Geschlechterdiskriminierung

Rosa ist eine teure Farbe

Von Aziza Kasumov
 - 20:01

Da sitze ich also, zarte 14 Jahre alt, an einem düsteren Donnerstagabend (so kommt es mir zumindest heute vor), und bleibe mit der Fernbedienung auf ProSieben hängen. Ich lehne mich zurück, bis ich im Sofa versinke, und bewundere Heidis Mädels, wie sie mit unendlich langen Beinen über den unendlich langen Laufsteg schweben, in Kleidern, die von einem anderen Planeten zu kommen scheinen als meine H&M-Garderobe.

Werbepause. „Venus“ von der Band Shocking Blue ertönt, und Topmodel-Kandidatin Alisar (die spätere Gewinnerin) sitzt in einem Ferienresort, mit Beinen so glatt, „dass man sie berühren muss“. Ich lerne: Mit Gillette Venus Embrace hat Alisar ihre innere Göttin entdeckt.

Ich bin mitten in der Pubertät und möchte natürlich auch meine innere Göttin entdecken. Also tigere ich am nächsten Tag los zu Real. Ich stehe vor dem Rasiererregal und suche nach dem Gillette Venus Embrace. Er kostet um die 15 Euro. Kurz halte ich inne. Egal! Ich denke an Alisars Beine und greife zu.

Heute bin ich 22 Jahre alt, und die Rasierer von Gillette Venus sind ein fester Bestandteil meines Lebens. Alle paar Monate, wenn ich die Klinge in einer Mischung aus Geiz und Faulheit wieder zu lange benutzt habe, pilgere ich zum Drogeriemarkt, kaufe vier Gillette-Venus-Ersatzklingen, zahle brav meine mehr oder weniger zehn Euro und lege noch ein paar weitere Sachen mit aufs Band, damit ich mir nicht so dämlich vorkomme, weil ich gerade einen Stundenlohn für glatte Beine ausgegeben habe.

Was es kostet, eine Frau zu sein

Preisunterschiede zwischen Schönheitsprodukten für Männer und Frauen? Der Gender Pay Gap ist ja allseits bekannt: In der Europäischen Union verdienten Frauen 2014 pro Stunde 16 Prozent weniger als Männer. Müssen Frauen, die weniger verdienen, also für bestimmte Produkte auch noch mehr zahlen?

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat im Herbst eine Studie veröffentlicht, die Preisdifferenzierungen nach Geschlecht für Produkte und Dienstleistungen untersucht hat. Die gute Nachricht zuerst: Bei vergleichbaren Produkten zahlen Frauen in Deutschland selten mehr. Doch es gibt einige Ausnahmen, zum Beispiel so manche Rasierermarke. Bei Aldi kostet die Vier-Klingen-Packung für Frauen 15 Prozent mehr als die für Männer ‒ das macht eine Preisdifferenz von 50 Cent pro Klinge. Einziger Unterschied zwischen den Rasierern: Farbe und Verpackung.

Frappierend sind die Unterschiede vor allem bei Dienstleistungen. Frauen zahlen für einen vergleichbaren Kurzhaarschnitt 12,50 Euro mehr als Männer, erfahre ich aus der Studie. In der Reinigung wird pauschal für die Damenbluse im Durchschnitt 1,80 Euro mehr berechnet, unabhängig von der Verarbeitung oder dem Stoff. Und dann sind da noch die Produkte, die sich nur schwer vergleichen lassen: Hautcremes, Shampoos, Parfums. Auch hier scheinen die Preise im Damenregal höher angelegt zu sein. Doch weil die Rezeptur anders ist, lässt sich den Herstellern nichts vorwerfen.

Ich rufe Iris an der Heiden vom IF! Institut für sozioökonomische Forschung an. Sie hat die Studie gemeinsam mit Maria Wersig, Jura-Professorin an der Fachhochschule Dortmund, im Auftrag des Bundes ausgeführt. Warum also? „Die Begründung lautet, dass die Arbeit an der Frau ja aufwendiger ist, weil sie eine Frau ist“, sagt an der Heiden. Das sei geschlechterstereotypisch, also „natürlich falsch“, aber schwer aufzubrechen.

Dabei ist das gesetzwidrig. Maria Wersig verweist auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, umgangssprachlich Antidiskriminierungsgesetz. Darin steht, dass niemand bei Massengeschäften, wenn also Leistungen oder Produkte, Rasierklingen oder Friseurschnitte, am Markt angeboten werden, diskriminiert werden darf, weder nach Herkunft, Religion oder Geschlecht. Das gilt sowohl für unmittelbare als auch für mittelbare Diskriminierung, wenn also entweder auf dem rosafarbenen Produkt explizit „für Frauen“ steht, oder wenn durch farbliche Kennzeichnung und abgebildete Frauenbeine suggeriert wird, dass es sich um ein Frauenprodukt handelt. Bietet die Firma das gleiche Produkt, wenn auch in anderer Farbe, für Männer an, muss der Preis derselbe sein.

