Das Leben als Lockvogel

„Jeder geht mindestens einmal fremd“

Von Katrin Hummel
 - 09:37

Therese Kersten, 27, führt seit acht Jahren eine Agentur mit Namen Die Treuetester. Sie stammt aus Schönebeck in Sachsen-Anhalt, machte mit 16 eine Ausbildung zur Polizistin in Berlin, brach diese aber ab und ging zurück in die Heimat, um ihr Fachabitur zu machen. Mit 19, schon lange keine Jungfrau mehr, verkaufte sie ihren Körper das erste Mal für 1000 Euro auf einer Auktionsplattform im Internet, nach der fünften Auktion zog sie zu dem Gewinner, einem vermögenden Sugardaddy, nach Wien. Mit 22 wurde sie von ihm schwanger und brachte eine Tochter zur Welt. Schon von Beginn des ersten Beziehungsjahres an ahnte sie, dass dieser Mann nicht nur seine langjährige Partnerin, sondern auch sie selbst mit etlichen anderen Frauen betrog, und spionierte ihn – rasend eifersüchtig – aus. So kam ihr schon mit 19 der Gedanke, ihre Erfahrungen auch beruflich zu nutzen und die Agentur zu gründen. Bald schon hatte sie mehr als 100 Treuetesterinnen und Tester in ihrer Kartei und bekam etwa eine Kundenanfrage pro Tag.

Als sie 2016 im Auftrag eines möglichen künftigen Geschäftspartners nach Paris reiste und von ihm in einem Hotelzimmer massiv sexuell bedrängt wurde, floh sie. Später schickte ihr der Portier des Hotels, dem sie sich im Zuge ihrer Flucht offenbart hatte, auf Facebook eine Kontaktanfrage. Heute ist dieser algerischstämmige Mann ihr Verlobter und der Vater ihrer gerade geborenen zweiten Tochter.

Nun hat Kersten ein Buch mit dem Namen “Lockvogel“ geschrieben. Darin schildert sie ihren Werdegang und breitet die ungewöhnlichsten Fälle aus, die sie als Treuetesterin aufgeklärt hat. Mittlerweile lebt sie in der Nähe von Paris.

Zum Treffen in das Café in der Nähe des Louvre kommt Therese Kersten an diesem Tag wegen eines Staus auf der Pariser Stadtautobahn fast eine Stunde zu spät. Sie wirkt entspannt und muss, wenn sie über Fälle aus dem Buch erzählt, meist erst im Manuskript nachblättern, um zu prüfen, um welchen Fall es sich handelt. Die Klarnamen ihrer Kunden hat sie im Text verändert, mit den Pseudonymen kann sie oft nichts anfangen. Am Ende des Gesprächs wird sie von ihrem Partner abgeholt, der ihre schlafende Tochter im Kinderwagen dabeihat und die ganze Zeit vor dem Café auf und ab spaziert ist, um in der Nähe zu sein, falls das Baby hätte gestillt werden müssen. Sie wirkt glücklich und verliebt, ihr Partner, der etwa im gleichen Alter wie sie selbst ist, ebenso.

Frau Kersten, Ihr Buch liest sich wie ein Roman. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die wirklich so ticken wie die Leute, die Sie da beschreiben.

Das sind halt Extrembeispiele im Buch, die Highlights aus acht Jahren.

Können Sie einen Fall schildern, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Das ist definitiv der sogenannte Karottenmann. Er schickte uns einen Slip seiner Frau, wir sollten ihn im Labor auf Sperma untersuchen lassen. Noch bevor wir das Ergebnis hatten, kam schon ein neues Paket mit einem neuen Slip. Und immer so weiter, etwa zwanzig Sendungen. In den Paketen waren nicht nur Slips drin, sondern alles Mögliche, am Ende sogar Mohrrüben, weil er gedacht hatte, dass jemand seine Frau damit – Sie wissen schon. Er hatte auch den Verdacht, dass sein eigener Bruder mit seiner Frau schläft, und wollte einen Vaterschaftstest von seinen schon älteren Kindern. Es kam heraus, dass eines seiner Kinder sein eigenes war, vom anderen war er indes tatsächlich nur der Onkel. Wir boten ihm dann an, dass wir seine Frau observieren könnten, um zu sehen, mit wem sie sich so treffe, aber da sagte er, das sei zu teuer – und das, nachdem er schon zirka zwanzig Slips zum Preis von je 239 Euro hatte analysieren lassen. Ich werde bis heute nicht schlau aus dem Mann.

