Eine Theorie des Cabrios

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Von Tilman Allert
 - 12:24

Himmel - so nennen die Autobauer die Deckenbespannung im Inneren des Fahrzeugs. Diese Semantik erschließt den Zugang zum symbolischen Raum des offenen Himmels: Wer Cabrio fährt, verzichtet auf das Dach über dem Kopf, genießt einen einzigartigen Raumkontakt, eine technologisch ermöglichte Obdachlosigkeit, die gegenüber allen blechern verkleideten Autofahrern privilegiert.

Das Auto unterliegt einem starken Anpassungsdruck. Neben den üblichen Parametern der Rationalisierung tritt mit der Idee der autonomen Steuerung eine weitere Dimension hinzu. So wird das Auto zum Wohn- und Arbeitszimmer. Den Straßenverkehr zu kontrollieren und um Raum zu konkurrieren wird zunehmend automatisiert. Im Lichte derartiger Entwicklungen war das Cabrio stets schon Avantgarde. Es transzendiert das Fahren zum Reisen. Mit dem Dach überm Kopf will man sein Ziel erst noch erreichen - im Cabrio ist man beinahe schon da: Die Picknickdecke ist schon ausgebreitet.

Cabrio-Fahrer sind schon in der Gegenwärtigkeit, in der die anderen Fahrenden erst ankommen wollen. Das Cabrio revidiert den Eigenwert des Unterwegsseins und unterläuft die Funktionalität des Automobils - gestaltete Dialektik.

Cabrio-Fahren – Ein Spaziergang durch den Straßenverkehr

Man kann das Cabrio als Fahrzeugtypus einer raffinierten Teilhabe am Straßenverkehr all jenen empfehlen, die im eigenen Lebensvollzug mit der Entschleunigung beginnen wollen, dem normativen Gebot der Lebensführung des modernen Menschen. Hier geht es nicht um rigorose Asphaltkritik, antitechnische Verweigerung oder gar Rebellion gegen die Moderne, sondern um die demonstrative Artikulation einer Nutzungsalternative: Cabrio-Fahrer schlendern motorisiert, mitten im Gewühl derer, die von A nach B wollen.

Das Auto war schon lange vor den jüngsten Skandalen um Abgaswerte und Kartellabsprachen auf dem Weg, seinen Status als "Beweisstück der Selbsteinstufung" (David Riesman) einzubüßen. In Gestalt des Cabrios dagegen genießt es eine gleichsam ewige Reputation, die in ihren affektiven Dimensionen komplexer ist als der billige Verweis auf Leute mit unstillbarem Sonnenhunger. Für dieses Fahrgefühl greifen Cabrio-Besitzer gern tief in die Tasche. Schließlich muss auch dieser Fahrzeugtypus für den schlimmsten aller Fälle, den sich niemand vorstellen mag, minimal gerüstet sein: Überrollschutz ist seit langem obligatorisch, ein naiv entworfenes "Oben ohne" wie beim legendären Karmann Ghia oder den großen Schlitten aus den Anfängen des amerikanischen Automobilbaus wäre heute undenkbar.

Die Autohersteller reagieren auf die Wünsche der Cabrio-Liebhaber mit einer Differenzierung von Modelloptionen. Das Cabrio wird in die Periodizität der Natur eingerückt, die sich für den Normalfahrer mit dem Wechsel der Reifen erledigt hat. Mit dem Cabrio wechselt man in die Sommerklamotten. So kann man dem kulturellen Wandel der Fahrzeugnutzung auf die Spur kommen. Zu den Gestaltungsideen des Cabrios zählt das Versprechen, Perspektivbeschränkung und Erlebnisschrumpfung der geschlossenen Karosserie aufzulösen. Das Cabrio erschließt das ganze Panorama, eröffnet die Möglichkeit sensorischer Teilhabe an Lichtverhältnissen, Luftstrom und Gerüchen der Umgebung. Man ist in diesem Auto vom Pathos der Bewegungsfreiheit umgeben.

Beim Autofahren begegnen sich die Menschen in einer vereinbarten Fremdheit. Ihre Kommunikationsbeziehungen, die unvermeidbar von Konkurrenz unterlegt sind und deshalb bei aller Funktionalität der Verkehrsregeln das Gebot der Fairness zum wichtigsten Moderator des gelingenden Austauschs namens Verkehrsfluss werden lassen, sind gefährdet durch deviante Exzentrizität im Auftritt. Vagabunden, Abenteurer und Provokateure als typische Verfallserscheinungen sind im Straßenverkehr vertraut. Cabrio-Fahrer demonstrieren selbstbewusste Selbstgenügsamkeit, demonstrative Unbekümmertheit, harmlose Angeberei - mit seltenen Extremformen der Fahrnutzung wie gefährlichen Manövern, die von dem Gefühl herrühren, sich schon an Orten jenseits des Verkehrs zu wähnen.

