Entspannte Schweden

Wie Skandinavien zum großen Vorbild wird

Von Stefanie Schütte
 - 18:29
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„Geh an einem Sommermorgen in Stockholm zum Kai am Strandväg hinunter und schau nach, ob dort ein kleiner weißer Schärendampfer mit dem Namen „Saltkråkan I“ liegt. Wenn es so ist, dann ist es der richtige Dampfer, und man braucht nur an Bord zu gehen.“

Die ersten Sätze von Astrid Lindgrens Buch zur Fernsehserie „Ferien auf Saltkrokan“ gehören bis heute zu meinen liebsten Romananfängen. Im Frühjahr treiben sie mir fast die Tränen in die Augen, so stark wecken sie meine Sehnsucht nach dem Sommer, nach Stockholm und den Schären. Denn der bringt – kein Klischee – tatsächlich pures, unverfälschtes, seligmachendes Glück.

Wir haben ein kleines Sommerhaus auf einer Schäreninsel. Schwedensommer, das ist für mich die große Freiheit. Mindestens zweimal am Tag ins kalte Wasser springen, schwimmen, tauchen, auf warmen Granitfelsen sitzen, Zimtschnecken essen oder das Nationalgericht S.O.S.: „Smör, Ost och Sill“ – Butter, Käse und Hering. Oder Blaubeeren pflücken und damit Pfannkuchen backen. Kochen, ratschen, lesen, lachen – und auch im Restaurant niemals hohe Schuhe und viel Schmuck tragen oder sich aufwändig schminken. Ich bin in meinem Leben schon an alle möglichen Orte gereist, aber so entspannt wie in den Schären im Juni, Juli und August geht es nirgendwo anders zu. Jeder scheint dort ungestört seinen Bedürfnissen nachgehen zu dürfen – und achtet dennoch darauf, damit niemanden zu stören oder zu behindern. Als ob das ganze Leben sich auf eine angenehme Balance einpendeln würde.

Einer der Hauptgründe dafür liegt in der schwedischen Philosophie des Lagom, der Suche nach der richtigen Mitte.

Das Wort, das für ein Lebensprinzip steht, ist eines der neuen Beispiele dafür, wie Skandinavien für Mitteleuropäer zum großen Vorbild wird. Kindererziehung, Inneneinrichtung, Mode, Essen – das alles verstehen Schweden, Dänen, Norweger und vielleicht sogar Finnen aus Sicht von Nicht-Skandinaviern angeblich besser. Denn sie haben ja einfache Prinzipien, zum Beispiel Hygge, was so viel heißt wie heimelig oder gemütlich, oder eben jetzt Lagom.

Allein im vergangenen Jahr sind vier nennenswerte Bücher in Deutschland zum Thema erschienen. Die in Schweden lebende Bloggerin Niki Brantmark dekliniert in ihrem Buch „Lagom. Der schwedische Weg zum Glück“ (Christian-Verlag) das Gefühl für alle Lebenslagen durch, von der Einrichtung über das Kochen bis hin zur Kindererziehung. Ähnlich halten es die Autorinnen Linnea Dunne („Glücklich leben in Balance“, Callwey) und Anna Brones („Das Geheimnis des schwedischen Lebensglücks“, Busse Seewald). Auch Lola Åkerström („In der Mitte liegt das Glück“, Knesebeck) gibt viele Tipps für ein Leben in Lagom-Manier. Gleichzeitig versucht sie, dem Wort selbst und seiner Geschichte auf die Spur zu kommen und die schwedische Gesellschaft zu analysieren.

Genau übersetzen kann man das Wort nämlich gar nicht. Es heißt so viel wie „ausreichend“, „nicht zu viel und nicht zu wenig“ oder „genau die richtige Menge“. Lagom transportiert die Idee, dass sich jeder nur so viel nimmt, dass es für alle reicht. In Skandinavien gilt fast überall das Motto: „Zusammen ist man weniger allein.“ Das Wohl der Gemeinschaft zählt mehr als hemmungslose Selbstverwirklichung. Und Schweden ist das „Lagom landet“, das Land des Lagom.

Was man braucht, wird man zur rechten Zeit bekommen

Wahrscheinlich kommt der Begriff von „laghum“, der altertümlichen Dativ-form des Wortes „lag“, was wiederum „Gesetz“ oder „Regel“ bedeutet. Man könnte „lagom“ somit als Regel definieren, die für alle gleichermaßen gilt. „Lag“ bedeutet aber auch „Gruppe“ oder „Team“. In diesem Fall stünde Lagom für „laget om“. Und das bedeutet: „um das Team herum“. Schon die Wikinger sollen den Grundsatz beherzigt haben. Sie ließen ihren Met in einem Trinkhorn herumgehen. Jeder in der Runde nahm einen Schluck - immer nur so viel, dass für die anderen genug übrigblieb.

