Osterbräuche der Sorben

Ostern zwischen Spree und Elbe

Von Manuel Schmidgall
 - 10:55
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Im Morgengrauen am Ostersonntag liefen die jungen Frauen los, über Felder, durch Wald und Auen zur Spree. Die richtige Stelle war nicht einfach zu finden: dort, wo das Wasser mit den Sonnenstrahlen floss. Die Frauen wuschen sich Gesicht und Hals, um schön, jung und fruchtbar zu bleiben. Mit Tontöpfen schöpften sie Vorräte des wundersamen Wassers für das kommende Jahr. Man bewahrte es dann im Keller auf, wusch damit Wunden aus und heilte Krankheiten. Doch war die ganze Magie des Wassers dahin, wenn die Mädchen auf dem Weg zurück nach Hause das Schweigen brachen. Kein Wort durfte über ihre Lippen kommen, kein Lachen, nichts. Das war besonders schwierig, da die Burschen aus dem Dorf es sich zur Aufgabe machten, die Mädchen zu erschrecken und zum Lachen zu bringen. So wurde aus dem Wunderwasser Plapperwasser. Auch nicht schlecht, man konnte sich dann zumindest gut unterhalten.

Das Osterwasserholen war bis in die fünfziger Jahre ein gängiger Brauch bei der slawischen Minderheit im Spreewald und in der gesamten Lausitz. Heute machen es nur noch vereinzelte Dörfer. Es gibt nicht mehr viele Sorben. Etwa 20.000 Niedersorben oder „Wenden“, wie sie in Abgrenzung zu den sächsischen Sorben heißen, leben in der Niederlausitz in Brandenburg. Weitere 40.000 Obersorben leben in Sachsen, in der Gegend um Bautzen, in der Oberlausitz. Manche sprechen Sorbisch noch als Muttersprache und haben eigene, von Dorf zu Dorf verschiedene Trachten.

Vier sorbische Trachtenregionen gibt es noch: die brandenburgische Niederlausitz, das Gebiet um Hoyerswerda in Sachsen, die Gegend um die sächsische Stadt Schleife und die restliche sächsische Oberlausitz. In der Oberlausitz sind die Röcke, die Bänder und Schleifen besonders lang, und anders als in Brandenburg ist die Mehrheit der Sorben hier eben katholisch. Die katholischen Sorben halten ihre Bräuche besonders hoch, dort gibt es noch einige achtzigjährige Frauen, die jeden Tag ihre Tracht anhaben, sie kennen gar keine anderen Kleider.

Vor allem aber sind die Sorben – egal, ob in der Nieder- oder Oberlausitz – ein „Ostervolk“. Die sorbischen Osterbräuche sind berühmt, auch wegen Autoren wie Otfried Preußler. In seinem Buch „Krabat“ beobachtet der Held, wie eine Schar junger Mädchen in der Osternacht loszieht, singt und Kerzen anzündet – und natürlich verliebt sich Krabat dabei in die Vorsängerin, die Kantorka, die ihn später aus den Fängen seines Müllermeisters rettet, der mit dem Teufel im Bunde steht.

Der Ursprung des sorbischen Osterkults

Dass die sorbische Kultur so viele Osterbräuche hervorgebracht hat, liegt an ihrer heidnischen Vergangenheit. Erst im sechsten Jahrhundert trat „Stary Lud“, das Alte Volk, wie sich die Sorben nennen, aus dem Nebel der Geschichte. Die Vorfahren waren Westslawen und siedelten in Tschechien. Sie glaubten an Stammesgötter und lebten mit der Natur. Der Übergang vom Winter zum Frühling, der Beginn der Feldarbeiten, all das wurde religiös gedeutet und mit Ritualen gefeiert. Im siebten Jahrhundert wanderten jene Völker dann in Gruppen über das Erzgebirge und entlang der Elbe in das Gebiet um das heutige Dresden ein und dann weiter nach Osten und Norden.

Erst als König Heinrich I. gegen die Sorben zu Felde zog, 929 in Meißen eine Burg bauen ließ und ein paar Jahrzehnte später das Bistum Meißen gegründet wurde, gerieten die Lusitzer und die Milzener, wie die historischen Stämme hießen, unter den Einfluss des ostfränkisch-deutschen Reiches und damit des Christentums. Doch es dauerte weitere zweihundertfünfzig Jahre, bis es in den vielen kleinen sorbischen Siedlungen wirklich Fuß fassen konnte – mit Pfarreien, Missionaren und Kolonisten. Da wurden dann die heidnischen Bräuche einfach christlich umgedeutet und, so angepasst, weiter begangen.

In heidnischer Zeit war das Osterwasserholen ein Fruchtbarkeitskult – ähnlich wie das Ostersingen der jungen Frauen, das der Krabat beobachtet hat. In vorchristlicher Zeit hatten die jungen Frauen die Felder, Wiesen und Flure umschritten und dabei ihre Hymnen gesungen. So sollten die Felder fruchtbar und empfänglich für die Saat gemacht werden. Das Ostersingen sieht heute natürlich anders aus: Die Frauen singen in der Kirche und sie singen christliche Choräle, auf Sorbisch. Das ist vor allem noch in der evangelischen Niederlausitz verbreitet. Im brandenburgischen Dissen-Striesow singen die Frauen am Karfreitag in der Fachwerkkirche. Die Frauen tragen dabei lange grüne Röcke, darüber eine schwarze Schürze, ein weißes Schultertuch, eine schwarze Polka-Jacke und eine weiße Haube. Es ist eine Halbtrauer-Tracht, Hell und Dunkel stehen für Trauer und Hoffnung. Davon singen die Frauen: Vom Schmerz und Leid Christi, aber auch von der überströmenden Freude über die Auferstehung.

Ostergrüße in Frack und Zylinder

Was das Ostersingen für die evangelischen Sorben in Brandenburg ist, das ist das Osterreiten für die katholischen in der Gegend um Bautzen. Dort waren es in alten Zeiten die Männer, die die Flure zu Pferde umritten und die Felder segneten. Heute reiten sie von einer Ortschaft zur anderen und überbringen einander christliche Ostergrüße. So reitet eine Männergruppe von Bautzen nach Radibor, die Radiborer reiten nach Storcha, und die Leute aus Storcha wieder nach Radibor. Für die Prozession ziehen die Männer Gehröcke und Zylinder an wie im 19. Jahrhundert. Sie singen und beten den Rosenkranz auf dem Pferd.

Gemeinsam haben alle Sorben die Bräuche des Osterfeuers und der Ostereierverzierung. Wenn man am Abend vor Ostersonntag auf den Landstraßen zwischen Cottbus und Bautzen fährt, sieht man überall in der Ferne Lichttupfer: die Osterfeuer brennen. Die Feuer sollten ursprünglich eine reinigende Wirkung haben, den Unrat des Winters verbrennen. Die Sorben glauben, sie hätten das Osterfeuer erfunden.

Das kunstvoll gekratzte Osterei

Das Ostereierverzieren ist eine typische Beschäftigung für die ruhige Zeit in der Karwoche. Die Paten machen dann Hühner-, Enten- und Schwaneneier zu kleinen Kunstwerken für ihre Patenkinder. Es gibt das Eierkratzen – zunächst wird Farbe aufgebracht und dann die Muster mit einer Nadel eingeritzt. Bei der Wachs-Reserve-Technik zeichnen die Frauen Muster mit Wachs auf das Ei. Danach werden die Eier gefärbt, die Farbe kommt an die gewachsten Stellen nicht heran. Die Stellen sollen eine weiße Musterung ergeben. Es folgen mehrere Gänge in verschiedenen Farb-Bädern. Nach jeder Färbung wird das Wachsmuster weiterentwickelt – so entsteht zum Schluss, nach dem Abschmelzen des Wachses, ein mehrfarbiges Osterei. Wie überall auf der Welt hat das Ei auch bei den Sorben als Symbol von Fruchtbarkeit und neuem Leben eine lange Geschichte. Das belegen Ausgrabungen. Schon in frühmittelalterlichen Gräbern finden sich bemalte Toneier als Beigaben – in vielen slawischen Kulturen von Brandenburg bis in die Gegend um Kiew. Sie heißen daher auch Kiewer Ostereier.

Für die sorbischen Kinder sind die gekochten, verzierten Eier, die sie von ihren Paten bekommen, ein schönes Spielzeug. Beim „Waleien“ lassen die Kinder die Eier eine schiefe Bahn hinunterrollen. Wer es schafft, das Ei so geschickt rollen zu lassen, dass es im Ziel das Ei eines anderen trifft, darf beide Eier behalten.

Quelle: F.A.S.
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