Haben Sie manchmal Mitleid mit den betrogenen Partnern?

Eigentlich mit allen. Aber ein Fall ist mir besonders in Erinnerung geblieben, auch hier konnten wir durch Laborproben nachweisen, dass die Frau fremdgegangen war, und auch dieser sehr sympathisch wirkende junge Mann wollte einen Vaterschaftstest machen, weil seine Tochter noch relativ klein war. Es stellte sich heraus, dass sie tatsächlich nicht seine Tochter war. Das war schon sehr hart. Ich habe am Telefon gemerkt, dass seine Welt zusammenbricht. Dann habe ich mir vorgestellt, wie das für mich wäre, und hatte extrem starkes Mitleid. Ich habe ja meist ein sehr enges Verhältnis zu meinen Kunden, sie erzählen mir sehr viel und offenbaren sich mit all ihren Sorgen und Nöten.

Sie schreiben in Ihrem Buch, viele Menschen befänden sich in einem Schwebezustand – sie trauten sich nicht, fremdzugehen, wollten aber von jemandem gefunden werden.

Ja, viele Menschen wollen fremdgehen, viel mehr, als es dann auch tun. Aber wenn man diesen Leuten dann jemanden auf dem goldenen Tablett präsentiert, der sich unverhohlen anbietet – dann werden die meisten schwach.

In wie vielen Fällen sind die Zielpersonen denn standhaft geblieben?

Bei Frauen geht etwa die Hälfte nicht drauf ein, bei Männern sind es 30 Prozent. Früher waren es weniger. Das heißt, die Zahl der Männer, die nicht drauf eingehen, nimmt zu. Ich weiß allerdings nicht, warum. Vielleicht ist es einfach nur Zufall.

Ist es nicht unfair, Menschen in Versuchung zu führen? Sie berichten von einem Fall, wo der Mann sich wohl nur deshalb mit dem Gedanken trug, wirklich untreu zu werden, weil Sie ihm den Lockvogel auf Drängen seiner Ehefrau, die einfach keine Ruhe gab, quasi aufgehalst haben – eine schöne Frau, die sich unter normalen Umständen wohl niemals zu diesem alten, eher unattraktiven Mann hingezogen gefühlt hätte.

Wir versuchen eigentlich immer, den Lockvogel auch vom Äußeren her an das Attraktivitätsniveau des Getesteten anzupassen, damit das Ganze so realitätsnah wie möglich ist. Aber in diesem Fall gebe ich Ihnen recht, das war schon ziemlich grenzwertig. Der Mann hat zum Teil sexuelle Nachrichten geschrieben, wollte sich aber nicht wirklich treffen, monatelang nicht. Und seine Frau wollte immer, dass wir ihm noch mal schreiben. Ich habe die Auftraggeberin irgendwann gefragt: „Wollen Sie Ihren Mann vielleicht einfach nur loswerden?“ Und ihr gesagt, dass ich ihr Vorgehen absolut nicht in Ordnung finde. Würde mir so etwas jetzt noch mal passieren, würde ich schon viel früher die Notbremse ziehen.

Wo ist eigentlich die Grenze des Körpereinsatzes für Ihre Lockvögel und Sie selbst?

Ich selbst bin kein aktiver Lockvogel mehr, ich schreibe nur noch SMS und möchte noch nicht mal mehr mit anderen Männern flirten. Generell gilt bei uns: Beim Kuss ist Schluss – und selbst dem müsste die Testerin zuvor zustimmen. Küssen wird aber ohnehin wenig angefragt von unseren Kunden, den meisten reicht es schon, wenn ihr Partner Nachrichten schreibt.