Dass das Wort in Zeiten schwindender Ressourcen und eines wachsenden Überdrusses am Überfluss gerade herumgereicht wird, wundert eigentlich nicht. Dass es von beinahe allen Lagom-Autoren zum wichtigsten Schlüssel für ein glückliches Dasein erhoben wird, wirkt hingegen etwas übertrieben. Allerdings landet Schweden im „World Happiness Report“, dem Ranking der glücklichsten Nationen, seit Jahren tatsächlich regelmäßig auf einem der ersten zehn Plätze. Und Åkerströms Diagnose, dass Lagom helfe, „einen Strom der Ausgeglichenheit durch unser Leben fließen zu lassen“ – die kann ich nur bestätigen.

Am besten erlebt man dieses Lebensgefühl an Ort und Stelle – in Stockholm und seinem Schärengarten. In der Hauptstadt selbst muss man eigentlich nur einmal im trendigen Stadtteil Södermalm bei „Hermans“ zum Mittagessen einkehren. Jeder Gast zahlt hier 195 Kronen, also rund 20 Euro, und kann sich dann von einem köstlichen vegetarischen Buffet bedienen. Wasser und Kaffee gibt es gratis dazu - wie in vielen schwedischen Restaurants. Die „Fika“, die regelmäßige Kaffeepause, gilt als feste Institution, auch das natürlich ein Beispiel für Lagom. Die Schweden arbeiten zwar hart und konzentriert, doch zum Ausgleich muss immer Zeit für eine Pause sein.

Das „Hermans“ liegt auf einer Anhöhe in der Fjällgatan. Man sitzt im Garten auf einfachen Holzbänken und genießt den Blick über die Stadt. Der Anstieg über die Treppen ist mühsam, die Aussicht dann grandios. Als einziger Störfaktor kreisen schmutzig-schwarze Kolkraben über den Tischen, zum Sturzflug bereit. Ansonsten ist das Idyll perfekt. Die Gästeschar wirkt bunt gemischt. Und wegen der günstigen Preise und guten Qualität zieht das Lokal Rentner, Hipster, Büromenschen, Studenten und Familien gleichermaßen an. Nach dem Essen stellt jeder sein Geschirr zurück, und alle wirken zufrieden.

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„Eine offene und allen zugängliche Esskultur reduziert unser instinktives Bedürfnis, allzu viel zu konsumieren oder zu horten“, konstatiert Lagom-Autorin Lola Åkerström. „In Schweden weiß man: Was man braucht, das wird man zur rechten Zeit bekommen.“

Sogar der Luxus übt sich hier in Lagom. Stockholms schönstes Nobel-Hotel, das „Ett Hem“ im großbürgerlichen Stadtteil Östermalm, ist wie eine freundliche Familienvilla gestaltet, in der jeder willkommen ist. Zum Frühstück gibt es kein überbordendes Buffet, sondern Granola mit frischem Obst und Joghurt, gutes Brot und Butter, Marmeladen, Honig und ein Stück Käse. Nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel. Später zum Lunch schlendern auch Nicht-Hotelgäste in gemütlicher Kleidung herbei, so wie zu guten Freunden nach Hause. Hauptsache gelassen und niemals überdreht.

Pur, tragbar, bequem – und nicht langweilig

Schwedens angesagte Modemarke Acne ist insofern ein landestypischer Ausstatter. Der Flagship-Store des Labels liegt etwa 20 Gehminuten vom „Ett Hem“ entfernt, am Norrmalmstorg. Selbst wenn man nichts kaufen will, sollte man vorbeischauen. Das Geschäft ist in den Räumen einer ehemaligen Bank, der Sveriges Kreditbanken. 1973 trat während einer Geiselnahme hier erstmals das „Stockholm-Syndrom“ auf, das als krasses Gegenteil zu freiheitlichen Prinzipien wie Hygge und Lagom steht. Das gibt es hier also auch. Vielleicht sind die Verkäufer deshalb so sympathisch, denke ich mir. Jedenfalls durfte ich hier schon öfter meine gesamten Stockholm-Einkäufe stundenlang stehen lassen.

Die Entwürfe von Acne sind pur, tragbar, bequem - und trotzdem nicht langweilig. So wie die femininen Kleider der schwedischen Designerin Carin Rodebjer. Auch die Mitarbeiterinnen von „Ett Hem“ tragen übrigens überwiegend Rodebjer und sehen allesamt großartig darin aus. Es sind Stücke, in denen man am liebsten sofort losziehen würde, raus an die Luft, runter zum nahegelegenen Strandvägen, wo noch immer die weißen Dampfer in den Schärengarten ablegen, eine Wasserwelt mit rund 24.000 Inseln, die nur zum Teil bewohnt sind.

