Bob-Haarschnitt

Short story

Von Jennifer Wiebking
 - 22:03
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Zum Weltfrauentag ließ sich Hillary Clinton die Haare abschneiden. Am Tag zuvor war sie noch mit dem gewohnt welligen Bob aufgetreten, die Stirn frei, die Stufen weich. Der Anlass war ein Mittagessen der Wohltätigkeitsorganisation Girls Inc. Die Botschaft via Snapchat am Tag darauf, dem 8. März, war natürlich nicht ihr neuer Haarschnitt. Es ging darum, dass Frauen weiter kämpfen, dass sie sich bemerkbar machen sollten, sich wehren, für ein Amt kandidieren, Gewinner sein. Aber Hillary Clintons Haare, die von einem Tag auf den anderen deutlich kürzer waren, gestufter, in der Stirn ein paar Strähnen, die einen Pony andeuteten - sie gaben der Nachricht, die natürlich wichtig, aber zugleich vorhersehbar war, einen Überraschungsmoment. Der Haarschnitt befeuerte die Botschaft.

Hillary Clintons Haare sind seitdem wieder ein Stück gewachsen. Aber ob kürzer oder länger: Einen politischen Bob trägt sie in jedem Fall.

Der Titel ist so griffig wie flexibel. Der political bob, wie der "Guardian" den Haarschnitt taufte, ist auch nicht am Ende, weil eine seiner berühmtesten Trägerinnen nicht zur ersten Präsidentin der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Oder weil eine andere, Theresa May, nicht mehr allzu lange als Premierministerin im Amt bleiben könnte. Der politische Bob wäre selbst ohne Angela Merkel, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds Christine Lagarde und die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon noch aktuell, denn er ist zunächst einmal ein Bob, also ohnehin die Frisur unserer Zeit.

Beim Bob handelt es sich schließlich nicht um einen Trend, der sich von einem Tag auf den anderen ändert, der also mit dem Rücktritt einer Spitzenpolitikerin an sein Ende käme; so wie Frisuren ohnehin selten Trends folgen. Der Bob ist vielmehr eine Lebenshaltung, die gut in unsere Zeit zu passen scheint.

Irgendwo zwischen sachlich und weiblich liegt der Bob

Lange Haare wirken weiblich, kurze sachlich. Der Bob liegt irgendwo dazwischen, etwa so, wie festliche Jumpsuits mit Rüschen so sachlich sind wie Smokings und so weiblich wie bestickte Abendkleider - nicht umsonst ebenfalls ein Look unserer Zeit. Der Bob ist nie falsch, und dabei geht man nicht einmal auf Nummer sicher wie mit einer Uniform. Man sieht es an seinen Variationen. Mal ist er geradezu wild, ausgewachsen und asymmetrisch, so wie die Models Alexa Chung oder Karlie Kloss ihn tragen, mal streng mit Mittelscheitel, "Vogue"-Chefin Anna Wintour lässt grüßen.

Der Bob ist somit auch keine Frage des Alters. Älteren Frauen - Spitzenpolitikerinnen sind ja selten Mitte 20 - steht er trotzdem gut, wenn die Haare mit der Zeit dünner, kraftloser und trockener werden. Ein Föhn, eine Rundbürste - und man kommt zurecht. Ebenfalls praktisch: Die Haare im Bob-Schnitt lassen sich bei jeder Gelegenheit hinter die Ohren stecken. Die Botschaft: Ich bin aufmerksam und höre zu. Das hilft nicht nur, wenn man vor einer Menge potentieller Wähler auftritt, sondern auch, wenn man von Angesicht zu Angesicht mit dem Chef spricht.

Haare sind eine einzige Werbekampagne für ihre Träger. Dafür muss man nicht einmal so seidiges Haar haben wie die Models in der Werbung für Haarprodukte. Haare sind jedenfalls weit auffälliger und aussagekräftiger als Zähne, die so viel über einen Menschen aussagen sollen.