Wie gehen die Auftraggeber mit dem Wissen um, das Sie ihnen beschaffen?

Die fallen nicht aus allen Wolken. Jeder kommt schon mit einem Verdacht zu uns, es geht nur noch darum, dass wir den bestätigen oder eben nicht, damit sie Gewissheit haben. War bei mir ja damals in Wien genauso. Eine Auftraggeberin, deren Mann von uns der Untreue überführt worden war und zu der ich noch lange danach Kontakt hatte, sagte immer, sie warte noch auf den perfekten Moment, um ihm zu sagen, dass er ein Schwein ist. Ich fand es komisch, dass sie es geschafft hat, ihr Wissen so lange für sich zu behalten. Die meisten Menschen sprechen ihren Verdacht ja in der Regel schon aus, bevor sie etwas Handfestes in der Hand haben.

Die digitale F.A.Z. PLUS
F.A.Z. Edition

Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

Mehr erfahren

Sie behaupten, alte Männer würden viel schmieriger und übler betrügen als junge. Das lässt sich wohl statistisch nicht beweisen, oder?

Wo fängt denn Fremdgehen überhaupt an? Aus meiner eigenen Erfahrung ist es so, dass ältere Männer sich anders verhalten als jüngere. Dass sie gewisse ekelhafte Fotos von sich verschicken, was jüngere nicht machen würden. Ich weiß auch nicht, wo die das Selbstvertrauen noch hernehmen.

Kann das, was Sie enthüllen, der Beziehung der Auftraggeber auch manchmal eine positive Wendung geben?

Positiv insofern, als dass dann Klarheit herrscht. Wir hatten eine Auftraggeberin, deren Mann war früher bisexuell gewesen und behauptete nun, es nicht mehr zu sein. Sie wollte wissen, ob das stimmte. Wir fanden heraus, dass er durchaus noch Interesse an Männern hatte, und nicht nur das. Er hatte richtig krasse Phantasien. Als sie ihn mit ihrem Wissen konfrontierte, sagte er zu ihr, sie müsse das eben akzeptieren. Aber dann kam er mit noch mehr neuen Phantasien an, die noch viel weiter gingen. Und dann hat sie sich getrennt. Ich kann das verstehen: Wenn der Partner immer wieder mit neuen Phantasien ums Eck kommt, die sehr, sehr außergewöhnlich sind, dann muss man irgendwann Stopp sagen.

Haben Sie manchmal ein schlechtes Gewissen denen gegenüber, die Sie ausspionieren? Weil sie arglose und nette Opfer sind?

Wenn’s wir nicht wären, die die Menschen in Versuchung führen, dann wär’s halt die nächste Frau oder der nächste Mann. Aber es gab da eine junge Frau, deren Mann uns auf sie angesetzt hatte, weil er wissen wollte, ob sie lesbisch sei, die war mir extrem sympathisch. Ich war selbst als Lockvogel unterwegs und hätte mich gern mit ihr angefreundet, wenn ich sie nicht durch einen Treuetest kennengelernt hätte. Bei ihr tat es mir sehr leid, dass ich sie getestet habe – übrigens erfolglos. Und ein andermal hatte ich einen Auftrag von einer Detektei, das mache ich auch manchmal, es ging um Wirtschaftskriminalität. Ich musste Daten beschaffen und war deshalb eine Beziehung mit dem Zielobjekt eingegangen. Da hatte ich hinterher auch ein extrem schlechtes Gewissen, weil sich halt was Emotionales zwischen uns entwickelt hatte, das vielleicht sogar was Ernstes hätte werden können. Aber auch das ging nicht, ich hätte ja alles offenbaren müssen, das hätte von Anfang an auf keinem guten Fundament gestanden, alles hatte ja mit einer großen Lüge begonnen. Und solche Beziehungen enden dann auch meistens so.

Was ist eigentlich für Sie ein Seitensprung?