Dort draußen kommt man dem Lagom-Gefühl noch besser auf die Spur. Zum Beispiel im „Artipelag“, das auf der großen Insel Värmdö liegt und im Sommer von Stockholm aus mit der Linie „Waxholmsbolaget“ gut zu erreichen ist. „Artipelag“ setzt sich aus „Art“ (Kunst), A“ ctivities“ (kA tivitäten) und „Archipelago“ (Schären-garten) zusammen. Es bietet eine moderne Mischung aus Museum, Restaurant, Shop und grünem Ausflugsziel.

Das helle großzügige Gebäude wurde von dem Architekten Johan Nyrén perfekt in die Granitfelsen und die Landschaft eingepasst. Von drinnen hat man so atemraubende Aussichten auf das Land und die See, dass diese sogar die Ausstellungen überstrahlen. Draußen kann man stundenlang in der Sonne sitzen, sich immer wieder am Buffet mit regionalen Spezialitäten bedienen oder in der Natur herumwandern. Ähnlich wie im „Hermans“ treffen sich hier junge und alte Leute, ärmere und reichere.

Natur und Kultur

Erdacht und verwirklicht wurde dieser nahbare Kunst-Tempel von dem schwedischen Unternehmer Björn Jakobson und seiner Frau, der Produktdesignerin Lillemor. Das Paar revolutionierte mit der Marke Baby Björn und einer ergonomischen Babytrage in den siebziger Jahren das Lebensgefühl junger Eltern. lK einkinder konnten fortan leicht überall hin mitgenommen werden. Heute sind die Jakobsons beide Anfang 80, doch etwas bewegen wollen sie noch immer. Ihr vor rund sechs Jahren eröffnetes „Artipelag“ soll Natur und Kultur zusammenbringen.

Wer nicht ganz so kunstsinnig ist, aber einen ähnlich entspannten Familientag mit gemütlichem Essen auf Holzbänken, mit glitzerndem Meer und praller Natur erleben möchte, sollte die kleine Insel Rögrund im südlichen Archipel besuchen. Dort steht die wohl schönste Jugendherberge der Welt, „Grundets Vandrarhem“, mit den entzückend eingerichteten Stugas. Hier geht es wirklich wie auf Saltkrokan zu. Wildblumen wachsen auf den Granitfelsen, im Wald warten Blaubeerbüsche auf hungrige Pflücker. Im Restaurant gibt es typisch schwedische Gerichte wie Köttbullar (Fleischklöße), Stekt Strömming (Brathering) und Pfannkuchen. Wenn man Glück hat, singen die gut gelaunten Köchinnen dazu Abba-Lieder. Mehr Lagom geht nun wirklich nicht.

Die Insel diente einst der schwedischen Krawattenmacherin Amanda Christensen als Sommerresidenz. Heute gehört sie der Stiftung Schärengarten, die etwa zwölf Prozent der gesamten Fläche der Schären besitzt und dazu beiträgt, dass die einzigartige Landschaft intakt bleibt. Daher sind die Auflagen überall streng. Meine Familie hat das zu spüren bekommen, als wir hier unser Sommerhaus kauften. Zum Wassergrundstück gehörten drei Stege, von denen zwei marode waren. Wir beschlossen, sie zu erneuern und zu verlängern. Nach endlosen Verhandlungen wurde es gestattet. Allerdings kostete es einen Steg. Um den Eingriff in die Landschaft durch die Verlängerung wieder auszugleichen, musste diese dritte „Brygga“ abgerissen werden.

Heute blicken wir von unserem Haus auf zwei schöne neue Holzstege. Den dritten vermissen wir überhaupt nicht mehr. Wer braucht schon drei Anleger? Überhaupt haben wir die strengen Auflagen beim Bauen mittlerweile schätzen gelernt. Der Schärengarten bleibt so ausnehmend schön, wie er schon zu Astrid Lindgrens Zeiten war. Das liegt im Interesse aller. Denn durch das „Allemansrätt“ – das man als „Jedermannsrecht“ übersetzen könnte – darf jeder diese großartige Landschaft nutzen und zelten, wo er mag, ins Wasser springen, sofern er außer Sichtweite des Hauses ist, Beeren und Pilze sammeln. Wer niemanden stört, darf bleiben. Die Natur, das wahrscheinlich größte schwedische Luxusgut, soll eben für alle reichen. Auch im Grünen gilt Lagom.

Architektur
Das Holzhaus auf dem Eiszeitfelsen
© DW, Deutsche Welle
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Quelle: F.A.Z. Magazin
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