"Dass viele Politikerinnen Bob tragen, hat einfach etwas damit zu tun, wie wir unsere Haare jetzt wachsen lassen", sagt Joe Navarro. Er muss es wissen. Navarro ist kein Friseur, sondern ehemaliger FBI-Agent mit dem Spezialgebiet Verhaltensanalyse. Heute schreibt er Bücher, deren Inhalt man auch auf Menschen anwenden kann, die nicht schwerkriminell sind: "Menschen lesen - Ein FBI-Agent erklärt, wie man Körpersprache entschlüsselt", "Die Körpersprache des Datings", "Der kleine Lügendetektor".

Schon Kleopatra wusste um die Vorzüge der Frisur

"Haare zeigen schnell, welche Haltung ein Mensch hat", sagt Navarro. "Haare gehören in den Bereich der nonverbalen Kommunikation." Siehe den britischen Außenminister Boris Johnson oder Präsident Donald Trump, deren Haare so ungepflegt sind wie ihre Umgangsformen.

Die Kommunikationsmittel, die ohne Worte auskommen, sind seit den sechziger Jahren unter Frauen immer kürzer geworden. "Damals haben Frauen ihre Haare ja noch in Lockenwickler gelegt", sagt Navarro. Natürlich gibt es heute Eisen, die einen ähnlichen Look in einem Bruchteil der Zeit zaubern. Trotzdem ziehen viele Frauen einen Lockenstab nur hervor, wenn sie sich wirklich mal schick machen. Dass die Haare immer kürzer geworden sind, dass es sich auch bei Margaret Thatchers Frisur aus den Achtzigern im Vergleich zu heute um lange Haare handelt, schiebt Joe Navarro auf die Tatsache, dass Frauen zunehmend die Karrieren von Männern anstreben. Es begann mit Vidal Sassoon, der in den sechziger Jahren mit seinem neuen helmartigen Fünf-Punkte-Schnitt zur rechten Zeit am rechten Ort war, nämlich im besonders bewegten London.

Einige emanzipierte Frauen haben die Vorzüge des Bobs schon lange geahnt: im ersten Jahrhundert vor Christus Königin Kleopatra, in den zwanziger Jahren die selbstbewussten jungen Flapper. Aber erst mit den gesellschaftlichen Veränderungen konnten die Haare auch bei allen anderen kürzer werden. "Ich glaube deshalb nicht daran, dass die Haare jemals wieder viel länger werden", meint Navarro.

Ein Symbol weiblicher Emanzipation

Eine Mini-Bewegung - wie zur Zeit lange Haare unter älteren Frauen - ist wohl wirklich nur von kurzer Dauer. Der Bob fasst die Haare einfach zu gut zusammen. Die Haare machen schnell viel her, sie sind weiblich und nüchtern und einigermaßen pflegeleicht. "Nehmen Sie eine Frau wie Amal Clooney", sagt Navarro. "Ich bin mir sicher, dass ihre Haare nicht das Ergebnis von 15 Minuten am Tag sind."

Die traurige Wahrheit ist also, dass Frauen in Spitzenpositionen erstens kaum Zeit für lange Haare haben; man steht nicht um fünf Uhr morgens auf, um sich ausführlich zu kämmen. Und sie würden es zweitens mit allzu viel Styling riskieren, dass jemand den Aufwand mit der Eitelkeit der Trägerin gleichsetzt: Kann jemand, der sich so lange um seine Frisur kümmert, überhaupt ein Land regieren?

Der political bob ist also nicht einfach nur eine Frisur für mittellange Haare. Denn Privatangelegenheit sind die gut organisierten Haare von Personen öffentlichen Interesses nicht. Der Bob ist vielmehr ein Symbol weiblicher Emanzipation und politischer Durchsetzungskraft. Und die Politikerinnen, die ihn tragen, sind ein schönes Vorbild für alle anderen, die mit dem Bob auch ganz gut durch den Tag kommen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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