Definitiv, wenn mein Partner mit einer anderen Frau schlafen würde. Und auch wenn da was Emotionales wäre mit einer anderen Frau: diese „besten“ Freundschaften zwischen Mann und Frau, von denen man immer hört. Die finde ich schlimmer als einen One-Night-Stand.

Sie schreiben, Sie glaubten an die absolute, ewige Liebe, aber nicht an die Treue.

Ich glaube, dass jeder im Laufe seines Lebens mindestens einmal fremdgeht. Weil jeder mal ausreißen will oder was Verbotenes tun will.

Und was bedeutet das für Ihre eigenen Beziehungen?

Ich habe das schon hinter mir.

Waren Sie mal untreu?

Ja, Schande über mich. In meiner letzten Beziehung, als ich noch in Wien war. Nachdem ich schon vom Vater meiner ersten Tochter getrennt war und den Vater meiner zweiten Tochter noch nicht kennengelernt hatte. Das war einfach nicht der richtige Mann für mich. Obwohl er von meinem Seitensprung wusste, hat er sich aber nicht getrennt. Im Nachhinein tut es mir leid, dass ich fremdgegangen bin und die Beziehung nicht einfach beendet habe.

Glauben Sie, dass Ihr jetziger Partner Ihnen treu ist?

Ja. Ich hab das einfach im Gefühl. Das ist für mich eine ganz andere Art von Beziehung, die ich vorher nicht so hatte. Also, ich würde nie meine Hand für jemanden ins Feuer legen, weil ich nicht weiß, was in zehn Jahren ist. Aber jetzt im Moment habe ich nicht das Gefühl, dass er mir untreu ist. Es ist einfach zu harmonisch, und ich kann auch jederzeit an sein Handy gehen, ohne dass er zusammenschreckt. Wir reden auch ganz offen und ehrlich über alles, auch wenn es Probleme gibt.

Das heißt, Sie kontrollieren ihn auch nicht?

Nein. Wenn mir was komisch vorkommen würde, würde ich erst mal das Gespräch mit ihm suchen. Aber wenn ich danach das Gefühl hätte, dass er nicht ehrlich ist, würde ich ihn kontrollieren. Ich weiß selbst eh, wie es am besten geht. Ich würde ins Navi schauen, wenn ich im Handy nichts finde, oder ich habe ein Programm, da kann man alte Nachrichten im Handy wiederherstellen, ganz legal.

Bis zu zehn Nachrichten Ihrer Agentur per Whatsapp oder SMS kosten 34 Euro, bis zu zwei Anrufe 109 Euro, bis zu drei Mails 139 Euro, Chatten auf Facebook oder anderswo 199 Euro: Wie viel investiert der durchschnittliche Kunde in einen Test, und wie viele Aufträge haben Sie pro Monat?

30 Aufträge, durchschnittlich 50 Euro.

In manchen Monaten gibt es viel mehr Anfragen, ein Plus von 600 Prozent?

Ja, das stimmt. Im Frühling haben wir viel zu tun, vielleicht spielen da die Hormone verrückt. Und kurz vor Weihnachten ist es auch extrem. Vielleicht hoffen dann manche, kein Geschenk mehr kaufen zu müssen (lacht). Selbst am 24. Dezember kam letztes Jahr noch eine Anfrage rein: „Können Sie noch einen SMS-Test machen?“ Ich sollte schreiben, ich hätte den Mann über Tinder kennengelernt und wolle ihn besser kennenlernen. Er schrieb aber zurück, dass er kein Interesse habe und in einer festen Beziehung sei.

Sie selbst wollen jetzt nicht mehr als Venusfalle arbeiten, warum nicht?

Ich flirte nur noch mit meinem eigenen Partner. Für mich ist er der richtige.

Die Fragen stellte Katrin Hummel.

Therese Kersten, „Lockvogel: Mein Leben als Treuetesterin“. Edition a, 240 Seiten, 19,95 Euro.

 

Quelle: F.A.S.
Katrin Hummel
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFacebookWienFrauenMännerParis