser und Strandkorb vor der Tür. Das ist allerdings gar nicht so einfach zu bekommen. Dafür müsste ich meinen Wohnsitz in Dänemark haben oder zumindest früher fünf Jahre dort gelebt haben. Andernfalls muss man eine Genehmigung vom dänischen Justizministerium einholen, für die man seine besondere geschäftliche, kulturelle oder familiäre Verbindung begründet.

Das ist auch der Knackpunkt der idealisierten Happy-Hygge-Familie: Man fremdelt trotzdem ein bisschen mit der Idee. Ich treffe zufällig eine junge Frau aus Deutschland, die seit einem Jahr in Kopenhagen lebt und deren Eindruck sich nicht mit der vielgepriesenen Grundformel des Glücks deckt. Sie hat in der kurzen Zeit überproportional viele depressive Menschen getroffen, nimmt die Menschen als sehr verschlossen wahr. Sie kennt mich kaum, lädt mich aber in ihre Wohnung auf einen Drink ein und nimmt mich mit zu einem Event. An ihrer German Unaufgeschlossenheit liegt es also vermutlich nicht. Natürlich sind alle Eindrücke nur Stichproben und nicht repräsentativ für eine ganze Bevölkerung. Aber auch eine Studie, die nach festgelegten Parametern versucht, Glück zu messen, kann eigentlich nur scheitern.

Eine Frage der Lebenseinstellung

Doch kurz vor meiner Abreise komme ich der Sache doch noch auf die Spur. Ich plaudere mit dem Taxifahrer und berichte davon, dass Kopenhagen ja nicht nur bekanntermaßen richtig schön ist, sondern man hier ja scheinbar Kind und Karriere super unter einen Hut kriegt und alles so phantastisch klingt, dass man sich als Deutsche direkt den örtlichen Immobilienanzeiger kaufen will. Der gebürtige Däne winkt ab und sagt: „Das kommt immer darauf an, wen Sie fragen. Das Leben ist nicht leicht.“ Aber die Dänen seien doch so glücklich, entgegne ich. Und was für ihn denn Hygge bedeute, will ich wissen. „Hygge“, sagt der Taxifahrer lachend, „das ist eine Frage der Lebenseinstellung.

Jeder hat kleine oder größerer Probleme. Und deswegen muss man sich für das glücklich schätzen, was man hat. Besonders über die kleinen Dinge, wie zum Beispiel den Kaffee in Ihrer Hand“, sagt er und deutet auf meinen Cappuccino im riesigen Starbucks-Becher, den ich mir als Klischee-Tourist für den Weg zum Flughafen gekauft habe. „Genießen Sie das Leben, und seien Sie zufrieden mit dem, was Sie haben. Sonst wird man niemals glücklich.“

Es klingt ein bisschen nach Selbstfindungsratgeber, im Prinzip sind das schlichte Worte. Aber dennoch die wichtigsten, die ich auf dieser Reise gehört habe. Und ich bin erleichtert, dass ich für das Hygge-Glück jetzt nicht in ein durchdekoriertes Designer-Loft in Wasserlage ziehen muss. Ich nehme einen großen Schluck von meinem Cappuccino, der wirklich ganz ausgezeichnet schmeckt, und gebe üppiges Trinkgeld. Die Dame in der Funktionsjacke, die mich bei meiner Ankunft am Flughafen angerempelt hatte, war übrigens auch keine Dänin. Sondern Deutsche.

Quelle: F.A.S.
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