Das Image von Supermodels

Als Schönheit elitär war

Von Melanie Mühl
 - 12:52
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Bei den Supermodels der neunziger Jahre denkt man zuallererst an einen Satz von Linda Evangelista, die sagte, sie stünde für einen Betrag von unter 10.000 Dollar morgens gar nicht erst auf – eine damals tolerierte Arroganz, mit der sie heute für keinen Modeljob mehr engagiert würde. Als Zweites kommt einem das Musikvideo zu „Freedom“ von George Michael in den Sinn, der darin die damaligen Model-Superstars Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Christy Turlington, Cindy Crawford und Linda Evangelista auftreten ließ (und sich selbst nicht zeigte).

Das war 1990, auch Claudia Schiffer war da schon im Geschäft und lief für Karl Lagerfeld über den Laufsteg, der die schüchterne Blondine allerdings erst mühsam hatte überreden müssen. Lagerfeld empfahl ihr, einfach so zu laufen, als würde sie zur Schule gehen. In einem Interview sagte Claudia Schiffer später: „Ich habe die Auftritte nicht so genossen wie Naomi Campbell. Vielleicht hätte ich auch mal ein Glas Champagner trinken sollen.“ Sie meinte damit vor der Show. Auch das war einst üblich und ist in Zeiten von clean eating, in denen Models vor ihrem Laufsteg-Auftritt höchsten auf Rohkost herumkauen, undenkbar.

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Überhaupt klingen die Geschichten von früher (wie so oft) sehr viel aufregender und wilder und spannender als das, was Models wie Cara Delevingne, Kendall Jenner, Karlie Kloss, Toni Garrn oder Natasha Poly heute auf ihren Instagram-Accounts posten.

Die Rolle, die einst Paparazzi spielten, besetzen die Models längst selbst. Die Ich-Inszenierung, das ständige Werben um Instagram-Follower, ist Teil des Geschäfts. War jemand wie Linda Evangelista noch ein unnahbarer Star, suggerieren Celebrities wie Kendall Jenner heute extreme Nähe zu ihren Fans. Auch die siebenundvierzigjährige Claudia Schiffer, die vor dreißig Jahren in einer Düsseldorfer Diskothek entdeckt wurde, hat sich inzwischen ebenso wie Cindy Crawford dem Selbstvermarktungsdiktat ergeben und einen Instagram-Account eingerichtet beziehungsweise einrichten lassen.

Dort werden nun Fotos pseudoprivater Momente gepostet: Claudia Schiffer im Sonntags-Look, Cindy Crawford beim Yoga – schließlich hat sie früher auch Fitness-Videos gedreht – oder wie sie mit ihrer sehr schönen, fünfzehn Jahre alten Tochter, die auch modelt und vor kurzem mit fragwürdig aufreizenden Instagram-Fotos Kritik auslöste, Boot fährt. Claudia Schiffer hat jetzt unter anderem eine eigene Make-up-Linie und Cindy Crawford eine Jeans-Kollektion entworfen. Unlängst durfte die amerikanische Vogue ein Interview mit ihr in ihrer Luxus-Villa in Malibu drehen.

Naomi Campbell? Macht immer noch meistens durch Krawall von sich reden. Ganz anders Tatjana Patitz: Sie lebt mit ihrem Sohn zurückgezogen auf einer Ranch in Kalifornien, modelt aber wie ihre Kolleginnen von früher ebenfalls noch (und ist bei Instagram). Oder Christy Turlington: 2010 gründete sie die Non-Profit-Organisation „Every Mother Counts“, die weltweit auf Todesfälle durch Schwangerschaft und Geburtskomplikationen aufmerksam machen möchte.

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Die Geburt ihrer Tochter Grace 2003, als Christy Turlington einen Blutsturz erlitt, war für sie traumatisch – und der Auslöser, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Gegenüber einem Reporter sagte sie, sie habe mit der Zeit gelernt, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, sie sei Mutter, manchmal Model, Philanthropin, Filmemacherin. Trotzdem sei sie immer dieselbe Christy. Auch was den Abwechslungsreichtum ihres Instagram-Accounts und dessen inhaltliche Tiefe betrifft, ist Christy Turlingtons Rollenvielfalt von Vorteil.

All jene, die nur perfekt gestylte Models mit durchtrainierten Körpern sehen möchten -–offenbar sehr viele –, sind bei Kendall & Co. indes besser aufgehoben. Der Glanz von einst ist jedenfalls in weite Ferne gerückt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Woche
Autorenporträt / Melanie Mühl
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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