Wegen 30 Cent klagt man eben nicht

Warum klagt dann niemand? Dazu sagt Iris an der Heiden: Wegen 30 Cent klagt man eben nicht. Was sonst wäre zu tun, damit Frauen von ihren 16 Prozent weniger Lohn nicht beim nächsten Einkaufsbummel oder Friseurbesuch auch noch mehr Geld an der Theke liegen lassen als Männer? Christine Lüders, die ehemalige Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, berichtet, dass sie mit den Friseur-Innungen in Deutschland ins Gespräch kommen wolle, um eine Lösung nach dem Vorbild Österreich auszuarbeiten. Dort haben die Innungen gemeinsam mit der Gleichbehandlungsanwaltschaft geschlechtsneutrale Musterpreislisten erarbeitet, die zwar nicht zwingend sind, an die sich aber viele halten. Männer ließen sich heute schließlich auch Strähnen machen, sagt Christine Lüders, deshalb solle man entsprechend nach Aufwand und nicht nach Geschlecht zahlen. „Wenn wir darüber sprechen, ist ein Umdenken möglich.“

Bis dahin empfiehlt die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte den Frauen, Friseure direkt darauf anzusprechen, wenn ihnen der Schnitt pauschal teurer berechnet wird. Dasselbe gilt für die Reinigung. Die Nachfrage bestimme das Angebot, sagt auch Christine Whelan, Professorin für Konsumverhalten an der Universität Wisconsin-Madison im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin: Frauen sollten ihren Protest mit dem Scheckbuch ausdrücken. Zuvor, sagt Whelan, brauche es allerdings eine Bildungskampagne, die Frauen beibringe: Nur weil wir Frauen sind, müssen wir nicht das pinkfarbene Ding kaufen. Bei ihrer Tochter fängt Whelan damit an: Im Supermarkt habe sie der Kleinen gezeigt, dass der rosafarbene Fahrradhelm zwei Dollar mehr kostet als der blaue. Gekauft haben sie den blauen, zu Hause haben sie ihn mit Aufklebern versehen.

Ich gehe also wieder los zum Testkauf, dieses Mal zu Target, der amerikanischen Drogeriekette, Filiale Downtown Los Angeles, wo ich seit fast vier Jahren lebe. Wie praktisch, dass hier die Frauenrasierer nicht direkt neben denen der Männer hängen, sondern gegenüber. So merkt vielleicht keiner, dass die Preisunterschiede in Amerika gravierend sind. Dabei verdienen Frauen hier so viel weniger, dass sie, aufs Jahr umgerechnet, im Vergleich zum Durchschnittsgehalt von Männern bis zum 10. April umsonst arbeiten.

Im Dezember 2015 hat die Stadt New York eine Studie zu Preisdifferenzierungen nach Geschlecht herausgegeben, vom Kinderfahrrad, über Windeln für Erwachsene bis zum T-Shirt von Abercrombie & Fitch. Obwohl darin teilweise nur schlecht vergleichbare Produkte gegenübergestellt wurden und die Ergebnisse daher mit Vorsicht zu genießen sind, schlug die Studie Wellen. Kinderspielzeug war demnach im Durchschnitt sieben Prozent teurer für Mädchen, Kinderbekleidung vier Prozent. Erwachsenenbekleidung werde um acht Prozent, Pflegeprodukte um acht Prozent und Kosmetikartikel um ganze 13 Prozent teurer an Frauen verkauft.

Bei Rasierern beginnt die Geschlechterdiskriminierung

In Kalifornien gibt es seit 1995 ein Gesetz, das Preisdifferenzierung nach Geschlecht bei Dienstleistungen verbietet ‒ ein Teil des deutschen Antidiskriminierungsgesetzes gilt also sozusagen auch hier. Preislisten, die nach Männerhaarschnitt und Frauenhaarschnitt aufgeteilt sind, sind verboten. Beim Verkauf von Rasierern ist geschlechterspezifische Diskriminierung allerdings erlaubt.

Im Juni 2016 wollte Ben Hueso, Demokrat aus San Diego und Abgeordneter im kalifornischen Senat, das Gesetz auf Produkte erweitern. Am Rednerpult des Senats wedelte er mit einem blauen und einem pinkfarbenen Rasierer derselben Marke durch die Luft und rief, dass ein Zwölferpack der Rasierer im selben Supermarkt für Frauen fünf Dollar mehr koste. „Wir wissen, dass Frauen bereits über ein geringeres Einkommen verfügen. Warum berechnen wir ihnen darüber hinaus mehr für essentielle Produkte, die sie in ihrem täglichen Leben brauchen?“

Der Gesetzvorschlag wurde abgelehnt ‒ zu groß der Gegenwind, zu angreifbar würde das die Hersteller für Klagen machen. Im liberalen Kalifornien weigert man sich also, Geschlechterdiskriminierung bei Produktpreisen zu verbieten.

