Porträt Charlotte Tilbury

Die Anwältin des Make-Up

Von Jennifer Wiebking
 - 14:09
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Charlotte Tilbury sieht nicht müde aus, aber sie ist es. Gestern Nacht war es nach ein Uhr, als sie ins Bett kam. Heute morgen ist sie dann gleich nach Berlin geflogen. Am Vortag war sie noch im Nahen Osten unterwegs, davor in Los Angeles, New York, Italien, Spanien, davor wieder Los Angeles, das alles in einem Zeitraum von wenigen Wochen. Sie sagt, sie sei jetzt so weit, dass sie nach jedem Trip die Tage zähle. „Wie lange ich zu Hause sein darf, bevor es wieder losgeht.“ Immerhin hat sie für ihren Platz auf dem Sofa im Berliner „Soho House“ ihre eigenen Kissen mitgebracht, natürlich versehen mit dem Logo ihrer Marke.

Charlotte Tilbury lebt nicht erst seit gestern so. Seit gut 25 Jahren führt sie ein Leben im Namen des Make-ups. Nach Jahrzehnten des Reisens und einer weiteren kurzen Nacht sieht sie daher auch nicht müde aus. Schwarzer Mascara auf den Wimpern, schokoladenfarbener Eyeliner, Lidschatten in Karamell und Bronze. Trägt sie auch nachts so. Wenn alle Katzen grau sind, schminkt sie ihre hellen Wimpern neu mit Mascara, aber dazu später.

Charlotte Tilbury ist so etwas wie die Anwältin des Make-ups. Selbst die blumigen Formulierungen, die man sich in den Marketingabteilungen der konzerngelenkten Beautyindustrie ausdenkt, können nicht mithalten mit der flammenden Rede, die diese Frau auf das Make-up hält. „Make-up soll keine Maske sein“, sagt sie. „Es ist dazu da, einer Frau den bestmöglichen Auftritt zu verschaffen.“ Auf der Kosmetiktasche, die sie als Teil ihrer eigenen vier Jahre alten Linien verkauft, steht zwischen lauter Kussmündern: „Gebt einer Frau das richtige Make-up, und sie kann die Welt erobern.“ Ihr Motto: „Smokey eye till I die“.

Bei den Stars muss sie mit ihrer Art einen Nerv getroffen haben. In den Neunzigern ging es los mit den Supermodels und mit Prinzessin Diana, dann kam Kate Moss, mit der sie privat befreundet ist - das britische Model ist die Patentante ihrer beiden Söhne. Die Visagistin hat Poppy Delevingne 2014 zur Hochzeit in Marrakesch geschminkt und Amal Clooney 2015 ein Braut-Make-up in Venedig verpasst. Mit ihren Argumenten dürfte sie selbst jene Frauen überzeugen, die mit jedem neuen Beauty-Phänomen, mit jedem strobing, glowing und highlighting größere Skepsis gegenüber Cremedosen und Puderpinseln entwickeln und stattdessen einfach nur ein bisschen Mascara auftragen und fertig.

Charlotte Tilbury lacht. „Ha, die Schnellen und Einfachen, Typ fertig in fünf Minuten“, sagt sie mit rauchiger Stimme. „Auch die brauchen nicht viel länger, wenn sie dann mal ein vernünftiges Programm haben.“ Das ist ihr Vorhaben. Nein: „Das ist meine Mission!“

Die traurige Wahrheit könnte nämlich tatsächlich lauten: Make-up ist für die meisten Frauen längst zu kompliziert. Wer einmal den Faden verloren hat und sich dann in der Parfümerie, im Kaufhaus, im Drogeriemarkt wiederfindet, weiß gar nicht, wo er anfangen soll, bei welcher Marke, welchen Produkten. Bleiben Reste vom karmesinroten Lippenstift nicht ganz bestimmt an den Zähnen hängen? Wird der Creme-Lidschatten nicht sofort verschmieren? Und warum überhaupt Farbe auf den Lidern?

Es sind einfach zu viele Produkte

Charlotte Tilbury kann dazu Studien aus dem Ärmel schütteln: „In Großbritannien lassen 50 Prozent aller Frauen die Finger vom Make-up, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. 50! Weil sie nicht wissen, was sie kaufen und anschließend verwenden sollen.“ Eine Studie des Schönheitskonzerns Procter & Gamble und der Universität Harvard belegt es. Für Deutschland ist die Zahl nicht viel geringer. Es sind einfach zu viele Produkte. Wobei sich an diesem Punkt natürlich die Frage stellt, ob die Welt wirklich noch eine weitere Make-up-Linie braucht wie die von Charlotte Tilbury.

