Körpereigene Bakterien

„Vielfalt dient der Gesundheit“

Von Lucia Schmidt
 - 10:29

Herr Beule, Sie forschen am menschlichen Mikrobiom. Was versteht man darunter?

Unter dem Mikrobiom verstehen wir die Gesamtheit aller Lebewesen, die auf und in unserem Körper leben. Mittlerweile geht man davon aus, dass Millionen unterschiedlichster Bakterien, Viren und Pilze den Menschen bevölkern. Wobei man sagen muss, die Bakterien unter ihnen sind am besten erforscht. Dabei ist es nicht so, dass das Mikrobiom bei jedem Menschen identisch ist. Das Gegenteil ist der Fall. Das Mikrobiom unterscheidet sich von Mensch zu Mensch erheblich. Es ist sehr individuell. Und innerhalb eines Menschen unterscheidet sich das Mikrobiom des Darms von dem in der Nase oder im Genitalbereich noch mal.

Sie sind Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Wie unterscheidet sich das Mikrobiom in diesem Bereich von dem etwa im Darm?

Der größte Unterschied ist wohl, dass wir HNO-Ärzte uns gleich mit mehreren Mikrobiomen beschäftigen. Die Besiedelung im Ohr unterscheidet sich deutlich von der in der Nase und diese wiederum deutlich von der im Rachen. Die Forschung rund um das menschliche Mikrobiom ist rasant gestiegen in den vergangenen Jahren. Der Grund dafür liegt wohl darin, dass man früher dachte, zum Körper gehören eben Bakterien, die aber keine weitere Bedeutung haben. Heute aber wissen wir, das Mikrobiom beeinflusst uns und unsere Gesundheit erheblich. Und wir beeinflussen es durch unsere Lebensweise und Ernährung.

Wie muss man sich diese Beeinflussung vorstellen?

Na ja, schon allein, wie alt Sie sind, ist entscheidend für die Zusammensetzung des Mikrobioms. Das von Kindern ist anders als das von alten Menschen. Frühgeborene zum Beispiel kommen mit einem anderen Mikrobiom auf die Welt als Reifgeborene. Es gibt Studien, die zeigen: Menschen, die sehr alt werden und denen es dabei auch noch gutgeht, besitzen ein anderes Mikrobiom als gebrechliche alte Menschen.

Liegt die Zusammensetzung auch an den Genen?

Die Genetik hat nicht so einen großen Einfluss. Wie gesagt, der Lebensstil, die Umwelt und die Ernährung sind deutlich entscheidender. Für uns aus der HNO-Heilkunde ist zum Beispiel der Einfluss des Rauchens und von Alkohol sehr interessant.

Vermutlich hat beides keinen positiven Einfluss auf das Mikrobiom.

Nein, aber um diese Frage zu beantworten, muss man ja erst einmal verstehen, was positiv und negativ heißt.

Und was heißt es?

Man weiß mittlerweile: Sind an einer Stelle, also zum Beispiel der Nasenschleimhaut, relativ viele unterschiedliche Bakterien, dann ist das förderlich für die Gesundheit. Mediziner sprechen dann von einer hohen Alpha-Diversität. Eine hohe Diversität ist also gut. Fange ich an zu rauchen, wird im Bereich der Mund- und Nasenschleimhaut diese Diversität geringer. Alkohol verringert die Diversität auch. Beim Alkohol weiß man sogar heute, dass nach dem Verzehr von solchen Getränken oft Bakterien Überhand gewinnen können, deren Stoffwechselvorgänge schädlich für den Menschen sind und die vielleicht auch an der Entstehung von Krebs im Mund-Rachen-Bereich beteiligt sein können.

Warum ist diese Diversität oder Vielfalt so wichtig?

Ein pathogenes Bakterium, also eins, das uns krank macht, hat immer die Tendenz, sich zu vermehren und dann eben dem Körper Schaden zuzuführen. Eine ausreichende Vielfalt sorgt dafür, dass sich einzelne Bakterien nicht so leicht vermehren können. Und das wiederum ist dienlich für die Gesundheit.

Beim Küssen werden ja auch jede Menge Bakterien ausgetauscht. Liebkosen ist also einem guten Mikrobiom auch dienlich?

(lacht) Ganz ehrlich: Ich kenne keine Untersuchungen zum Mikrobiom in Verbindung mit dem Küssen. Aber ich muss spontan sagen, an der Theorie kann etwas dran sein.

Sie wollen das Wissen über das Mikrobiom im HNO-Bereich auch für den Einsatz neuer Therapien nutzen.

Ja, auch da gibt es erste Ideen. Nehmen wir an, in der Nase hat ein krankmachendes Bakterium die Überhand gewonnen und man spült die Nase mit anderen Bakterien durch, dann könnte man die Diversität ja wieder erhöhen und die Erkrankung so bekämpfen. Das ist im Groben die Idee. Im Darm ist das ja durchaus schon gang und gäbe. Denken Sie an die Joghurts mit Probiotika. Da nehmen wir ja auch bewusst Bakterienkulturen zu uns, die das Mikrobiom des Darms beeinflussen sollen.

