Das Glück der Erde

Über die beeindruckende Bindung zwischen Mensch und Pferd

Von Julia Schaaf
 - 13:44
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Klappe 27-1, die erste. „Und bitte!“ Die siebzehnjährige Hanna Binke hat sich aus ihrer Daunenjacke geschält und läuft in zerrissenen Jeans und Kapuzensweatshirt die Stallgasse entlang. Neben ihr klappern die Hufe eines schwarzen Hengstes, dem die Pferdemaskenbildnerin mit Theaterschminke einen weißen Fleck auf die Stirn gemalt hat: Ostwind, Titelheld des Kinderfilms, dessen dritter Teil an diesem Novembertag auf Gut Waitzrodt im nordhessischen Immenhausen gedreht wird.

Das Mädchen greift nach einer Decke, legt dem Pferd einen Sattel auf den Rücken und hängt sich einen Stoffbeutel mit Proviant über die Schulter. 27-1, die zweite: Hanna Binke streichelt über den Pferdehals, bevor sie Ostwind belädt. 27-1, die dritte: Auf Wunsch der Regisseurin beschleunigt die Schauspielerin ihre Schritte. Wo genau steht idealerweise das Pferd? Ist es die ganze Zeit im Bild? Ein paar Boxen weiter wiehert es. Ostwind, der in Wirklichkeit James heißt, klappert zum x-ten Mal die Stallgasse entlang, bleibt stehen, tut nichts – und trottet zu seiner Ausgangsposition zurück: „Bitte wieder auf Anfang.“

Die Zielgruppe ist eindeutig

Draußen auf dem matschigen Hof, der im Film Gestüt Kaltenbach heißt und in echt ein gut besuchter Reitstall ist, schaut sich eine Mutter mit ihrer elf Jahre alten Tochter und deren Freundin um. „Eigentlich bin ich nicht so ein großer Pferdefan“, sagt die Schülerin, deren lange Haare unter einer Mütze herausragen, „aber durch ,Ostwind‘ mag ich Pferde schon ein bisschen mehr.“ Die Protagonistin Mika alias Hanna Binke sei „von ihrem Charakter ganz cool“, und weil sie es aufregend findet, dass so ein Film ausgerechnet in ihrer Heimat gedreht wird, hat sie die Mutter überredet, direkt nach Unterrichtsschluss hierher zu fahren. Die Freundin hat sogar Erfahrung mit Pferden. Das Beste sei, sagt sie, „wenn man so schön Galopp reiten kann, dass man sich so frei fühlt“.

Kinotrailer
„Ostwind - Aufbruch nach Ora“
© Constantin Film Verleih GmbH, Constantin Film

Es geht früh los mit dieser besonderen Leidenschaft zwischen Mädchen und Pferden, die längst von kommerziellen Interessen befeuert wird, aber auch eine Art universales Bedürfnis bedient. Radiergummis und Armbanduhren, Stoppersocken, Trinkflaschen, Schulranzen und Kissenbezüge – es gibt nichts fürs Kinderzimmer, worauf sich nicht auch eine wehende Mähne finden ließe. Spätestens vom ersten Lesealter an existieren regalmeterweise monothematische Bücher. Die Kinoerfolge „Bibi & Tina“ spielen auf dem Reiterhof; Anfang des Jahres wurden die Comics um das Pferdemädchen „Wendy“ verfilmt. Die Zielgruppe ist eindeutig: Drei von vier Mitgliedern der Deutschen Reiterlichen Vereinigung sind Frauen.

Freiheit und Verantwortung. Autonomie und Zugehörigkeit

„Wenn man das so hört, Mädchen und Pferde, dann denkt man Ponyhof und trallala und belächelt das so“, sagt Produzentin Ewa Karlström. „Ostwind“ hingegen versuche diesem Phänomen auf den Grund zu gehen; Regisseurin Katja von Garnier sei ein richtiger Pferdefreak: „Wir nehmen das Thema sehr, sehr ernst.“ Es gehe um große Gefühle, von denen der Film erzählen wolle, ohne Kitsch daraus zu machen: um eine tiefe Verbundenheit mit einem so stattlichen, schönen Tier. „Bei jungen Mädchen ist es ja so“, sagt Karlström: „Bevor es mit Jungs losgeht, ist es das Pferd. Ich glaube, man projiziert da ganz viel drauf, was man sich noch nicht trauen würde mit einem Jungen. Pferdeliebe ist eine ganz reine Liebe.“ Mehr als 850.000 Kinobesucher haben den ersten Teil der Trilogie gesehen, „Ostwind 2“ kam auf gut 1,2 Millionen Zuschauer. Für „Ostwind – Aufbruch nach Ora“, der über weite Strecken in Andalusien spielt, ist das Budget noch einmal angehoben worden auf 5,5 Millionen Euro. Für einen Kinderfilm – Kernzielgruppe 5 bis elf Jahre – sind das beachtliche Zahlen.

Die Liebesgeschichte zwischen dem eigensinnigen Mädchen mit den langen roten Haaren und dem schwarzen Hengst beginnt in Teil 1, als Protagonistin Mika die Ferien auf dem Reitgut ihrer Oma verbringen muss und als Einzige das Vertrauen des kaum zu bändigenden Tieres gewinnt. Im zweiten Teil entwickelt sich parallel die Liebe zu einem Jungen, wobei die Pferde trotzdem im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Im dritten Teil nun geht es um die großen Themen des Erwachsenwerdens: Freiheit und Verantwortung. Autonomie und Zugehörigkeit.

In der Stallgasse in Nordhessen schiebt sich ein junger Mann im Holzfällerhemd um die Ecke, tief hängen ihm die Stirnfransen in die Augen. „Abschied schreibt man mit ie“, frotzelt Milan (Mädchenschwarm Jannis Niewöhner) und wedelt mit dem Brief, den seine Film-Freundin ihm ans Bett gelegt hat. Mika quält sich mit ihrem Job als Pferdetherapeutin; sie will mit Ostwind nach Andalusien, um etwas über dessen Herkunft herauszufinden. Eigentlich wollte sie sich unbemerkt mitten in der Nacht davonstehlen. Niewöhners hübsches Gesicht hellt sich zu einem Strahlen auf. Er wird seine Freundin und ihr Pferd mit dem Auto bis zum Meer begleiten und ihr fürsorgliche Weisheiten mit auf den Weg geben: „Man gehört dahin, wo man ist“, zum Beispiel. „Manche Dinge muss man alleine machen.“ Und: „Wiedersehen schreibt man übrigens auch mit ie.“

Ein neues Grundverständnis der Pferd-Mensch-Beziehung

Dann reitet Mika am Strand davon, und was folgt, sind diese Bilder, die „Ostwind“ abheben von anderen Pferdefilmen. Herrliche Landschaften, perfektes Licht und ungewöhnlich viel Zeit, um eine Schönheit zu zelebrieren, in der Mensch und Tier eine Einheit bilden. Nur Musik und Bewegung in totaler, mitunter wilder Harmonie. Ostwind trabt über karste Hügel und stakst durch eine schmale Felsspalte. Wenn Mädchen und Pferd im Bug eines Kutters stehen, Kopf an Kopf, wehen die rote und die schwarze Mähne ineinander. Beide Protagonisten übrigens tragen für Teil 3 Extensions.

„Warum verlieben sich Mädchen in Pferde?“, fragt Kenzie Dysli. Die Siebenundzwanzigjährige hat dem Film-Pferd für eine Drehpause eine Daunendecke übergelegt, sie selbst wärmt sich vor einem Heizstrahler. Dysli, in Deutschland geboren und in Andalusien mit Pferden aufgewachsen, fungiert als Pferdetrainerin für die Produktion. Sowohl der brave James, den die Schauspielerin Hanna Binke selbst reiten kann, als auch dessen Double Attila für die wilderen Szenen gehören ihr. Wenn Ostwind inmitten einer Herde Wildpferde über eine Steppe galoppiert und nur von Ferne zu sehen ist, wie Mika auf seinem Rücken die Arme ausbreitet, sitzt Dysli im Sattel. „Es sind einfach schöne, große Tiere, sie haben eine Wahnsinnsausstrahlung“, sagt die junge Frau. „Welches Mädchen träumt nicht davon, ein beeindruckendes Wesen für sich zu gewinnen?“ Wenn so ein mächtiges, respekteinflößendes Tier einem folge und das, was man von ihm verlange, auch noch gerne tue, verleihe einem das ein Gefühl der Stärke.

Natürlich übertreibt der Film: Mika unterhält sich mit Ostwind, als wäre der Hengst ein Mensch, und bisweilen zoomt die Kamera als Antwort die Pferdeaugen in Großaufnahme heran oder stilisiert eine Bewegung mit dem Hals zum Kopfschütteln. Pferdeflüstern als Kinderspiel. Aber in Verbindung mit Begriffen wie „natural horsemanship“ und „Freiheitsdressur“ hat ein neues Grundverständnis der Pferd-Mensch-Beziehung in den vergangenen Jahren auch in einem Teil der deutschen Reitszene Einzug gehalten. „Es geht immer um Kommunikation mit dem Pferd“, sagt Dysli. Bevor man sich auf ein Pferd setze, müsse man sich intensiv am Boden mit ihm befassen: Wie reagiert es? Wo ist es sensibel? Was hat es für Vorlieben und Abneigungen? „Das hat mit Einfühlungsvermögen zu tun und mit Energie, die man ausstrahlen muss. Es ist aber auch mit sehr viel Arbeit und Zeit verbunden.“