Ungeliebte Billigrasierer

Ich entdecke die Gillette-Venus-Rasierer im Frauenregal bei Target und denke an Heidi Klum. Das hier ist Amerika, und wer will, kann für den neuen Gillette Venus, genannt Swirl, 14 Dollar hinlegen, um dann ein paar Wochen später für knapp 30 Dollar sechs Ersatzklingen zu kaufen. Bei den Männern kostet die Zwölf-Monats-Vorratspackung für den Gillette Fusion 43,49 Dollar, Rasierer und zwölf Klingen inbegriffen. Mein Blick wandert weiter zu den Billigrasierern, die lieblos in Gitterkisten im untersten Regalfach liegen. Bei den Frauen ist die preiswerteste Variante von BIC, 14 Rasierer für 5,99 Dollar, Silk Touch, versteht sich, die Packung ist pink, die Plastikgestelle kommen in sanften Pastelltönen daher. Macht 43 Cent pro Rasierer. Bei den Herren ist die billigste Variante von Up & Up, die Rasierer sind blau und kosten nur 32 Cent pro Stück. Ich kaufe ein Zwölferpack Herrenrasierer für 3,79 Dollar und fühle mich clever.

Zu Hause rasiere ich mir die Beine mit meinem blauen Rasierer, und meine Haut fühlt sich danach genauso sanft an, wie ich mir die Haut von Alisar vorstelle. Meine innere Göttin, entzaubert durch ein paar Billigrasierer aus der Herrenabteilung! Nur unter den Achseln und in den Kniekehlen erweist sich der Herrenrasierer als sperrig. Es geht ums Prinzip, denke ich, und schneide die Zweifel ab wie widerborstige Härchen.

Eine Frau befreit sich von der „pink tax“

Auch Georgina Gooley hat jahrelang die blauen Männerrasierer gekauft, um dem Marketingpersonal der Rasiererhersteller ein Schnippchen zu schlagen, um mit dem Scheckbuch zu protestieren, um sich von der sogenannten „pink tax“, der rosa Steuer, zu befreien. Dann begriff sie eines Tages, wie absurd es ist, dass Frauen für die Produkte einer Industrie, in der sie nur der Schlussgedanke sind, entweder mehr zahlen sollen oder auf Herrenprodukte zurückgreifen müssen. Warum können Rasierer nicht für Frauen gemacht sein und sich dennoch mit einem gerechten Preisschild schmücken? Gooley beschloss, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen – und gründete Billie.

Billie verkauft Rasierer, speziell für Frauen entwickelt. Der Griff ist an die Art angepasst, wie Frauen ihre Rasierer halten, und in den Farben Korallenrot, Pfirsich, und Hellblau erhältlich. Neun Dollar kostet das „Starter Pack“, mit Griff und zwei Ersatzklingen. Das Päckchen wird an die Haustür geliefert, ohne Extra-Gebühr, und alle drei Monate kommt Nachschub. Mit mir möchte Gooley nicht reden ‒ Billie verkauft nicht nach Deutschland, hier hört der gute Wille also auf.

Ich bestelle trotzdem. Mir klingen die Worte von Iris an der Heiden im Ohr, die gesagt hat: „Ich möchte gerne die Eltern sehen, die aus Preisgründen ihren Sohn mit einem pinkfarbenen Schulranzen in die Schule schicken.“ Das „Blaue-Rasierer- Argument“ sei für sie hinfällig.

Warum also müssen Frauen auf Herrenrasierer zurückgreifen, für ihre Weiblichkeit draufzahlen, beim Friseur mehr Geld lassen? Weil wir aufwendiger sind und länger brauchen als Männer? Oder weil Firmen aus einem gesellschaftlichen Schönheitsdruck Profit schlagen?

Wir brauchen das ja nicht!

Wir zahlen 19 Prozent Steuer auf Tampons, und wir arbeiten selbst in Deutschland bis zum 18. März für umsonst. Wir zahlen mehr für die Kinderscooter unserer Töchter, weil sie rosa sind. Wir zahlen dreistellige Beträge für Verhütungsmittel und müssen uns dann anhören, dass eine Kondompackung für 20 Euro ja diese Ausgaben ausgleicht. Nein, wir müssen eigentlich kein Geld für Make-up ausgeben – werden dann aber gefragt, ob wir krank sind, weil wir so blass aussehen.

Wir brauchen das ja eigentlich nicht! Sind wir, wenn wir uns trotzdem darüber beschweren, einfach nur bedauerliche Wesen, die, wie mancher sagt, „weder erfolgreich noch erfolgreich verheiratet“ sind, sondern mit 45 Juniorersatzprofessorinnen für Sozialwissenschaften werden?

Meine Rasierer von Billie sind da. Ich packe sie aus, stecke die Klinge auf den Griff und rasiere mir die Beine. Mein hellblauer Rasierer ist kein revolutionäres Gerät, er hat fünf Klingen pro Rasierkopf, umrandet von einem Feuchtigkeitsband ‒ so wie mein Gillette Venus Embrace, für den ich als Vierzehnjährige 15 Euro ausgegeben habe. Jetzt zahle ich umgerechnet knapp 7,50 Euro. Keine „rosa Steuer“! Das nenne ich einen fairen Deal.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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