Jedenfalls will sie, dass sich ihre Kunden nicht über die Produkte nähern, sondern über Typen, über die große Frage: Wer will ich sein? Es geht um das Versprechen, das stets mitschwingt, wenn es um Mode geht, um Schmuck, um Beauty. Das optimierte Ich ist das größte Argument dafür, etwas zu kaufen. Und es wirkt ja auch, zumindest für den Moment. „Ich habe schon auf Fotoproduktionen gearbeitet, bei denen um Mitternacht immer noch kein Ende abzusehen war“, sagt sie. „Ich war müde und fertig, aber sobald ich ein bisschen Make-up aufgetragen habe, ging es mir gleich besser.“

Man kennt es auch vom Besuch beim Friseur. Wer mit einem neuen Haarschnitt, hübsch in Form geföhnt, dort herausspaziert, fühlt sich wenigstens ein paar Minuten lang so, als wäre gerade etwas ganz Großartiges passiert. Charlotte Tilbury schnippt mit den Fingern: „Man fühlt sich, als bekäme man in solchen Momenten von der Welt Rückenwind. Und ich bin der Meinung, dass andere Leute das auch registrieren.“

Es hat jedenfalls für sie funktioniert. Sie ist auf Ibiza aufgewachsen, als Tochter eines Künstlers und einer Modeproduzentin. Make-up spielte in ihrer frühen Jugend keine große Rolle, ein bisschen Lipgloss, das war's. Als sie 13 Jahre alt war, schickten die Eltern sie nach England aufs Internat, Michael Hall in East Sussex, eine Waldorf-Schule. Es dauerte aber keinen Monat, bis sie dort Mascara für sich entdeckte. „Ich war bis zu diesem Zeitpunkt Boris Becker, die Wimpern und Augenbrauen so hell, dass sie aussahen, als wären sie gar nicht da.“ Dann kam der schwarze Mascara. Wenn sie ihn auftrug, war das für Charlotte Tilbury wie eine Transformation. „Ich wurde von einem Moment auf den anderen beliebter, das Leben wurde spürbar angenehmer. Dabei trug ich ja nur ein bisschen Mascara und etwas Farbe auf den Augenbrauen.“

Als sie nach drei Monaten zum ersten Mal nach Hause nach Ibiza flog, war die Überraschung umso größer. „Alle sagten, 'Oh wow, Charlotte, du bist so erwachsen geworden.' Manche sagten auch, ich sei vorher ja nicht besonders hübsch gewesen, aber jetzt habe sich das total geändert.“ Die Eltern waren nicht weiter schockiert, das Mädchen so zu sehen. „Meine Mutter sagte, sie habe ohnehin vorgehabt, meine Brauen und Wimpern färben zu lassen, aber jetzt habe sich das ja erledigt.“

Charlottes Beauty-Salon

Über ihre Mutter kannte sie eine Beauty-Redakteurin, die sie fortan mit Bergen von Produkten versorgte. „Das hätte nicht mal ich alles verwenden können. Also begann ich, an meiner Schule ein kleines Geschäft zu unterhalten und die Produkte an meine Mitschüler zu verkaufen.“ In den Schlafräumen frisierte und schminkte Tilbury sie - Charlottes Beauty-Salon. „Andere hatten Süßes in ihren Schränken, ich hatte Make-up.“

Ihr Weg schien vorbestimmt: Nach dem Abitur besuchte sie Kurse an der Londoner Glauca Rossi School of Make Up, arbeitete als Assistentin und kam mit den ersten Supermodels und Prinzessin Diana in Kontakt.

Mit Make-up ging sie so obsessiv um, dass sie damals für sich ihren Schlafzimmer-Look entwarf. Einer ihrer Freunde habe mal überrascht reagiert, als er sie abends nach dem Abschminken ohne Make-up sah. „Fortan schminkte ich mich abends ab, versorgte meine Haut mit Pflege und trug danach wieder etwas auf.“ Macht sie bis heute so. Ihr Ehemann hat sie noch nie ohne geschminkte Augen gesehen. „Und wissen Sie was? Er findet das gut. Man muss doch nicht alles teilen. Auf diese Weise bin ich viel mehr ich selbst. So fühle ich mich wohl, das ist die beste Version von mir selbst.“ Sie brauche für ihren Schlafzimmer-Look nur ein paar Minuten, schwarzer Mascara, schokoladenbrauner Eyeliner, sieht fast so aus, wie sie sich auch tagsüber dem Leben stellt.

Ihr Schlafzimmer-Look ist in der Welt der Schönheit geradezu radikal. Selbst dort gilt schließlich als Regel Nummer eins, sich abends abzuschminken. „Mache ich ja, nur trage ich davon ein bisschen was anschließend wieder auf.“ Es scheint der Haut tatsächlich weniger zu schaden, als man vermutet hätte. Charlotte Tilbury, 44 Jahre alt, hat nicht mehr Falten um die Augen als andere in dem Alter. Vielleicht sind es sogar ein paar weniger.