Mit Pudelmütze und Sporen an den schlammbespritzten Stiefeln

In einem der Ställe auf Gut Waitzrodt, der nicht für die Dreharbeiten zweckentfremdet ist, sattelt eine Siebzehnjährige ein großes braunes Pferd. „Wir reiten ja Spring“, sagt das Mädchen. In „Ostwind“ drehe sich alles um das Vertrauen und die Bindung zwischen Reiter und Pferd. „Bei uns steht mehr im Vordergrund, dass das Pferd das macht, was wir von ihm verlangen.“ Für das Mädchenglück macht das keinen Unterschied. Reiten sei für sie ein Ausgleich zum Alltag, sagt die junge Frau, die gerade ihr Fachabitur macht: Erste Reitstunden mit vier, das eigene Pony mit sechs. Hausaufgaben, Schulstress – im Stall spiele das alles keine Rolle. Wenn Gleichaltrige in Kassel shoppen gingen, kaufe sie von ihrem Taschengeld neue Gamaschen. Wenn andere Mädchen am Wochenende in die Disko führen, stehe sie um drei Uhr auf, um zu einem Turnier aufzubrechen. Die Verantwortung für das Tier, vom Boxenmisten bis zu den ersten Reiterfolgen, habe dazu beigetragen, dass sie sich früh erwachsen gefühlt habe: „Man kriegt eine andere Ausstrahlung, wenn man reitet. Das macht schon was mit dem Selbstbewusstsein.“

Über den Hof läuft eine junge Frau mit Pudelmütze und Sporen an den schlammbespritzten Stiefeln. Die Studentin, die seit ihrem neunten Lebensjahr reitet, verbringt mehr Zeit auf dem Reiterhof als zu Hause. Nur in der Pubertät, erzählt sie, als Jungs wichtig geworden seien, habe sie ihr Hobby ein wenig schleifen lassen. Sie kennt „Ostwind“, und sie kennt auch das Gefühl, das die Filme transportieren: „An sich ist das schon so, dass man so eine krasse Bindung aufbaut“, sagt die Studentin. Das Jahr, in dem sie gleich zwei Pferde verloren habe, sei der blanke Horror gewesen. Das Besondere an Pferden? „Die sind immer da. Die kennen einen. Und die merken auch, wie es einem gerade geht.“

Botschaft des Films: „Wen man liebt, den lässt man gehen“

Ausgerechnet die Schauspielerin Hanna Binke war allerdings nie ein Pferdemädchen. Zwei Ponyposter im Kinderzimmer, aber nicht einmal das Verlangen zu reiten – als Stadtkind, mitten aus Berlin, musste sie mit 13 Jahren für ihre Rolle Reitunterricht nehmen. Auch in den vier Jahren seitdem ist aus ihrer Filmgabe keine private Leidenschaft geworden. Aber was James angeht, spürt sie inzwischen etwas von dem, was die Pferdetrainerin lehrt: „Ich merke jetzt, wenn irgendwas mit ihm los ist, und habe einfach ein Gefühl für ihn.“

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Nicht, dass sie ein Wort für diese Art des Miteinanders hätte. „Ich weiß nicht, ob man das Freundschaft nennt, keine Ahnung. Aber es fühlt sich schön an, und ich liebe das, und ich bin traurig, wenn James wieder weg ist. Ich glaube, das mit den Pferden ist so schön, weil man jemanden hat, mit dem man nicht unbedingt reden muss, sondern der einfach da ist. Ich merke das auch, wenn man traurig ist. Dann ist man mit dem Pferd, und dann geht es einem wirklich besser. Das geht dann irgendwie weg.“

Diese Sehnsucht nach Innigkeit, ja nach einem blinden Verständnis zwischen Mensch und Tier wird in „Ostwind – Aufbruch nach Ora“ auf die Spitze getrieben. Wie sich das für einen guten Kinderfilm gehört, gibt es auch in Spanien böse Menschen, die das wilde, freie Leben der Pferde bedrohen; es steht viel auf dem Spiel. Und dann kommt es zu einem alles entscheidenden Wettkampf: „Das Pferd, das das Rennen von Ora gewinnt, ist die Seele Andalusiens“, heißt es. Wie gesagt: Keine Angst vor Pathos und großen Gefühlen. Spanische Schönheiten in Rüschenkleidern, stolze Reiter mit Sombreros und ein Bauer auf seinem Esel treten gegeneinander an. Ostwinds schwarz glänzendes Fell ist mit blauen und gelben Ornamenten bemalt. Aber als das Startband fällt, setzt sich Mika zu ihren Freunden auf die Tribüne. „Das ist sein Rennen“, flüstert sie. Sie muss ihn nicht reiten. Es reicht, dass sie an ihn denkt: „Ich bin bei dir.“ Und: „Schneller.“ Eine Träne läuft über ihre Wange. Sie lächelt.

Die Botschaft des Films formuliert Hanna Binke so: „Wen man liebt, den lässt man gehen.“ Auch Pferdemädchen werden irgendwann erwachsen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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