Deutsche Parfum-Tradition

Der Duft der Berliner Luft

Von Celina Plag
 - 20:22
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Zeitgeist ist wandelbar, avantgardistisch und ziemlich sexy. Gestochen scharf und würzig beißt er zu, bevor er wie ein warmer, rauchiger Schleier betörend den Körper umhüllt. Zeitgeist ist eine prickelnde, sinnliche Erfahrung - zumindest, wenn es nach Lutz Herrmann und Tamas Tagscherer geht.

Die beiden Köpfe hinter dem Duftlabel J.F. Schwarzlose haben eines ihrer Parfums, eine Komposition aus Amber und Moschus, Zeitgeist genannt.

Und mit dem Duft, genau wie mit den anderen Wässerchen aus dem Sortiment des Hauses, treffen die beiden diesen Zeitgeist tatsächlich ziemlich gut. Denn J.F. Schwarzlose ist eine der feinen Marken im wachsenden Segment der Nischenparfums, die zur Zeit ihre Spur ziehen durch die Berliner Luft.

Nischenparfums werden meist von unabhängigen Parfümeuren entwickelt. Sie produzieren nicht für den Massenmarkt, sondern nur in kleinen Mengen, deshalb können sie Aromen komplexer miteinander verketten. So entstehen Düfte, die manchmal nur wenige Fans ansprechen. Der Hype um ausgefallene Geruchserlebnisse, wie sie auch J.F. Schwarzlose anbietet, ist nicht neu - aber heute größer denn je.

“Uns gibt es in dieser Form seit 2012“, sagt Tamas Tagscherer. „In den vergangenen fünf Jahren ist der Markt stetig gewachsen. Ständig poppen neue kleine Marken auf, nicht nur in Berlin.“ Und: „In Deutschland gibt es mittlerweile eine richtige Szene für alternative Düfte.“

Berlin hat eine echte Parfumtradition

In Deutschland? Schon das klingt ungewöhnlich, gelten doch Frankreich und vielleicht noch Italien als eigentliche Duftnationen Europas. Dabei lieben die Deutschen Parfums. Allein mit Düften wurde 2016 nach einer Studie des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel (IKW) hierzulande ein Milliardenumsatz generiert. Im Segment Beauty- und Haushaltsbedarf kauft im Europavergleich niemand lieber ein als die Deutschen. Laut IKW sind die Verkaufseinnahmen im vergangenen Jahr auf 18 Milliarden Euro gestiegen - damit ist Deutschland Spitzenreiter.

Die Produkte kommen nicht nur aus dem Ausland. Auch Parfums „Made in Germany“ haben eine lange Tradition. Das beste Beispiel ist das Eau de Cologne, das vom frühen 18. Jahrhundert an von Köln aus seinen Siegeszug antrat und gar eine eigene Parfumkategorie prägte.

„Berlin hat eine echte Parfumtradition“, sagt Lutz Herrmann von J.F. Schwarzlose. „Weil viele heimische Marken in der Vergangenheit an große Konzerne wie L'Oréal, Unilever oder Procter & Gamble verkauft wurden, ist das nur in Vergessenheit geraten.“ In der Hauptstadt wissen das wohl wenige besser als er – schließlich erzählt er mit J.F. Schwarzlose ein Stück Berliner Geschichte.

Als Produktdesigner kreiert Herrmann eigentlich die Flakons zu den Düften etablierter Marken. Zufällig stieß er auf die Geschichte eines Berliner Parfumhauses, das 1856 von Joachim Friedrich Schwarzlose gegründet wurde und mehr als 100 Jahre lang die Duftkultur der Hauptstadt prägte. Herrmann war gefesselt von der bewegten Vergangenheit der Firma, die bis in die Siebziger existierte. Zwei Jahre lang recherchierte er gemeinsam mit Tagscherer, bis sie das Unternehmen 2012 gemeinsam mit der französischen Parfümeurin Véronique Nyberg neu ins Leben riefen.

