Selbstinszenierung?

Warum Jugendliche so viele Selfies machen

Von Jennifer Wiebking
 - 17:48
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Frau Imdahl, ein Ergebnis der neuen Jugendstudie, die Ihr Marktforschungsinstitut Rheingold im Auftrag des Industrieverbands Körperpflege und Waschmittel (IKW) erarbeitet hat, lautet: Jugendlichen ist es peinlich, Selfies zu machen. Warum?

Das hat zwei psychologische Gründe. Wenn man sich entwickelt, muss man sich auf der einen Seite abgrenzen, gegen die eigenen Eltern zum Beispiel, und auf der anderen Seite anpassen, um den eigenen Stil und eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Deshalb sagen Jugendliche: Wie peinlich, dass die da alle ihre selbstverliebten Selfies posten, da mache ich nicht mit. Ich mache nur ganz selten Selfies. Im Lauf der Zeit stellt sich dann aber heraus, dass sie alle sehr viele Selfies machen. Es ist ihnen also peinlich, als selbstverliebt entlarvt zu werden und sich mit dem eigenen Selbst auseinanderzusetzen.

Hat sich in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren etwas verändert? Ist es jetzt vielleicht ein bisschen weniger peinlich, Selfies zu machen?

Die Selbstverliebtheit hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Es geht darum, besonders zu sein, anders zu sein. Die Eltern dieser Generation haben ihren Kindern vermittelt, dass sie besondere Kinder sind, dass sie etwas Besonderes werden können, dass sie es nur wollen müssen. Es geht erst einmal um sie selbst. Sie wollen die Likes bekommen, und ein bisschen besteht die Hoffnung, über Instagram berühmt zu werden.

Für 30 Prozent der Jugendlichen ist das laut Ihrer Studie heute ein Lebensziel. Vor zehn Jahren waren es gerade mal 14 Prozent. Eine erhebliche Steigerung.

Das liegt auch daran, dass die Jugendlichen in einer Zeit aufgewachsen sind, in der sie sich relativ ohnmächtig fühlen, gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen im Hinblick auf Krisen und gegenüber familiären Entwicklungen. Wenn man sich in seinem brüchigen Umfeld ohnmächtig fühlt, dann ist der psychologische Effekt, dass man das oft ins Gegenteil verkehrt und sich allmächtig macht. Die Jugendlichen haben das Gefühl, sie könnten alles werden, alles aus sich machen, sie haben extreme Allmachtsphantasien. Es gibt keine Grenzen. Sie machen aus der Ohnmacht ein Allmachtsgefühl.

Welche Bedeutung hat dabei das Selfie?

Eine zentrale. Man könnte diese Generation ja fast Generation Selfie nennen, weil es sich so sehr um sie selber dreht und weil ein Selfie auch ein weiteres Mittel ist, das eigene Leben zu kontrollieren. Die Jugendlichen sagen, sie schauen sich das Leben erst mal durch die Kameraperspektive an und gehen aus dem eigentlichen Erleben raus. Sie erleben den Moment nicht, wenn er da ist. Sie machen das Foto, oder auch 100 Fotos, und posten das beste. An der Zahl der Likes bewerten sie, wie gut das Erleben war und ob es etwas ist, was sie erlebt haben möchten. Sie kontrollieren ihr eigenes Erleben. Ein riesiger Allmachtsgedanke.

Wenn man keine Likes bekommt, ist das Erlebte wertlos?

Ja, dann haben sie gar nichts erlebt. Es wird erst dann zum realen Erleben. Sie haben ein anderes Realitätsverständnis. Wenn die Freundin für ihre Tannenbaum-Fotos mehr Likes bekommt, ist Weihnachten für die Andere gelaufen. Bei Urlauben ist es ähnlich.

Ist es gefährlich, wenn Jugendliche über Bilder von sich selbst ständige Bestätigung erwarten?

Sie machen sich sehr zurecht für die Fotos. Die Mädchen schminken sich, die Jungs gehen zum Teil vorher zum Friseur. Alles wird perfekt inszeniert und kontrolliert. Bei Jungs sehen wir die Gefahr, dass sie Mädchen kaum noch als normal wahrnehmen, wenn sie nicht geschminkt sind.

Vom 17. Jahrhundert bis heute
Die Kunst des Selfies
© reuters, reuters

Klingt nicht gut.

Andererseits: Das Aussehen ist einer der wenigen Bereiche, in denen Jugendliche Sicherheit erlangen. Es gibt den gesellschaftlichen und den familiären Kontrollverlust, und dann gibt es in der Pubertät den hormonellen Bereich. Man bekommt Pickel und fettige Haare, und die Sexualität beginnt. Das Aussehen ist einer der wenigen Bereiche, in denen Jugendliche das Gefühl haben, sie könnten das aktiv selbst in den Griff bekommen. Perfekte Nägel, tolle Optik, tolle Fotos: Das verschafft ihnen Sicherheit. Das Aussehen ist Druck, aber auch Entlastung, denn das haben sie im Griff. Das darf man ihnen auf gar keinen Fall wegnehmen. Das habe ich auch den Eltern gesagt. Diese Form von Anpassung verschafft ihnen viel Sicherheit.

Die Fragen stellte Jennifer Wiebking.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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