Jetzt streckt sie ihre Arme aus und hält ihren Hals starr nach oben. Sie demonstriert, wie sie mit geschminkten Augen schwimmen geht. Denn ohne ist ja keine Option. „Ich tauche mit dem Kopf auch mal unter Wasser, mit wasserfesten Produkten ist das kein Problem.“

In ihrer Linie, die ihren Namen trägt, gibt es auch ein paar Beach-Sticks, falls außer ihr noch jemand anderes auf die Idee kommen sollte, Make-up am Strand zu tragen. Die Beach-Sticks sind, so wie alle anderen Produkte, das Ergebnis aus jahrzehntelanger Erfahrung mit Modeproduktionen, Star-Hochzeiten und Vorbereitungen für Rote-Teppich-Looks. „Ich habe dort immer alles zusammengemischt, weil ich die richtigen Produkte sowieso nie hatte.“ Siehe die Strand-Schminkstifte - wer kommt schon auf so etwas? „Meine Mixturen waren dann oft nur ein paar Stunden haltbar. Dann musste ich alles aufs Neue anrühren.“ Irgendwann setzte sie sich mit ein paar Laboren in Verbindung und begann, an ihrer Marke zu arbeiten.

So wie echte Frauen gerne aussehen

Sie nimmt einen Kasten Lippenstifte zur Hand, Spezialfarben, die sie einst für ihre Kundinnen gemischt hat. „Der hier war für Kim Kardashian West.“ Der Nude-Ton ist längst das Markenzeichen des Stars. „Der hier für Kate Bosworth.“ Ohne dieses pinke Pink kann man sich die Schauspielerin heute kaum noch vorstellen. „Den hier habe ich für Liv Tyler gemacht, den hier für Nicole Kid-man, den für Cindy Crawford, den für Salma Hayek, den für Laura Bailey.“ Bei jedem Namen hebt Tilbury den jeweiligen Lippenstift hoch und lässt ihn wieder in die Box fallen, klack, klack, klack. Sie leidet jedenfalls nicht unter einem Mangel an Namedropping, und nebenbei choreographiert sie den Stepptanz der Lippenstifte. Den Lippenstift für Kate Moss hat sie natürlich auch gemacht. Er heißt einfach „Nude Kate“. Mit der Welt der Stars geht sie maximal diskret um - selbst ist sie überaus nahbar. Bei allem Geschäftssinn hat Charlotte Tilbury auch viel Sinn für den typisch britischen trockenen Humor.

Ihre halbe Familie arbeitet im Unternehmen mit. Tilburys Schwester ist eine der Kreativ-Verantwortlichen. Tilburys 24 Jahre alte Nichte Sophia ist Visagistin und kümmert sich um Neulancierungen und den SocialMedia-Auftritt. Bei Sophia könnte die Herkunft nicht besser zu ihrer jetzigen Tätigkeit passen: Ihr Vater ist einer der Schwarzkopf-Erben, ihre Mutter eine Tilbury. Haare und Make-up sitzen. Und während sich ihre Tante Zeit für den Fotografen nimmt, erzählt Sophia, wie sie noch immer mit ihrer Mutter zusammenlebt, dass sie gerne ausziehen würde, am liebsten an die Portobello Road, wo die Mieten nur leider so furchtbar hoch seien.

Die Tante sitzt auf einem Holzstuhl und schaut in die Kamera. Sie ist müde, aber sie sieht noch immer nicht müde aus. „Der Film- und Musikbranche ist die Bedeutung von Make-up besonders bewusst“, sagt Charlotte Tilbury. „Je besser sie aussehen, umso öfter werden die Schauspieler auf dem roten Teppich fotografiert, umso mehr Aufmerksamkeit sichern sie sich für Filme, umso eher könnten sie für eine Werbekampagne im Rennen sein. So kommen sie dann wieder an neue Aufträge.“

Charlotte Tilbury steht am Anfang dieser Kette. Wenn sie für Fotoproduktionen von Magazinen arbeitet, dann darf es ein bisschen wilder, riskanter sein. Für RoteTeppich-Auftritte schminkt sie die Stars zurückhaltender. „So wie echte Frauen gerne aussehen.“ Für Hochzeiten gehe es um pure Schönheit. „Wer sich nicht sicher ist: Der Golden-Goddess-Look passt so gut wie immer.“ Bei Amal Clooney betonte sie die Super-Brauen, die Wimpern waren extralang, die Lippen kupferrot. Bei Poppy Delevingne muss sie mit Bronzer auf den Wangen gearbeitet haben.

Wie lange braucht sie, bis besonders schöne Frauen noch schöner sind? Tage? Wochen für die Ideenfindung? „Etwa eine Stunde. Meistens kenne ich die Gesichter gut, und wenn nicht, dann habe ich zuvor im Internet geschaut.“ Charlotte Tilbury lässt sich Kleid und Blumen zeigen. „Dann lege ich los.“ Sie schnippt noch mal mit dem Finger: „Und bin sehr schnell fertig.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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