Als J.F. Schwarzlose Söhne verkaufte die Familiendynastie einst in der Nähe des Gendarmenmarkts Seifen, Cremes und Eau de Colognes, Haarfärbemittel „und wohl auch Quatschkram wie Knallfrösche“, erzählt Herrmann. Schwarzlose Senior hatte eigentlich als Klavierbauer gearbeitet, bewies aber mit dem Wechsel in die Welt der Düfte im Wortsinn den richtigen Riecher. Denn das Geschäft mit Parfümeriewaren florierte im Berlin des 19. Jahrhunderts.

Um 1850 wuchs Berlin zu einer stattlichen Metropole mit rund einer halben Million Einwohnern. Schon damals lockte die Stadt Freigeister jeglicher Couleur an, wie es im Katalog „Berliner Düfte“ (Edition Stadtmuseum Berlin) heißt. Wegen der Religionsfreiheit, die im 18. Jahrhundert durch Friedrich II. zugesichert worden war, lebten Hugenotten neben Zuwanderern aus dem Osten. Die kulturelle Vielfalt und die Gemeinschaft aus Künstlern, Musikern und Intellektuellen machten Berlin zu einem kreativen Schmelztiegel. Kein Wunder, dass auch die kreative Nase immer gefragter wurde.

Durch die Herstellung synthetischer Duftstoffe war man mittlerweile in der Lage, parfümierte Produkte vielseitig und in größeren Mengen herzustellen, was zu einer wahren Duftexplosion führte. J.F. Schwarzlose Söhne nutzte die Lage, etablierte sich erfolgreich und stieg 1869 zum Königlichen Hoflieferanten auf. In den „Goldenen Zwanzigern“ des 20. Jahrhunderts half das Parfum dann dem neuen, selbstbewussten Typus Dame, die Persönlichkeit zu unterstreichen. Man denke nur an Marlene Dietrich, die, stets intensiv nach Veilchen duftend, Männern wie Frauen den Kopf vernebelte.

Circa 200 Düfte werden jährlich lanciert

Es war auch die Zeit, als das Familienunternehmen J.F. Schwarzlose Söhne anfing, nach Österreich und Ungarn zu expandieren, nach Frankreich, Spanien und sogar nach Asien. „Sogar in den Räumen von Puyi, dem letzten Kaiser von China, fanden sich in der Verbotenen Stadt ein paar Schwarzlose-Flakons“, erzählt Herrmann. Dann kam der Zweite Weltkrieg, und mit ihm wurden zunächst die Auslandsgeschäfte und dann die Fabrik zerstört. Mit Geldern aus dem Marshallplan konnte die Produktion in den Fünfzigern wieder aufgebaut werden. Trotzdem: 1976 stellte die letzte verbliebene Nachfahrin die Geschäfte ein.

Auf Flohmärkten und bei Ebay lebte J.F. Schwarzlose Söhne weiter. „Dort fanden wir viele alte Flakons“, sagt Herrmann. „Die darin enthaltenen Parfumreste waren zwar längst gekippt. Aber in unterschiedlichen Verfahren konnte unsere Parfümeurin die Düfte rekonstruieren.“ Mit modernisierter Rezeptur lassen Tagscherer und Herrmann einige der Klassiker von damals heute wieder aufleben. Für sie ist daraus eine Erfolgsgeschichte geworden. Und das, obwohl J.F. Schwarzlose mit gerade einmal acht Düften im Sortiment auskommt – in einem Segment, das von Neuheiten lebt.

An die 200 Düfte werden jährlich lanciert, rund 80 davon im Luxussegment. Viele davon sind Abwandlungen bewährter Klassiker. Parfum ist ein riesiges Geschäft, allerdings wächst der Markt nur noch langsam. Große Häuser müssen ein immenses Marketingbudget aufwenden, um ihre Düfte zu verkaufen. Innovationen gibt es wenig. Hinzu kommt, dass sich viele Parfumneuheiten mittlerweile kaum noch von anderen unterscheiden. Mit gefälligen Aromen wird versucht, so viele Menschen wie möglich anzusprechen.

Auch deshalb ist das Nischensegment so beliebt. Stefanie Hanssen kann das bestätigen. 2009 gründete sie Frau Tonis Parfum. Damals war sie in Berlin als Nischenparfümeurin noch nahezu allein. Hanssen litt unter einer akuten „Parfumkettenmüdigkeit“: „Ich war es leid, in Parfümerien immer nur das neueste Produkt unter die Nase gehalten zu bekommen. Ich wollte einen Duft, der wirklich zu mir passt. Den gab es noch nicht.“

Individuelle Düfte kommen gut an

Als sie bei der Bank einen Kredit für die Gründung beantragte, schaute man sie ungläubig an. Widerwillig bekam sie die finanzielle Starthilfe, so recht glaubte kaum jemand an das Konzept. Doch ihr Instinkt gab ihr Recht: Schon nach zwei Jahren konnte sie den Kredit vollständig zurückzahlen.

Individuelle Düfte kommen gut an. Das sieht man daran, dass auch die Bekannten der Branche auf die Mechanismen der Nischenmarken zurückgreifen. Bei Armani Privé gibt es Haute-Couture-Duftlinien, und moderne Marken wie Byredo oder Dyptique sind deshalb so angesagt, weil sie es geschafft haben, sich mit Boutiqueparfums an der Schnittstelle zwischen Masse und Nische zu positionieren. Es genügt also nicht mehr, einfach nur ein Nischenlabel zu sein wie noch vor ein paar Jahren – weil die Nische selbst längst nicht mehr so klein ist wie früher. Viele Manufakturen haben deshalb Extras im Angebot.

Frau Tonis Parfum bietet zum Beispiel Schnupperkurse an, in denen Interessierte sich einen eigenen Duft zusammenstellen können. Die Freude am individuellen Experimentieren und an spannenden neuen Konzepten in Berlin begeistert auch Marie LeFebvre. „Hier habe ich einen Ort gefunden, an dem ich mich voll und ganz entfalten kann“, sagt sie. Die Französin hatte jahrelang als Parfümeurin für große Marken wie Symrise und Takasago gearbeitet, wo sie Projekte für L'Oréal oder LVMH betreute. Vor drei Jahren zog sie mit ihrem Mann nach Berlin. Mit Urban Scents haben die beiden eine kleine Linie aus Düften und Duftkerzen auf den Markt gebracht, die sich dem traditionellen Handwerk verschreibt.

„Wenn eine große Marke ein neues Parfum bestellt, bekommt man eine Zielgruppenanalyse und einen Preis vorgelegt, daraus muss man etwas machen“, sagt sie. „Bei Urban Scents läuft das ganz anders – da steht der Duft im Fokus.“

Wie Frau Tonis Parfum bietet LeFebvre individuelle Düfte an. Ein Schnupperkurs reicht bei Urban Scents allerdings nicht. „Einen Duft zu finden, der zu einem passt, ist ein Prozess, der sich oft über mehrere Sitzungen zieht. Die meisten Menschen wissen gar nicht, was für Gerüche ihnen überhaupt gefallen.“

Das liegt laut LeFebvre auch an den Parfümeuren. „Die Herstellung findet meist hinter verschlossenen Türen statt. Auf den Verpackungen steht dann nur chemisches Fachvokabular. Woher sollen die Menschen wissen, was sie mögen? Richtiges Riechen muss man lernen.“ Manchmal gelange man auch zu der Erkenntnis, dass sie selbst gar nicht die richtige Parfümeurin für einen Kunden sei, sagt LeFebvre. „Das ist wie in der Mode: Es gibt Designer, die gefallen einem besser als andere.“

Nischenparfums könne nicht jeder gut riechen, sagt Tamas Tagscherer. Sie duften oft länger und intensiver, wegen des höheren Anteils von Duftölen in den Parfums. „Bei Schwarzlose kommen bis zu 20 Prozent hochwertiges Öl in die Flasche“, sagt er – in einem Industrieprodukt ist es manchmal nur die Hälfte. Ein Eau de Toilette hat sogar nur einen Anteil von drei bis fünf Prozent. Dafür sind experimentelle Düfte nicht jedermanns Sache, nicht einmal mit Nasenübung. Insofern bleibt die Nische vielleicht von alleine eine persönliche Dufterfahrung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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