Floating im Selbstversuch

Plötzlich sind da Pferde bei schlechtem Wetter

Von Kais Harrabi
 - 13:41

Offenbar beschäftigen Pferde mein Unterbewusstsein sehr stark. Das ist die Erkenntnis meines Floating-Selbstversuchs nach einer Stunde im Salzwasserbad. Aber der Reihe nach: Ich bin im „Beyond Rest“. Das klingt nach Bestattungsunternehmen, ist aber ein „Floating-Institut“ in Melbourne, Australien. Ich bin im Urlaub am anderen Ende der Welt und will noch weiter weg schweben. Deshalb also Floating, totaler Reizentzug, totale Entspannung.

Das mit dem Reizentzug fängt schon beim Reinkommen an: Aus den Lautsprechern dudelt einlullende New Age Musik und die Einrichtung ist das visuelle Äquivalent dazu. Alles ist in unaufdringlichem weißblaugrau gehalten. Eine nette Angestellte, blond und in weißem T-Shirt gibt uns eine Einweisung. Vor allem betont sie, dass wir keine Angst haben müssten und dass Floaten am besten klappe, wenn man keine Erwartungen habe. Das ist wesentlich leichter gesagt, als getan, denn allein die Website verspricht vollmundig, dass eine Stunde im Tank wie ein Mini-Urlaub ist. Angeblich soll man sein wahres Selbst erfahren können. Das will ich auch!

Aber viel Gelegenheit, über die Erwartungen nachzudenken habe ich gar nicht. Die Frau führt uns in einen der Räume, in denen so ein Floating Tank steht. Er sieht aus wie eine Hyperschlafkabine aus einem Science-Fiction Film. Weiß, wie eine große Muschel. Die nette Angestellte zeigt mir und meiner Begleitung alles, was wir wissen müssen: Wie die Klappe aufgeht und wo der Notfallschalter ist. Dann weist sie darauf hin, dass wir bitte nicht verkrampft im Wasser liegen sollen. Das gebe sonst Rückenschmerzen. Nach den Vorbereitungen (also duschen und Ohrenstöpsel in die Ohren, damit es nicht zu Salzablagerungen am Trommelfell kommt) lege ich mich in den doppelbettgroßen Tank, der mit einer starken Salzlösung gefüllt ist. Die sorgt dafür, dass ich im Wasser nicht untergehen kann, sondern oben bleibe, wie im Toten Meer. Dann wird der Deckel zugemacht und ich schwebe im Dunkeln. Ich höre und sehe wirklich absolut gar nichts. Das Licht im Tank ist anfangs noch an, dazu läuft wieder New Age Musik. So soll ich easy rübergleiten, in den Trancezustand. Nach ein paar Minuten geht das Licht und die Musik aus.

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Aber so easy ist das mit dem Rübergleiten nicht. „Wie lange liege ich hier schon drin?“, „Wann geht das Licht aus?“, „Geht das Licht überhaupt aus?“, „Vielleicht ist der Tank kaputt?“ sind nur die Spitze des Gedankeneisbergs. Es ist ein bisschen, wie einschlafen wollen, aber nicht können, weil man ständig daran denkt, welche Rechnungen man morgen noch bezahlen muss, und dass man den 14-Uhr-Termin eine halbe Stunde verschieben möchte. Musik und Licht faden aus, ein Teil der Gedanken und Fragen sind abgearbeitet. Nach ein paar Minuten habe ich im dunklen Tank schon keine Orientierung mehr. Der Versuch, sich etwas weiter Rechts zu positionieren, endet damit, dass ich das Gefühl habe, immer weiter in diese Richtung zu treiben. Die Wand scheint weg zu sein, der Raum unendlich.

Wissenschaftlich nennt sich das, was ich hier mache „Floatation REST“. Der Neurophysiologe John C. Lilly hat die Tanks in den Fünfzigerjahren des letztens Jahrhunderts entwickelt. Er wollte herausfinden, was mit dem Gehirn passiert, wenn man komplett alle Umweltreize abschaltet. Bis zu seiner Forschung ging man davon aus, dass komplette Reizdeprivation zu Psychosen und Geisteskrankheit führt. Lilly baute den ersten Tank und führte Selbstversuche durch. Sein Ergebnis: In dieser reizarmen Umgebung entspannen sich nicht nur die Muskeln, sondern auch das Gehirn. Es rutscht in einen trance-ähnlichen Zustand, bei dem auf dem EEG Theta-Wellen zu sehen sind. Theta-Wellen treten vor allem in Traumphasen und im hypnagogischen Zustand auf, also beim Hinübergleiten in den Schlaf.

John Lennon und Yoko Ono waren Fans

Das erklärt dann auch die Bilder, die ich nach einer Weile im Tank sehe: Erst Farbexplosionen, wie Tinte unter Wasser. Dann Pferde, in einer Reihe aufgestellt, auf einer saftigen, grünen Wiese bei schlechtem Wetter mit einem weißen Leinentuch vor dem Gesicht. Als ob sie bereit für die Schlacht wären. Warum jetzt ausgerechnet Pferde bei schlechtem Wetter, ist wahrscheinlich eine Sache für den Psychoanalytiker. Vorher kannte ich so etwas nur, wenn ich vor dem Fernseher eingeschlafen bin und den Ton in einen sehr realistischen Traum eingebaut habe.

Wahrscheinlich ist es genau dieser Zustand, der auch die Hippies beeindruckt hat: Sie tauften die Tanks „Samadhi-Tanks“. Das Wort Samadhi, aus dem Sanskrit, soll ein tiefer Bewusstseins-Zustand sein, in dem das Denken komplett aufhört und den man durch Meditation erreichen kann. Sie kamen in den Siebzigern auf den Geschmack. John Lennon und Yoko Ono sollen große Floating-Fans gewesen sein, erzählt man sich. LSD-Papst Timothy Leary hatte einen im Vorgarten stehen, ein Geschenk von John C. Lilly persönlich. In Deutschland kann man sich seit Anfang der Achtziger in die Tanks legen.

Hierzulande unterscheidet sich die Prozedur nicht wirklich von Australien. Nur eine Belehrung muss man vor dem Floaten unterschreiben: Keine offenen Wunden, keine Magen-Darm-Krankheiten und kein Fußpilz. Verständlich, denn um die Hygiene in den Floating-Tanks stand es lange Zeit nicht gut bestellt. 1984 schrieb Der Spiegel noch, dass das „Planschen im Psycho-Tank“ eine brandgefährliche Aktion sein kann, bei der man sich unter anderem Hautausschlag holen könne. Grenzwerte für Bakterienbelastung wurden überschritten. Mittlerweile gibt es eine Richtlinie der deutschen Gesellschaft für Bäderwesen und eine DIN-Norm zur Wasseraufbereitung. Hygiene steht jetzt an oberster Stelle.

Floating ist eine ernsthafte Angelegenheit geworden

In zahlreichen Studien wird die medizinische Wirksamkeit beschrieben: Sei es beim Stress-Management, bei chronischen Schmerzen, bei Migräne bis hin zum Burn-Out. Selbst Bluthochdruck soll man mit Floating in den Griff bekommen. Da fragt man sich natürlich, wie es die Krankenkassen mit den Tanks halten. Die Techniker Krankenkasse schreibt zum Beispiel auf Anfrage, dass bisher keine Diagnose bekannt ist, bei der Floating zu den empfohlenen Therapieoptionen gehört. „Denkbar ist, dass eventuell einzelne Einrichtungen Floating im stationären Bereich einsetzen - zum Beispiel in der Vorsorgereha“, schreibt mir eine Sprecherin. Auch beim gemeinsamen Bundesausschuss, der die Leistungen der Krankenkassen festlegt, gebe es keine Beratungen zum Thema. Beim Deutschen Floatingverband (den ich mir nicht im Tank ausgedacht habe, ihn gibt es wirklich) sucht man noch nach Anknüpfungspunkten zu Krankenkassen und betreibt Lobbyarbeit bei den Ärzten. Floating soll nicht nur Wellness sein, sondern auch medizinisch anerkannt werden.

Zum Glück ahnt man in der Dunkelheit des Tanks von all dem nichts, sondern kann sich einfach in diesen viel beschworenen Zustand der Tiefenentspannung begeben. Nach einer Stunde setzt die Musik wieder ein, das Licht geht an und ich werde sanft an die Ufer der Realität angeschwemmt. Ich fühle mich, als hätte ich sehr gut und tief geschlafen und einen schrägen Traum mit Pferden gehabt. Alles sehr angenehm. Bei „Beyond Rest“ in Melbourne kann man die Erfahrung dann noch bei einem Kräutertee verarbeiten.

Immerhin, das Pärchen, das sich neben mir auf die bequemen Kissen fläzt, wirkt weniger angetan von der „Experience“. Der Mann – geschätzt Mitte 30 – erzählt, dass sein erstes Mal überhaupt nichts gebracht habe. Die Gedanken hätten sich einfach nicht abschalten lassen und nach ein paar Minuten habe er angefangen, sich zu langweilen. Seine Freundin hingegen fand es toll. Zum Glück habe man ja noch zwei Sitzungen gebucht. Vielleicht wird das ja auch bei ihm noch was mit der Tiefenentspannung, sagt sie­­­­.

Quelle: FAZ.NET
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