Die komplexe symbolische Funktion des Cabrios erschließt sich hingegen erst im Blick auf die Raumdimension sowie die Konstellation des Straßenverkehrs. Das Cabrio kontrastiert die archetypische Autonutzung, die vor mehr als einem halben Jahrhundert David Riesman erfasste, als er darauf hinwies, dass "der Autofahrer vollständig von einem außer-sozialen Objekt umgeben ist, von physischem Kontakt mit anderen abgeschlossen und doch völlig von ihnen abhängig und mit ihnen verknüpft. Der Verkehr ist ein Strom, in den er eintaucht, gewissermaßen ohne nass zu werden." Das Cabrio rüttelt schon in einem trivialen Sinn an der Plausibilität der Riesmanschen Metapher.

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Mehr noch: Die Verkehrswahrnehmung des Cabrios ist irritierend, und zwar anders als beim Passieren eines neuen Automodells oder eines Oldtimers, also bei der Betrachtung von Technikgeschichte oder imposanten Ingenieurleistungen. Das Cabrio ist auf der Autobahn von üppigem Raum umgeben. Cabrios fahren wie Solitäre und vermeiden das Rudel, als würden sie sich eine eigene Kulisse verschaffen, einen Kontext, der über das Klischee aus der Werbung hinausgeht. Ihr Erscheinen gleicht der Logik von Alfred Hitchcocks suspense, nicht deshalb, weil zu Beginn in dessen legendärem Film „Die Vögel“ Tippi Hedren im offenen Wagen fährt, auf dem Rücksitz zwei Vögel, die sich parallel zur Bewegung des Cabrios in die Kurve legen - vielmehr ist man mit dem Geheimnis einer Spannung konfrontiert, in der nichts passiert, die aber eine komplexe affektive Attraktion ausübt.

Ein Luftsprung auf dem Asphalt

Etwas Anrüchiges umgibt das Cabrio, ein Hauch von Guy de Maupassants "Landpartie", die kommunizierte Indiskretion, so wie man beim Spazierengehen in ein Haus schaut, in dem die Gardinen noch nicht aufgehängt sind. Mit dem Cabrio wird der geschützte Raum der Intimität durchbrochen, und man wird gefesselt von unbekümmerter Schamlosigkeit. Deutlich wird diese Dimension gleichsam ex negativo, im Stau oder vor der Ampel. Solche erzwungenen Zäsuren im Vorankommen nerven jeden, der sich in die kontrollierte Anarchie des Straßenverkehrs begibt. Aber besonders unverträglich mit dem Gedrängel ist das Cabrio, wegen der Sinnstruktur seiner Benutzung. Im Stau wird es offenbar: Wenn kein Fahrtwind die Insassen mit dem Phantasma des Schwungs umgibt, verschiebt sich das offengelegte Innere ins Kuriose. Die demonstrative Leichtigkeit des Unterwegsseins gerät an den Rand der Lächerlichkeit: Mützen mit baumelnden Ohrenklappen, Sonnenbrillen im Schatten des Lastwagens davor, die lässige Geste des Armes oder der dick aufgetragene dröhnende Sound. Cabrio-Fahrer, so würde ein bitterer Blick à la Roland Barthes auf diese kontextunangemessene Lage vermelden, machen sich etwas vor.

Aber sie transzendieren eben das Fahren auch ins Reisen, sie sind schon in der Zukunft, in der die Anderen erst ankommen wollen. Im Vorbeifahren kommt die Frage auf, ob da jemand im riskanten Raum des Straßenverkehrs mit einem Spielzeug unterwegs ist. Und schon schiebt sich ein Tagtraum in die angestrengte Aufmerksamkeit des Fahrens: das Bild vom Jahrmarkt, als man auf dem Karussell, neben prachtvollen Schwänen, einer knallroten Feuerwehr und festlich gezäumten Pferden im schäumenden Galopp in einem Auto eine Runde drehen durfte, als sich der Wagen in die Luft hob und über allen anderen schwebte. Selbst die Eltern, die in der Ferne winkten, waren weit weg. Der verspielte Auftritt gab dem Unbewussten unbekümmert freien Lauf. Im Spielzeug fährt man davon, bereit für einen Luftsprung auf Asphalt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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