Kinder leiden besonders häufig an Infekten, die den HNO-Bereich betreffen. Etwa Schnupfen, Husten, Ohrenentzündung. Manche Kinder sind häufig, manche weniger oft krank. Gibt es da einen Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Krankheitshäufigkeit?

Hier wird an vielen Stellen geforscht, aber man weiß noch wenig sicher. Was man aber weiß: Bei Kindern, die häufig Antibiotika bekommen, weil sie viele bakterielle Infekte haben, verändert sich das Mikrobiom nicht nur für einige Tage, was ja durchaus gewollt ist, damit die krank machenden Bakterien abgetötet werden, sondern das Mikrobiom ist für rund zwei Monate durcheinandergebracht, die Vielfalt reduziert. Und es gibt Hinweise darauf, dass Kinder, die häufig Antibiotika bekommen, später öfter Asthma entwickeln. Außerdem hat man festgestellt: Haben Kinder einen Paukenerguss...

...also Flüssigkeit im Mittelohr, meist in der Folge von Infekten.

Genau, in solchen Fällen weiß man: Befinden sich bestimmte Bakterien in diesem Erguss, die vermutlich aus dem Mikrobiom des Ohrs stammen, haben die Kinder eine größere Höreinschränkung als Kinder, die auch an einem Paukenerguss leiden, aber nicht diese bestimmten Bakterien haben.

Welche Erkrankungen im HNO-Bereich hängen noch mit dem Mikrobiom zusammen?

Autoimmunerkrankungen. Es gab Beobachtungen, dass Frauen, die sich die Gaumenmandeln haben entfernen lassen, weil sie oft Halsentzündungen hatten, häufiger eine Sarkoidose, eine Systemerkrankung des Gewebes, entwickeln. Woran das genau liegt, weiß man noch nicht. Man vermutet aber eben, dass durch die Entnahme der Gaumenmandeln das Mikrobiom in diesem Bereich dauerhaft gestört wird.

Wir haben Frühling, die Zeit der Allergien. Gibt es da auch einen Zusammenhang?

Ja, es gibt Hinweise darauf. Allerdings gibt es wohl eher Zusammenhänge zwischen dem Mikrobiom im Darm und allergischem Asthma oder allergischem Schnupfen. Überraschenderweise hat man noch keinen Zusammenhang mit dem Mikrobiom im HNO-Bereich gefunden.

Gibt es denn schon Therapien in Ihrem jetzigen Alltag, bei denen das Mikrobiom beim Gesundwerden hilft?

Nein, im Moment wird daran noch geforscht. Ich bin aber davon überzeugt, dass Therapien kommen werden, bei denen man bestimmte Bakterien in ein vorhandenes Mikrobiom-Milieu einschleust, um die Zusammensetzung und Vielfalt dort zu verändern. Und dass man damit andere Therapieformen wie Operationen oder Medikamente vermeiden kann.

Haben Sie ein Beispiel?

Bleiben wir bei der Gaumenmandel. Menschen mit häufigen Halsentzündungen könnten in Zukunft vielleicht Bakterien bekommen, die das Mikrobiom an den Gaumenmandeln verändern, so dass diese Infektionen verhindert werden und auch eine Operation, um die Mandeln zu entfernen. Oder denken wir an Karies. Vielleicht kann Karies demnächst behandelt werden, indem man Kaugummis mit Bakterienkulturen kaut oder mit speziellen Mundspülungen gurgelt. Sicher, wir reden hier über ein Zukunftsfeld, aber meiner Überzeugung nach werden wir mit dem Wissen über das Mikrobiom in fünf, zehn, fünfzehn Jahren Menschen gut helfen können.

Dr. Achim Beule ist Oberarzt an der HNO-Klinik der Universitätsklinik Münster und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Rhinologie und Rhinochirurgie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen- Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V.

Unsere Mitbewohner

Ein erwachsener Mensch wird von rund 1,5 bis zwei Kilogramm Bakterien, Viren, Pilzen und Parasiten bewohnt. Am häufigsten kommen darunter die Bakterien vor. Stand heute weiß man: Sie findet man vor allem im Magen-Darm-Trakt. Aber die Wissenschaft erforscht immer weitere Regionen – wie eben den HNO-Bereich. Insgesamt besitzt der Mensch mehr Bakterien im Körper als eigene menschliche Zellen. Schon wenn wir auf die Welt kommen, sind wir von Bakterien besetzt. Denn platzt die Fruchtblase, stehen schon die ersten Mikroorganismen bereit, um uns zu besiedeln. Wer auf natürlichem Wege das Licht der Welt erblickt, sammelt erst mal die wichtigen Vaginalbakterien der Mutter ein. Dann kommen durch Hautkontakt noch andere hinzu – kaum sind wir einige Minuten alt, haben es sich unsere Mitbewohner schon gemütlich bei uns gemacht. Die Wissenschaft weiß heute, dass das Mikrobiom verschiedenste Aufgaben im Körper hat: Bei der Verdauung, bei der Entwicklung des Immunsystems, der Kommunikation zwischen Zellen und auf die Psyche nimmt es Einfluss. An weiteren wird intensiv geforscht. Den Begriff „Mikrobiom“ hat übrigens der Amerikaner Joshua Lederberg geprägt, der 1958 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. luci

Quelle: F.A.S.
Lucia Schmidt
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenVielfaltAlkohol