Pumper, Prolet, Pastor

Von REBECCA ERKEN, Fotos STEFAN FINGER

2.1.2018 · Fitness-Jünger Marcus Schneider huldigt nicht nur dem Körperkult. In einer freikirchlichen Pfingstgemeinde predigt er einen starken Geist.

M arcus Schneider steht im gelb glänzenden Adidas-Jogginganzug in der Dunkelheit auf dem Parkplatz eines Wuppertaler Fitnessstudios und schwärmt von dem Liebesbrief, den er vor vielen Jahren erhalten hat: der Bibel. „Gott spricht aus der Bibel direkt zu mir. Ich lese zwei Mal täglich darin“, sagt der Mann mit der Glatze und dem Hipster-Bart. Seine Dosis Gottesliebe, die braucht er eben, so wie das regelmäßige Krafttraining. So wie den Eiweiß-Shake, den der Neununddreißigjährige mit den vielen Tätowierungen jetzt herunterkippt. Aus einem anderen Auto dröhnt der Bass eines Techno-Songs.

Dann schultert Schneider seine Camouflage- Sporttasche und betritt das FitXStudio, den Fitness-Tempel. Der Fitness- Jünger huldigt hier nicht nur dem Körperkult. Er ist an erster Stelle Christ, Pastor der Christusgemeinde in Wuppertal, einer freikirchlichen Pfingstgemeinde. Pfingstler legen die Bibel wörtlich aus und betonen das Wirken des Heiligen Geistes, der auch heute noch Wunder tut. Auch die Prophetie, die Verkündung von Verheißungen und die Zungenrede, bei der ein Gläubiger überwältigt von der Kraft des Heiligen Geistes im Gebet unverständliche Laute von sich gibt, spielen eine wichtige Rolle. Im Gegensatz zu den evangelischen und katholischen Kirchen, denen die Mitglieder wegrennen, haben Pfingstgemeinden einen großen Zulauf. Der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden zählt heute mehr als 56.000 Mitglieder in 820 Gemeinden in Deutschland. 1996 waren es nur knapp die Hälfte.

Ein Grund dafür sind charismatische Prediger wie Marcus Schneider, der sich seit etwa zwei Jahren als „breitester Pastor Deutschlands“ in den sozialen Netzwerken präsentiert. Schneider ist ein Pastor 2.0. Bei Facebook hat er mehr als 23.000 Abonnenten, bei Instagram sind es fast 8000, auf Youtube wurden seine Videos mehr als 1,4 Millionen Mal angeklickt. Dort gibt der Bodybuilder-Pastor Fitness-Tipps, Ernährungsratschläge und verbreitet Bibelbotschaften. Als Grundnahrungsmittel empfiehlt er auf Facebook „Gemüse und Bizeps-beef für dicke und starke Muskeln“ und „die Bibel aka Gottes Wort für dein Leben, für ein starkes Herz und einen starken Geist“.

Was für eine Inszenierung! „Nein. Ich bin Pumper, Prolet und Pastor“, sagt der Theologe. „Ein Freund hat mich auf die Idee gebracht, meine drei Leidenschaften Christ-Sein, Fitness und Tätowierungen in den sozialen Medien zusammenführen.“ Doch es gibt eine Hierarchie in seiner persönlichen Dreifaltigkeit. „Kraftsport und Tätowieren sind nur meine Hobbys. Der christliche Glaube ist mein Fundament.“ Er wolle sich geistlich und körperlich weiterentwickeln und seine Erkenntnisse teilen: „Je mehr wir abnehmen an unserem Ego“, schreibt Schneider auf Facebook, „desto mehr kann Jesus in uns zunehmen.“ Stehen solche Aussagen nicht im Widerspruch zu den vielen Selfies, auf denen er seine Tätowierungen und Muskeln zur Schau stellt? Schneider glaubt das nicht. „Mein Äußeres ist auch ein Türöffner, um in bestimmte Szenen überhaupt vorzudringen.“ Manchmal predigt er auf Tattoo- Conventions und Fitness-Events.

Starke Figur: Pastor Marcus Schneider arbeitet auch im Fitnessstudio am richtigen Auftritt.

Wenn er in den sozialen Medien nicht oberkörperfrei unterwegs ist, trägt er T-Shirts mit der Aufschrift „Sei mutig und stark“ – Bibel-Vers in Graffito-Optik. Schneiders Leitspruch ziert auch Eiweißshaker, Fitnessbänder und andere Produkte, die man in dem verlinkten Online-Shop seiner Frau Esther und seiner beiden besten Freunde kaufen kann. Auch sein Buch „Stark“, eine Art christlicher Lebensratgeber, wird über deren Firma vertrieben. Wie praktisch, wenn sich das richtige Leben mit Gott und Gewichten so vermarkten lässt.

Doch das Social-Media-Projekt, seine Teilzeitstelle als Pastor in der Christusgemeinde und die Firma werfen nicht genug Geld ab, als dass die Familie davon leben könnte. Esther und er haben vier Kinder im Alter zwischen drei und zehn Jahren. Deswegen hilft er zwei Mal in der Woche im Dachdecker-Betrieb eines Freundes aus. „Jesus war ein gewöhnlicher Handwerker, der Ungewöhnliches vollbrachte“, schreibt er zu einem Bild von sich bei der Arbeit auf dem Dach. Mehr Jesus- Nähe, mehr Muskelkraft.

Vor seinem Training im Fitness- Studio, das er drei Mal in der Woche absolviert, muss er sich warm laufen. Der 70 Kilogramm leichte Pastor kann bis zu 200 Kilo Gewichte heben. Er stellt auf dem Laufband sieben Minuten ein. „Nicht weil das eine biblische Zahl ist“, sagt er. Nicht alles in seinem Alltag hat eine Bedeutung. Aber die Tätowierungen haben alle einen christlichen Hintergrund. Wie viele es sind, weiß er nicht genau.

„Das hier war die erste“, sagt er und zeigt auf den Schriftzug „Justified“, der quer über seinen muskulösen Oberarm verläuft und sich auf die reformatorische Lehre bezieht, die besagt, dass die Rechtfertigung des Sünders vor Gott allein durch seinen Glauben und nicht durch sein Tun möglich ist. „Wenn Luther ein Tattoo gehabt hätte“, sagt der Pastor, „dann wäre es dieses gewesen.“

M it 16 Jahren hat er sich für diesen Weg mit Gott entschieden. Seine Eltern seien in einer Gemeinde der evangelischen Landeskirche in seiner Heimatstadt Wolfsburg aktiv gewesen, doch er habe sich mit 13 Jahren von allem losgesagt. „Ich dachte, das sei was für Loser. Mein Leben bestand dann aus Kampfsport und Party.“ Doch immer sei da eine Leere geblieben. „Mein Cousin war damals voll mit Jesus am Start und hat Glauben total authentisch gelebt.“ Christ und cool? Schneider dachte bis dahin, das sei nicht möglich.

Er wurde Teil der übergemeindlichen Gruppe „Jesus Freaks“, die christlichen Punkrock spielte. Bei einem Konzert, mit 16 Jahren, traf er auf Esther, damals 14, und war hin und weg – von Esther und von der Pfingstgemeinde, in der sie aktiv war. Da wusste er, was er wollte. Einige Zeit später verlobte er sich mit ihr und beschloss, Pastor zu werden. Er studierte in Süddeutschland und den Vereinigten Staaten pfingstliche Theologie, bis er 2010 schließlich ordiniert wurde.

Am Sonntagmorgen um 10.20 Uhr begrüßt Pastor Marcus die Menschen vor dem Gottesdienst in der Christuskirche in Wuppertal-Oberbarmen. Er trägt zerrissene Jeans und weiße Turnschuhe. Zwischendurch nippt er am „besten Kaffee der Stadt“, der aus dem Café stammt, das zur Kirche gehört. Der „breiteste Pastor“ ist in dieser Gemeinde Programm. Er ist nicht so, wie man sich einen Pastor vorstellt, die Kirche und der Gottesdienst auch nicht. Man sitzt nicht auf harten Kirchenbänken, sondern in bequemen roten Sesseln, fast wie im Kino. An der Welcome Lounge gibt es ein Freigetränk für Neuankömmlinge. Der Gutschein ist Teil des Starter- Kits, einer roten Stofftasche, die jeder Neue in die Hand gedrückt bekommt.

Hohes Handwerk: Der Pastor hilft zwei Mal in der Woche im Dachdecker-Betrieb eines Freundes aus.

Der Weg zu Gott beginnt süß: mit Gummibärchen. Mit dem Kugelschreiber in der Tasche kann man gleich die Anmeldeformulare ausfüllen. Die Christus-Gemeinde beschreibt sich in ihrer „DNA“, ihren acht Grundregeln, als „Familie“, und verspricht auf den Flyern, dass sie jedem, „unabhängig von seinem Hintergrund und seiner Herkunft“, ein Zuhause sein wolle.

Unter den rund 500 Gottesdienstbesuchern sind viele junge Familien. Bis zu 1200 Menschen besuchen an einem Sonntag die vier Gottesdienste an den drei Standorten der Gemeinde in Wuppertal und Solingen. In der Christuskirche bleibt heute kaum ein Platz leer. Hinten sitzen Dolmetscher in Glaskästen, die simultan die Predigt für alle Nicht-Muttersprachler übersetzen, etwa ins Englische, Polnische oder Albanische. Wer sie verpasst, kann sie sich später auf der Homepage der Gemeinde als Podcast herunterladen.

Ein Beamer wirft den Countdown bis zum Beginn des Gottesdiensts an die Wand. Noch 32 Sekunden. Keine Orgel, kein grauhaariger Organist. Dafür ein „Lobpreisteam“, Keyboarder, Gitarristen, eine junge blonde Leadsängerin, die singt wie Helene Fischer. „Sing wie niemals zuvor, nur für ihn, und bete den König an.“ Schneider sitzt mit seiner Familie weit vorne, er ist erst im Gottesdienst heute Abend an der Reihe mit der Predigt. Er hüpft im Takt der Musik, springt sich warm für den Marathon mit Gott. Die Menschen schließen die Augen und tanzen, als wären sie im Club, heben die Hände wie auf einem Rockkonzert.

Frohe Botschaft: Schneider tanzt in der Kinderkirche der Christusgemeinde in Wuppertal.

Bevor Pastor Bob mit der Predigt beginnt, betritt ein Astronaut die Kirche, dahinter ein Frosch und weitere „Tiere“, Erwachsene in Kostümen, wegen der vielen Kinder. Für jede Altersgruppe wird ein passender Gottesdienst angeboten. Auch Chips und Kratz-Eis gibt es in der Kirche. Willkommen im Disneyland Gottes.

Doch hinter der modernen Fassade verbirgt sich eine extrem konservative Haltung. Während Papst Franziskus zum Beispiel sagt, die katholische Kirche müsse sich für ihr Verhalten gegenüber Homosexuellen entschuldigen, und sich in vielen evangelischen Amtskirchen homosexuelle Paare heute trauen lassen können, ist Homosexualität nach Meinung des breiten Pastors „langfristig nicht förderlich für uns Menschen“. Nach dem Gottesdienst gönnt er sich mit Familie eine Pizza Hawaii bei Vapiano. Für ihn ist es ein „Cheat Meal“, das von seinen strengen Ernährungsregeln abweicht. Keine Mahlzeit vor zwölf Uhr mittags, keine Kohlenhydrate nach sechs Uhr abends, wenig Fett, fast nie Alkohol.

„Ich toleriere Homosexuelle“, sagt er zögerlich, „aber wenn ich so empfinde, muss ich das auch ausleben?“ Hört sich so Toleranz an? Der Pastor beißt in die Pizza. „Ich möchte, dass sich jeder willkommen fühlt, aber ich kann trotzdem sagen: ‚Hey, so wie du lebst, das ist vielleicht nicht so, wie Gott das cool findet.‘“

Auch wenn Paare zusammen wohnen, ohne verheiratet zu sein, fände Gott das „nicht cool“. „Meine Frau und ich haben mit dem Sex gewartet, bis wir verheiratet waren. Sechs Jahre.“ Er guckt erwartungsvoll. Ob sie in der Gemeinde in dieser Hinsicht eine Empfehlung aussprechen? „Wir raten dazu, ja“, sagt er. „Klar, wir sind die Fast-Food-Generation, wir wollen alles sofort. Aber: Dass ich für meine Partnerin auf etwas verzichte, was ich supergerne möchte – wie krass ist das? Ich finde, das ist ein großer Liebesbeweis in der heutigen Zeit.“

Abtreibung, Ehebruch, Scheidung – all das findet Gott laut Schneider „nicht cool“. Wer in unserer Multioptionsgesellschaft einfache Antworten sucht, wird hier fündig. Auch Christoph Grotepass von der Beratungsstelle „Sekten-Info“ in Nordrhein- Westfalen ist mit diesen engen Moralvorstellungen vertraut. „Pfingstgemeinden sind nicht automatisch etwas Problematisches, eher die Art und Weise, wie bestimmte Aspekte gelebt oder betont werden.“ Sie seien überwiegend dem christlichen Fundamentalismus zuzuordnen. „Das, was die oft jungen Menschen dort hören, ist viel fundamentalistischer als das, was die überwiegend Älteren in den katholischen oder evangelischen Amtskirchen zu hören bekommen.“

In der Beratungsstelle in Essen suchen viele Menschen aus den Pfingstgemeinden Hilfe. Im Vergleich dazu seien die Beratungsanfragen aus den evangelischen oder katholischen Amtskirchen selten. Den Pfingstlern, die sich an ihn wenden, falle der Ausstieg häufig schwer, weil die Gemeinde das gesamte Leben bestimmt habe. Auch wer Teil der Christusgemeinde ist, ist es ganz: Jeder soll in eine der rund 130 Kleingruppen eintreten, um zu beten und Alltagsprobleme zu besprechen. Jeder soll einen Zehnten, also zehn Prozent des Gehalts, spenden, sich wie die mehr als 500 Ehrenamtlichen in der Gemeinde engagieren: in der Kleiderkammer, im Kunst-Atelier, in der Fußballschule.

Zum Anfassen: Schneider spielt mit seiner jüngsten Tochter Salome.

Zwar wird stets die Freiwilligkeit betont, aber die Frage ist, ob man sich den ständigen Appellen entziehen kann, wenn man ein guter Christ sein möchte. „Da ist dieser Sogeffekt, die Kehrseite dieses hippen Selbstbewusstseins als Christ, dieses Übertriebene“, sagt Grotepass. „Es ist nie genug, und ich kann nie genug leisten. Da besteht die Gefahr, dass die Leute sich verausgaben und ausnehmen lassen, mit Zeit, mit Nerven, mit Geld, mit allem.“ Auch Religionswissenschaftler Marco Frenschkowski erkennt „problematische Züge“. „Es gibt vereinzelt Pfingstgemeinden, die sektenähnliche Strukturen aufweisen: Sie sind nach außen abgeschlossen, hierarchisch organisiert und skeptisch gegenüber der Ökumene“, sagt der Professor für evangelische Theologie an der Universität Leipzig. „Allerdings gilt das lange nicht für alle. Das Spektrum ist sehr groß.“

In der Essener Beratungsstelle haben jedenfalls noch keine Hilfesuchenden aus der Christusgemeinde angeklopft. Es handele sich um eine gemäßigte Gemeinde, sagt Berater Grotepass. Sie ist im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden organisiert und Gastmitglied in der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und Gemeinden in Wuppertal“. Laut Grotepass ein gutes Zeichen. „Die Christusgemeinde ist offensichtlich interessiert am nachbarschaftlichen Verhältnis mit anderen Konfessionen.“

Die einseitige Betonung der Sünden- und Kreuztheologie, die er an den Pfingstgemeinden kritisiert, herrscht aber auch in Wuppertal vor. Am Sonntagabend predigt der Bodybuilder-Pastor von der Schuld: „Jesus ist für dich und mich am Kreuz gestorben, weil wir es alle verbockt haben.“ Die Menschen seien noch immer zu egoistisch. „Wir brauchen Errettung.“ Man solle sein Leben nach Gott ausrichten, „mit ihm versöhnt leben“. Im Leid müsse man die Perspektive ändern, sich nicht aus der Gemeinde zurückziehen und dafür beten, dass Gott ein Wunder tut.

Nach der Predigt spricht der Pastor mit einem jungen Paar, das heute zum zweiten Mal den Gottesdienst besucht. Während der Mann sich eher für ein Freigetränk interessiert, ist seine Partnerin, eine Studentin der katholischen Theologie, ergriffen von dem Gottesdienst. „Ich bin total berührt“, sagt sie. „Das ist so anders, so viel emotionaler gewesen als alles, was ich von der katholischen Kirche kenne.“

Der Pastor möchte das Paar spontan segnen, die beiden sind einverstanden. Er legt seine Hand auf den Arm des Mannes und betet für die Beziehung der beiden. Die junge Frau lächelt. Ihr Freund aber hat sein Freigetränk ausgetrunken und möchte gehen. Pastor Marcus hofft, dass sie wiederkommen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin